Marx und Engels gegen den Linksradikalismus

Marx EngelsDie Erfahrungen aus der Geschichte zeigen, daß der Linksradikalismus keine neue Erscheinung ist. Es gab ihn vor über 100 Jahren auch, und er hat nur geschadet. Eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse ist nur möglich, wenn die werktätige Klasse als Hauptträger der Lasten, und schließlich die Volksmassen dazu bereit sind…

Abenteuerliche Pläne

London, Spätsommer 1850: Im Bund der Kommunisten prallen die Meinungen heftig aufeinander. Eine um August Willich (1810-1878) und Karl Schapper (1812-1870) vereinte Fraktion lehnt entschieden die von Marx, Engels und anderen Mitgliedern der Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten getroffene Einschätzung ab, daß in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern die Revolution von 1848/49 eine Niederlage erlitten hatte. Willich, der sich in der Revolution als ein mutiger Kämpfer erwiesen hat, aber jetzt im Londoner Exil in das Fahrwasser der kleinbürgerlichen Emigration geraten war, zeigte sich nicht in der Lage, die neue politische Situation voll zu erfassen und die von Marx unterbreiteten Erkenntnisse zu verarbeiten. Die Willich-Fraktion setzte weiterhin ihre Hoffnungen auf eine baldige Wiederbelebung der Revolution in Deutschland und schmiedete für diese Zeit abenteuerliche Pläne. Ungeachtet der veränderten politischen Bedingungen, wollte sie einen bewaffneten Aufstand vorbereiten, um, wie Franz Mehring schrieb, „eine künstliche Revolution zu fabrizieren“. [1]

Karl Marx und Friedrich Engels mahnen zur Geduld

Karl Marx, Friedrich Engels und andere Mitglieder der Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten erklärten hingegen klar und eindeutig, daß es jetzt nach der Niederlage der Revolution die Aufgabe der Kommunisten sei, in geduldiger Arbeit die revolutionären Kräfte zu sammeln, Kader heranzubilden, den wissenschaftlichen Sozialismus weiter auszuarbeiten und in die Arbeiterklasse zu tragen. In der Auseinandersetzung mit der Willich-Gruppe betonte Karl Marx:

„An die Stelle der kritischen Anschauung setzt die Minorität eine dogmatische, an die Stelle der materialistischen eine idealistische. Statt der wirklichen Verhältnisse wird ihr der bloße Wille zum Triebrad der Revolution. Während wir den Arbeitern sagen: Ihr habt 15, 20, 50 Jahre Bürgerkriege und Völkerkämpfe durchzumachen, nicht nur um die Verhältnisse zu ändern, sondern um euch selbst zu ändern und zur politischen Herrschaft zu befähigen, sagt ihr im Gegenteil: Wir müssen gleich zur Herrschaft kommen, oder wir können uns schlafen legen.“ [2]

Linkssektierer spalten die kommunistische Bewegung

protesteWillich und ein Teil seiner Anhänger nahmen jedoch keine Lehren an. Sie spalteten den Bund der Kommunisten und schwächten so mit ihrem fragwürdigen Revolutionarismus bereits in ihrer Anfangsphase die revolutionäre Arbeiterbewegung. In dem berüchtigten Kommunistenprozeß zu Köln von 1851 nutzte dann die deutsche Reaktion im großen Umfang linkssektererische Aussagen der Willichschen Sonderorganisation, um die Kommunisten generell zu verunglimpfen – eine Methode, die bis in die Gegenwart hinein praktiziert wird.

Die Auseinandersetzungen von Marx und Engels mit dem linksradikalen Revolutionarismus beschränkten sich aber nicht nur auf diese Episode. Schon in ihren ersten Werken wandten sie sich mit scharfer Polemik gegen die kleinbürgerlichen Auffassungen des Anarchismus und entwickelten in diesem Zusammenhang viele Grundideen des wissenschaftlichen Sozialismus.

Der Anarchismus führt ins Chaos

Der Anarchismus – die älteste Form des Linksradikalismus, auf die sich bis in unsere Tage fast alle anderen Varianten des kleinbürgerlichen „linken“ Revolutionarismus zurückführen lassen – ist eine kleinbürgerlich-utopische, revolutionaristische Ideologie, die jede Autorität im gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen ablehnt. Er propagiert eine politische Herrschaftslosigkeit und verlangt die sofortige Abschaffung jeden Staates. Dem politischen Kampf der Arbeiterklasse und der Volksmassen steht der Anarchismus äußerst negativ gegenüber. Sein Ideal ist die Verwirklichung einer kleinbürgerlich verstandenen „Gerechtigkeit und Freiheit“ für alle, bar jeder gesellschaftlichen Organisation.

proteste2Bei aller Vielfalt der anarchistischen Theorien reduzieren sich diese im wesentlichen auf zwei Grundtypen: den Individualanarchismus, der einen extremen Egoismus des Individuums vertritt und nur die absolute Freiheit des einzelnen als wirkliche Freiheit gelten lassen will, und den mehr kollektivistischen Anarchismus, der die wirkliche Freiheit der Menschen in ihrer Zusammenfassung in kleinen, völlig autonomen Kollektiven erblickt. Während der Individualanarchismus nicht unbedingt die Überwindung des kapitalistischen Eigentums anstrebt und von seinem Wesen her eine radikale Variante des kleinbürgerlichen Liberalismus verkörpert, will der mehr kollektivistische Anarchismus den Kapitalismus mit allen Mitteln zerstören und durch eine föderative Gesellschaft kleinerer Genossenschaften und Kommunen ersetzen. (…)

In den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen unserer Zeit sind die herrschenden Kreise der kapitalistischen Staaten bestrebt, den Linksradikalismus vor allem in folgender Hinsicht zu nutzen:

  1. als Ideenlieferant für eine Komplettierung des bürgerlichen Antikommunismus und Antisowjetismus durch „linke“ Kronzeugen;
  2. um in die Arbeiter- und andere fortschrittliche Bewegungen politisch-ideologisch desorientierende Auffassungen zu tragen;
  3. für Angriffe gegen die kommunistischen Parteien, die in den kapitalistischen Staaten als die wichtigsten Gegner des imperialistischen Systems betrachtet werden;
  4. um die gegen den Imperialismus opponierenden Kräfte aufzusaugen und politisch zu paralysieren. (…)
  5. um apolitische Bürger und konservativ eingestellte Menschen mit dem provokativen linksradikalen Revolutionarismus zu schrecken und damit noch fester an die systemtragenden Parteien zu binden; und nicht zuletzt
  6. als Rechtfertigung für den verstärkten Ausbau solcher staatlichen Repressionsapparate wie Polizei, Geheimdienste, Computer-Überwachungssysteme usw.

Zitate:
[1] Franz Mehring: Karl Marx, Berlin 1985, S.212.
[2] Karl Marx: Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln. In: MEW, Bd.8, S.412. oder AW6, Bd.2, S.418

Quelle:
Autorenkoll., Linksradikalismus, Dietz-Verlag 1989, S.19ff. und S.99ff.

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