Nazis in der BRD: Der Schattengeneral Gehlen

geheimIm Unterschied zur Lage nach dem ersten Weltkrieg war es dem deutschen Monopolkapital 1945 nicht gelungen, seinen Geheimdienst aus eigner Kraft über das Kriegsende zu erhalten und ihn im Interesse der Revanche, der eigenen politischen Ziele einzusetzen. Er mußte dem Umweg über die amerikanisierte Gehlen-Organisation zustimmen. „In der Tat,“ schrieb die US-amerikanische Zeitung „The Nation“, „Gehlen war Amerikas Spion Nr.1 in Europa, er hatte buchstäblichTausende von Agenten in seiner Soldliste, und er empfing jährlich Mittel von 5 bis 6 Millionen Dollar, die durch die Central Intelligence Agency geschleust wurden.“ [1] In seinem Buch „Die graue Hand“ schreibt Julius Mader darüber: „Gedungene Tintenkulis bemühten sich um Legenden für diesen Mann, wobei es nicht tragisch genommen wurde, daß sie sich oft widersprachen. Er selbst tat eifrig ein weiteres dazu, seinen Werdegang zu vertuschen, seine Tätigkeit zu verheim­lichen und seine Person vor der Öffentlichkeit abzuschirmen. So entstand in der westlichen Presse und Literatur ein seltsames Gemisch von Wahrheiten, Halbwahrheiten und Unwahrheiten.“ Das sind die Traditionen des Bundesnachrichtendienstes.

I. Lügen, Geheimnisse und falsche Nummernschilder

Tausend Dollar hatten amerikanische Illustrierte für ein Nachkriegsfoto von diesem Mann geboten, doch keinem Reporter gelang es, diese Prämie einzuheimsen. Beginnen wir also, das um ihn geschaffene Mysterium zu entschleiern Sein Sohn Christoph bezeichnete als Primaner seinen Vater als „Kaufmann, der mit Patenten zu tun hat und im Interesse der Bundesregierung arbeitet“. Das ist eine Lüge. Seine Tochter Katharina studierte an einer Münchener Höheren Handelsschule unter einem Namen, der nicht dem richtigen Familiennamen entsprach. Vor seinem vor der Öffentlichkeit geheimgehaltenen Wohnhaus in Berg bei Starnberg, Nr. 68, in Oberbayern patrouillieren in unauffälliger Weise Männer in Zivil. Sie kiimmern sich aber nicht darum, daß der Wagen, der das Grundstück verläßt, immer wieder neue Nummernschilder trägt.

Der falsche „Dr. Schneider“
Auf seiner Visitenkarte, die er bei Bonner Institutionen zu verwenden pflegt, steht deutlich zu lesen „Dr. Schneider“. Diesen Namen hat er nicht unklug gewählt. Immerhin haben .in Deutschland, Osterreich, in der Schweiz und in Frankreich seit 1908 nicht weniger als 1115 Personen den akademischen Grad eines Doktors erworben, die alle den Namen Schneider tragen. Da auf der Visitenkarte noch dazu der Vorname fehlt, hätten selbst berufserfahrene Kriminalisten Monate Ermitt­lungsarbeit zu leisten, um die Personenidentität festzustellen. Und doch kämen sie zu keinem greifbaren Ergebnis. Denn der Mann ist weder Doktor, noch heißt er Schneider. „Schneider“ ist nämlich sein Deckname, und es wirft ein bezeichnendes Licht auf die im Bonner Staat vertretene Rechtsauffassung, wonach die unrechtmäßige Führung eines akademischen Titels, wie der des Doktors, in Verbindung mit einem Decknamen weder verboten noch strafbar ist.

Gehlen1Wer war Reinhard Gehlen?
Der Mann, dessen Spuren wir verfolgen wollen, heißt mit seinem bürgerlichen Namen Reinhard Gehlen.  Heißt er aber wirklich so? Die Coburger „Neue Presse“ erhebt ihn in den Adelsstand und macht ihn in ihrer Ausgabe vom 11. Dezember 1956 zum „von Gehlen“. Sie steht damit nicht allein. Ein Zufall? Nein. Selbst seriösere Blätter sind auf diese Fehlinformation hereingefallen, die alIer Wahrscheinlichkeit nach Reinhard Gehlen selbst verbreitet hat, um sogar seinen Klarnamen mißverständlich umzuprägen. Greift man, um sich zu vergewissern, zu dem in Westdeutschland erschienenen „Genealogischen Handbuch der Adeligen Häuser“, A, Band III, 1957, so kann man dort auf den Seiten 433/434 nachlesen:

Geboren in Breslau? Halt! Da ist doch dem „hauptbearbeitenden“ Genealogen Hans Friedrich von Ehrenkrook schon wieder eine wenig ehrenwerte Fälschung nachzuweisen.
Reinhard Gehlen ist nicht in Breslau geboren, sondern in Erfurt. Sein Vater, der kaiserliche Oberleutnant Walther Gehlen, wohnte in Reinhards Geburtsjahr, wie das Hauptregister des Standesamtes Erfurt und das Adreßbuch der Stadt Erfurt für 1902 nachweisen, in der Löberstraße 63/64. Dort – mit echt preußischer Akribie schrieb der Standesbeamte: „Zu Erfurt in seiner Wohnung … ein Knabe geboren“ – kam der Offizierssprößling Reinhard zur Welt.

Gehlen5Der Mann, der sein Treiben verdunkelt
Wo immer man im Falle Reinhard Gehlen hingreift, bedarf es der Vorsicht. Er ist nicht der in der idealisierenden Dichtung westlicher Gazetten erscheinende „Mann im Dunkel“, sondern der Mann, der mit allen Mitteln seine Person und sein Treiben zu verdunkeln versucht. Fälschungen über ihn sind die Regel. Deshalb wird die eben erwähnte nicht die letzte sein, die es aufzudecken gilt. In der von ihm dirigierten Organisation taucht Reinhard Gehlen mit Namen überhaupt nicht auf Er versteckt sich dort hinter dem Decknamen „Doktor“ und hinter der dem Außenstehenden nichtssagenden „Nr. 30“.

Die Presse zeigt sich merkwürdig uninformiert
Die „Münchner Illustrierte“ unternahm erst kürzlich den Versuch, in einer Artikelserie „Geheim“ etwas Licht in das Dunkel um Reinhard Gehlen zu bringen. Das scheiterte, wie vorauszusehen war, und in ihrer zweiten Januarausgabe des Jahres 1960 mußte sie dem Leser ihr Unvermögen eingestehen: „Und wer weiß überhaupt etwas von der Organisation Gehlen? Die Presse zeigt sich merkwürdig uninformiert. Aber zwischen der Zentrale des Spionagegenerals und dem Bundeskanzleramt wirken einflußreiche Männer an einem Faden, der von Tag zu Tag stärker wird.“ [2] Hier taucht das Wort „Spionagegeneral“ auf. Wie es zustande kam, soll untersucht werden.


II. Vor dem ersten Schuß

Man schrieb das Jahr 1935. Seit zwei Jahren waren die Nazis an der Macht. Alle Antifaschisten, deren sie habhaft werden konnten, trugen gestreifte Kleidung. In den Konzentrationslagern wurde geprügelt, gefoltert, gemordet. In diesem Jahr bekam Reinhard Gehlen eine neue Uniform, die Umform eines Generalstäblers. Nicht unvorbereitet hatte die Naziregierung am 16. März 1935 das „Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht“ verkündet. Es brachte dem deutschen Volke die allgemeine Wehrpflicht und den Militaristen 12 Korpskommandos und Verbände in Stärke von 36 Divisionen.

Eine halbe Million junger Soldaten
In den nächsten Wochen und Monaten zog eine halbe Million junger Männer in die Kasernen. Erst zwei Monate später, am 21. Mai 1935, fand es Hitler für nötig, das „Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht“ offiziell vor dem Reichstag zu „begründen“. Kurz darauf wurde die einjährige aktive Dienstpflicht verdoppelt. Die Nazis taten alles um über den Charakter ihrer Wehrmacht keinen Zweifel aufkommen zu lassen. Auf dem Kongreß des sogenannten Reichsparteitages 1935 erklärte Hitler. „Diese Armee aber ist die Armee des nationalsozialistischen Staates. Sie ist unser kostbarstes und stolzestes Eigentum“ –, und wenige Stunden später schrie er frenetisch in die Mikrofone des Reichsparteitages: „Die Partei (gemeint waren die Faschisten – J. M.) gibt dem Volk das Heer, und das Volk gibt dem Heer die Soldaten.“

Kriegsvorbereitungen der Nazis
Im Parteiorgan der Nazis, dem „Völkischen Beobachter“, stand in den aus der Feder des zuständigen Reichsministers stammenden Kommentaren unmißverständlich: „Die Dienstpflicht, die wieder alle umfassen soll, wird auf der Grundlage der Anschauungen des nationalsozialistischen Staates aufgebaut werden“, und weiter hieß es dann: „Heute öffnen wir unsere Tore (gemeint sind die der Kasernen – J. M.) weit. Die kommende Generation wird sich des Rechts zur Waffe, das ihr das neue Deutschland wiedergegeben hat, im Geiste Ihrer Väter wert er­weisen. Sie wird in der Wehrmacht eine Pflegestätte national-sozialistischen Geistes und echter Volksgemeinschaft finden.“ [3]

Deutschland unterm Hakenkreuz
Göring ließ auf dem Nazigautag in Breslau am 27. Oktober 1935 die Katze aus dem Sack: „Kein Bataillon, kein Geschütz, kein Flugzeug ohne den Sieg des Hakenkreuzes. So dürfen wir mit Recht sagen, daß wir Nationalsozialisten dem Volke die neue Wehrmacht gegeben haben, und wir können der Wehrmacht sagen, daß wir beglückt sind, daß unser Kampf zum Sieg geführt hat und wir heute der Wehrmacht die Mittel und die Waffen geben können, die unter ihrer Führung und Weiterbildung das scharfe Schwert werden.“

Fünfzig dem Faschismus skrupellos ergebene Offiziere
Für die „Führung und Weiterbildung des scharfen Schwertes“ brauchten die Nazis zuverlässige Militärspezialisten. Sie suchten und fanden sie. Nur knapp 50 Offiziere wurden in den 1935 neugebildeten Generalstab berufen. Das war ein Zehntausendstel der grauen Wehrmachtsmasse. Es waren militärisch gediegen ausgebildete, dem Faschismus skrupellos ergebene Männer, die vom Wehrpolitischen Amt bei der Reichsleitung der Nazipartei sorgfältig ausgesiebt worden waren. Und unter ihnen befand sich der 33jährige Hauptmann Reinhard Gehlen. Wie war er dazu gekommen?

Das revolutionäre Jahr 1918
Reinhard Gehlen drückte 1918 in Breslau noch die Bank des Gymnasiums, das er standesgemäß zu absolvieren hatte, als im Kieler Hafen Matrosen der kaiserlichen Kriegsflotte rote Fahnen hißten. Eine Woche später, am 9. November, traten die Berliner Arbeiter in den Generalstreik; sie folgten dem Aufruf des Spartakusbundes. Die revolutionären Arbeiter setzten der Monarchie der Hohenzollern gewaltsam ein Ende, der Deutsche Kaiser Wilhelm II. entschlüpfte nach Holland, und in den deutschen Staaten stürzten die Dynastien. Es waren unruhige Tage in diesem November des Jahres 1918. Unruhige Tage auch für die bürgerlich gutsituierte Familie Gehlen!

Angst um das zusammengeraffte Kapital
Die Gehlensippe bangte nicht nur um die Erhaltung der preußischen Ideologie und Tradition, obwohl ihr auch das nicht unwichtig war. Immerhin hatte Reinhard Gehlens Vater zur kaiserlichen Offizierskaste gezählt. Er hatte als Oberleutnant seinen Dienst quittiert. Reinhard Gehlens Großvater hatte sich im 19. Jahrhundert zum königlich-preußischen Regierungsrat emporgedienert und diesen Posten im Interesse und zur Zufriedenheit der herrschenden Feudal- und Kapitalkreise bekleidet. Reinhard Gehlens Mutter war adlig. Aber wie schon angedeutet, die Wahrung der Tradition war nicht so wichtig wie die Erhaltung des von der Gehlensippschaft zusammengerafften Kapitals.

Ein einträgliches Geschäft
Gehlens Vater hatte zwar den preußischen Offiziersdegen niedergelegt, dafür aber eine andere, eine nicht minder gefährliche Waffe ergriffen: einen Verlag. Es handelte sich dabei um „Ferdinand Hirt’s Königliche Universitäts- und Verlagsbuchhandlung“, die ihren Sitz in Breslau, Am Königsplatz Nr. 1, hatte. Dorthin war Walther Gehlen im Jahre 1908 mit seiner Familie gezogen. Nicht zuletzt verdankte er diese einflußreiche Position seinem Leipziger Bruder Dr. jur. Max Gehlen, einem Mann, der sein Kapital in dem Breslauer Ferdinand Hirt’s Verlag, im Leipziger Ferdinand Hirt & Sohn-Verlag und dem Königsberger H.Bon-Verlag stecken hatte. Damit saßen die Gehlens auf einer einträglichen Pfründe. Sie gaben Schulbücher heraus und akkumulierten dafür Goldmark.

Psychologische Beeinflussung
Schulbücher, die den Nationalismus züchteten, Schulbücher, die den Revanchismus predigten. Der Begriff „psychologische Kriegführung“ war damals noch nicht geprägt, aber das, was Max und – noch viel mehr Walther Gehlen – taten, war psychologische Kriegführung in Reinkultur. Walther Gehlen sorgte mit den von ihm verlegten Geographie- und Geschichtsunterrichts-Büchern dafür, daß die jungen Preußen fit gemacht wurden für den Krieg. Da Reinhard Gehlens Vater diese Funktion zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber ausübte, wurde er 1914 zum Hauptmann a. D. des kaiserlichen Heeres befördert.

Der Sohn wird Berufsoffizier!
1920 beendete Reinhard Gehlen seine schulische Ausbildung, und die Familie faßte einen Beschluß, der die reaktionäre Gesinnung der Gehlens so recht charakterisiert: Der Sohn Reinhard wird Berufsoffizier! Um die Tragweite dieses Familienbeschlusses zu erkennen, muß man sich daran erinnern, daß ein Klüngel hoher und höchster Reimswehroffiziere im März 1920 militärisch den Kapp-Putsch leitete, der nur durch die einheitliche machtvolle Aktion der deutschen Arbeiterklasse niedergeschlagen wurde, und daß es Reichswehr-verbände unter General Watter waren, die im April 1920 im Ruhrgebiet eine furchtbare Schreckensherrschaft errichteten.

Gehlen als Fahnenjunker in der Reichswehr
Offizier einer so unmenschlichen Soldateska zu werden, am Kreuzzug gegen die Arbeiterklasse teilzunehmen und fremde Völker dezimieren zu helfen, das war der erklärte Wunsch seiner Familie, und dazu fühlte sich der junge Reinhard Gehlen berufen. Er trat zu einer Zeit als Fahnenjunker in die Reichswehr ein, als diese gerade auf die im Versailler Vertrag festgelegte Stärke von 100.000 Mann reduziert wurde, das heißt, schon damals war er einer der von den Militaristen Auserwählten.

Ein nationalistisches Geschichtsbuch
1923 wurde er Leutnant und diente drei Jahre in der 2. Batterie des Schweidnitzer Artillerie-Regiments 3. Dann folgten zwei Jahre Hannoversche Kavallerieschule. Zurück kam er als Oberleutnant. Er hatte sich dem Waffenhandwerk verschrieben. Sein Vater machte inzwischen wieder in Nationalismus, an dem nicht nur er profitierte. Im Urlaub bekam Reinhard Gehlen von seinem Vater ein noch druckfrisches Buch vorgelegt. „Geschichte für höhere Schulen von Dr. Walther Gehl“, stand auf dem Umschlag, und darunter war vermerkt: „Ferdinand-Hirt-Verlag, Breslau 1928“. Der Inhalt war potenzierter Nationalismus.

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Aggressive Kriegsvorbereitung für eine Neuaufteilung Europas
Auf Seite 84 dieses „Lehrbuches“ konnte man beispielsweise lesen:

„Die Deutschen sind das einzige Volk Europas, das einen ungewöhnlich hohen Bruchteil seiner Bevölkerung, ein volles Drittel, auf fremden Boden wohnen hat; sie sind das ‚Volk ohne Raum‘. Von den 76 Millionen Deutschen, die in geschlossenem Siedlungsgebiet in Mitteleuropa wohnen, faßt Rumpf-deutschland nur 62 Millionen zusammen. Fünf Staaten liegen heute vollständig auf deutschem Boden: das Deutsche Reich, Deutschösterreich, Luxemburg, Liechtenstein und Danzig; nicht gerechnet das niederdeutsche Holland. Zehn andere Staaten greifen auf deutschen Volksboden über: Dänemark, Litauen, Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, Südslawien (Jugoslawien), Italien, die Schweiz, Frankreich und Belgien.“

Noch war Hitlers „Mein Kampf“ für Lehrer und Schüler nicht obligatorisch. Walther Gehlen sorgte aber schon ein halbes Jahrzehnt vor der Errichtung der braunen Diktatur dafür, daß die in seinem Verlag gedruckten Schulbücher mit der Nazibibel auf einen gemeinsamen Nenner gebracht wurden. In den Klassenräumen wurde die Neuverteilung Europas exerziert. Für Reinhard Gehlen selbst stellten allerdings diese Thesen nichts Neues dar. Er wurde schließlich nach dem Kompendium der Reichswehroffiziere ausgebildet.

Die herrschende Klasse forciert die deutsche Militarisierung
Die Militarisierung Deutschlands wurde von den herrschenden Kreisen forciert, und sie stützte sich auf die „Volk-ohne-Raum“-Theorie.  Oft politisierte Reinhard Gehlen im Urlaub mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder Walter, dem Jura-Studenten, am elterlichen Tisch. Das Kleeblatt war perfekt: Der Vater tat das Seine an der literarischen Front, Reinhard strebte nach dem Generalstab, und Walter tüftelte schon daran, welche juristischen Spitzfindigkeiten man für den bevorstehenden Staatsstreich Hitlers benötigte.

Juristische Grundlagen für die Herrschaft der Nazis
In seiner Besessenheit, auch von juristischer Seite her, seinen Familienbeitrag für den Sturz der Weimarer Republik zu leisten, ließ sich Walter Gehlen junior von der Juristischen Fakultät in Breslau für seine Doktorarbeit das Thema stellen: „Inwieweit ist das öffentlich-rechtliche Mandat für den Abgeordneten gegenüber der Wählerschaft verbindlich?“ 1930 erlangte er mit folgendem für sich sprechenden Gipfel seiner Erkenntnisse den Doktorhut: „Auf Grund seiner Stellung (gemeint ist die des gewählten Abgeordneten – J. M.) als unmittelbares Staatsorgan, die der Abgeordnete der Verfassung verdankt, ergeben sich Verpflichtungen nur gegenüber dem Staate. Der Abgeordnete ist in seinem Willen durch die Grenzen beschränkt, die sich aus der vom Staate selbst gesetzten Rechtsordnung ergeben … In seinem Willensentschluß vermag ihm (dem Abgeordneten – J. M.) kein Wähler und keine Partei rechtlich verbindliehe Vorschläge zu machen.“ So nachzulesen auf der Seite 62 seiner Doktorschrift.

Eine seltsame „Rechts“auffassung
Na also, war das nicht eine juristische und moralische Entlastung für jene Abgeordneten, die mit Hitler und den Nazis kollaborieren wollten? Die Abgeordneten aber, die auf diese Konzeption nicht schworen, die mit ihren Wählern außerparlamentarische Aktionen gegen die Errichtung der Hitler-Diktatur anstrebten konnte man später wegen Verstoßes gegen die „vom Staate selbst gesetzte Rechtsordnung“ in das KZ stecken. So hatte auch Reinhards Bruder mit dieser „Rechts“auffassung das Seine für Hitlers Staatsstreich getan.

Als „Wehrkreislehrgänge“ getarnte Offiziersschulen
Da Deutschland nach dem Versailler Vertrag keine Kriegsakademie unterhalten durfte, half sich die Reichswehrkamarilla auf ihre Weise. Sie lehrte die general­ stabsmaßige Strategie und Taktik auf als „Wehrkreislehrgänge“ getarnten Offiziersschulen. Dieses konspirative Vorgehen zwang die Reichswehrführung zu besonders vorsichtiger Auswahl der Offizierskader, die sie für solche Schulungen für geeignet hielt. Zunächst beschränkte man den Kreis der Teilnehmer auf zehn Mann je Wehrkreis, also auf insgesamt nur siebzig Mann im gesamten Reichsgebiet.

Kistenweise Offizierliteratur aus dem Verlag Gehlens
Als Hitler die Macht an sich riß, saß Oberleutnant Reinhard Gehlen in solch einem Kursus. Er besorgte allen Lehrgangsteilnehmern für die Fächer Wirtschaftsgeographie, Geschichte und Staatsbürgerkunde, die neben den ausgesprochen militärfachlichen Themen ge!ehrt wurden, die benötigte Literatur zu Vorzugspreisen. Sein Vater schickte sie ihm kistenweise. Darunter befand sich auch die Bestell-Nr. 2538: „E. von Seydlitz’sche Geographie für höhere Lehranstalten – Kurzausgabe“, erschienen bei Ferdinand Hirt in Breslau im Jahre 1933.

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Die Ukraine als „deutscher Volks- und Kulturboden“
Der Verlag hatte seinen Autoren den Auftrag erteilt, die Forderungen der deutschen Monopole klar herauszustellen. Ausdruck fand das beispielsweise in der Landkarte auf Seite 158 dieses Lehrbuchs. Nach dieser Landkarte waren Österreich, Südtirol, das Saargebiet, das Sudetengebiet, der polnische Korridor farblich schon als „deutscher Volksboden“ gekennzeichnet, „Volksinseln“ bis ans Schwarze Meer dienten zur Begründung für den „lebensnotwendigen Drang nach dem Osten“. Die fruchtbare Ukraine und andere große Gebietsteile der Sowjetunion wurden ebenfalls schon zum „deutschen Volks- und Kulturboden“ gezählt. In bezug auf Westeuropa äußerte man sich dagegen noch vorsichtig, aber auch hier sprach man schon deutlich genug vom „früheren deutschen Sprachgebiet“. Diese Hirt-Lehrbücher ließen sich in den Offizierslehrgängen außerordentlich gut verwenden. Sie stellten das fixierte Annexionsprogramm des deutschen Imperialismus dar.

Gehlen senior als psychologischer Krieger Hitlers
Die unter Walther Gehlens Regie herausgegebene Literatur erhielt ihren faschistischen Charakter bald auch offiziell bestätigt. Die Bücher trugen immer häufiger solche Vermerke. wie: „Die Schrift wird in der NS-Bibliographie geführt. Der Vorsitzende der Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des NS-Schrifttums.“ Die Krönung seines „Lebenswerkes“ sah Walther Gehlen darin, daß der von ihm geleitete Verlag „für seine Verdienste“ von Hitler das Prädikat „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“ zuerkannt bekam. Er selbst war in den Ranglisten des deutschen Heeres inzwischen seit 1923 zum Major a. D. avanciert und stand schließlich im Jahre 1943 noch als Oberstleutnant „zur Verfügung“. Gehlen senior war also ein Mann, der der Sache des deutschen Militarismus, des deutschen Imperialismus und Nazismus treu ergeben war: unter dem Kaiser, als einer der Totengräber der Weimarer Republik und als psychologischer Krieger Adolf Hitlers.

Die parasitäre Gehlen-Sippe
Doch zurück zu seinem Sprößling Reinhard: Die Nazis brauchten für ihre Pläne unbedingt eine Kriegsakademie, und Hitler sorgte unter Verletzung des Versailler Vertrags dafür, daß die eingefleischten deutschen Militaristen 1934 eine solche Mordakademie bekamen. Und siehe da, unter den ersten Absolventen befand sich Reinhard Gehlen, der damals noch keinerlei Veranlassung sah, sich hinter einem Decknamen zu verstecken. Die Zukunft schien ihm felsenfest.  Ehelich hatte er sich inzwischen mit Herta von Seydlitz-Kurzbach zusammengetan, deren Großgrundbesitzerfamilie seit Jahrzehnten über die deutschen Grenzpfähle hinaus auf die polnischen Ländereien scharf war. Geradezu symbolisch: Die preußentreue Gehlen-Bourgeoisie verquickte sich mit dem preußischen Adel. Es dürfte heutzutage sicher nur wenige Familien geben, die in ihrer Ahnenreihe derart viele kaiserliche und königliche Blutsauger aufzuweisen haben wie Reinhard Gehlen.

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Reinhard Gehlen – ein geeigneter Mann für die Nazis
In Reinhard Gehlen mit seinen Anschauungen und seiner Tradition sahen die Nazis gerade den rechten Mann, den sie brauchten und der sich auch allzugern gebrauchen ließ. Er würde sich „seiner Väter wert erweisen“. So setzten ihn die deutschen Faschisten in eine militärische Schlüsselposition. Das Kriegsgeschäft begann zu florieren. Die deutschen Industrie-Magnaten Flick, Krupp und Konsorten und der Vorstand der Schröder-Bank, die über die deutschen Monopolinteressen hinaus die der Anglo-Amerikaner mit vertrat, hatten gewußt, weshalb sie auf Hitler setzten. 46 Milliarden Reichsmark flossen nach der Errichtung der faschistischen Diktatur bis 1937 in die Wiederaufrüstung, der Göringsche Vierjahresplan diente einzig und allein den Zielen der Remilitarisierung.

Feindliche Überfälle auf Nachbarstaaten geplant
Gehlen senior wirkte selbstredend, allerdings nicht selbstlos, an der „moralischen Aufrüstung“ mit. Reinhard Gehlen aber hatte nur ein Ziel, nämlich dort tätig sein zu dürfen, wo bereits tief im Frieden die Aufmarschpläne der Hitlerarmeen ausgeheckt wurden. Sein Ehrgeiz ließ ihn dieses Ziel auch erreichen. Nach einjährigem Dienst als Adjutant des Oberquartiermeisters I im Heeresgeneralstab trat er bereits in der von General von Manstein geleiteten Operationsabteilung seinen Dienst an. Mit wahrer Wonne sah der Berufslandsknecht die einzelnen Varianten der Überfälle auf die Nachbarstaaten Deutschlands auf den Generalstabskarten gerinnen. Er führte schon damals den Rotstift in die Richtungen, in die sich wenige Jahre später die deutschen Heeresverbände wälzten. Nach Südosten, nach Osten, nach dem Westen, nach dem Norden, nach dem Süden. Viele Varianten wurden angefertigt und in die Panzerschränke des Generalstabs gelegt. Jetzt galt es, die immer stärker und schneller wachsenden Truppenkontingente hinsichtlich der geplanten Uberfälle auf die verschiedenen europäischen Staaten zu drillen.

Der Einmarsch in die Sowjetunion ist vorbereitet
Aus dem Generalstab wußte Hauptmann Gehlen, daß der Krieg an Polens Grenze beginnen sollte. Sein 18. und 19. Wehrmachtsdienstjahr verbrachte er deshalb in Liegnitz als Batteriechef im Artillerie-Regiment 18. Die Welt glich in diesen Tagen vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges einem Pulverfaß. Hitlers unverschämte Forderungen nahmen kein Ende. Noch war kein Schuß gefallen, doch die Gehlen hatten auf dem Papier eifrig die Aggressionen mit vorbereitet: in Form von Buchspalten und juristischen Ergüssen, aber auch in Form von militärischen Plänen, die ihren Niederschlag auf den Generalstabskarten gefunden hatten.

Zitate:
[1] „The Nation“, New York, vom 24. Juni 1961; siehe auch A.Tully, CIA – The inside Story, New York, 1962, S.157f.
[2] „Münchner Illustrierte“ vom 9. 1. 1960, S. 26.
[3] „Völkischer Beobachter“ vom 20. 3. 1935.

Quelle:
Julius Mader: Die graue Hand. Eine Abrechnung mit dem Bonner Geheimdienst. Kongreß Verlag Berlin, 1953, S.5-17.

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