Der sowjetische Pädagoge Wassili Suchomlinski

Suchomlinski

Wassili Alexandrowitsch Suchomlinski (1918-1970)

Am 2. September 1970 verstarb der große sowjetische Pädagoge Wassili Alexandrowitsch Suchomlinski. Über 35 Jahre war er als Lehrer und Direktor an der Oberschule in Pawlysch (bei Krementschuk) tätig. Er ist Autor von 30 Büchern und über 500 Artikeln. Sein Buch „Mein Herz gehört den Kindern“ ist eines der schönsten und ausdrucksstärksten der sowjetischen Pädagogik. Suchomlinski war Kommunist. Sein Leben widmete er der Erziehung der Jugend. Dabei unterschied sich das sozialistische Volksbildungswesen ganz grundsätzlich vom reaktionären bürgerlichen Schulsystem in der BRD. Um zu verstehen, mit welcher Liebe ein sowjetischer Lehrer die Kinder zu gebildeten sozialistischen Persönlichkeiten erzog, muß man die Geschichte kennen.

Ein Wunsch vorab

Ich möchte, daß mein Buch auch die deutschen Pädagogen dazu veranlaßt, erneut über ihre große Verantwortung gegenüber der Zukunft nachzudenken. Ich wünsche sehr, jeder Lehrer möge begreifen, daß es in hohem Maße von ihm abhängt, was für Menschen seine Schüler werden, welche moralischen Werte für ihr Handeln bestimmend sind. Damit die deutschen Leser verstehen, weshalb ich diesen Wunsch äußere, will ich erzählen, was meine Liebe zu den Kindern und meinen Haß gegenüber dem Faschismus beflügelt.

Ein Blick zurück in die Vergangenheit

onufrijewka

Kleiner See bei Onufrijewka

Ich begann meine pädagogische Tätigkeit im Jahre 1935. 1941 beendete meine Frau, Vera Petrowna, ihr Studium am Pädagogischen Institut in Krementschug. Wir wollten in der Schule von Onufrijewka, an der ich bereits tätig war, gemeinsam arbeiten. Wir waren jung und voller Hoffnung auf die Zukunft. Der Krieg zerstörte diese Hoffnung. In den ersten Kriegstagen ging ich an die Front. Niemand konnte damals annehmen, daß die Faschisten in fünf Wochen das Ufer des Dnepr erreichen würden. Ich glaubte, daß ich in Kürze siegreich nach Hause zurückkehren würde. Als wir Abschied voneinander nahmen, träumten wir davon, einen Sohn oder eine Tochter zu haben. Aber der Kriegsbrand nahm andere Ausmaße an, als wir es uns vorgestellt hätten. Ich bekam nicht einen einzigen Brief von zu Hause.

Wie die deutschen Faschisten in der Sowjetunion wüteten

Das Dorf, in dem meine Frau bei ihren Eltern wohnte, war von den Faschisten besetzt worden. Meine Frau verteilte mit zwei Freundinnen Flugblätter, die unsere Flieger abgeworfen hatten, verbarg sowjetische Soldaten, die aus der Gefangenschaft geflohen waren, versteckte Waffen und gab sie den Soldaten, die sich über den Dnepr zu den sowjetischen Truppen durchschlagen wollten. Sie wurde von der Gestapo verhaftet. Mehrere Tage wurde sie gefoltert; sie sollte die Namen der Führer der antifaschistischen Organisation verraten. Doch Vera und ihre Freundinnen schwiegen.

Es gibt kein Vergessen!

Im Folterkeller brachte Vera unseren Sohn zur Welt. Heuchlerisch versprachen die Faschisten, ihr das Leben zu schenken. Doch sie begingen ein schreckliches Verbrechen. Fünfundzwanzig Jahre brennt und blutet nun schon mein Herz, wenn ich mir vorstelle, was damals in dem faschistischen Folterkeller geschah: Unseren kleinen, erst ein paar Tage alten Sohn fesselte der faschistische Offizier an ein Tischbein. Vera banden die Folterknechte auf einem eisernen Bettgestell fest, beschimpften und verhöhnten sie. Danach band der faschistische Offizier unseren Jungen los, trug ihn zu meiner Frau und sagte: „Wenn du nicht die Führer der Organisation nennst, töten wir dein Kind.“ Sie ermordeten den Jungen. Vera stachen sie die Augen aus. Noch zwei Tage lang quälten und verhöhnten die Hitlerfaschisten die schon Halbtote. Dann hängten sie sie im Gefängnishof auf.

Die Mörder kamen ungeschoren davon

Das geschah gerade zu der Zeit, als ich an der Front bei Rshew schwer verwundet wurde. Ich hatte einen Brustdurchschuß und Verwundungen durch Splitter, von denen einige noch heute in einem Lungenflügel stecken. Als das Gebiet von Onufrijewka von den Faschisten befreit wurde und ich nach Hause kam, erfuhr ich von dieser entsetzlichen Tragödie. Im Prozeß gegen einen Verräter, der für die faschistische Polizei gearbeitet, den Folterungen beigewohnt und an ihnen teilgenommen hatte, hörte ich dessen Aussagen an. Er wurde später, nach dem Gerichtsurteil, vor meinen Augen aufgehängt. Doch der faschistische Offizier entzog sich der Vergeltung. In meinem Gedächtnis ist sein Name für immer eingebrannt. In meiner Tasche liegt in einem kleinen weißen Umschlag seine Photographie, sie erinnert mich in jeder Minute daran, daß es auf der Welt den Faschismus gibt. Niemals wird in meinem Bewußtsein das Bild des furchtbaren Verbrechens verblassen, das dieses Gestapo-Untier beging.

Unendlicher Schmerz…

pawlytsch

Die Schule in Pawlysch, wo Suchomlinski unterrichtete

Nach meiner Rückkehr ins Heimatdorf wollte ich sofort wieder an die Front. Ich wollte der Gestapobestie von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten. Ich wollte zu verstehen versuchen, wie es geschehen konnte, daß Mütter solche Untiere gebären können. Doch ich konnte nicht mehr in die Armee zurückkehren. Keine Ärztekommission stellte mir auch nur das Zeugnis „bedingt tauglich“ aus.

So ging ich wieder in die Schule zurück. Arbeiten, arbeiten und nochmals arbeiten – darin fand ich wenigstens in einem gewissen Grade Linderung für meinen Schmerz. Ganze Tage lang war ich mit den Kindern zusammen. Nachts wachte ich um 2 oder 3 Uhr auf, konnte nicht mehr einschlafen und arbeiten. Ich wartete voller Ungeduld auf den Morgen, wenn die hellen Kinderstimmen erklingen würden. Und auch jetzt warte ich jeden Morgen auf die Kinder. (…)

In der sozialistischen DDR

Ich war mehrmals in der DDR. (…) Ich leugne nicht, es war schwer für mich. Aber nachdem ich einige Wochen in der DDR verbracht, das Leben einfacher Werktätiger gesehen und mit Herz und Verstand deutsche Kinder kennengelernt hatte, atmete ich erleichtert auf. Die DDR ist eine neue Welt, eine Welt des Sozialismus, eine Welt der unversöhnlichen Feindschaft gegenüber dem Faschismus in allen seinen Erscheinungsformen. Ich bin froh, in der DDR viele Freunde – Pädagogen, Wissenschaftler und Kinder – zu haben. (…)
Zitat Suchomlinski
Liebe deutsche Freunde und Berufskollegen, wenn wir unsere Kinder zur Menschlichkeit erziehen, ihr Mitgefühl für den anderen Menschen und ihre Achtung vor der Menschenwürde wecken und entwickeln, dürfen wir nicht eine Minute lang vergessen, daß auch die faschistischen Mörder, daß auch diese Untiere, die seinerzeit verkündeten, sie seien Übermenschen, einmal Kinder waren, sich der Sonne erfreuten und später ihren Müttern und Bräuten herzliche Briefe schrieben.

Auch der sadistische Mörder, der das Kinderköpfchen an der Wand zerschmetterte, strich sicher manchmal seinem Sohn und seiner Tochter liebkosend über das Haar. Die Photographie, von der ich mich niemals trenne, zeigt ihn mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern.

Ich möchte gern erreichen, daß du, lieber deutscher Freund und Kollege, über den Inhalt der Seiten meines Buches nachdenkst, das ich der Erziehung meiner Schüler zu edler menschlicher Gesinnung gewidmet habe. Ich sage dir diese Worte voller innerster Aufrichtigkeit als dein Freund, der dir, deinen Kindern und Enkeln von Herzen alles Gute wünscht, als ein Freund, der, wenn es erforderlich sein sollte, die sozialistischen Errungenschaften der deutschen Arbeiterklasse Seite an Seite mit dir verteidigen wird wie sein eigenes Haus. Denn wir leben für eine gemeinsame Sache, für den Sozialismus, den Kommunismus, für den proletarischen Internationalismus.
Suchomlinski mi Kindern

„Wir lesen ein interessantes Buch“ – Der Lehrer W.Suchomlinski mit Kindern

N.K. Krupskaja berichtet in ihren Erinnerungen, daß Lenin denjenigen für einen wahrhaften Menschen hielt, der die Menschen liebt. Was bedeutet es in unserer komplizierten, schweren Zeit, die Menschen zu lieben?

Wir Pädagogen müssen jeden unserer Zöglinge für das hohe moralische Ideal begeistern: Ein wahrhafter Mensch ist, wer für das Glück der Menschen kämpft, wer weder seine Kräfte noch, wenn es nötig ist, sein Leben schont, um Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, soziale Ungerechtigkeit und Willkür für immer von unserem Planeten zu verbannen.

Quelle:
Wassili Suchomlinski, Mein Herz gehört den Kindern, Aufzeichnungen eines Erziehers, Verlag Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin (DDR), 1986.

Buch Suchomlinski

Siehe auch:
Lunatscharski: Im Kampf gegen die Unbildung
Bildung im russischen Kapitalismus
Margot Honecker – Und der Zukunft zugewandt…
Die Volksbildung in der DDR
Welches ist das beste Bildungssystem der Welt?

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