Die Fehler der Kommunisten

In seinem Buch „Dreißig Jahre später“ schrieb Otto Grotewohl im August 1948:

Die Fehler der Kommunisten lagen in ihrer entscheidenden Bedeutung weniger im Revolutionsjahr 1918/19, als in der sich daraus ergebenden späteren Situation in Deutschland. Auf dem VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale 1935 hat Georgi Dimitroff die späteren Fehler der Kommunisten in Deutschland dahingehend gekennzeichnet, daß sie die eingetretenen Veränderungen nicht berücksichtigten, sondern fortfuhren, jene Losungen zu wiederholen und auf jenen taktischen Positionen zu verharren, die vor einigen Jahren richtig waren, „als sich um das Banner der Weimarer Republik, wie das 1918 bis 1920 der Fall war, die ganze deutsche Konterrevolution scharte“.

Wilhelm Pieck hat in seinem großen Referat auf der Brüsseler Parteikonferenz der Kommunistischen Partei Deutschlands im Oktober 1935 gesagt:

„In diesen Ausführungen des Genossen Dimitroff liegt der Schlüssel zur Erkenntnis der Fehler, die die KPD in den letzten Jahren vor der Machtergreifung durch Hitler beging. Eine Taktik, die zu einer bestimmten Zeit richtig war, wurde auch dann fortgesetzt, als die Bedingungen des Kampfes andere wurden. Wir richteten unseren Hauptangriff gegen die Sozialdemokratie noch in einer Zeit, in der wir den Hauptangriff gegen die faschistische Bewegung hätten richten müssen.“ …

„Die Mehrheit der deutschen Arbeiterklasse leistete der Sozialdemokratie Gefolgschaft und setzte ihre Hoffnung auf die bürgerliche Demokratie, auf die Koalitionspolitik der Sozialdemokratie. Die faschistische Bewegung schwoll indessen mächtig an und bedrohte alle Rechte und Freiheiten der Arbeiterklasse. Das hätte uns zur Änderung der Richtung unseres Hauptstoßes veranlassen müssen. Das Anwachsen der faschistischen Gefahr wurde jedoch von uns unterschätzt…“

„Dieser Vormarsch der Faschisten hätte uns ernst genug die faschistische Gefahr aufzeigen und uns veranlassen müssen, in unserer strategischen Orientierung eine Wendung in der Richtung des Hauptstoßes gegen die Faschisten vorzunehmen und alle Anstrengungen zu machen, die Einheitsfront mit den sozialdemokratischen Arbeitern zum Kampf gegen den Faschismus zu schaffen. Statt dessen führte die Partei mit ihrer Beteiligung an dem von den Faschisten eingeleiteten Volksentscheid gegen die Preußenregierung im August 1931 eine taktische Maßnahme durch, die die Durchführung dieser Aufgabe bedeutend erschweren mußte…“

„Die Theorie … eine Gleichstellung der sozialdemokratischen Arbeiter mit den reaktionären Führern der SPD, hat eine Verständigung mit den sozialdemokratischen Arbeitern zum gemeinsamen Kampf lange Zeit fast unmöglich gemacht… hat sich noch lange in der Partei ausgewirkt, weil sie eben ihre Wurzel im Sektierertum hatte …“

„Es fehlte bei dieser Einstellung die Linie auf ein Herantreten an die sozialdemokratischen Organisationen, es überwog mehr der Versuch zur Gewinnung der sozialdemokratischen Arbeiter für die Partei. Vor allem aber verhinderte das in der Partei tief eingewurzelte Sektierertum ein wirklich ernstes Herangehen an die sozialdemokratische Arbeiterschaft, um die Einheitsfront zustande zu bringen oder wenigstens Verständnis bei ihnen für die Losungen und die Politik der Partei zu erwecken…“

„Als im Frühjahr 1932 die ersten Versuche zu einer Verständigung mit den sozial-demokratischen Organisationen zum gemeinsamen Vorgehen unternommen wurden —
ich erinnere nur an das Abkommen unserer Organisationen in Bernau bei Berlin mit dem Vorstand der SPD und dem Ortsausschuß des ADGB zu einer gemeinsamen Abwehr der faschistischen Überfälle und einer gemeinsamen Maidemonstration; an das Angebot unserer Berliner Organisation an den Bezirksvorstand der SPD zu gemeinsamen Demonstrationen; ich erinnere an die Erklärung unserer braunschweigischen Landtagsfraktion auf Unterstützung der Wahl eines sozialdemokratischen Landtags-präsidenten, um die Wahl eines Faschisten zu verhindern — da wurden in einem Rundschreiben des ZK im Juni 1932 diese Anfänge zur Schaffung der Einheitsfront auf das schärfste verurteilt und als Fehler bei der Durchführung unserer Einheitsfronttaktik bezeichnet.“ [1]

Man muß die Massen von der Notwendigkeit des Kampfes überzeugen

In diesem Zusammenhang sei insbesondere auch auf jene Ausführungen Wilhelm Piecks verwiesen, die für unsere Partei heute genau die gleiche Bedeutung haben, die sie für die Kommunistische Partei hatten. Diese Ausführungen lauten:

„Wir haben einfach den Massen nicht klarzumachen verstanden, wofür und warum der Kampf geführt werden muß. Wir sprachen zu den Massen wie zu Parteifunktionären, und leider haben auch diese uns vielfach nicht verstanden. Statt daß wir uns bemühten, an Hand von Tatsachen die Notwendigkeit unserer Forderungen zu beweisen, anstatt daß wir unsere Losungen an die die Massen bewegenden Fragen anknüpften, glaubten wir den Massen durch eine gewisse Prahlerei imponieren oder in Form von Anweisungen Befehle erteilen zu können.“ [2]

Während also die Kommunistische Partei mitten in der Illegalität auf der Brüsseler Parteikonferenz im Oktober 1935 durch einen energischen Akt der Selbstkritik daranging, ihre taktischen Fehler der Vergangenheit auszurotten und die Partei ideologisch vorzubereiten, verharrten große Teile der Sozialdemokratie verbissen bis auf den heutigen Tag in ihren grundsätzlichen und strategischen Fehlern. Für die deutsche Arbeiterklasse ist es ein erschütternder Zustand, bereits heute erkennen zu müssen, daß die Politik der sozialdemokratischen Führer in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands in genau demselben Sumpf endet wie 1914, 1918 und 1933. Nichts gelernt und alles vergessen!

So haben also alle Richtungen in der deutschen Arbeiterbewegung, die reformistische wie die revolutionäre, große Fehler begangen. Beide tragen schwere Schuld an dem Versagen vor den von der Geschichte gestellten Aufgaben. Nicht darauf kommt es an, abzuwägen, wer den größten Anteil an der Schuld trägt. Wichtiger und fruchtbringender ist die Erkenntnis der Wurzeln, des Grundcharakters und der Folgen dieser Fehler. Nur wenn man erkannt hat, welche verhängnisvollen Auswirkungen die in der Vorkriegszeit nicht überwundenen Schwächen und Grundfehler der deutschen Arbeiterbewegung auf die Entscheidungen ihrer Führer hatten, begreift man, weshalb die Novemberrevolution, in der die halbabsolutistisch-feudale Monarchie mehr zusammenbrach als gestürzt wurde, zum Stillstand kam, bevor noch nicht einmal die Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution gelöst worden waren. Man erkennt als Hauptursache, daß dem deutschen Proletariat eine festgeschlossene, klassenbewußte, konsequente, auf dem Boden des Marxismus stehende, jeden Opportunismus und Reformismus rücksichtslos bekämpfende, wohldisziplinierte, revolutionäre Partei nicht zur Verfügung stand. Ohne eine solche Partei waren die Aufgaben der Novemberrevolution nicht durchzuführen. Die Existenz einer solchen Partei jedoch hätte nicht nur für die Revolution und für die Zukunft des deutschen Volkes, sondern auch unbestreitbar für die schnelle Erstarkung der Sowjetunion und damit für den gesamten Sozialismus Folgen von gar nicht abzusehender Bedeutung haben müssen.

Welche Faktoren führten zur Niederlage der Novemberrevolution 1918?

Will man aus dem Mißlingen und Versagen im November 1918 Lehren für die politischen Aufgaben der Partei in der Gegenwart ziehen, so genügt es nicht, die Führer der Arbeiterparteien vor den Richterstuhl der Geschichte zu zitieren und ihren Schuldanteil festzustellen, ihre Beweggründe zu prüfen und die objektiven Bedingungen im November 1918 zu untersuchen, sondern dann müssen die gefährlichen und verderblichen Strömungen aufgezeigt werden, die zu bestimmenden Faktoren für die Entscheidungen im November wurden: die aus der Verbürgerlichung fließende Nachgiebigkeit gegenüber Opportunismus, Reformismus und Revisionismus, die dadurch bewirkte Zerstörung des Klassenbewußtseins, die Abwendung vom Marxismus und die deshalb unabwendbar werdende Spaltung.

Zitate:
[1] Wilhelm Pieck, „Der neue Weg“, S. 24—30.
[2] ebd.

Quelle:
Otto Grotewohl: Dreißg Jahre später, Dietz Verlag, Berlin, 1948, S.132ff.

siehe auch:
Alexander Abusch: Einige Lehren aus der deutschen Geschichte
Was ist ein Kommunist?
Georgi Dimitroff: Wo sind sie denn, die Kommunisten?
Ljubow Pribytkowa: Ist die Vereinigung der Kommunisten möglich?
Kurt Gossweiler: Der Antistalinismus – Haupthindernis für die Einheit alles Kommunisten
W.I. Lenin: Über die Taktik der Kommunisten

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3 Antworten zu Die Fehler der Kommunisten

  1. Pingback: Alexander Abusch: Einige Lehren aus der deutschen Geschichte | Sascha's Welt

  2. sascha313 schreibt:

    Dr. Günter Hering schrieb:
    Die heutigen Fehler der „radikalen Linken“ sind um nichts geringer. Als wenn es die uralte Erfahrung nicht gäbe, dass Spaltung schwächt und nur dem Gegner (konkret: den Herrschenden) nützt.Die heutigen Fehler der „radikalen Linken“ sind um nichts geringer. Als wenn es die uralte Erfahrung nicht gäbe, dass Spaltung schwächt und nur dem Gegner (konkret: den Herrschenden) nützt.

    Zur Illustration, auf wie viel Ebenen und mit welch perfider Perfektion das zuweilen abläuft, empfehle ich diesen Bericht:
    http://www.rtdeutsch.com/32651/headline/kafkaeske-prozesse-verkommt-wikipedia-zum-gesinnungspranger/ Die heutigen Fehler der „radikalen Linken“ sind um nichts geringer. Als wenn es die uralte Erfahrung nicht gäbe, dass Spaltung schwächt und nur dem Gegner (konkret: den Herrschenden) nützt.

    • sascha313 schreibt:

      Daß „Wikipedia“ schon immer ein „Gesinnungsportal“ ist, wo mißliebige Einträge nach dem Gusto der herrschenden Klasse (sprich: der Geldgeber!) gelöscht oder verändert werden, ist ja keine Einzelerscheinung. Auch bei „“youtube“ und anderen Internetportalen findet eine Zensur (und ein solcher Gesinnungsterror!) statt..

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