Albert Norden: Fälscher der Geschichte

Mit einer Mischung aus Lügen und Halbwahrheiten werden auch heute noch je nach Bedarf Meinungen und Stimmungen in der Bevölkerung manipuliert. Das ist nicht neu, denn Betrügereien und Fälschungen sind ein Wesensmerkmal des Kapitalismus. Gerade auf deutschem Boden trieb die Fälscherei besonders giftige Blüten. Daher liegt es nahe, hier einmal an Albert Norden zu erinnern, der darüber bereits 1959 – für uns heute erstaunlich aktuell – in seinem Buch „Die Fälscher“ schrieb:

Die internationale Politik zwischenrote fahne den beiden Weltkriegen stand vor allem im Zeichen der Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus, eines Kampfes, der auf zwischenstaatlicher Ebene die Sowjetunion zur Zielscheibe immer neuer imperialistischer Angriffe und Intrigen machte und national zwischen den herrschenden Klassen und der Arbeiterbewegung der einzelnen Länder ausgetragen wurde. Bis 1917 predigten die Ideologen des Kapitalismus, daß dieser, wenn nicht die beste, so doch die einzig mögliche, höchstens noch zu verbessernde Gesellschaftsordnung, der Sozialismus aber einfach Phantasterei sei, gepredigt von bewußten Volksverführern und lebensfremden Schwarmgeistern.

Lügen über die Sowjetunion

Als 1917 dem Sozialismus der große Sprung zur Tat gelang, als er auf einem Sechstel des Erdballs Wirklichkeit wurde und die Militärintervention zerschlug, die ihn in der Wiege ersticken sollte, da sah sich der Imperialismus gezwungen, sein Arsenal zu ergänzen. Zwischen zwei Militäroffensiven, die erste, die gescheitert, und die zweite, die erträumt war, trat die Etappe der Vorbereitung. In ihr wurde die große Lüge zur permanenten Waffe gegen die Sowjetunion. Von der leichten Kavallerie relativ kleiner Schwindeleien über die angeblichen Fehlschläge sowjetischer Wirtschaftsunternehmen bis zu schweren Verleumdungstanks von der „Sozialisierung der Frauen“, der „Knechtung und Ausbeutung der russischen Arbeiter“ oder etwa den beliebten „Ratten, die sich durch die Körper der politischen Gefangenen des Sowjetregimes durchfressen“, schien das Arsenal übelriechender Lügen unerschöpflich.

Die Waffe der Lüge stumpft ab

Die Lügen allein taten es nicht. Wie oft hatte man den unvermeidlichen Untergang der Sowjetmacht prophezeit! Welch ein Heer von Zahlen war jahrelang aufgeboten worden, um ihre Lebensunfähigkeit zu bezeugen! Aber sie lebte immer noch. Ja, sie wurde stärker und wuchs und überwand die Schäden und Folgen von sieben Jahren Krieg und Bürgerkrieg. Es konnte nicht ausbleiben, daß die Sonnenstrahlen der sozialistischen Wirklichkeit das schwarze Lügengewölk zerteilten und daß immer größere Arbeiterscharen der Wahrheit innewurden. Je länger, je mehr stumpfte die Waffe der Lüge ab.

Ein neues Stadium des Lügenfeldzuges

In dieser Periode seit den frühen zwanziger Jahren, in der die Lüge allein nicht mehr ausreichte und die neue bewaffnete Intervention noch nicht unmittelbar auf die Tagesordnung gestellt werden konnte, trug die Dokumentenfälschung beträchtlich zur Verschärfung der internationalen Lage bei. Bei ihr handelte es sich um eine neue Variante des Lügenfeldzuges. Plötzlich tauchten in der kapitalistischen Öffentlichkeit Anordnungen und Briefe aus Sowjetministerien und der Kommunistischen Internationale auf, die den Empfängern — seien es kommunistische Parteien oder einzelne Persönlichkeiten in den kapitalistischen Ländern — die Verübung aufrührerischer oder anderer gesetzwidriger Aktionen anbefahlen. Es bedurfte in der Regel keines sehr scharfen Auges, um die Fälschung zu erkennen. Aber ein Teil der imperialistischen Welt griff gierig zu in der Meinung, hier ein probates Mittel zur Verhinderung normaler Beziehungen mit der Sowjetunion und zur Verfolgung der Arbeiterbewegung des eigenen Landes gefunden zu haben.

Gefälschte Briefe und falsche Dokumente

Das klassische folgenschwere Beispiel dieser Art lieferte der sogenannte Komintern-Brief, den die englischen Konservativen 1924 erfolgreich benutzten, um eine antisowjetische Kampagne zu entfesseln; er trug dazu bei, der Labour Party bei den Wahlen am 8. Oktober eine Niederlage beizubringen. Die nicht zuletzt dank dieser Fälschung zur Macht gekommene konservative Regierung verhinderte lange Zeit das Inkrafttreten eines vor den Wahlen abgeschlossenen englisch-sowjetischen Handelsvertrages. Der Brief, aus Moskau datiert und in plumper Weise den englischen Kommunisten „revolutionäre“ Direktiven erteilend, ist natürlich nie in Moskau und überhaupt von keinem Kommunisten geschrieben, sondern von antisowjetischen Zirkeln zusammengestümpert worden. Wer diesen „Komintern-Brief“ fabrizierte, ist bis auf den heutigen Tag nicht endgültig geklärt. Verschiedene zaristische Emigrantenklüngel stritten sich um die zweifelhafte Ehre der Urheberschaft. Der Schreiber dieser Zeilen war Zeuge, wie sich 1929 ein Staatsanwalt des Zaren, Wladimir Orlow, vor einem deutschen Gericht rühmte, das Bubenstück in Berlin durchgeführt zu haben.

Lügen als Basis der Außenpolitik

Was sich aber etwa zwischen 1925 und 1950 unter der Oberfläche offiziell normaler Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion zutrug, wie antisowjetische Verbrechen in der Treibhausluft der unaufrichtigen Stresemannschen Außenpolitik gediehen, darüber zu informieren ist dringlich (zumal sich die westdeutsche Geschichtsschreibung über dieses Thema in allen Tönen ausschweigt, obwohl sie jener Periode wahrhaftig nicht wenige Publikationen widmet). Denn wenn die zweideutige deutsche Außenpolitik jener Phase der Weimarer Republik die schwarzen Untaten der dunklen antisowjetischen Gestalten ermöglichte, so bereitete sie damit dem offenen Kriegskurs des Hitlerfaschismus das Feld.

Es ist aber auch überaus aktuell, diesen Vorgängen Aufmerksamkeit zu schenken, weil man in der westdeutschen Politik der Gegenwart auf Schritt und Tritt antisowjetischen und antikommunistischen Fälschungen begegnet, wie sie vor einer Generation die Welt beunruhigten.

Quelle:
Albert Norden, Fälscher Zur Geschichte der deutsch-sowjetischen Beziehungen, Dietz Verlag Berlin, 1965, S.9ff. (Auszug)

Siehe auch:
Pressekonferenz über die Fälschungen in Moskau
Solzhenizyns Lügen im Archipel GULag
Sieben Millionen für einen Fälscher…

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5 Antworten zu Albert Norden: Fälscher der Geschichte

  1. Vorfinder schreibt:

    Danke! Dies ist eines der Bücher, welches in den Schulunterricht gehört. Allerdings wissen wir, dass wir dafür erst die Schulen befreien müssen!

  2. Harry 56 schreibt:

    Von Albert Norden gibt es einige sehr gute Bücher, auch wenn in seinen späteren Veröffentlichungen die geschichtliche Persönlichkeit J.W. Stalin LEIDER nur noch in der einen oder anderen Fußnote vorkommt.

    Es sollte uns wirklich allen hier klar sein, dass die heutigen besitzenden Klassen, die heutige Plutokratie und alle deren gefrässigen Staats-, Wirtschafts- und Medienlakaien keinerlei Interesse daran haben können, derartige wahrlich informativen Bücher in den Schulen den heranwachsenden Menschen nahe zu bringen.(Wie gefährlich eventuell für sie!)

    Unwahrheit, Lügen, darunter gerade auch die wildesten Geschichtsfälschereien dienen immer dem Zweck, die heutigen, die (übrigens überall!)gerade aktuellen jeweiligen Herrschaftsverhältnisse zu verschleiern, zu beschönigen, als beinahe sakrosankt darzustellen.

    Die Schulen werden erst dann wieder – so wie etwa ab 1946 zunächst vor allem Dank der Roten Armee(!) in der SBZ und späteren DDR – befreit werden können, wenn die Masse der wirklich werktätigen Menschen sich zunächst von seinen parasitären Drohnen, Parasiten, Plutoktaten und allen deren „dienstbeflissenen“ Schergen, Stiefel- und Arschableckern, befreit hat.

    Vorher sind alle frommen Wünsche oder „Forderungen“ an die aktuell Herrschenden und deren Personal nach ganz viel wirklich guter und umfassender, wahrheitsgemäßer Bildung FÜR ALLE nur Schall und Rauch, ohnmächtiges, im Grunde nur sich selbst erniedrigendes Getue und Gehabe.

    Beste soz. Grüße an alle hier! 🙂

  3. M. Lewy schreibt:

    Auch Norden selber war ein aktiver Fälscher und Geschichtsklitterer. Die Fälle sind belegt. Auch das darf nicht unerwähnt bleiben.

  4. Pingback: Milliardenbetrug: Die Goldfälscher in den USA | Sascha's Welt

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