Robert Merle: Die Psyche eines Faschisten

Merle TodIn der DDR gehörte es sozusagen zur Pflichtliteratur, das Buch von Robert Merle: „Der Tod ist mein Beruf“. Es wurde in hohen Auflagen gedruckt und war in der DDR ein gewichtiger der Teil der Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus und der Überwindung der braunen Nazi-Ideologie nach 1945. Denn der Geist der Nazis spukte noch immer in den Köpfen vieler Menschen herum: das Unfaßbare dieser Verbrechen der Nazis und die oft noch weniger vorstellbare, weil innere Widersprüchlichkeit der Täter – der Typ eines eiskalten und brutalen SS-Schergen, der sich in seinem Privatleben als „treusorgender Familienvater“ aufführte. Daß dies auch heute möglich ist, dafür gibt es zahlreiche Beispiele. Fehlendes Unrechtsbewußtsein, die kaltschnäuzige Überzeugung, mit völligem Recht so zu handeln, das Bewußtsein, sich in Übereinstimmung mit seiner bürgerlichen Klasse zu befinden, spielen eine große Rolle in der Psyche eines Faschisten.

In der Nachbemerkung zu seinem Roman schrieb Robert Merle:

Unmittelbar nach 1945 erschienen in Frankreich viele erschütternde Zeugnisse über die Todeslager jenseits des Rheins. Aber diese Blüte war von kurzer Dauer. Die Wiederaufrüstung in Westdeutschland signalisierte den Niedergang der Konzentrationslagerliteratur. Die Erinnerungen an das Totenhaus standen der Politik des Westens im Wege: man verdrängte sie. Als ich, von 1950 bis 1952, an meinem Roman „Der Tod ist mein Beruf“ arbeitete, war mir bewußt: ich schrieb ein Buch gegen den Strom. Mehr noch: mein Buch war schon aus der Mode, bevor es geschrieben war. Es hat mich daher nicht verwundert, wie die Kritik das Buch aufgenommen hat. Genau so, wie ich es erwartet hatte. Die wirksamsten Tabus sind jene, die ihren Namen verschweigen. Von diesem Echo der Kritik kann ich heute ohne Bitterkeit sprechen, denn von 1952 bis 1972 hat es meinem Roman nicht an Lesern gefehlt. Nur ihr Alter hat gewechselt: die ihn heute lesen, sind nach 1945 geboren. „Der Tod ist mein Beruf“ ist für sie „ein Buch der Geschichte“. Und ich gebe ihnen weitgehend recht.

Rudolf Lang hat existiert. Er hieß in Wirklichkeit Rudolf Höß und war Lagerkommandant von Auschwitz. Das Wesentliche aus seinem Leben ist uns durch den amerikanischen Psychologen Gilbert bekannt, der ihn während des Nürnberger Prozesses in seiner Zelle befragte. Das Resümee dieser Gespräche – das mir Gilbert zur Verfügung stellte – ist insgesamt unendlich viel enthüllender als die Beichte, die Höß selbst später in seinem polnischen Gefängnis niedergeschrieben hat.


Hier nun drei kurze Auszüge aus diesem Buch:

Eines Abends nach dem Essen saß ich vor dem Küchenofen und war dabei, mir eine Pfeife zu stopfen (ich war seit kurzem dazu übergegangen), und sie saß strickend auf einem niedrigen Stuhl neben mir, als sie plötzlich ihr Gesicht in den Händen verbarg und in Schluchzen ausbrach.
Ich sagte zärtlich: „Aber, Elsie!“
Ihr Schluchzen wurde stärker. Ich stand auf, nahm mit der Feuerzange ein Stückchen Glut aus dem Ofen und legte es auf den Tabak. Als er brannte, schüttelte ich die Pfeife leicht über dem Feuer, damit die Glut wieder herunterfiel.
Das Schluchzen hörte auf, ich setzte mich wieder und sah zu Elsie hinüber. Sie tupfte sich die Backen mit ihrem Taschentuch ab. Als sie damit fertig war, knäulte sie es zusammen, steckte es in ihre Schürzentasche und nahm ihre Strickerei wieder auf.
Ich sagte sanft: „Elsie.“
Sie blickte auf, und ich fuhr fort: „Kannst du es mir erklären?“
Sie sagte: „Ach, es ist weiter nichts.“
Ich sah sie an, ohne etwas zu sagen, und sie wiederholte: „Es ist weiter nichts.“
Ich glaubte, sie wolle wieder zu weinen anfangen. Ich sah sie an. Sie mußte wohl verstehen, daß ich wirklich eine Erklärung wünschte, denn nach einer Weile sagte sie, ohne aufzublicken und ohne mit Stricken aufzuhören: „Ich habe nur das Gefühl, daß du mit mir nicht zufrieden bist.“
Ich erwiderte lebhaft: „Was für ein Gedanke, Elsie! Ich habe dir nichts vorzuwerfen, das weißt du doch.“
Sie schnüffelte wie ein kleines Mädchen, zog dann von neuem ihr Tuch aus der Schürzentasche und schneuzte sich.
„Oh, ich weiß wohl, daß ich bei der Arbeit tue, was ich kann. Aber das ist es nicht, was ich meine.“
Ich wartete, und nach einer Weile sagte sie, ohne die Augen zu erheben: „Du bist mir so fern.“
Ich sah sie an; endlich hob sie den Kopf, und unsere Blicke trafen sich.
„Was willst du damit sagen, Elsie?“
„Du bist so schweigsam, Rudolf.“
Ich dachte darüber nach und sagte: „Aber du auch, Elsie, du bist auch nicht redselig.“
Sie legte das Strickzeug auf ihre Knie und lehnte sich im Stuhl weit zurück, wobei sie ihren Körper nach vorn schob, als ob der Unterleib ihr Beschwerden mache.
„Bei mir ist es nicht dasselbe. Ich schweige, weil ich darauf warte, daß du sprichst.“
Ich sagte leise: „Ich bin nicht redselig, das ist alles.“
Es folgte ein Schweigen, dann begann sie wieder: „Ach, Rudolf, glaube ja nicht, daß ich dir Vorwürfe machen will. Ich versuche es nur zu erklären.“
Ich fühlte mich durch ihren Blick verwirrt, senkte die Augen und starrte auf meine Pfeife.
„Nun, dann erkläre es, Elsie.“
„Es geht nicht so sehr darum, daß du nicht sprichst, Rudolf…“
Sie stockte, ich hörte ihren Atem pfeifen, und sie sagte leidenschaftlich: „Du bist mir so fern, Rudolf. Manchmal, wenn du am Tisch sitzt und mit deinen kalten Augen ins Leere blickst, habe ich das Gefühl, daß ich für dich überhaupt nicht zähle.“
Meine kalten Augen – auch Schrader hatte von meinen kalten Augen gesprochen. Ich sagte mit Überwindung: „Das ist meine Natur.“
„Ach, Rudolf“, sagte sie, anscheinend ohne es zu hören, „wenn du wüßtest, wie schrecklich es für mich ist, das Gefühl zu haben, beiseite geschoben zu sein. Für dich gibt es nur den Damm, die Pferde und den Bund auf der Welt. Und manchmal, wenn du dich im Stall verspätest, um noch deine Pferde zu pflegen, siehst du sie so liebevoll an, daß ich den Eindruck habe, du liebst nur sie …“
Ich zwang mich zu einem Lachen.
„Ach, dummes Zeug, Elsie! Natürlich hab ich dich lieb. Du bist doch meine Frau.“
Sie blickte mich an, und ihre Augen standen voll Tränen.
„Hast du mich wirklich lieb?“
„Aber ja, Elsie, natürlich.“
Sie sah mich eine volle Sekunde lang an, dann warf sie sich mir plötzlich an den Hals und bedeckte mein Gesicht mit Küssen. Ich ließ sie geduldig gewähren, dann faßte ich ihren Kopf, legte ihn an meine Brust und fing an, ihr übers Haar zu streichen. Sie blieb an mich gelehnt, ohne sich zu bewegen, und nach einer Weile wurde ich mir bewußt, daß ich schon nicht mehr an sie dachte.
Kurz nach der Geburt meines Sohnes kam ein Reitknecht des Herrn von Jeseritz und benachrichtigte mich, daß sein Herr mich dringend sprechen wolle. Ich sattelte meine Stute und ritt los. …

* * *


Es gelang mir, nicht ohne große Mühe, die Reiterabteilung auf die Beine zu bringen, die Himmler mir aufzustellen befohlen hatte. Mit voller Billigung meiner Männer schickte ich an Himmler über jeden ein Aktenstück für die SS-Anwartschaft. Diese Akten hatten Zeit beansprucht, und ich hatte mir viel Mühe gegeben, besonders bei der Aufstellung der Ahnentafeln, die ich selbst mit peinlicher Genauigkeit bei den Standesämtern erforscht hatte und bei denen ich soweit wie möglich zurückgegangen war, da ich wußte, welche Wichtigkeit die Partei bei der Rekrutierung der SS der rassischen Reinheit beimaß. Indessen hatte ich in einem Nachtrag zu meinem Bericht vermerkt, ich hätte es nicht für richtig gehalten, den Aktenstücken meiner Männer eins über mich beizufügen, denn ich wüßte, daß ich leider die verlangten körperlichen Bedingungen nicht erfüllte. Die SS verlangte in der Tat, daß die Anwärter eine Mindestgröße von ein Meter achtzig hätten, und in dieser Hinsicht wenigstens kam ich überhaupt nicht in Frage.

Genau am 12. Dezember erhielt ich die Antwort Himmlers. Er nahm die vorgeschlagenen Bewerber auf, beglückwünschte mich zu der Sorgfalt, die ich auf die Abfassung der Aktenstücke verwandt hätte – und teilte mir mit, daß er sich in Erwägung der geleisteten Dienste entschlossen habe, hinsichtlich der geforderten Körpermaße zu meinen Gunsten eine Ausnahme zu machen, und daß er mich in die Elitetruppe des Führers als Oberscharführer aufnähme. Ich stand am Küchentisch, die Zeilen des Himmlerschen Briefes tanzten vor meinen Augen, mein ganzes Leben schlug eine neue Richtung ein.

Ich hatte große Mühe, Elsie begreiflich zu machen, welch unverhofftes Glück es für mich wäre, in die SS aufgenommen zu sein. Und wir hatten darüber zum erstenmal in unserm gemeinsamen Leben einige ziemlich lebhafte Auseinandersetzungen, besonders als ich das so streng für das eigene Gut gesparte Geld angreifen mußte, um mir eine Uniform machen zu lassen. Ich erklärte Elsie mit viel Geduld, daß der Gedanke, sich anzukaufen, jetzt überholt sei, daß ich, richtig besehen, niemals eine andere Berufung in mir gefühlt hätte als das Waffenhandwerk und daß ich die mir gebotene Gelegenheit, es wieder aufzunehmen, ergreifen müßte. Sie wandte ein, daß die SS nicht das Heer sei, daß ich außerdem keinen Sold erhielte, daß vor allem niemand behaupten könnte, der Sieg der Partei sei sicher, sondern daß tatsächlich, ich hätte es doch selbst zugegeben, bei den Wahlen, die auf die Präsidentschaftswahl folgten, die Partei viele Stimmen verloren hätte. Daraufhin gebot ich ihr streng zu schweigen, denn ich konnte nicht dulden, daß sie auch nur einen einzigen Augenblick den Erfolg der Bewegung in Zweifel zog.

Der Erfolg, den ich damals mit mehr Gläubigkeit als Überzeugung berief, kam früher, als ich zu hoffen gewagt hätte. Seit jener Unterredung war noch kein Monat verflossen, als der Führer Reichskanzler wurde und einige Wochen später die Partei, indem sie jeden Widerstand brach oder niederwarf, sich in den alleinigen Besitz der Macht setzte. …

* * *


Die halbausgekleideten Juden standen in einer Ecke des Raumes. Sie waren zu einer riesigen wirren Masse zusammengestellt. Der Scheinwerfer leuchtete in verstörte Augen.
Pick tauchte neben mir auf. Ich fühlte mich mit einem Male sehr erschöpft. Ich übergab den Scheinwerfer einem Schützen und wandte mich zu Pick.
„Übernehmen Sie das Kommando.“
„Zu Befehl, Obersturmbannführer.“ Er fuhr fort: „Sollen wir die Vergasung wieder aufnehmen?“
„Sie würden Schwierigkeiten haben. Lassen Sie einen nach dem ändern durch die kleine Tür hinausgehen, führen Sie sie in den Seziersaal und erschießen Sie sie. Einen nach dem ändern.“
Ich stieg langsam die Stufen hinauf, die in den Hof führten. Als ich erschien, entstand Totenstille, und alle SS-Männer erstarrten. Ich winkte ihnen, zu rühren. Sie rührten, aber sie schwiegen weiter, und ihre Blicke ließen mich nicht los. Ich erkannte daran, daß sie das, was ich getan hatte, bewunderten. Ich stieg ins Auto und knallte wütend die Tür zu. Pick hatte recht. Ich hätte niemals diese Gefahr laufen dürfen. Die vier Krematorien waren fertiggestellt, aber ihr gutes Funktionieren hing noch für eine gewisse Zeit von meiner Anwesenheit ab. Ich hatte meine Pflicht verraten.
Ich kam wieder in mein Büro und versuchte zu arbeiten. Mein Geist war leer, und es gelang mir nicht, meine Aufmerksamkeit zu konzentrieren. Ich rauchte eine Zigarette nach der anderen. Um halb acht ließ ich mich nach Hause fahren.
Elsie und Frau Müller überwachten die Kinder beim Essen. Ich küßte die Kinder und sagte: „Guten Abend, Elsie.“

Quelle:
Robert Merle, Der Tod ist mein Beruf, Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar (DDR), 1986, S.141ff., S.148f., S.233f.

Opfer des Faschismus

Die Opfer des deutschen Faschismus

Siehe auch:
Kurt Gossweiler: Wer oder was ist die Nazipartei?
Arkadi Poltorak: Der Nürnberger Prozeß

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