Die Intelligenz und der Kapitalismus

IntelligenzWas versteht man unter Intelligenz? 1. psychologischer Begriff, der die Gesamtheit der intellektuellen Fähigkeiten des Men­schen, wie geistige Beweglichkeit, Denkvermögen, Urteilsfähigkeit usw., umfaßt. 2. soziologischer Begriff, der die soziale Schicht der berufsmäßig Geistesschaffenden, wie Wissenschaftler, Ärzte, Lehrer, Künstler, Ingenieure usw., umfaßt. Die Intelligenz ist keine Klasse, sondern eine soziale Schicht, weil sie sich in jeder Gesellschaftsformation aus Angehörigen verschiedener Klassen bildet, kein einheitliches sozialökonomisches Wesen besitzt und keine selbständige Rolle in dem jeweili­gen System der Produktion spielt. … Im Kapitalismus überwiegend aus der Mit­tel- und Kleinbourgeoisie hervor­gehend, ist die Intelligenz durch soziale Stel­lung, Herkunft, Tradition, Erziehung und durch die herrschende Ideologie eng mit der Bourgeoisie verbunden. Infolge des Bildungsprivilegs stammt nur ein ganz ge­ringer Teil der Intelligenz aus der Arbeiterklasse und anderen werktätigen Schichten. Ein Teil der Intelligenz (in den einzelnen Ländern unterschiedlich) schließt sich dem revolutionä­rem Kampf der Arbeiterklasse an. [1]

Nähert sich die Intelligenz der Arbeiterklasse?

Da die objektiven Veränderungen im sozialen Status bei der Masse der Intelligenz im Unterschied zum Verlust der Existenz bei proletarisierten ehemaligen einfachen Warenproduzenten und Händlern vielfach nicht mit einer Veränderung der bisherigen Tätigkeit verbunden sind, widerspiegeln sich solche objektiven Prozesse nicht sofort und automatisch im Bewußtsein, in der Lebens- und Verhaltensweise der Intellektuellen. Dennoch lösten die ständige Gefahr des Verlustes des Arbeitsplatzes, die grassierende Arbeitslosigkeit unter Akademikern, die nicht selten negativen Erfahrungen mit der kapitalistischen Nutzung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts und der Proletarisierungsprozeß an den unteren Rändern der Intelligenz bei Hoch- und Fachschulabsolventen mannigfache Reaktionen aus.

Wie wirkt sich die drohende Arbeitslosigkeit aus?

Zumeist noch stark mit mittelschichtenspezifischen Denkweisen verbunden, betrachten sich die von Arbeitslosigkeit betroffenen Angehörigen der Intelligenz vielfach als von der herrschenden Klasse, vom kapitalistischen Staat Verratene und Verstoßene beziehungsweise als persönliche Versager. Sozialpsychologisch führt dies häufig zu einem Gefühl der Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit, zu einer berechtigten Angst vor der Zukunft. Diese soziale Verunsicherung von Teilen der Intelligenz ist oft auch der Auslöser von emotionellen Protesten gegen die Macht- und Eigentumsverhältnisse in den kapitalistischen Staaten. Manche verfallen angesichts dieser Lage in Pessimismus und Passivität. Nicht wenige jedoch reagierten mit erhöhter Aktivität und begaben sich jetzt auf die Suche nach neuen gesellschaftlichen Alternativen, nach einer sozialen Ordnung, in der sie wieder Anerkennung erfahren würden und ihre Persönlichkeit entfalten können.

Die Entwertung der Qualifikationen

Andere Momente, die in der heutigen Zeit bei der Intelligenz Widerspruch zum herrschenden kapitalistischen System und zur kapitalistischen Nutzung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts auslösen, sind die wachsenden Tendenzen, die Menschen noch umfassender zu einem bloßen Anhängsel der Maschinen zu degradieren, oder die Konfrontation vieler im Sozialbereich tätigen Angehörigen der Intelligenz mit der sozialen Not immer größerer Bevölkerungsschichten. Die neuen ökonomischen Existenzbedingungen des Imperialismus führten aber nicht nur zu einem höheren Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften, sondern verstärkten auch die gegenteilige Tendenz zur Entwertung bisheriger Qualifikationen und Fähigkeiten sowie zu materieller und geistiger Verelendung.

Die Arbeitslosigkeit ist systembedingt

„Der kapitalistische Markt mit seinem angeblich freien Spiel der Kräfte erweist sich erneut vor aller Augen als Synonym für Ausbeutung, Existenzangst und Massenarbeitslosigkeit.“ [2]

Das kapitalistische System zeigt sich als unfähig, den wissenschaftlich-technischen Fortschritt grundsätzlich mit sozialem Fortschritt zu verbinden. Mitte der achtziger Jahre gab es in den 24 entwickelten kapitalistischen Ländern (OECD-Staaten) offiziell über 31 Millionen Arbeitslose. Bezieht man noch die nichtregistrierten und die aus den Statistiken herausmanipulierten Arbeitslosen mit ein, so waren in diesem Zeitraum in den imperialistischen Staaten mehr als 50 Millionen Menschen beschäftigungslos.

Weltweit sind hierzu noch die rund 500 Millionen Arbeitslosen beziehungsweise Unterbeschäftigten in den weniger entwickelten kapitalistischen Staaten einzubeziehen. Nach Aussagen westlicher Wirtschaftsexperten ist bezüglich der Arbeitslosigkeit in der kapitalistischen Welt eher mit einer steigenden als sinkenden Tendenz zu rechnen. [3]

Besonders betroffen von der Arbeitslosigkeit in den imperialistischen Staaten sind Jugendliche, Frauen, weniger qualifizierte Arbeitskräfte, ausländische Arbeiter und nationale Minderheiten. Einen bedeutenden Anteil stellen auch arbeitssuchende Akademiker. Nach gewerkschaftlichen Schätzungen stieg allein in der BRD die Zahl der erwerbslosen Hochschulabsolventen von 10.000 im Jahr 1973 auf zirka 250.000 im Jahre 1987, darunter über 135.000 Lehrer und Erzieher sowie rund 11.000 Ärzte. Noch nie in seiner Geschichte verfügte der Kapitalismus über ein solches Heer von hochqualifizierten Arbeitslosen. (…)

Welche Folgen hat das für die menschliche Psyche?

Psychologisch hat eine längere Arbeitslosigkeit für die Betroffenen mannigfache negative Folgen. Viele zweifeln an sich selbst, überhaupt noch für etwas Nützliches fähig zu sein. In sozialer Hinsicht wird der Kontakt zur Arbeiterklasse gelockert oder bei Jugendlichen, die noch nie einen festen Arbeitsplatz fanden, oft gar nicht erst hergestellt. Zum Teil erwachsen daraus Tendenzen zur Asozialität, zu einem ungezügelten Radikalismus, zur Verachtung jeder Arbeit und der Arbeiterbewegung. Anfang 1977 schrieb ein junges Mädchen aus Bologna in einem Brief, der im gleichen Jahr in der Zeitung „Paese sera“ veröffentlicht wurde: „Weißt du, es ist schrecklich, wenn man fünf Jahre die Oberschule besucht hat und dann in einem Geschäft an der Kasse sitzen oder angelernter Arbeiter in einem Betrieb sein muß; noch schrecklicher ist das Warten auf einen Arbeitsplatz, die fieberhafte Suche unter den Annoncen und schließlich die ungelernte Arbeit, nur um dem langweiligen Nichtstun und der leeren Gegenwart zu entrinnen und nicht an die aussichtslose Zukunft in einer Welt denken zu müssen, mit der du nichts gemein hast, unter Menschen, die dir feind sind. Wenn du so verzweifelt bist, daß du an nichts mehr glaubst, wenn du keine Idole mehr hast, denen du dich zuwenden kannst, die dir Zuversicht und Glauben spenden können, dann rebellierst du.“ [4]

Wachsende Armut und die zunehmende Verzweiflung

Synchron mit der hohen Arbeitslosigkeit ist in den imperialistischen Staaten auch ein Anwachsen der Armut, tendenziell zu einer Zwei-Drittel-Gesellschaft zu verzeichnen. Millionen Menschen, rund ein Drittel der Bevölkerung, werden aus dem produktiven Leben ausgegrenzt, an den Rand der Gesellschaft gedrängt, werden marginalisiert. Allein in den USA vegetierten nach amtlichen Angaben 1987 über 33 Millionen Menschen unterhalb der offiziellen Armutsgrenze. Peter Schütt, ein progressiver Schriftsteller der BRD, notierte nach einer Reise durch die USA, daß es in den Vorstädten von Chicago ganze Straßenzüge gibt, in denen die Menschen in ausrangierten LKW-Containern und in Hütten aus alten Kanistern hausen. Wachsende Armut gibt es gleichfalls in der BRD. In einer Sendung im Dritten Programm des BRD-Fernsehens teilte am 16. April 1980 Jürgen Roth mit: In der BRD leben „vier Millionen Menschen in unwürdigen Behausungen, wissen 2,2 Millionen alte Menschen nicht, womit sie sich ernähren sollen … Wissenschaftler schätzen, daß zwischen 15 und 20 Prozent der Bevölkerung arm sind.“ [5] Diese Entwicklung hat sich in den achtziger Jahren weiter fortgesetzt. Generell weisen amtliche, gewerkschaftliche und kirchliche Angaben für die achtziger Jahre aus, daß in den OECD-Staaten 6 bis 23 Prozent der Bevölkerung am Rande oder unterhalb des offiziellen Existenzminimums leben. Radikale Verzweiflungstaten sind in einem solchen Milieu daher keine Seltenheit.

Zitate:
[1] Alfred Kosing: Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Philosophie, Dietz verlag, Berlin,1985, S.257f.
[2]Erich Honecker: Referat am 12. Februar 1988, Berlin 1988, S. 52
[3] Siehe Horst Veith: Arbeitslosigkeit – Geißel des Proletariats, Berlin 1985; S.8ff.
[4] Zit. in: K. G. Mjalo: Linksextremistische Gruppierungen in den Ländern Westeuropas: ideologische und sozialpsychologische Genesis. In: Rabotschi klass i sowremenny mir, Moskva, 1985, Nr. 1, S. 136.
[5] Siehe Peter Schutt: Die Mauer in Chicago, die die Reichen von den Armen trennt, ist hundert Meter hoch. In: Unsere Zeit, Düsseldorf, 5. Juli 1979.

Quelle:
Linksradikalismus, Aut.Koll., Dietz Verlag Berlin, 1989, S.65ff.

Anmerkungen:
Nach einer gewissen konjunkturellen „Erholung“ hat sich dieser Prozeß seit Beginn der 2000er Jahre wieder verschärft. Zugleich erweist sich die kleinbürgerliche Ideologie in der Intelligenz als idealer Nährboden für trotzkistische, anarchistische und andere linksradikale Abenteuer. (Siehe auch: Marx und Engels gegen den Linksradikalismus)

Dieser Beitrag wurde unter Wider den Antikommunismus! veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Die Intelligenz und der Kapitalismus

  1. prkreuznach schreibt:

    Der in diesem Beitrag erwähnte Schriftsteller Peter Schütt ist nicht mehr progressiv. Während der Konterrevolution hat er sein Buch über die Sowjetunion widerrufen. Ich erinnere mich an eine Veranstaltung mit ihm in Bad Kreuznach dazu, welche von den sogenannten Erneueren in der DKP ausgerichtet wurde. Diese „Erneuerer“ sind später sang und klanglos verschwunden.

    Später hat sich Peter Schütt vollständig gedreht. Er hat dann Rechte Tendenzen vertreten. Später habe ich gelesen, dass er zum Islam konvertiert ist. Zuletzt habe ich nichts mehr von Peter Schütt gehört oder gelesen.

    Hier das findet man auf Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Schütt_(Autor) zu Peter Schütt. Da steht aber nichts drin, dass er eine Zeitlang Rechte Tendenzen vertreten hat. Auf Wikipedia ist nur die Heirat mit einer Iranerin vermerkt. Peter Schütt war mehrmals verheiratet und hat eine Menge Unterhalt an seine Ex-Frauen zu zahlen. Das weis ich aus privater Quelle, wo Peter Schütt, als er auf der Veranstaltung in Bad Kreuznach auftrat, seinen Übernachtungsplatz hatte.

    • sascha313 schreibt:

      Solche irrlichternde, verwirrte Geister hat der Kapitalismus viele hervorgebracht. In der DDR war Peter Schütt einigen bekannt durch sein Buch „Ab nach Sibirien“ (Weltkreis-Verlag,1977). Für die verleumderischen, antisowjetischen Verhältnisse in der BRD war so ein Buch sicher die Ausnahme, und daß da einer mal was Positives (oder zumindest was Reales) über die Sowjetunion schreibt. Allerdings berichtet Schütt ohne selbst einen Standpunkt oder eine Meinung dazu zu haben. Ich bin mir sicher, von Marx, Engels, Lenin und Stalin wußte er sehr wenig.

  2. robertknoche schreibt:

    Hat dies auf Freiheit, Familie und Recht rebloggt und kommentierte:
    Die Intellienz ist mit dem Kapialismus nicht zu vereinen. Kapialismus ist Machtgier, Egoismus, Neid und Misskunst und Krieg.
    Intelligenz ist die Liebe, Zusammengehörigkeit im friedlichen
    Miteinander aller Menschen mit immenser Schaffenskraft!
    Das sind das Licht und die Schatten in der Geschichte der Menschheit.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s