Was ist eigentlich Ausbeutung?

Sozialpartner

Sozialpartner…

Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen begann mit der Entstehung des Privateigentums an Produktionsmitteln. In dem Maße, wie es gelang, mehr Produkte herzustellen, als für die Sicherung der Existenz des Produzenten unmittelbar erforderlich waren (also ein Mehrprodukt), konnten sich einige Mitglieder der Gesellschaft dieses Mehr an Produktion – zum Beispiel kraft ihrer weltlichen oder religiösen Führungsstellung – aneignen. So konzentrierten sich allmählich die materiellen Bedingungen der Produktion, die Produktionsmittel, in den Händen einer Klasse, der Ausbeuter. Ausbeuter können sich folglich die Resultate der Arbeit der Ausgebeuteten aneignen, weil sie allein die sachlichen Bedingungen der Produktion – den Boden, die Rohstoffe, die Werkzeuge und Maschinen, die Fabriken und Gruben besitzen.

Im Verlauf der menschlichen Geschichte standen sich so Sklaven und Sklavenhalter, leibeigene Bauern und Feudalherren gegenüber, und mit der Herausbildung des Kapitalismus sind Lohnarbeiter und Kapitalisten die sich unversöhnlich gegenüberstehenden Klassen. Sie müssen in ökonomische Beziehungen zueinander treten, sie sind aufeinander angewiesen, solange diese Gesellschaft besteht.

Wie entsteht nun Kapital?

Wenn ein Kapitalist Geld in Kapital [1] verwandelt und im Produktionsprozeß anwendet, so verfolgt er ein einziges Ziel: sein Kapital ständig zu vermehren, zu verwerten – und zwar schneller und in größerem Umfang als seine Konkurrenten. Verwerten kann sich das Kapital allerdings nur, wenn im Arbeitsprozeß menschliche Arbeit geleistet wird, wenn die Arbeitskraft des Menschen Werkzeuge und Maschinen in Bewegung setzt, Rohmaterial bearbeitet.
Fabrik Geld
Ohne Lohnarbeit ist keine Kapitalverwertung, kein Profit für den Kapitalisten möglich. Der Lohnarbeiter wiederum ist auf den Kauf seiner Arbeitskraft durch den Kapitalisten angewiesen. Als Lohnarbeiter ist er zwar frei von den feudalen Fesseln, die seine leibeigenen Vorfahren banden, aber auch „frei“ jeglicher Produktionsmittel. Will er produzieren, seinen Lebensunterhalt erwerben, so muß er das bei demjenigen tun, der diese Produktionsmittel besitzt, beim Kapitalisten. »Zur Verwandlung von Geld in Kapital muß der Geldbesitzer also den freien Arbeiter auf dem Warenmarkt vorfinden, frei in dem Doppelsinn, daß er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, daß er andrerseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen.« [2]

Die verlogene These von der „Sozialpartnerschaft“

Kapitalisten und Lohnarbeiter sind formell gleichgestellt. Daran knüpfen alle jene bürgerlichen Theorien von der angeblichen »Sozialpartnerschaft« beider an. Weil sie »gemeinsame Interessen« hätten, müßten sie in komplizierten Situationen »zusammenstehen« und zum Beispiel in der gegenwärtigen Krise »Opfer bringen«. Das Opfer der Arbeiter müsse darin bestehen, keine oder geringe Lohnforderungen zu stellen, zumindest geringere als es die inflationsbedingten Preissteigerungen erfordern würden. Die reale Kaufkraft, der Reallohn des Lohnarbeiters soll sich also vermindern. Das »Opfer« der Kapitalisten bestünde darin, den so zusätzlich erhaltenen Profit nach eigenem Gutdünken zu verwenden. Aber die Kapitalisten haben das Monopol über die Produktionsmittel und Existenzmittel der Arbeiter, während die Arbeiter im Verkauf ihrer Arbeitskraft ihre einzige Erwerbsquelle haben.

Schon Marx hat sich mit den verlogenen Behauptungen bürgerlicher Ideologen von einer angeblichen Interessengleichheit auseinandergesetzt: »Solange der Lohnarbeiter Lohnarbeiter ist, hängt sein Los vom Kapital ab. Das ist die vielgerühmte Gemeinsamkeit des Interesses von Arbeiter und Kapitalist.« [3] Marx wies auch nach, daß der Arbeiter nicht, wie das Kapital behauptet, seine Arbeit verkauft und in Form des Lohnes bezahlt erhält, sondern seine Arbeitskraft [4]. Dieser Unterschied ist sehr wesentlich. Denn nur die Anwendung dieser besonderen Ware, der Ware Arbeitskraft, im Produktionsprozeß sichert die Aneignung des Mehrproduktes durch den Kapitalisten.

Die Arbeitskraft ist eine Ware

Im Kapitalismus hat auch die Arbeitskraft des Menschen – wie jede andere Ware – einen Gebrauchswert und einen Wert. Ihr Wert ist durch den Wert jener Existenzmittel, im weitesten Sinne des Wortes (Nahrung, Kleidung, Wohnung, Bildung, Dienstleistungen usw.) bestimmt, die notwendig sind, um die verausgabte Arbeitskraft zu produzieren und immer wieder zu reproduzieren.
Ware Arbeitskraft
Zu berücksichtigen ist außerdem: »Im Gegensatz zu den andren Waren enthält… die Wertbestimmung der Arbeitskraft ein historisches und moralisches Element.« [5] Das historische Element ergibt sich aus den konkreten Bedingungen, unter denen sich die Arbeiterklasse eines Landes herausgebildet hat und sich ständig weiter entwickelt. Unter dem moralischen Element ist die Kampfkraft der Arbeiterklasse zu verstehen – insbesondere ihr entschlossenes, bewußtes Handeln in der Klassenauseinandersetzung mit der Bourgeoisie, vor allem auch angesichts des Einflusses des Sozialismus, seiner Vorbildwirkung. Welcher große Vorzug ist zum Beispiel die Garantie eines Arbeitsplatzes für jeden arbeitenden Menschen im Sozialismus. Bei uns in der DDR war die Vollbeschäftigung eine der größten Errungenschaften der sozialistischen Revolution.

Was den Kapitalisten an der Ware Arbeitskraft interessiert, ist ihr Gebrauchswert. Er kauft sie und wendet sie an, weil sie eine ganz spezielle, für das Kapital verlockende Eigenschaft besitzt: Sie kann im Produktionsprozeß mehr Wert erzeugen, als sie selbst hat. »Der Arbeiter erhält im Austausch gegen seine Arbeitskraft Lebensmittel, aber der Kapitalist erhält im Austausch gegen seine Lebensmittel Arbeit, die produktive Tätigkeit des Arbeiters, die schöpferische Kraft, wodurch der Arbeiter nicht nur ersetzt, was er verzehrt, sondern der angehäuften Arbeit einen größern Wert gibt, als sie vorher besaß.« [6]

Die Differenz zwischen dem Wert der Arbeitskraft und dem in der Produktion geschaffenen Neuwert [7] ist der Mehrwert [8], er allein veranlaßt den Kapitalisten, Lohnarbeiter zu beschäftigen, auszubeuten. Je geringer der Teil des produzierten Wertes ist, den der Arbeiter zur Wiederherstellung seiner Arbeitskraft erhält, desto größer ist jener Teil, den der Kapitalist als Mehrwert einstreicht. Zwangsläufig ist deshalb das Kapital stets bestrebt, den Arbeitslohn [9] möglichst niedrig zu halten. Ohne die Mittel des Arbeitskampfes, des gewerkschaftlichen Widerstandes »erhält der Arbeiter nicht einmal das, was ihm nach den Regeln des Lohnsystems zusteht« [10], schrieb Friedrich Engels.

Kapitalistische Ausbeutung heißt also: Die Kapitalisten eignen sich einen Teil der Arbeitsergebnisse der Lohnarbeiter unentgeltlich an.

Niemals steht für den kapitalisten im Vordergrund seiner Überlegungen, mit seiner Produktion bestimmte Bedürfnisse der Gesellschaft nach gebrauchswerten zu befriedigen. Die Bedürfnisse sind wie die Produktion nur Mittel zum Zweck, und dieser Zweck ist der höchstmögliche Mehrwert. Bedürfnisse können für den Zweck manipuliert werden.

Anmerkungen und Zitate:
[1] a) »Auch das Kapital ist ein gesellschaftliches Produktionsverhältnis. Es ist ein bürgerliches Produktionsverhältnis…« (Karl Marx: Lohnarbeit und Kapital. In: MEW, Bd.6, S.408.)
b) »Produktions- und Lebensmittel, als Eigentum des unmittelbaren Produzenten, sind kein Kapital. Sie werden Kapital nur unter Bedingungen, worin sie zugleich als Exploitations- und Beherrschungsmittel des Arbeiters dienen.« (Karl Marx: Das Kapital. Erster Band. In: MEW, Bd.23, S.794.)
c) »…der Lebensprozeß des Kapitals besteht nur in seiner Bewegung als sich selbst verwertender Wert.« (Ebenda, S.329.)
[2] Karl Marx: Das Kapital. Erster Band. In: MEW, Bd.23, S.183.
[3] Karl Marx: Lohnarbeit und Kapital. In: MEW, Bd.6, S.411.
[4] Siehe ebenda, S.399.
[5] Karl Marx: Das Kapital. Erster Band. In: MEW, Bd.23, S.185.
[6] Karl Marx: Lohnarbeit und Kapital. In: MEW, Bd.6, S.409.
[7] Neuwert ist der im Produktionsprozeß neu geschaffene Wert. Er setzt sich zusammen aus dem Lohn und dem Mehrwert. Auf die Volkswirtschaft bezogen ist der in einem Jahr geschaffene Neuwert das Nationaleinkommen.
[8] Mehrwert ist der Wertteil, der aus der von Kapitalisten unentgeltlichen angeeigneten Mehrarbeit der Proletarier entspringt. Sie wird in der Mehrarbeitszeit geleistet, die über die zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft notwendige Arbeitszeit hinausgeht.
[9] Arbeitslohn »Der Arbeitslohn ist… der Preis einer bestimmten Ware, der Arbeitskraft.« (Ebenda, S.402.) Der Arbeiter erhält in der Regel die notwendige Arbeitszeit, in der er den Wert seiner Arbeitskraft produziert, in Form des Arbeitslohnes bezahlt.
[10] Friedrich Engels: Das Lohnsystem. In: MEW, Bd.19, S.253.

indexNachzulesen im „Kapital“ von Karl Marx.
Weiterlesen –> Der tendenzielle Fall der Profitrate

Zitiert nach: Studienhinweise zum Parteilehrjahr der SED 1982/83, S.39-46.

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3 Antworten zu Was ist eigentlich Ausbeutung?

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