»Enola Gay« und das US-amerikanische Verbrechen in Japan

6. August 1945. Der 2. Weltkrieg ist längst zu Ende…
Es ist genau 8 Uhr, als die Maschine ihr Ziel erreicht. Die leichte Wolkendecke in viereinhalbtausend Metern ist weit aufgerissen; die Stadt liegt friedlich im hellen Morgenlicht. Scharf zeichnen sich ihre Umrisse ab, wie auf dem Luftbild. Und doch ist alles anders. Plötzlich dringt der Gedanke ins Hirn, daß dort unten Menschen leben.

etherly1Claude Eatherly reißt sich davon los. Der Major weiß, daß die »Enola Gay« auf seinen Funkspruch wartet. Mag das Wetter über Nagasaki oder Kokura noch so gut sein. Hiroshima ist das Hauptziel, und hier ist die Sicht für den Bombenabwurf vorzüglich. Er gibt dem Funker die Meldung. Stabs-feldwebel Pasquale Baldasaro setzt die Morsetaste in Bewegung: »Y2. Q2. B2. Cl. Wolkenbedeckung in allen Höhenlagen weniger als ein Drittel. Bombardierungs-bedingungen vorzüglich.«

Die »Enola Gay« empfängt die Meldung 50 Meilen vor der japanischen Küste, dort, wo sie noch alle drei möglichen Ziele ohne Zeitverlust anfliegen kann. Jetzt geht sie auf Kurs 353, hart nach Norden. Seit eineinhalb Stunden ist das Monster – wegen seiner Form im Unterschied zur Plutoniumbombe »Dünner Mann« genannt – im Bombenschacht geschärft. Nicht größer als eine Ananas ist die todbringende Ladung aus Uran 235. Noch ist sie in Hälften getrennt, doch durch eine Explosion gegeneinander-geschossen, wird sie kritisch.

Als Eatherlys Maschine die letzte Runde über der Stadt dreht, um dann abzuschwenken, taucht ganz in der Ferne der silberne Leib der »Enola Gay« auf. Ein paar Minuten später haben die Männer der Straight Flush das durchdringende Pfeifen eines schrillen Dauertons in ihren Kopfhörern. Sie greifen nach den tiefschwarz gefärbten Brillen, die man ihnen vor dem Start ausgehändigt hat. In zwei Minuten wird der Funkton abbrechen, dann fällt die Bombe. Die Bordchronometer zeigen 9.13 Uhr – Tinian-Zeit. Doch die Uhren gehen nicht überall gleich.

fat manIn Berlin ist es erst kurz nach Mitternacht. Hinter notdürftig geflickten Fenstern brennt vereinzelt noch Licht, arbeiten Menschen und denken für den neuen Tag. Morgen, wenn die Sonne aufgeht, wird sich überall Leben regen. Tatkräftige Männer und Frauen werden Trümmer beiseite räumen; Straßenbahnen werden wieder fahren, Fabrikschornsteine rauchen. In Moskau beginnt die dritte Stunde des neuen Tages. In der Druckerei der »Prawda« wird schon gearbeitet. Bald laufen die Rotationsmaschinen an, werfen Hunderttausende Zeitungen aus. Auf dem Papier, das noch nach Druckerschwärze riecht, sind die Pläne skizziert, die der Oberste Sowjet beschlossen hat, um das riesige Land aus den verheerenden Kriegsfolgen zu führen. Millionen Menschen werden dafür wirken, daß diese Beschlüsse Gestalt annehmen. In den USA ist noch gestern, Sonntag, der 5. August. In den menschenleeren Geschäfts- und Bürovierteln Washingtons lastet die Hitze eines schwülen Spätnachmittags. Groves spielt auf einem der hinter dem Pentagon am Potomac gelegenen Plätze Tennis. Irgendwo plärrt aus einem Autoradio der neueste Schlager: »Gonna take a sentimental journey …« – Einer von Groves‘ Offizieren sitzt am Telefon, das am Rande des Platzes installiert ist. Man wartet auf die Nachricht!

In Hiroshima ist es 8.13 Uhr. Die Arbeit in den Fabriken und Büros hat bereits begonnen. Die Kinder sind auf dem Weg in die Schule. Sie alle halten Hiroshima für eine glückliche Stadt. Während überall im Lande die Großstädte im Feuersturm der amerikanischen Flächenangriffe verglühten, ist ihre Stadt verschont geblieben. Nur eine B-29 kreist fast täglich für ein paar Minuten hoch am Himmel. Hiroshimas Bewohner haben sich daran gewöhnt, ja sie haben der einzelnen Maschine sogar einen Namen gegeben. Sie nennen sie »Mister B«. Auch heute früh ist er wieder dagewesen. Um 7 Uhr hatte es Luftalarm gegeben; doch schon 30 Minuten später kam die Entwarnung.

atombombeDer helle schneidende Ton reißt ab. Die »Enola Gay« schießt, von der Tonnenlast der Bombe befreit, wie ein Fahrstuhl nach oben. Das Monster fällt aus 9500 Meter Höhe. Zweiundvierzig Sekunden dauert es, bis die Bombe, ferngezündet, 600 Meter über Hiroshima explodiert. Für die Piloten, die der Todeszone entkommen wollen, ist das eine kleine Ewigkeit; für die Stadt nur ein Augenblick; der letzte! Ein paar Atemzüge lang ist es nur ein winziger, schwirrender Punkt, der vom Himmel fällt. Manche dort unten mögen ihn gesehen haben. Der Tod, der herunterkommt, ist ein anonymer, abstrakter Tod, der keinen Unterschied macht. Mit einem einzigen Lecken seiner sengenden Zunge verzehrt er Hunderttausende. Die Bilder, die auf die Nachwelt gekommen sind, zeigen eine tote Stadt – eine menschenleere Atomwüste.

hiroshima

Doch das ist ein falsches Bild. Hiroshima war kein plötzliches Ende beschieden, sondern eine unendlich qualvolle Agonie, die noch heute Opfer fordert. Nur im Zentrum der Detonation löschte das Monster mit der dreifachen Sonnentemperatur im Bruchteil einer Sekunde alles Leben aus, versetzte die Steine zurück in den Zustand zähflüssigen Magmas. Nur die Schatten der Opfer sind hier zurückgeblieben: der Abdruck eines Kinderfußes auf einer Schultreppe, die Umrisse einer Frau, die sich über einen Waschzuber auf steinernen Platten beugte, die Silhouette eines Mannes, klar wie ein Scherenschnitt, auf einer ausgeglühten Mauer. Kind, Frau und Mann sind in einem Augenblick zu Asche zerfallen; aber in ihrem letzten Lebensmoment haben sie die Steine zugedeckt und diese einzige Spur ihrer Erdentage zurückgelassen.

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Für die Schilderung der Todesqualen jener, die außerhalb dieser Zone völliger Vernichtung überrascht wurden, reicht unsere Sprache nicht aus. Wesen, die eben noch Menschen waren und sich jetzt ohne Arme und Beine am Boden winden; lebende Fackeln, die den Fluß noch erreichen und zischend im Wasser verlöschen. Der ungeheuren Druckwelle folgt ein Feuersturm, der mit mehr als 300 Stundenkilometern durch Hiroshima rast. Wer sich noch fortbewegen kann, versucht, dem Inferno zu entkommen. Aber es ist vergeblich und verlängert nur die Qualen. Denn selbst wer lebend dieser zweiten Zone entrinnt, die sich in einem Radius von etwa 3 Kilometer Detonationszentrum erstreckt, trägt die Todeskeime der radioaktiven Strahlen in sich.

Dreißig Stunden nach dem Verbrechen trifft Generalleutnant Seizo Arisu im Auftrag des japanischen Oberkommandos im Schreckensgebiet ein. »Als ich über Hiroshima hinwegflog«, berichtet er, »stand ein einziger schwarzer Todesbaum über der Stadt. Es war, als ob eine Krähe über ihr hing. Nichts war da als dieser Baum. Als wir auf dem Flugplatz landeten, entdeckten wir dort rot schimmerndes Gras, als ob es angesengt worden war. Brände gab es keine mehr. Alles war gleichzeitig niedergebrannt. Ein paar Schulen mit herabgefegten Dächern und zersplitterten Fenstern standen noch in einiger Entfernung vom Stadtzentrum. Aber die Stadt selbst existierte nicht mehr. Man konnte sagen, einfach vom Erdboden wegradiert.« Und auf dem Fluß schwammen noch immer die Leichen, Zehntausende. Die Gezeiten trugen sie weit hinein ins Land und dann wieder hinab bis zur Mündung ins Meer. Irgendwo am Ufer brannte noch eine mächtige Zeder und erhellte die schauerliche Szenerie.

Die Statistik der Hiroshimaopfer wird nie vollständig zu erfassen sein, und sie ist auch heute noch nicht abgeschlossen. Bis Dezember 1950 wurden zweihundertachtzigtausend Tote gezählt. 50 Prozent der Opfer sind am Tage des Verbrechens umgekommen, 35 Prozent in den folgenden drei Monaten, 15 Prozent seit November 1945. Aber Jahr für Jahr sterben weitere; und jedesmal am 6. August muß der schwarze Schrein unter dem Grabmal für die Atombombenopfer geöffnet und eine neue Liste mit Namen hinzugefügt werden. Zwischen der Stunde Null und Dezember 1954 sind in Hiroshima 32.179 Kinder geboren worden, davon jedes sechste tot oder mißgestaltet, ohne Augen, ohne Gehirn oder ohne Gliedmaßen. An jenem 6. August 1945 kennt die Welt diese Statistik des Grauens noch nicht, aber die Verantwortlichen suchen sie schon zu errechnen.

lachender PilotDer lachende Pilot – zurück vom Massenmord

Auf Tinian werden die zurückkehrenden Piloten mit Whisky bewirtet und als Helden gefeiert. Einer beginnt zu begreifen, was er als Werkzeug getan hat. Er wird von diesem Gedanken nicht mehr wegkommen und eines Tages daran zerbrechen. Auf dem Kreuzer »Augusta« triumphiert Truman, der sich gerade auf der Heimreise von der Potsdamer Konferenz befindet: »Das ist das größte Ereignis der Geschichte.«

Quelle: Percy Stulz, Schlaglicht Atom, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1973, S.173ff.

Diese erschütternden Tatsachen sind nur eine Folge einer menschenverachtenden Politik und des skrupellosen Umgangs des Imperialismus mit der Kernenergie.
Umweltinstitut München: „Der Wahnsinn nimmt kein Ende.“

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