B.M. Teplow: Die Eigenschaften des Verstandes

Teplow

Boris Michailowitsch Teplow (1896-1965)

Nicht immer ist der menschliche Verstand in der Lage, die vorliegende Situation richtig einzuschätzen, um danach auch für sich die richtigen Entscheidungen treffen zu können und richtig zu handeln. Ohne klare Prinzipien ist das so gut wie unmöglich. Im Jahre 1951 erschien in Moskau ein interessantes Lehrbuch. Darin heißt es:  „Voraussetzung für die erfolgreiche Lösung einer jeden Aufgabe ist das Vorhandensein der nötigen Kenntnisse. (…) Aber das Vorhandensein von Kenntnissen allein genügt nicht. Es ist noch das Können notwendig, diese Kenntnisse in dem Augenblick, wo es nötig ist, bereitzustellen und anzuwenden. Man kann das Kapitel über Elektrizität in einem Lehrbuch der Physik sehr gut kennen und trotzdem bei der Lösung einer Aufgabe, wie sie in unserem Beispiel gestellt ist, völlig hilflos sein. Das Vorhandensein von Kenntnissen und das Können, sie zu beherrschen, sind die notwendigen Voraussetzungen für produktive Denkarbeit und für die Entwicklung des Verstandes.“

Die Eigenschaften des Verstandes

Wenn man nach einer Entwicklung und Erziehung des Verstandes strebt, muß man seine einzelnen Eigenschaften in Betracht ziehen. Die wichtigsten von ihnen sind folgende:

1. Die Kritikfähigkeit des Verstandes, das heißt das Können, Denkarbeit genau zu beurteilen, alle Argumente für und gegen aufgestellte Hypothesen abzuwägen und diese Hypothesen einer allseitigen Kritik zu unterziehen. Ein Mensch mit unkritischem Verstand ist geneigt, die erste ihm in den Kopf gekommene Lösung einer Aufgabe als die endgültige zu betrachten. Der Gradmesser für die Kritikfähigkeit ist das Können, die eigenen Mutmaßungen als Hypothesen anzusehen, die der Prüfung bedürfen, und diejenigen von ihnen zu verwerfen, die dieser Prüfung nicht standgehalten haben. Ein weiteres Merkmal ist das Können, begonnene Handlungen aufzugeben, wenn es sich herausgestellt hat, daß sie nicht den Vorbedingungen und den Anforderungen der Aufgabe entsprechen. Ein kritischer Verstand ist ein disziplinierter, „strenger“ Verstand. Menschen mit lebhafter und reicher Einbildungskraft müssen besonders darum besorgt sein, sich zu wahrer Kritik zu erziehen. Eine reiche Einbildungskraft in Verbindung mit strengem und diszipliniertem Denken bildet die Grundlage für die schöpferische Tätigkeit. Einbildungskraft, die nicht durch kritischen Verstand diszipliniert ist, kann den Menschen zu einem Phantasten machen, der unerfüllbaren Projekten und unausführbaren Plänen lebt.

2. Die Wendigkeit des Verstandes, unter der man das Freisein des Denkens von vorgefaßten Mutmaßungen und schablonenhaften Lösungsmethoden versteht und die Fähigkeit, bei Veränderung der Lage und der Vorbedingungen für eine Aufgabe neue Lösungen zu finden. Wendigkeit des Verstandes drückt sich nicht nur im Freisein von dem versklavenden Einfluß schablonenmäßiger Methoden aus, sondern auch in dem Können, die Lösungsversuche mannigfaltig zu gestalten und fehlerhafte Versuche nicht zu wiederholen. Viele Menschen werden mit der Lösung von Aufgaben vor allen Dingen deswegen schlecht fertig, weil sie auf der Suche nach einer Lösung immer wieder zu einer Methode zurückkehren, die ihnen als erste in den Sinn kam, obwohl sie sich jedesmal davon überzeugt haben, daß diese Methode zu nichts führt. Hier tritt eine eigenartige „Trägheit“ des Denkens in Erscheinung. Der Mensch versteht nicht, sein Denkvermögen von dem Wege abzubringen, den es einmal eingeschlagen hat.

3. Die Weite des Denkens, die sich in dem Können äußert, jede Frage im ganzen zu erfassen und gleichzeitig alle für die Sache wesentlichen Einzelheiten zu behalten. Die erfolgreiche Lösung einer komplizierten Aufgabe hängt immer davon ab, inwieweit es gelingt, gleichzeitig alle Gegebenheiten dieser Aufgabe denkend zu erfassen, und, wenn man von der einen Gruppe von Gegebenheiten ausgeht, zugleich die Anforderungen, Vorbedingungen und Einschränkungen zu behalten, die aus den anderen Gegebenheiten hervorgehen. Ein beträchtlicher Teil der Schwierigkeiten und Fehler, die man beim Lösen komplizierter mathematischer Aufgaben beobachtet, wird namentlich dadurch bestimmt, daß nicht alle Gegebenheiten einer Aufgabe sofort erfaßt werden.

Weite des Denkens zeichnet die großen Staatsmänner und militärischen Führer ebenso wie die aus. Alle Personen, die in die Lage kommen, sich mit dem Genossen Stalin zu unterhalten oder seine Arbeit zu beobachten, sind über dessen außerordentliche Fähigkeit erstaunt, bei der Lösung komplizierter Fragen in die kleinsten, aber für die Sache wesentlichen Details einzudringen. „Wenn in Sitzungen irgendeine verwickelte Frage besprochen wird, hört Genosse Stalin mit intensiver Aufmerksamkeit die Meinung der einfachen Arbeiter an, die sich über die kleinsten Einzelheiten ihrer Arbeit unterhalten. Auf die Details und spezifischen Besonderheiten richtet Genosse Stalin immer besondere Aufmerksamkeit“ (Held der Sowjetunion, Jurmaschew), „Stalin stellte mir so streng fachmännische Fragen hinsichtlich der Konstruktion, daß ich häufig lange nachdenken mußte, denn ich wollte … nur wohlerwogene, präzise Auskünfte geben … Woher hat er, der doch mit wichtigen Staatsangelegenheiten beschäftigt ist, eine genaue Kenntnis vom Flugzeugbau und Flugwesen?“ [1]

4. Die Geschwindigkeit des Denkens. Die verschiedenen Arten von Tätigkeit stellen in bezug auf die Geschwindigkeit bei der Lösung von geistigen Aufgaben verschiedene Anforderungen. Es genügt, in dieser Hinsicht die Arbeit des Gelehrten und des Feldherrn zu vergleichen. (…) Die Verbindung außerordentlicher Schnelligkeit des Denkens mit weiser Besonnenheit bei der Lösung komplizierter Fragen zeichnete Lenin aus. Genosse Stalin sprach von dem genialen Scharfblick Lenins, von „der Fähigkeit, den inneren Sinn der herannahenden Ereignisse rasch zu erfassen und zu enträtseln“ [2], und davon, daß er weise und „bei der Entscheidung komplizierter Fragen, bei der allseitige Orientierung und allseitige Erwägung aller Für und Wider nötig war“ [3], nicht überstürzt handelte.

[1] G.Baidukow, Held der Sowjetunion: Ich habe Stalin gesehen. In: Begegnungen mit Genossen Stalin. Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau 1940, S.132.
[2] J.W.Stalin: Über Lenin. SWA-Verlag, Berlin, S.51.
[3] ebenda, S. 82.

Quelle:
B.M.Teplow, Psychologie, Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin, 1957. S.139-141.

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3 Antworten zu B.M. Teplow: Die Eigenschaften des Verstandes

  1. Pingback: UdSSR (1953): Karrieristen kamen an die Macht | Sascha's Welt

  2. Senatssekretär FREISTAAT DANZIG schreibt:

    Hat dies auf Aussiedlerbetreuung und Behinderten – Fragen rebloggt und kommentierte:
    Man lese auch dem Ernst Thälmann seine Biographie, Erstaunliches kommt in seinem Wirken zu Tage! Glück, Auf, meine Heimat!

  3. robertknoche schreibt:

    Hat dies auf Freiheit, Familie und Recht rebloggt und kommentierte:
    Die Eigenschaften des Verstandes hängen von verschiedenen Einzelfähigkeiten ab. Selbstkritik, Intelligenz,
    Einschätzungsfähigkeiten von verschiedensten Situationen und auch
    Reaktionsfähigkeit sind dabei gefragt.
    Wir können unseren Verstand zwar trainieren, aber schenken tut
    uns diesen keiner!
    Leider muss ich immer wieder feststellen, das zwar viele Menschen
    Verstand besitzen, aber nicht nutzen. Andere geben vor Verstand zu
    haben, versagen aber in gewissen Siuationen!

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