J.W.Stalin: Über die Schwierigkeiten der Perspektive

Offenbar haben angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten (wie das Beispiel Griechenland zeigt) einige der „linken“ Sozialreformer kalte Füße bekommen. Die in der Liquidierung eines Staatswesens erfahrenen BRD-Manager fordern für Griechenland bessere „Investitionsbedingungen“ und schlagen gleichzeitig vor, eine Institution nach dem Vorbild der „Treuhand“ in diesem Land zu errichten. Die Folgen eines solchen Ansinnens sind bekannt. Was gibt es heute überhaupt noch für gesellschaftliche Perspektiven? Stalin bezeichnet diese Frage als eine der wichtigsten Fragen überhaupt. Die Kommunisten haben die richtige Antwort darauf… 

10 Fragen – und 10 Antworten

Die eigentliche Schwierigkeit besteht darin, die Lage und die Kräfteverhältnisse richtig einzuschätzen, die richtige Strategie und Taktik für die gegebene Etappe zu finden und den Zeitpunkt des Handelns nicht zu verpassen. Vieles spielt sich heute in virtuellen Räumen ab, und da ist es nicht immer leicht, „Erfindungen“ oder Fälschungen von der objektiven Realität zu unterscheiden. Man muß die Klassenpositionen des Proletariats festigen, und dazu bedarf es einer marxistisch-leninistischen Partei. Spontane Einzelaktionen sind da wenig hilfreich, ja sie schaden eher der kommunistischen Bewegung, als daß sie ihr nützen. Und Vertrauen gewinnt am Ende nur der, der eine klare Perspektive hat. Da gibt es eine ganze Reihe von Fragen, zu denen auch Stalin sich schon kritisch äußerte (hier in gekürzter Form zusammengestellt):

1. Ist ein politischer Generalstreik eigentlich sinnvoll?

Die Methode des politischen Generalstreiks sei für das Proletariat unannehmbar, denn sie sei theoretisch unhaltbar (siehe die Kritik von Engels), praktisch gefährlich (sie könne den normalen Gang des Wirtschaftslebens des Landes zerrütten und auf die Gewerkschaftskassen verheerend wirken), und könne nicht die parlamentarischen Kampfformen ersetzen, die die Hauptform des Klassenkampfs des Proletariats seien. Schön, antworten die Leninisten, aber erstens kritisierte Engels nicht jeden Generalstreik, sondern nur eine bestimmte Art des Generalstreiks, und zwar den ökonomischen Generalstreik der Anarchisten, den die Anarchisten als Ersatz für den politischen Kampf des Proletariats vorschlugen – was hat das mit der Methode des politischen Generalstreiks zu tun? Zweitens, wo und von wem wurde bewiesen, daß die parlamentarische Form des Kampfes die Hauptform des Kampfes des Proletariats ist? Zeigt nicht die Geschichte der revolutionären Bewegung, daß der parlamentarische Kampf nur Schule und Hilfsmittel für die Organisierung des außerparlamentarischen Kampfes des Proletariats ist, daß die Grundfragen der Arbeiterbewegung unter dem Kapitalismus durch die Gewalt, durch den unmittelbaren Kampf der proletarischen Massen, durch ihren Generalstreik, ihren Aufstand entschieden werden? Drittens, wie kommt man auf die Frage einer Ersetzung des parlamentarischen Kampfes durch die Methode des politischen Generalstreiks? Wo und wann haben die Anhänger des politischen Generalstreiks versucht, die parlamentarischen Kampfformen durch außerparlamentarische Kampfformen zu ersetzen? Viertens, hat etwa die Revolution in Rußland nicht gezeigt, daß der politische Generalstreik eine gewaltige Schule der proletarischen Revolution und ein unersetzliches Mittel zur Mobilisierung und Organisierung der breitesten Massen des Proletariats am Vorabend des Sturmes auf die Festen des Kapitalismus ist – wozu hier also die philisterhaften Klagen über die Zerrüttung des normalen Ganges des Wirtschaftslebens und über die Gewerkschaftskassen? Ist es nicht klar, daß die Praxis des revolutionären Kampf es auch dieses Dogma der Opportunisten zerschlägt? (S.75f.)

2. Wozu Theorien, kommt es denn nicht auf das Handeln an?

Manche glauben, der Leninismus sei das Primat der Praxis über die Theorie in dem Sinne, daß das Wesentliche in ihm die Umsetzung der marxistischen Grundsätze in die Tat, die „Ausführung“ dieser Grundsätze sei, was dagegen die Theorie anbelangt, so sei der Leninismus in dieser Hinsicht ziemlich unbekümmert. Es ist bekannt, daß Plechanow sich mehr als einmal über die „Unbekümmertheit“ Lenins bezüglich der Theorie und besonders der Philosophie lustig machte. Es ist auch bekannt, daß viele unter den heutigen praktisch tätigen Leninisten der Theorie nicht sehr gewogen sind, besonders angesichts der Unmasse praktischer Arbeit, die die Umstände ihnen aufzwingen. Ich muß erklären, daß diese mehr als sonderbare Meinung über Lenin und den Leninismus ganz falsch ist und in keiner Weise der Wirklichkeit entspricht, daß das Bestreben der Praktiker, sich über die Theorie hinwegzusetzen, dem ganzen Geiste des Leninismus widerspricht und große Gefahren für unsere Sache in sich birgt.

3. Können wir irgendwelche Erfahrungen verwenden?

Die Theorie ist die Erfahrung der Arbeiterbewegung aller Länder, in ihrer allgemeinen Form genommen. Natürlich wird die Theorie gegenstandslos, wenn sie nicht mit der revolutionären Praxis verknüpft wird, genauso wie die Praxis blind wird, wenn sie ihren Weg nicht durch die revolutionäre Theorie beleuchtet. Aber die Theorie kann zu einer gewaltigen Kraft der Arbeiterbewegung werden, wenn sie sich in untrennbarer Verbindung mit der revolutionären Praxis herausbildet, denn sie, und nur sie, kann der Bewegung Sicherheit, Orientierungsvermögen und Verständnis für den inneren Zusammenhang der sich rings um sie abspielenden Ereignisse verleihen, denn sie, und nur sie, kann der Praxis helfen zu erkennen, nicht nur wie und wohin sich die Klassen in der Gegenwart bewegen, sondern auch, wie und wohin sie sich in der nächsten Zukunft werden bewegen müssen. Kein anderer als Lenin prägte und wiederholte Dutzende Male den bekannten Leitsatz: „Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben.“

4. Warum hatte Lenin damals recht?

Lenin verstand besser als jeder andere die große Bedeutung der Theorie, besonders für eine Partei wie die unsrige, angesichts der ihr zugefallenen Rolle, Vorkämpfer des internationalen Proletariats zu sein, und angesichts der komplizierten inneren und internationalen Lage, in der sie sich befindet. Lenin sah diese besondere Rolle unserer Partei bereits im Jahre 1902 voraus und hielt es schon damals für notwendig, darauf hinzuweisen, daß „die Rolle des Vorkämpfers nur eine Partei erfüllen kann, die von einer fortgeschrittenen Theorie geleitet wird“. Als den prägnantesten Ausdruck der hohen Bedeutung, die Lenin der Theorie beimaß, sollte man vielleicht die Tatsache betrachten, daß kein anderer als Lenin die Lösung der überaus ernsten Aufgabe in Angriff nahm, das Wichtigste von dem, was die Wissenschaft in der Periode von Engels bis Lenin gezeitigt hatte, auf dem Gebiet der materialistischen Philosophie zu verallgemeinern und die antimaterialistischen Strömungen unter den Marxisten einer allseitigen Kritik zu unterziehen. Engels sagte vom Materialismus: „Mit jeder epochemachenden Entdeckung… muß er seine Form ändern“. Es ist bekannt, daß diese Aufgabe für seine Zeit kein anderer als Lenin in seinem vortrefflichen Buch „Materialismus und Empiriokritizismus“ gelöst hat. (S.78-80)

5. Sind spontane Aktionen gegenwärtig eigentlich sinnvoll?

Die „Theorie“ der Spontaneität ist die Theorie des Opportunismus, die Theorie der Anbetung der Spontaneität der Arbeiterbewegung, die Theorie der tatsächlichen Leugnung der führenden Rolle der Avantgarde der Arbeiterklasse, der Partei der Arbeiterklasse. Die Theorie der Anbetung der Spontaneität richtet sich entschieden gegen den revolutionären Charakter der Arbeiterbewegung, sie ist dagegen, daß die Bewegung in die Bahnen des Kampfes gegen die Grundlagen des Kapitalismus gelenkt werde, sie ist dafür, daß die Bewegung ausschließlich auf der Linie „erfüllbarer“, für den Kapitalismus „annehmbarer“ Forderungen verlaufe, sie ist ganz und gar für „die Linie des geringsten Widerstandes“. Die Theorie der Spontaneität ist die Ideologie des Trade-Unionismus.

6. Warum wird dann die Spontaneität heute oft so groß geschrieben?

Die Theorie der Anbetung der Spontaneität wendet sich entschieden dagegen, daß der spontanen Bewegung ein bewußter, planmäßiger Charakter verliehen werde, sie ist dagegen, daß die Partei der Arbeiterklasse vorangehe, daß die Partei die Massen auf das Niveau der Bewußtheit erhebe, daß die Partei die Bewegung führe, sie ist dafür, daß die bewußten Elemente der Bewegung diese nicht hindern sollen, ihren eigenen Weg zu gehen, sie ist dafür, daß die Partei lediglich auf die spontane Bewegung höre und hinter ihr einhertrotte. Die Theorie der Spontaneität ist die Theorie der Herabminderung der Rolle des bewußten Elements in der Bewegung, die Ideologie der „Nachtrabpolitik“, die logische Grundlage jeder Art von Opportunismus. (…) Durch den Kampf der alten „Iskra“ und die glänzende Kritik der Theorie der „Nachtrabpolitik“ in Lenins Schrift „Was tun?“ wurde nicht nur der sogenannte „Ökonomismus“ geschlagen, sondern es wurden auch die theoretischen Grundlagen für eine wirklich revolutionäre Bewegung der russischen Arbeiterklasse geschaffen. Ohne diesen Kampf wäre an die Schaffung einer selbständigen Arbeiterpartei in Rußland und an ihre führende Rolle in der Revolution nicht zu denken gewesen. (S.80-82)

7. Was ist die richtige Organisationsform? Sind Parteien glaubwürdig?

Die Partei ist der organisierte Trupp der Arbeiterklasse. Aber die Partei ist nicht die einzige Organisation der Arbeiterklasse. Das Proletariat hat noch eine ganze Reihe anderer Organisationen, ohne die es keinen erfolgreichen Kampf gegen das Kapital führen kann: Gewerkschaften, Genossenschaften, Betriebsorganisationen, Parlamentsfraktionen, parteilose Frauenvereinigungen, die Presse, Kultur- und Aufklärungsorganisationen, Jugendverbände, revolutionäre Kampforganisationen (zur Zeit offener revolutionärer Aktionen), Deputiertensowjets als staatliche Organisationsform (wenn sich das Proletariat an der Macht befindet) usw. In ihrer übergroßen Mehrheit sind es parteilose Organisationen, und nur ein gewisser Teil von ihnen lehnt sich direkt an die Partei an oder bildet eine Abzweigung von der Partei. Alle diese Organisationen sind unter bestimmten Verhältnissen für die Arbeiterklasse absolut notwendig, denn ohne sie ist es unmöglich, die Klassenpositionen des Proletariats in den mannigfaltigen Sphären des Kampfes zu festigen, denn ohne sie ist es unmöglich, das Proletariat zu stählen als die Kraft, die berufen ist, an die Stelle der bürgerlichen Gesellschaftsordnung die sozialistische zu setzen.

8. Wie kann eine einheitliche Leitung verwirklicht werden?

Wo ist die Garantie, daß das Vorhandensein so zahlreicher Organisationen nicht zu einem Durcheinander in der Leitung führen wird? Man könnte sagen, daß jede dieser Organisationen innerhalb ihrer abgesonderten Sphäre tätig ist und daß sie deshalb einander nicht behindern können. Das ist natürlich richtig. Aber richtig ist auch, daß alle diese Organisationen in einer Richtung tätig sein müssen, denn sie dienen einer Klasse, der Klasse der Proletarier. Es fragt sich nun: Wer bestimmt die Linie, die allgemeine Richtung, in der alle diese Organisationen ihre Arbeit ausführen sollen? Wo ist jene zentrale Organisation, die dank der notwendigen Erfahrungen nicht nur fähig ist, diese allgemeine Linie auszuarbeiten, sondern dank der hierzu ausreichenden Autorität auch die Möglichkeit hat, alle diese Organisationen zu veranlassen, diese Linie zu verwirklichen, um eine Einheitlichkeit in der Führung zu erzielen und Stockungen unmöglich zu machen? Eine solche Organisation ist die Partei des Proletariats. (S.156f.)

9. Woher nimmt man die führenden Kader?

Das zweite Dogma: Das Proletariat könne die Macht nicht behaupten, wenn es nicht über eine genügende Menge fertiger, kulturell hochstehender und in der Administration bewanderter Kader verfüge, die imstande sind, die Verwaltung des Landes zu organisieren; zuerst müsse man diese Kader unter den Verhältnissen des Kapitalismus heranbilden, und dann erst könne man die Macht übernehmen. Nehmen wir an, dem wäre so, erwidert Lenin. Aber warum sollte man die Sache nicht so bewerkstelligen können, daß zuerst die Macht übernommen wird, günstige Bedingungen für die Entwicklung des Proletariats geschaffen werden, und daß man dann mit Siebenmeilenschritten vorwärtsschreitet zur Hebung des Kulturniveaus der werktätigen Massen, zur Heranbildung zahlreicher Kader von Leitern und Administratoren aus den Reihen der Arbeiter? Hat nicht die russische Praxis gezeigt, daß die Führerkader aus den Reihen der Arbeiter unter der proletarischen Macht hundertmal schneller und gründlicher wachsen als unter der Macht des Kapitals? Ist es nicht klar, daß die Praxis des revolutionären Kampfes der Massen auch dieses theoretische Dogma der Opportunisten schonungslos zunichte macht? (S.74f.)

10. Wo wird die Kette der imperialistischen Front zuerst reißen?

Im Jahre 1917 erwies sich die Kette der imperialistischen Weltfront in Rußland als schwächer denn in anderen Ländern. Dort riß sie auch und gab der proletarischen Revolution den Weg frei. Warum? Weil sich in Rußland eine gewaltige Volksrevolution entfaltete, an deren Spitze ein revolutionäres Proletariat marschierte, das einen so ernst zu nehmenden Verbündeten hatte wie die Millionenmassen der von Gutsbesitzern unterdrückten und ausgebeuteten Bauernschaft. Weil dort der Revolution ein so widerlicher Vertreter des Imperialismus gegenüberstand wie der Zarismus, der jedes moralischen Gewichts entbehrte und sich den allgemeinen Haß der Bevölkerung zugezogen hatte. In Rußland erwies sich die Kette als schwächer, obgleich Rußland kapitalistisch weniger entwickelt war als, sagen wir, Frankreich oder Deutschland, England oder Amerika. (…) Kurzum: Die Kette der imperialistischen Front muß, als Regel, dort reißen, wo die Glieder der Kette am schwächsten sind, und keinesfalls unbedingt dort, wo der Kapitalismus am entwickeltsten ist und wo es soundso viel Prozent Proletarier, soundso viel Prozent Bauern gibt usw. (S.86-88)

Quelle:
J.W.Stalin, Über die Grundlagen des Leninismus, in: Werke Bd.6, S.62-166 (gekürzt).


Und schließlich: Wie unterscheidet man Scharlatane, die sich mit „führenden Ideen“ hervortun, von tatsächlichen kommunistischen Führern? Die Scharlatane treten immer dort in Erscheinung, wo die Lösung der Probleme am dringendsten ist, sie operieren mit ultrarevolutionären Phrasen, versprechen schnelle gesellschaftliche Veränderungen und verkünden neue Konzepte, die angeblich alles bisherige in den Schatten stellen. Scharlatane versuchen, die Geschichte neu zu interpretieren, sie zitieren seitenweise die unterschiedlichsten Theorien, und sie zeichnen sich durch eine fundamentale Unkenntnis des Marxismus-Leninismus aus. Das schließt nicht aus, daß es unter den neu in die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen einbezogenen Kräften immer einige gibt, die diesen (meist) linksradikalen Ideen zeitweilig Glauben schenken.

(siehe auch: Linksradikalismus, Dietz Verlag Berlin, 1989, S.10)

Siehe auch:
Leben in der DDR – Lebensweise und Familie
Gab es einen Sozialismus in der DDR?
Der Sozialismus war und ist lebensfähig!

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