Die Befreiung Polens vom deutschen Faschismus 1944

Stalin_Bierut„Wenn seit Jahrhunderten gesagt wird, die Geschichte sei eine Lehrmeisterin des Lebens, dann gilt das vor allem für die neueste Geschichte. Die Ereignisse der letzten Jahrzehnte stehen jeder Gesellschaft näher als die der vergangenen Jahrhunderte. Besonders aus der neuesten Geschichte müssen wir Lehren für unser Wirken ziehen, lernen, was zu tun und was zu vermeiden ist.“ (Władysław Góra)

Text auf dem Plakat (Stalin und Bierut): Die polnisch-sowjetische Freundschaft, das ist Frieden, Unabhängigkeit, ein glückliches Morgen unseres Vaterlandes.

Die Befreiung der östlichen Gebiete Polens im Sommer 1944

Am 23. und 24. Juni 1944 begann die Sowjetarmee eine große Offensive, die Belorussische Operation, die zum Zusammenbruch des Widerstandes der faschistischen deutschen Truppen an einem breiten Frontabschnitt und zur Befreiung Belorußlands führte. Die Zerschlagung der Hauptkräfte der deutschen Heeresgruppe Mitte Anfang Juli 1944 ermöglichte weitere offensive Operationen im Raum zwischen dem Fluß Pripjat und den Karpaten. Am 13. Juli rückten die Truppen der 1. Ukrainischen Front unter dem Kommando des Marschalls der Sowjetunion I. S. Konew in Richtung Lwów—Sandomierz und am 18. Juli die Einheiten der 1. Belorussischen Front unter Armeegeneral K. K. Rokossowski in Richtung Brest—Warschau erfolgreich vor.

Der Kampf um die Befreiung Warschaus

Zwei Tage später, am 20. Juli 1944, erreichten die sowjetischen Streitkräfte den Bug und betraten nach der Überschreitung des Flusses polnischen Boden. Am 22. Juli befreiten sie Chełm und in der Nacht vom 23. zum 24. Juli Lublin. Am 25. Juli erreichten sowjetische Panzereinheiten die Wisła in der Gegend von Dęblin und rückten am Ostufer des Flusses nach Norden — in Richtung Warschau — vor. Im Vorfeld von Warschau stießen sie jedoch auf den erbitterten Widerstand faschistischer Panzereinheiten; ein Umgehungsversuch scheiterte. Die sowjetische 2. Panzerarmee erlitt hohe Verluste und mußte hier am 1. August zu schweren Abwehrkämpfen übergehen. Weiter nördlich gingen die Truppen der 2. Belorussischen Front unter Generaloberst G. F. Sacharow am 25. Juli zur Offensive über und befreiten am 27. Juli Białystok. Gleichzeitig überschritten die Streitkräfte der 1. Ukrainischen Front den San. Sie befreiten am 28. Juli Jarosław und Przemysł, am 29. Juli Rzeszów; dann wandten sie sich in Richtung Sandomierz, um Brückenköpfe auf dem Westufer der Wisła zu errichten. Zwischen August und Dezember 1944 verlagerte sich der Schwerpunkt der Partisanenkämpfe auf das Westufer der Wisła, vor allem in das Gebiet der Wojewodschaft Kielce.

Polnisch-Sowjetische Waffenbrüderschaft

Die übergroße Mehrheit der Bevölkerung begrüßte den Vormarsch der sowjetischen Armeen und der Divisionen der polnischen Volksarmee freudig. Ungeachtet der verleumderischen Agitation des „Londoner“ Untergrunds, die Befreiung Polens sei „eine neue sowjetische Okkupation“, empfingen Bauern und Arbeiter, Erwachsene und Kinder ihre Befreier tiefbewegt mit Freudentränen, errichteten improvisierte Triumphbögen und begrüßten die Soldaten mit Blumen. In Lublin, Rzeszów, Przemyśl und Stalowa Wola, in Hunderten von Kleinstädten, Siedlungen und Dörfern versammelten sich die Einwohner, um die Befreier willkommen zu heißen.

polen1Mit der Befreiung eines Teils der polnischen Gebiete entstand eine neue Situation. Es verbreitete sich eine Atmosphäre der Erleichterung und tief empfundenen Freude nicht nur bei den Anhängern der neuen, der Volksmacht, sondern auch bei Menschen, die bisher abseits gestanden hatten, und bei einem Teil derer, die unter dem Einfluß des „Londoner Lagers“ standen und sowohl den demokratischen Kräften Polens als auch der Sowjetunion negativ, ja sogar feindlich gegenüberstanden. Das neue Klima zeigte sich auch darin, daß sich Arbeiter und Bauern spontan zur Armee meldeten, daß die große Mehrheit der Angestellten, der Eisenbahner und der Lehrer sowie geschlossene Belegschaften in den geretteten oder teilweise zerstörten Fabriken, Betrieben und Institutionen sofort die Arbeit aufnahmen.

Die Nazis brannten noch zahlreiche Dörfer nieder

Im Ergebnis der Offensive der Sowjetarmee und der an ihrer Seite kämpfenden Einheiten der Polnischen Armee (AL)* wurden polnische Gebiete in einem Ausmaß von etwa 78.000 Quadratkilometern mit einer Bevölkerungszahl von 5,6 Millionen Menschen befreit. Die befreiten Gebiete befanden sich infolge der Kriegszerstörungen in einem überaus beklagenswerten Zustand. Die zurückweichenden deutschen Truppen hatten verbissenen Widerstand geleistet, Dörfer und Siedlungen zerstört und die Bevölkerung mitleidslos hingemordet. Wenngleich das Tempo der sowjetischen Offensive den deutschen Faschisten die Anwendung der Taktik der „verbrannten Erde“ in großem Umfang unmöglich machte, so war dennoch die Lage der Bevölkerung in den Kampfgebieten und besonders im Bereich von Brückenköpfen geradezu katastrophal. In den befreiten Wojewodschaften Białystok und Rzeszów waren zahlreiche Dörfer völlig niedergebrannt, der faschistische Krieg hatte den Besitz ganzer Generationen vernichtet. Innerhalb des Brückenkopfs Sandomierz bestand Epidemiegefahr.

polen2Doch trotz dieser außerordentlich schwierigen Situation begann die schnelle Wiedergeburt des gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Lebens. Als neue Organe der örtlichen Volksmacht nahmen die Nationalräte, die teils bereits in der Illegalität bestanden hatten, teils neu gebildet wurden, ihre Arbeit auf.

Das Polnische Komitee der Nationalen Befreiung übernimmt die Macht

Am 26. Juli 1944 wurde in Moskau eine Vereinbarung zwischen der Sowjetregierung und dem Polnischen Komitee der Nationalen Befreiung über die gegenseitigen Beziehungen zwischen dem Oberbefehlshaber der Roten Armee und der polnischen Verwaltung in den befreiten Gebieten unterzeichnet. Darin war festgelegt, daß in frontnahen Gebieten die oberste Gewalt in dem Maße, wie das zur Durchführung der militärischen Operationen notwendig war, sich in den Händen des sowjetischen Oberkommandos befand und sich die dem Polnischen Komitee der Nationalen Befreiung (PKWN) unterstehenden Verwaltungsorgane von der polnischen Gesetzgebung leiten zu lassen hatten. In den befreiten Gebieten, die nicht mehr in der Kampfzone lagen, sollte die gesamte Macht durch das PKWN ausgeübt werden. Nach dessen Weisungen entstanden dort die Organe der örtlichen Verwaltung. Das PKWN übernahm auch die Verantwortung für die Sicherung der Zusammenarbeit in militärischen Fragen zwischen den polnischen Machtorganen und dem sowjetischen Oberkommando. Die Verbindung zwischen dem Obersten Befehlshaber der Roten Armee und dem PKWN sollte über die Polnische Militärmission in Moskau und in den Gebieten unmittelbarer militärischer Operationen durch Bevollmächtigte des PKWN und die Oberbefehlshaber der Fronten hergestellt werden.

Das befreite Polen — ein Bündnispartner der Sowjetunion

In einer an das PKWN gerichteten Erklärung des Volkskommissariats für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR vom 26. Juli hieß es: Die Sowjetregierung betrachte die Kriegshandlungen der Roten Armee auf polnischem Territorium „als Operationen auf dem Gebiet eines souveränen, befreundeten und verbündeten Staates“. Deshalb „beabsichtigt die Sowjetregierung nicht, auf dem Territorium Polens eigene Verwaltungsorgane einzurichten; dies hält sie für eine Angelegenheit des polnischen Volkes selbst“. (Внешная политика Советского Союза в период отечественной войны, т.2, 1944, М. 1946, С.156)

Am 1.August erhielt der Vorsitzende des PKWN ein offizielles Schreiben des Volkskommissars für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR, das die Anerkennung des PKWN durch die Sowjetunion bestätigte. Kurz danach tauschten beide Staaten ihre diplomatischen Vertreter aus; Handels- und Kreditvereinbarungen wurden unterzeichnet, die die Wiederaufnahme der Produktion in den polnischen Betrieben und eine bessere Versorgung der Bevölkerung erleichterten.

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Das Manifest des PKWN – die Geburtsurkunde der Volksrepublik Polen

Einvernehmliche Regelung des künftigen Grenzverlaufs

Zwischen dem PKWN und der Sowjetregierung wurde am 26. Juli 1944 auch eine vorläufige Vereinbarung über die Grenze zwischen Polen und der UdSSR unterzeichnet. Die sowjetische Seite sicherte dem PKWN einen für Polen günstigen Grenzverlauf im ehemaligen Ostpreußen und im Urwaldgebiet von Białowieża (Puszcza Białowieska) zu. Außerdem erklärte sich die Sowjetregierung bereit, die polnischen Forderungen hinsichtlich des Verlaufs der Westgrenze Polens an der Oder und der Lausitzer Neiße, unter Einschluß von Wrocław und Szczecin, zu unterstützen. Diese Verpflichtung der Sowjetregierung wurde in einer Vereinbarung fixiert, die jedoch nichtoffiziellen Charakter trug und damals auch nicht veröffentlicht wurde. Ihren Standpunkt zur Frage der Westgrenze Polens mußte die Sowjetregierung nämlich mit den Regierungen Großbritanniens und der USA abstimmen; andererseits erschien eine Präzisierung territorialer Veränderungen noch vor Beendigung des Krieges aus verschiedenen Gründen nicht zweckmäßig. Dennoch erfolgte auf der Grundlage der genannten vorläufigen Vereinbarung die faktische Festlegung der neuen Grenze zwischen Polen und der UdSSR. (S.24f.)

Quelle: Władysław Góra, Volksrepublik Polen, Ein Abriß, VEB Verlag Deutscher Wissenschaften Berlin, 1979.

Anmerkungen:

* Die Armija Ludowa (AL) war die um die Befreiung vom Hitlerfaschismus kämpfende Partisanenarmee, die am 1.1.1944 durch den Landesnationalrat (Krajowa Rada Narodowa – KRN) ins Leben gerufen wurde, dem sie auch in der Folgezeit unterstand.

Am 16. August 1945 schlossen Polen und die UdSSR ein Abkommen ab, das die Ostgrenzen Polens in Übereinstimmung mit den früheren Vereinbarungen und Verpflichtungen festlegte. Etwas später wurden auch die strittigen Fragen zwischen Polen und der Tschechoslowakei geregelt, und am 6.7.1950 wurde in Zgorzelec das Abkommen über die Markierung der Staatsgrenze zwischen der DDR und der VR Polen unterzeichnet („Oder-Neiße-Friedensgrenze“). Damit war die Herausbildung der Territorialgrenzen des volksdemokratischen polnischen Staates abgeschlossen. Dann allerdings hatte die neugegründete Volksrepublik Polen, neben allen zu bewältigenden Kriegsfolgen, mit dem wütenden Terror, der Diversion und Hetze der reaktionären Kräfte (Exilregierung, katholische Kirchenhierarchie, radikale Bauerführer usw.) zu kämpfen…

Siehe auch:
Der Geschichtsrevisionismus in Polen und die wahre Geschichte der Befreiung 1944

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2 Antworten zu Die Befreiung Polens vom deutschen Faschismus 1944

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