Hermann Matern: Die ideologische Offensive der KPD

MaternIm Jahre 1951 veröffentlichte Hermann Matern eine bemerkenswerte Broschüre, in der er die hervorragende Rolle Ernst Thälmanns würdigte, die dieser im Kampf um die Einheit der Arbeiterklasse und die Entwicklung der Kommunistischen Partei Deutschlands zu einer Partei neuen Typus leistete. Hermann Matern wies dabei insbesondere auf die Worte Stalins hin, der erklärte: „Man darf nicht vergessen, daß die Kenntnis und Beherrschung der Geschichte unserer Partei das wichtigste Mittel ist, um die revolutionäre Wachsamkeit der Parteimitglieder vollauf zu sichern.“ [1]

ERNST THÄLMANN – INITIATOR DER „IDEOLOGISCHEN OFFENSIVE“ IN DER PARTEI

Ernst Thälmann war der Initiator der „ideologischen Offensive“ in der Partei. Diese Offensive richtete sich gegen die Vernachlässigung der Theorie in der Partei, gegen den Praktizismus und gegen die Verfälschungen des Marxismus-Leninismus. Als Genosse Stalin 1930 seinen berühmten Brief an die Zeitschrift „Proletarskaja Rewoluzija“ [2] geschrieben hatte, zog Ernst Thälmann aus diesem Brief wichtige Lehren für die deutsche Partei.

„Der Brief des Genossen Stalin an die Zeitschrift ‚Proletarskaja Rewoluzija’ ist… für die deutsche Partei eine außerordentlich entscheidende und wegweisende politische Direktive. Er ist ein Appell für uns, den schärfsten Kampf gegen alle fremden Einflüsse, gegen alle antileninistischen Strömungen und gegen jedes Versöhnlertum ihnen gegenüber in unserer gesamten theoretischen und praktischen Arbeit zu entfalten… Unsere Proparbeit muß in die Tiefe wachsen, insofern sie durch ihre enge Verbindung mit der revolutionären Praxis der Partei und völlige Unterstellung unter die Parteiführung zu einer wirklichen Trägerin der Propaganda des Marxismus-Leninismus in den Reihen der Partei und des Proletariats wird. Die Proparbeit muß sich im Sinne des Briefes des Genossen Stalin und unserer ideologischen Offensive das Ziel stellen, die Partei von unten bis oben gegen alle antileninistischen feindlichen Einflüsse durch theoretische Festigkeit und Sicherheit zu schützen.“ [3]

Damit wies Ernst Thälmann der Partei den Weg. Eine wirkliche theoretische Arbeit muß von leidenschaftlicher Parteinahme getragen sein. Sie muß die revolutionäre Wachsamkeit der Mitgliedschaft stärken und darf ihr nicht durch eine von der Praxis losgelöste Darlegung der Theorie die Anwendung der Theorie auf die Praxis erschweren.

„Wir müssen uns daran gewöhnen, jeden Schritt unserer täglichen Praxis des revolutionären Klassenkampfes mit dem höchsten Maßstab revolutionärer Theorie zu messen. Nur dann werden wir das Maß an Verantwortlichkeit verwirklichen, das eine revolutionäre Partei in allen ihren Teilen jederzeit bekunden muß.“ [4]

Mit dem Hinweis auf die, Bedeutung der Meisterung des Marxismus-Leninismus zeigte Genosse Thälmann zugleich zwei Mängel auf, die auch in unserer Partei noch nicht überwunden sind.


1.) Die Unterschätzung des theoretischen Studiums durch leitende Funktionäre

Bei der Untersuchung der Tatsache, daß die Partei den Anforderungen des revolutionären Kampfes trotz günstiger objektiver Voraussetzungen nicht immer gerecht wurde, stellte Genosse Thälmann fest:

„Es zeigt sich, daß unsere Genossen ideologisch nicht reif genug, nicht fest genug sind, um die Überlegenheit ihrer Position mit der Waffe des wissenschaftlichen Sozialismus in der gesamten Propaganda auszunutzen.“ [5]

Ich denke, das hat auch heute noch Gültigkeit. Genosse Thälmann stellte dann die zwei auch für uns zutreffenden Mängel in der theoretischen Arbeit heraus und sagte:

„Jedenfalls müssen wir aussprechen, daß das allgemeine politisch-ideologische Niveau der Partei unzulänglich ist. Das gilt nicht nur für die unteren Kader, sondern zum Teil auch für höhere Funktionäre der Partei. Bei vielen führenden Genossen in den Bezirken müssen wir feststellen, daß sie ein mangelndes Interesse für ihre eigene theoretische Fortbildung an den Tag legen.“ [6]

Solche Genossen Funktionäre sind entweder einem engstirnigen Praktizismus verfallen, der sie hemmt, die Politik der Partei, entsprechend ihrer eigenen örtlichen Verhältnisse richtig zu verwirklichen, oder es sind Funktionäre, die von ihrem Wissen derart überzeugt sind, daß sie glauben, kein theoretisches Studium mehr nötig zu haben, da ihnen dieses Studium „sowieso nichts Neues geben kann“. Das soll es auch bei uns noch geben.

Ernst Thälmann wurde gerade deshalb zum revolutionären Führer der deutschen Arbeiterklasse, weil er es verstand, sein revolutionäres Handeln mit der revolutionären Theorie zu durchdringen. Bei allen grundsätzlichen Fragen, die zu entscheiden waren, studierte er mit größter Gründlichkeit all das, was Lenin und Stalin zu diesem Problem geschrieben hatten und die daraus gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen wandte er dann, entsprechend den gegebenen Verhältnissen, bei uns an.


2.) Kampf den „Archivratten“, diesen von der Praxis weit entfernten „Theoretikern“

Zur zweiten Seite der mangelhaften theoretischen Arbeit betonte Genosse Thälmann:

„Die andere Seite besteht darin, daß die theoretische Arbeit, weil sie nicht mit dem Gesamtorganismus unserer Partei und ihrer revolutionären Praxis genügend verbunden war, in einer unzulänglichen Weise durchgeführt wurde. Genosse Stalin hat in seinem Brief an die Redaktion der Zeitschrift ,Proletarskaja Rewoluzija’ einen sehr treffenden Ausdruck geprägt: Archivratten. Das sind solche Leute, die überall nur nach ,Papierchen’ herumstöbern, statt die lebendige Praxis einer revolutionären Partei zu betrachten.“ [7]

Hier charakterisierte Genosse Thälmann jene „Theoretiker“, die sich vom Boden unserer lebendigen „Wirklichkeit gelöst haben und sich in den „höheren Sphären“ einer abstrakten Theorie befinden. Diesen sogenannten „Flohknackern“, die bei der Erörterung theoretischer Probleme mit tausend Wenn und Aber die gewagtesten Kombinationen anstellen, dabei jedoch nicht ein einziges Mal unsere gegebenen Verhältnisse berücksichtigen und zu keinen konkreten positiven Folgerungen für die Partei gelangen, erteilte Genosse Thälmann eine bedeutsame Lektion.


3.) Kampf gegen die Überreste des Luxemburgismus

Ebenso klar und prinzipiell bekämpfte Ernst Thälmann die vorhandenen Überreste des Luxemburgismus und auch den Versuch, ihn aus den deutschen Verhältnissen zu erklären. Ein solcher Versuch zeigte sich auf der Plenartagung des ZK im Januar 1932. Hier wurde in der Diskussion der Versuch unternommen, die Fehler Rosa Luxemburgs durch den Hinweis auf die Lage in Deutschland zu rechtfertigen. Ernst Thälmann gab eine gründliche Antwort: „Es ist unmöglich“, erklärte er, „die Fehler Rosa Luxemburgs mit den objektiven Verhältnissen im Deutschland der Vorkriegszeit zu rechtfertigen.“ [8]

„Wir müssen also mit aller Klarheit aussprechen: in all den Fragen, in denen Rosa Luxemburg eine andere Auffassung als Lenin vertrat, war ihre Meinung irrig, so daß die ganze Gruppe der deutschen Linksradikalen in der Vorkriegs- und Kriegszeit sehr erheblich an Klarheit und revolutionärer Festigkeit hinter den Bolschewiki zurückblieb. Diese Erkenntnis gibt uns erst das Verständnis dafür, warum es in Deutschland verspätet zur Spaltung zwischen dem revolutionären Marxismus und den kleinbürgerlichen Opportunisten oder ihren zentristischen Helfershelfern innerhalb der Arbeiterbewegung kam. Rosa Luxemburgs Fehler in der Akkumulationstheorie, in der Bauernfrage, in der nationalen Frage, in der Frage des Problems der Revolution, in der Frage der proletarischen Diktatur, in der Organisationsfrage, in der Frage der Rolle der Partei bzw. der Spontaneität der Massen – das alles ergibt ein System von Fehlern, die Rosa Luxemburg nicht zur vollen Klarheit eines Lenin aufsteigen ließen.“ [9]

Genosse Thälmann begnügte sich jedoch nicht mit einer harten Kritik an den Schwächen Rosa Luxemburgs, sondern er zog zugleich Schlußfolgerungen für die Partei und stellte ihr die Aufgabe, die Überreste des Luxemburgismus in der Partei schonungslos zu bekämpfen, weil diese Überreste einer Entwicklung der Partei zur Partei neuen Typus hemmend im Wege standen.

„Heute, wo die Komintern besteht, wo in der Sowjetunion unter der proletarischen Diktatur der Sozialismus verwirklicht wird, würde jeder Versuch einer Erneuerung des Luxemburgismus und jeder Überrest des Luxemburgismus niemals eine Brücke zum Marxismus-Leninismus bilden können, sondern stets einen Übergang zum Sozialfaschismus, zur Ideologie der Bourgeoisie, wie wir es am besten bei den Brandleristen sehen.“ [10]

Um keine irrigen Ansichten aufkommen zu lassen, etwa die, daß Rosa Luxemburg nicht zur revolutionären Arbeiterklasse gehöre, legte Ernst Thälmann eindeutig und klar dar, welch ein Adler der Revolution Rosa Luxemburg war und was sie für die KPD und die internationale Arbeiterbewegung bedeutet.

„Wir denken nicht daran, die Bedeutung Rosa Luxemburgs, Karl Liebknechts, Franz Mehrings und der übrigen Genossen, die den linksradikalen Flügel in der Vorkriegssozialdemokratie bildeten, abzuschwächen. Wir denken nicht daran, diese wahrhaft revolutionären Kämpfer und Führer und ihre guten revolutionären Traditionen zu verleugnen oder gar den sozial-faschistischen SAPistischen oder brandleristischen Leichenschändern zu überlassen. Rosa Luxemburg und die anderen gehören zu uns, gehören der Kommunistischen Internationale und der KPD, an deren Gründung sie mitgewirkt haben. Aber bedeutet dies eine Abschwächung der notwendigen Aufklärung unserer Partei über die Fehler Rosa Luxemburgs und der übrigen Linksradikalen? Eine solche Kritik an den Fehlern des Luxemburgismus ist unerläßlich vom Standpunkt der Bolschewisierung der Partei.“ [11]


Zitate:
[1] „Geschichte der KPdSU (b), Kurzer Lehrgang“, Dietz Verlag, Berlin, 1951, S.409.
[2] J.Stalin, Werke Bd.13, Dietz Verlag Berlin (DDR), 1955, S.76-91.
[3] Ernst Thälmann, „Der revolutionäre Ausweg und die KPD“, S.71 u.80.
[4] Ernst Thälmann, „Einige Fehler in unserer theoretischen und praktischen Arbeit und der Weg zu ihrer Überwindung“; Die Internationale, Heft 11/12, 1931, S.508.
[5] Ernst Thälmann, „Der revolutionäre Ausweg und die KPD“, S.64.
[6] Ebenda, S.65.
[7] Ebenda.
[8] Ebenda, S.94.
[9] Ebenda, S.71/72.
[10] Ebenda, S.71.
[11] Ebenda.

Quelle:
Hermann Matern, Die Rolle Ernst Thälmanns bei der Schaffung der revolutionären Massenpartei der Arbeiterklasse, Dietz Verlag Berlin, 1951, S.36-41.


P.S. Der konterrevolutionäre Agent Chruschtschow hatte „ganze Arbeit“ geleistet; H.Matern starb 1971 und seine wegweisende Broschüre wurde nicht wieder aufgelegt…

Siehe auch:
H.Matern: Erfahrungen der KPD

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2 Antworten zu Hermann Matern: Die ideologische Offensive der KPD

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