Georg Weerth, der erste und bedeutendste Dichter des Proletariats

WeerthGeorg Weerth ist nur 34 Jahre alt geworden. Als Handelskaufmann reiste er durch die ganze Welt; er starb 1856 in Havanna am Tropenfieber. Schon zu Beginn der vierziger Jahre hatte er sich als Dichter durch seine witzigen und antikapitalistischen Satiren einen Namen gemacht. In England lernte er Friedrich Engels kennen, trat dem Bund der Gerechten, dem Vorläufer des späteren Bundes der Kommunisten, bei. 1844 schrieb Weerth an seinen Bruder: „Die sozialistischen Ideen greifen hier in England auf eine erstaunliche Weise um sich. Wir brauchen hier nur zwei Jahre hintereinander eine Mißernte zu haben, außerdem irgendein Pech in der kommerziellen Welt, und die Revolution ist fertig. Eine Revolution nicht gegen königliche Gewalt, gegen parlamentarische Albernheiten oder gegen die Religion, sondern gegen das Eigentum. Der Arbeiter, der durch die char­tistische Umtriebe, durch Petitionieren und aufrührerische Meetings nie zu seinem Ziel kam, wird hintereinander den Nerv der jetzigen Gesellschaft zerschneiden und das Geld anfassen….“  (Weerths Werke in zwei Bänden, Bd. 1, S.VII) Friedrich Engels nannte Georg Weerth einmal, den ersten und bedeutendsten Dichter des Proletariats. Im Folgenden nun eine glänzende, immer noch gültige Satire über die Kirche und die Verhältnisse in England

EpiskopalkircheIn der Pfarrkirche war alles herrlich. Voran schritt Master Woodcock mit seiner Gattin. Dann kam der älteste Sohn mit dem jüngern Bruder, zuletzt ich mit der schönen Fanny. Die Orgel brauste, die Engländer sangen. Wir standen in dem großen Kirchenstuhl. Master Woodcock schüttelte mir die Hände und rief: „You see, das ist unsre altenglische Kirche.“ Der Sohn legte mir sein Gesangbuch vor, Fanny blickte mich mit triumphierenden Augen an; aber voller Entzücken, einen Deutschen aus dem wilden Lande der Wölfe zur Seligkeit episkopalischen Kirchendienstes eingeführt zu haben; riß die Frau Schnepfe ihren eigenen Wollsack vom Sitze und legte ihn mir unter…

Zwei Stunden englischen Gottesdienstes gehören zu den schönsten Amüsements neuerer Zeit. Rechts und links stehen die Haupthähne der kleinen Bourgeoisie, die Leute, die während der Woche so gern Sand in den Zucker streuen, die Kalkwasser mit Milch vermischen und den edelsten Wein mit noch viel edlerem Schnaps taufen; sie haben sich für heute einmal gründlich die Hände gewaschen und erscheinen in den Kirchenstühlen feierlich schwarz wie Stare und steif wie Böcke.

Ringsum auf den Galerien sammeln sich die höhern Klassen der Gesellschaft; Fabrikanten, welche Götzenbilder ex­portieren; Bankiers, die das Skalpieren besser verstehen wie die Mohikaner des Westens; Makler, die gewiß in den Himmel kommen, weil sie den Teufel um jede Seele, also auch um die eigene prellen werden, und Advokaten, die so berüchtigt sind, daß man die Kinder mit ihrem Namen bange macht.

Zwischendurch setzen sich die lieblichen Gattinnen dieser sauberen Gemahle, duftend nach Rosinen und Korinthen, lächelnd wie faule Orangen und keusch wie Kaninchen. Und immer voller wird die Kirche. Jeden läßt man hereintreten; nur die Bettler, welche keinen Kirchenstuhl bezahlen können, werden vor die Tür geworfen.

KircheDa erscheint der Herr Pastor. Es ist ein würdiger Mann, der gern am Abend bei einer Flasche Portwein in Eisenbahnaktien spekuliert; er hat das Alte und das Neue Testament im Kopfe, und räuspernd stellt er sich auf die Hinterbeine und schnarrt seinen Text. Da erhebt sich die ganze fromme Ge­meinde; man wackelt mit den Köpfen, man wendet sich rechts und links hin, man verdreht die Augen, und säuselnd beginnen sie ihren Davidschen Psalm.

O liebliches Säuseln! – Wie wird mir! Bin ich auf Erden?
Sitze ich unter Sterblichen? Sind dies dieselben Leute, welche sechs Wochentage lang so trefflich zu schreien, zu schwatzen, zu lügen, zu betrügen, zu stehlen und zu fluchen wissen? – Nein, es ist nicht möglich! Ich bin im Himmel, ich höre die himmlischen Heerscharen singen; sie jauchzen von Liebe und Glauben und Entsagung und göttlicher Barmherzigkeit – und wenn mich Fannys weiche Hand nicht an die süße Wirklichkeit erinnert hätte, ich glaube, ich hätte mich in jener Episkopalkirche in einen Engel des Himmels aufgelöst und wäre hinaufgeflogen in eine andere, bessere Welt.

Quelle:
Weerths Werke in zwei Bänden, Aufbau Verlag Berlin und Weimar (DDR), Bd.1, S.160f. Bilder: Repro Aufbau Verlag (1); John Taylor, GB (2)

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