Alexander Abusch: Einige Lehren aus der deutschen Geschichte

Berlin 1945Nach dem Ende des verheerenden Zweiten Weltkrieges, den der deutsche Faschismus vom Zaune gebrochen hatte, und der 50 Millionen Toten kostete, gab es viele Versuche, die Ursachen und die Tragik dieses Geschehens zu ergründen. Einer davon ist das Buch „Irrweg einer Nation“ von Alexander Abusch. Doch die unheilvolle Kette der imperialistischen Verbrechen nahm indes kein Ende: Durch die spalterische Rolle der Westmächte kamen in deren Besatzungszonen bald wieder die alten Nazis an die Macht und die deutsche Bundesrepublik wurde gegründet. Der Westen begann mit einer zügellosen Aufrüstung. Bereits im Juli 1945 führten die USA den ersten Atombombenversuch durch und bombardierten kurz darauf ohne jegliche militärische Notwendigkeit einen ihrer stärksten Konkurrenten. In Hiroshima und Nagasaki starben dadurch weit über 100.000 Menschen.

Da sich nun aber das internationale Kräfteverhältnis in der Welt weiter zugunsten des Sozialismus zu verändern begann, gingen die imperialistischen Kräfte zur offenen Konfrontation über. Der damalige US-Präsident Truman, der auch den Abwurf der ersten Atombombe veranlaßt hatte, bezichtigte die Sowjetunion einer „Bedrohung von Demokratie und Freiheit“ und gab damit den Anstoß zum „Kalten Krieg“ gegen die neu entstandenen sozialistischen Länder. Insbesondere geriet nach dem plötzlichen Tod Stalins auch die KPdSU ins Visier US-amerikanischer Geheimdienste. Nachdem mit Chruschtschow ein Freund der USA und krimineller Agent der US-Geheimdienste an die Spitze der UdSSR gelangt war, begann von innen heraus die Zersetzung der kommunistischen Bewegung. Zwar erstarkten unter Führung ihrer kommunistischen Parteien die sozialistischen Länder und hatten auch bis zur Konterrevolution im Jahre 1989 Bestand, doch der Imperialismus setzte seine blutige Spur fort. Und er wird es weiter tun, solange, bis die Völker ihre Geschicke in die eigenen Hände nehmen und die Handvoll Konzernherren und Kriegsverbrecher zum Teufel jagen. Über die Irrwege und Fehler in der deutschen Geschichte berichtet Alexander Abusch:

Was wäre gewesen, wenn…

Wäre die deutsche Demokratie im Jahre 1933 kämpfend untergegangen, der Ruhm wäre ihr bei allen künftigen Geschlechtern sicher gewesen. Die Opfer hätten gewiß nicht zahlreicher sein können als jene, die dann doch einen unbekannten grausameren Tod in den Händen der Gestapo von 1933 bis 1945 erleiden mußten. Aber selbst die nüchternste Prüfung aller Versäumnisse und negativen Erscheinungen in der Republik von Weimar zeigt, daß es trotz allem im Kräfteverhältnis zwischen Reaktion und Fortschritt außerordentlich große Chancen für einen Sieg der vereinigt handelnden Kräfte der Demokratie in den Jahren von 1930 bis 1933 gegeben hätte.

Eine starke Arbeiterklasse

Die deutschen Arbeiter besaßen ihre Parteien, Gewerkschaften und Kulturorganisationen, die jedem direkten Ansturm der Trustherren und Junker zur Vernichtung der Demokratie gewachsen sein konnten. Die Voraussetzung war ihre Einigkeit. Die Einheit der beiden Arbeiterparteien hätte sie mit 15 Millionen Wählerstimmen zum stärksten politischen Faktor gemacht. Zum Unterschied von der stimmungsmäßig aufgeblähten Nazipartei hatten die Arbeiterparteien ihren soliden Rückhalt in einer wissenschaftlich begründeten Ideenwelt und in festgefügten Organisationen mit Millionen geschulter Anhänger. Die Arbeiterparteien konnten in dem demokratischen Flügel der katholischen Zentrumspartei ihren natürlichen Kampfgefährten sehen. Die Deutsche Demokratische Partei hätte einen solchen Block zur Verteidigung der deutschen Demokratie unterstützen müssen. Schon ein Auftreten mit Entschlossenheit und einem Arbeitsbeschaffungsprogramm, das das Volk wenigstens vor den ärgsten Folgen der Wirtschaftskrise beschützte, hätte Millionen verzweifelter Nachläufer der Nazis auf die Seite der Demokratie gerissen.

Die Niederwerfung des Kapp-Putsches

Es ist keine leere Vermutung, daß der fortschrittlich gesinnte Teil des deutschen Volkes, bei einer einheitlichen Politik und einer zielbewußten Führung, in den Stunden des entscheidenden Messens seiner Kräfte mit denen der deutschen Reaktion hohen Mut und große Energie gezeigt hätte. Eine Vorstellung davon geben: Der einheitliche Generalstreik von 1920, der den Kapp-Putsch niederwarf; die Gewalt der spontanen Arbeiterdemonstrationen nach der Ermordung des Außenministers Walther Rathenau in den letzten Junitagen 1922; die große Einheitsbewegung gegen die Abfindung der ehemaligen Fürsten im Jahre 1926; die Streiks ganzer Industrien zwischen 1918 und 1930 und selbst die aufflammenden antinazistischen Widerstandsbewegungen in den großen Städten wenige Monate vor Hitlers Machtantritt. Die Sozialdemokratische Partei verfügte dazu noch bis 1932/33 über einen starken Einfluß in den meisten Länderregierungen und hatte in vielen die Leitung der Polizei in den Händen.

Generalstreik

Es gab allerdings nur einen Weg, um die antidemokratisch handelnde Reaktion zu schlagen: den Generalstreik der Arbeiter und seine Unterstützung durch die sozialdemokratisch geführten Polizeitruppen, Das Feld dieser Schlacht lag außerhalb des Parlaments. Der stimmungsmäßig günstigste Zeitpunkt im Volke war der 20. Juli 1932, als Franz von Papen seinen Staatsstreich gegen die Preußenregierung durchführte. Da die Trustherren und Junker den Weg des Rechtsbruches und der Gewalt beschritten, da es um Tod oder Leben ging, konnte nur noch mit dem Appell an die Kraft des Volkes selbst die Demokratie vor ihren Vergewaltigern gerettet werden. Sie wäre sicher gerettet worden, da das Haus Hindenburg, die Generale der Reichswehr und auch ein Teil der Großindustriellen vor einem Spiel mit solch großem Risiko zurückgewichen wären. Hitler und Goebbels zitterten im Jahre 1932 vor dieser Möglichkeit. Sie wußten (und Goebbels gestand es in seiner Schilderung „Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei“): die Nazipartei war damals nur ein Koloß auf tönernen Füßen.

Schnell wurde Hitler an die Macht gebracht

Es kam nicht so. Die Kraft der fortschrittlichen Parteien wurde nicht rechtzeitig zum Antinazibündnis vereinigt und eingesetzt. Mehr als durch eigene Kraft siegte das braune Verhängnis durch die Gespaltenheit und das tatenlose Abwarten seiner Gegner. Es kam schleichend, scheinbar legal, verfassungsmäßig zur Macht. Es kam auf eine Weise, die den fortschrittlichen Teil des deutschen Volkes entwaffnet fand.

Das Tragische an diesem Sieg Hitlers war, daß er bei starken Arbeiterparteien möglich wurde. Die Fehler der beiden Parteien lagen natürlich auf ganz verschiedenen Ebenen. Die Sozialdemokratische Partei war ihrer Suche nach dem „kleineren Übel“ in jeder Lage so hingegeben, daß sie sich keine volle Rechenschaft über das Bevorstehende gab, trotz der blutrünstigen Propaganda der Nazis. Die Führer dieser Partei verstanden nicht die einfachste Lehre der deutschen Geschichte, daß nicht irgendein reaktionäres parlamentarisches Regime mit Hitler als Reichskanzler kommen konnte, sondern nur eine bestialische faschistische Diktatur als Grundlage für den zweiten Versuch des deutschen Imperialismus, blutiger und totaler den Kampf um die Kolonisierung Europas und die Beherrschung der Welt zu führen. So fiel die Sozialdemokratie kampflos in die Ketten Hitlers. Geführt von Irrtum und Verrat, blieb sie selbst hinter der Demokratischen Partei der kleinen Bürger zurück, die 1849 noch in einer letzten Stunde zu kämpfen verstanden hatte: In der Abstimmung des „Reichstages“ vom 17. Mai 1933 stellten sich die verbliebenen 60 sozialdemokratischen Abgeordneten (gemeinsam mit ihren Kollegen aus den bürgerlichen Parteien) hinter Hitler. In solcher Schmach endete die Partei, deren mutige Sprecher einst Liebknecht und Bebel waren.

Deutscher Untertanengeist und die abwartende Haltung der Volksmassen

Deutschlands ganze trübe Geschichte erheischte eine Erziehung der Volksmassen zu demokratischer Selbsttätigkeit, zu einem kämpferischen Demokratismus. Aber die Gewerkschaften und die Sozialdemokratische Partei hatten unter ihren Anhängern einen Organisationsfetischismus gezüchtet; der Glaube an die Macht der großen Organisation an und für sich war an die Stelle der Erkenntnis getreten, daß nur der lebendige Kampfgeist der in ihnen vereinigten Menschen solchen Organisationen Kraft verleiht. Dadurch wurde jener Teil des deutschen Volkes, der sich seit 1848 und seit dem Kampf gegen Bismarck in steigendem Maße von den geistigen Fesseln des Untertanentums befreit hatte, in eine neue Art von Passivität hineingedrängt: in das gewohnheitsmäßige Abwarten auf den Kampfruf „von oben“, von Führern, die nicht mehr kampfbereit waren. So war ein altes Übel aus der despotischen deutschen Vergangenheit, die politische Passivität im Volke, unter veränderten Umständen und in neuer Art wieder auferstanden. Es hinderte den fortschrittlichen Teil des deutschen Volkes, aus eigenem Entschluß zu handeln. Dieses irrtümliche Verhalten der Mehrheit der deutschen sozialistischen Arbeiter – so verhängnisvoll es sich auswirkte – besagt aber in keiner Weise, daß die deutsche organisierte Arbeiterschaft in ihrer politischen Gesinnung aus preußischen Strammstehern bestand.

Die Kommunisten erwiesen sich als zu schwach

Die Kommunistische Partei erkannte die drohende Gefahr und appellierte gegen sie ständig an die Selbsttätigkeit des Volkes. Doch auch diese Partei zog in ihrem Kampf gegen den deutschen Imperialismus und seine nazistischen Kampfverbände zu wenig die Lehren aus der Geschichte des eigenen Volkes seit 1848 und 1918, die die Zu-Ende-Führung der demokratischen Revolution und das Bündnis aller Antinaziparteien zur Rettung der demokratischen Republik geboten. Dieses Bündnis, das kein Aufgeben, aber ein Zurückstellen ihrer sozialistischen Ziele bedeutete, war spätestens Ende 1930 notwendig. Die Kommunistische Partei kam erst im Frühjahr 1932 zu der Erkenntnis, sich ohne Vorbehalte und Bedingungen dafür einzusetzen. Ob ein frühzeitigerer Übergang der Kommunisten zu einer unmißverständlichen Politik des weitest gespannten demokratischen Bündnisses die damaligen Führer der Sozialdemokratie hätte bewegen können, endlich und gemeinsam Front gegen die Nazigefahr zu machen, ist nach der ganzen Politik von Wels, Noske, Severing und Stampfer seit 1918 schwer zu bejahen. So brachte die Entschlossenheit und Aufopferung des linken Flügels der Arbeiterbewegung wenig Nutzen. Die Kommunistische Partei blieb in den letzten Monaten vor Hitlers Machtergreifung isoliert, zu schwach zur eigenen, die Mehrheit des Volkes mitreißenden Tat.

… wie die Schafe zur Schlachtbank?

Es ist nach der Schilderung aller verpaßten Möglichkeiten dennoch die gröbste aller Geschichtslügen, zu behaupten, die Deutschen seien schnurstracks und unterschiedslos ideologisch vorbelastet aus dem altpreußischen Staat – über eine zufällig nicht verhinderte Republik – in den totalen Staat Hitlers gerutscht. Dagegen ist es eine Tatsache: Nicht weil es an sozialistisch-demokratischen Kräften mangelte, sondern weil es ihren sich zunehmend verschärfenden Kampf in Deutschland seit siebzig Jahren gegeben hatte, nützten die Monopolherren von Stahl, Chemie und Kohle die Gespaltenheit der proletarischen Bewegung und die politischen Fehler ihrer Führung aus, um in einer heillos verwirrten Lage während der Wirtschaftskrise von 1932/33 die Hitlerdiktatur zu errichten. Sie war die Vollendung der deutschen Konterrevolution*. Begünstigt wurde diese Monopolisten-Verschwörung durch das schwach entwickelte demokratische Bewußtsein im Bürgertum und in der Bauernschaft.

Ohne diese Klarstellung wird die Mechanik der modernen Konterrevolution* und ihre besondere soziale Funktion nicht verständlich. Es wird auch weder die Verantwortung des deutschen Volkes in ihren historischen Rahmen gebracht noch unter den Deutschen richtig verteilt.

Quelle:
Alexander Abusch: Der Irrweg einer Nation, Ein Beitrag zum Verständnis deutscher Geschichte, Aufbau-Verlag, Berlin (DDR), 1950, S.234-238. (Zwischenüberschriften von mir und * zum besseren Verständnis geändert, vorher: Gegenrevolution, N.G.)

siehe auch:
Stalin: Einige Fragen der Theorie
Der ideologische Kampf der KPD
Otto Grotewohl: Die Fehler der Kommunisten
Der Bruch in der kommunistischen Bewegung
Ljubow Pribytkowa: Die Demontage
Kurt Gossweiler: Der moderne Revisionismus
Genosse Kaganowitsch erinnert sich an Stalin
Wofür führte Hitler Krieg?

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3 Antworten zu Alexander Abusch: Einige Lehren aus der deutschen Geschichte

  1. Pingback: Die Fehler der Kommunisten | Sascha's Welt

  2. Günter Hering schreibt:

    Es ist so bitter aktuell: „Die deutschen Arbeiter besaßen ihre Parteien, Gewerkschaften und Kulturorganisationen, die jedem direkten Ansturm der Trustherren und Junker zur Vernichtung der Demokratie gewachsen sein konnten. Die Voraussetzung war ihre Einigkeit… Die Arbeiterparteien konnten in dem demokratischen Flügel der katholischen Zentrumspartei ihren natürlichen Kampfgefährten sehen. Die Deutsche Demokratische Partei hätte einen solchen Block zur Verteidigung der deutschen Demokratie unterstützen müssen…
    Es kam nicht so. Die Kraft der fortschrittlichen Parteien wurde nicht rechtzeitig zum Antinazibündnis vereinigt und eingesetzt. Mehr als durch eigene Kraft siegte das braune Verhängnis durch die Gespaltenheit und das tatenlose Abwarten seiner Gegner…
    …[Ein) Bündnis aller Antinaziparteien zur Rettung der demokratischen Republik [war] geboten. Dieses Bündnis, das kein Aufgeben, aber ein Zurückstellen ihrer sozialistischen Ziele bedeutete, war spätestens Ende 1930 notwendig…“
    Heute ist es wie damals, nur schlimmer. Wann wird man je verstehen?

  3. sascha313 schreibt:

    Das Problem ist vermutlich auch in der unterschiedlichen individuellen Interessenlage und im Charakter der Beteiligten zu suchen. Wenn zu Zeiten der Industrialisierung Arbeitermassen noch unter etwa gleichen Bedingungen arbeiteten, so ist schon allein die rasante Entwicklung der Produktivkräfte (damit verbunden vorwiegend elektronische Kommunikation) und die berufliche „Atomisierung“ und „Individualisierung“ der Grund für die oft so geringe Schnittmenge ihrer Ziele und Absichten. Das bestimmt m.E. das Verhalten der Menschen. Es verhindert Übereinstimmung, führt zu Differenzierung, Desinteresse und Streit. Hinzu kommt mangelnde Bildung, Irreführung und fehlendes Wissen.

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