Die Russen, Putin und der Krieg Der russische Präsident Wladimir Putin im Fernsehinterview mit CBS.

oder: wie das USA-Fernsehen ein Interview mit Putin zensiert und damit fälscht!
veröffentlicht am 29.09.2015

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Das folgende ist ein etwas längerer Text, der aber sehr deutlich die Positionen des kapitalistischen Rußland gegenüber den imperialistischen Westmächten widerspiegelt. Die in den deutschen und US-amerikanischen Massenmedien zensierten und gefälschten Berichte vermitteln oft ein nur sehr ungenaues Bild über Rußland und über Putin. Das altherbrachte Feindbild vom russischen Aggressor, das schon die Nazis pflegten, wird aber auch in der BRD immer wieder aufgemöbelt, um die Völker gegeneinander aufzuhetzen. Putin ist klug. Man muß manchmal seine Geduld bewundern, mit der er die langweiligen und oft recht unbedarften Fragen des CBS-Interviewers beantwortet. Andererseits kommt in seinen Antworten aber auch zum Ausdruck, wie er und das russische Volk zu seiner Geschichte steht. Er tritt damit dem deutschen und US-amerikanischen Geschichtsrevisionismus entgegen….    

Vorbemerkung: Es ist besser, miteinander zu reden, als übereinander. Es ist besser, die Ansichten und Lebensweisen anderer Menschen und Völker zu kennen, als Vorurteile zu pflegen, als die Welt in Gut und Böse einzuteilen, oder nach der Art amerikanischer Cowboys, erst zu schießen und dann zu fragen. Der Frieden in der Welt ist zerbrechlich, doch der Krieg, als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, ist vermeidbar. Aber man darf auch keine Illusionen haben. Putin ist kein Kommunist, und Rußland ist ein kapitalistisches Land. Für ihn ist die Zerstörung des Sozialismus wohl nur deshalb ein Problem, weil sich nach der kriminellen Aufspaltung der Sowjetunion 25 Millionen Menschen, russische Bürger „plötzlich im Ausland“ befanden und weil die Russen heute „die größte geteilte Nation in der Welt“ sind. Daß aber mit der Zerstörung des sozialistischen Weltsystems der Imperialismus zu verschärfter Ausbeutung, zu erhöhter Aggressivität und zu neuen Kriegen überging, scheint Putin nicht der Erwähnung wert zu sein. Kein Wort über die russischen Oligarchen und kein Wort über deren ergaunertes Vermögen, über deren Privateigentum an Produktionsmitteln. Auch nicht darüber, daß seine Landsleute millionenfach nicht nur um ihre Heimat, sondern auch das gesamte Volkseigentum betrogen wurden und damit ihre menschenwürdige Existenz verloren haben, und daß mit dem Untergang des Sozialismus zugleich auch alles das verschwand, was Generationen sowjetischer Menschen zuvor in ihrem Streben nach einer besseren und gerechteren Welt mit ihrem Blut und Schweiß errichtet, verteidigt und erhalten hatten. Und was die Zukunft betrifft und seine Einschätzung der sozialökonomischen Zusammenhänge, orientiert sich Putin offenbar an den Theorien seiner Berater… Dennoch ist eines klar: auch die Russen wollen keinen Krieg! Bei den USA sind wir uns da nicht so ganz sicher.


CHARLIE ROSE/CBS: Ich möchte Ihnen dafür danken, daß Sie uns an diesem wunderbaren Tag hierher, zu Ihnen nach Hause, eingeladen haben. Sie nennen es hier „Altweibersommer“. Wir werden unser Interview aufzeichnen, es wird am Sonntag gesendet werden, und am nächsten Tag werden Sie in der UNO eine Rede halten, die stark erwartet wird. Sie werden in der UNO nach vielen Jahren zum ersten Mal auftreten. Was werden Sie in der UNO Amerika und der ganzen Welt sagen?

WLADIMIR PUTIN: Da unser Interview vor meiner Rede gesendet wird, scheint es mir unzweckmäßig zu sein, alles ausführlich darzulegen, was ich sagen werde, aber allgemein gesagt, werde ich an die Geschichte der Organisation der Vereinigten Nationen erinnern. Schon jetzt kann ich sagen, daß der Beschluß über die Bildung der UNO gerade in unserem Land, in der Sowjetunion, auf der Jaltaer Konferenz gefaßt wurde. Die Sowjetunion und Rußland, als die Rechtsnachfolgerin der Sowjetunion, ist das Land, welches zu den Gründern der Organisationen der Vereinigten Nationen gehört und ein ständiges Mitglied des Sicherheitsrats ist.

Natürlich muß man über den heutigen Tag reden, darüber, wie sich das internationale Leben heute gestaltet, und daß die UNO die einzige universelle internationale Organisation bleibt, die berufen ist, den Frieden in der ganzen Welt zu unterstützen. Und in diesem Sinn hat sie heute keine Alternative. Klar ist auch, daß sie sich der sich ändernden Welt anpassen muß, und wir diskutieren ständig darüber: wie soll sie sich ändern, in welchem Tempo, und was soll sich qualitativ ändern. Es versteht sich, und nicht nur das, – man muß diese internationale Tribüne auch nutzen, um die russische Vision der heutigen internationalen Beziehungen und der Zukunft dieser Organisation und der weltweiten Gesellschaft darzulegen.


Über ISIL und den syrischen Krieg

CHARLIE ROSE: Wir erwarten, daß Sie über die Bedrohung durch den „Islamischen Staat“ und über Ihre Anwesenheit in Syrien sagen werden, Ihre Anwesenheit dort ist doch damit verbunden. Welches Ziel hat ihre Anwesenheit in Syrien, und wie stehen Sie zum Kampf gegen den ISIL?

WLADIMIR PUTIN: Ich zweifle nicht daran, daß alle, die vor der Organisationen der Vereinigten Nationen auftreten, über das Problem und die Notwendigkeit des Kampfes gegen den Terrorismus sprechen werden, auch wir werden diesem Thema nicht ausweichen. Das ist ganz klar, weil es für uns alle eine ernste, allgemeine Bedrohung darstellt, es ist ein Aufruf für uns. Heute stellt der Terrorismus an sich eine Bedrohung für sehr viele Staaten der Welt dar, unter seinen verbrecherischen Taten leidet eine große Menge Menschen – Hunderttausende, Millionen Menschen. Und vor uns steht die Aufgabe, unsere die Bemühungen im Kampf gegen dieses allgemeine Übel zu vereinigen.

Was unsere, wie Sie sagten, Anwesenheit in Syrien betrifft, so ist sie gegenwärtig von Waffenlieferung an die syrische Regierung, von der Ausbildung des Personals und von Hilfssendungen an das syrische Volk geprägt. Wir gehen dabei vom Statut der Organisation der Vereinigten Nationen aus, das heißt von grundlegenden Prinzipien des modernen internationalen Rechts, wonach man diese oder jene Hilfe, einschließlich der militärischen, ausschließlich legitimen Regierungen dieser oder jener Länder leisten kann und muß, wenn diese in ihrem Einverständnis oder auf ihre Bitte hin, oder auf Beschluß des UNO-Sicherheitsrats erfolgt. In diesem Fall haben wir es mit einer Bitte der syrischen Regierung zu tun, ihr militärisch-technische Hilfe zu leisten, was wir auch im Rahmen absolut legaler internationaler Verträge tun.

CHARLIE ROSE: Staatssekretär John Kerry sagte, daß er Ihre Unterstützung im Kampf gegen ISIL begrüßt. Andere meinen, daß es die Kampfflugzeuge und schultergestützte Luftabwehrraketesysteme sind, die gegen die eine gewöhnliche Armee, nicht aber gegen Extremisten verwendet werden.

WLADIMIR PUTIN: Dort gibt es nur eine einzige gewöhnliche legitime Armee. Es ist die Armee des Präsidenten Syriens, Assad. Nach der Interpretation einiger unserer internationalen Partner, steht ihm die Opposition gegenüber. Doch tatsächlich, im Leben, in Wirklichkeit kämpft die Armee Assads gegen terroristische Organisationen.

Sie kennen besser als ich die Gerüchte, die gerade erst, wenn ich mich nicht irre, im Senat der USA verbreitet wurden, wo Militärs, Vertreter des Pentagons den Senatoren darüber berichteten, daß die USA die Vorbreitung von Kampfeinheiten der Opposition übernommen hat. Man sich sich zuerst das Ziel gesetzt, 5.000 – 6.000 Kämpfer vorzubereiten, später aber 12.000. Schließlich stellte sich heraus, daß insgesamt 60 [Mann] vorbereitet wurden, und nur 4 oder 5 Mann mit Waffen in den Händen kämpfen, und alle übrigen desertierten einfach mit amerikanischen Waffen zum ISIL. Das zum Ersten.

Zum Zweiten, meiner Meinung nach, eine militärische Unterstützung illegaler Strukturen widerspricht den Prinzipien des geltenden internationalen Rechts, und sie widerspricht dem Statut der UNO. Wir unterstützen ausnahmslos legale Regierungsstrukturen.

In diesem Zusammenhang bieten wir auch den Ländern der Region eine Zusammenarbeit an, und wir versuchen, eine gewisse Koordinationsstruktur zu schaffen. Ich habe den Präsidenten der Türkei, die Könige von Jordanien und Saudi-Arabien davon persönlich informiert, und wir haben auch die Vereinigten Staaten von Amerika, Herrn Kerry, darüber informiert. Wie Sie schon erwähnt haben, hatte er darüber mit unserem Außenminister, Herrn Lawrow, ein ausführliches Gespräch, ebenfalls sind unsere Militärs im Kontakt miteinander und besprechen dieses Thema. Und wir werden froh sein, wenn wir eine gemeinsame Plattform für abgestimmte Handlungen gegen die Terroristen finden.


Kommentar: Nichts von dem obengesagten kam in die gekürzte Endfassung des CBS


CHARLIE ROSE: Sie sind bereit, sich den USA im Kampf gegen ISIL anzuschließen, und befinden Sie sich deshalb in Syrien? Einige meinen, daß Ihr Ziel teilweise darin besteht, die Regierung Assad zu retten, wo er doch jetzt Positionen verliert, und der Krieg für seine Regierung nicht sehr gut verläuft. Ist es das Ziel der Anwesenheit Rußlands in Syrien, Bashar Assad an der Macht zu erhalten?

WLADIMIR PUTIN: Richtig, so ist das. Wir leisten – ich habe das schon zweimal im Verlauf unseres Gespräches gesagt, ich kann es zum dritten Mal wiederholen – wir stützen die legitime Regierung von Syrien. Umso mehr, weil wir – nach meiner tiefen Überzeugung –, wenn wir in einer anderen Richtung handeln würden, in Richtung der Zerstörung der legitimen Machtstrukturen, können wir eine Situation schaffen, wie wir sie heute in anderen Ländern der Region oder in anderen Regionen der Welt beobachten, zum Beispiel, in Libyen, wo alle staatlichen Institutionen vollständig zerrüttet sind.

Leider beobachten wir eine ähnliche Situation auch im Irak. Es gibt keine andere Art, das syrische Problem zu lösen, als die bestehenden, legalen staatlichen Strukturen zu stabilisieren und sie im Kampf gegen den Terrorismus zu unterstützen, und natürlich auch, sie gleichzeitig zum positiven Dialog mit dem gesunden Teil der Opposition und zur Durchführung politischer Umgestaltungen zu veranlassen.

CHARLIE ROSE: Wie Sie wissen, wollen einige Partner in der Koalition, daß zuerst Assad auf die Macht verzichtet, und erst danach sind sie bereit, die Regierung zu unterstützen.

WLADIMIR PUTIN: Ich würde denen raten oder empfehlen, diesen Wunsch an das syrische Volk, und nicht an Assad zu richten. Nur das syrische Volk ist innerhalb des Landes berechtigt darüber zu entscheiden, wer und nach welchen Prinzipien das Land verwalten soll. Ratschläge ähnlicher Art von außerhalb halte ich für absolut ungehörig, schädlich und dem internationalen Recht widersprechend.


Kommentar: Der letzte Satz (rot hervorgehoben) wurde in der CBS-Version herausgeschnitten.


CHARLIE ROSE: Sie unterstützen Bashar Assad. Unterstützen Sie auch das, was er in Syrien macht, und das, was mit jenen Syrern geschieht, den Millionen Flüchtlingen, mit den Hunderttausenden Menschen, die umgekommen sind, und viele ihnen wurden von seinen Leuten getötet?

WLADIMIR PUTIN: Was meinen Sie, handeln diejenigen richtig, die eine bewaffnete Opposition unterstützen, die terroristische Organisationen hauptsächlich dazu unterstützen, um Assad zu stürzen, und die sich nicht darum sorgen, was mit dem Land wird nach der völligen Zerstörung der staatlichen Institutionen in diesem Land? Wir sind sprachen schon davon, ich erwähnte schon Libyen. Das ist nicht lange her, es geschah erst vor kurzem. Die USA halfen aktiv, diese staatlichen Institutionen zu zerstören. Ob sie gut waren oder schlecht, ist eine andere Sache. Doch sie wurden zerstört, danach haben die USA schwere Verluste erlitten, einschließlich den Tod ihres Botschafters. Verstehen Sie, wohin das führt? Deshalb helfen wir gerade den legalen staatlichen Strukturen. Doch ich will es noch einmal unterstreichen, in der Hoffnung darauf, daß in Syrien die für das syrische Volk notwendigen politischen Umgestaltungen durchgeführt werden.


Kommentar: Die CBS hat ebenfalls die Diskussion zu Libyen herausgeschnitten.


Sie haben die ganze Zeit mehrfach mit bemerkenswerter Beharrlichkeit davon gesprochen, daß die syrische Armee gegen das eigene Volk kämpft. Aber Ihnen ist schon klar, wer 60 Prozent des Territoriums von Syrien kontrolliert. Wo ist denn diese zivilisierte Opposition? 60 Prozent des Territoriums von Syrien wird entweder durch ISIL oder durch andere – „Dschebhat an-Nusra“ und durch die übrigen terroristischen Organisationen kontrolliert. Organisation, wie diese, wurden von den USA und anderen Staaten, und von der UNO als terroristisch bezeichnet. Sie [diese terroristischen Organisationen], und niemand anderes, kontrollieren fast 60 Prozent des syrischen Territoriums.

CHARLIE ROSE: Ist es das, was Sie beunruhigt, das was nach [dem Weggang von] Assad geschehen kann. Sie sprechen von Anarchie, Sie sehen die Bedrohung durch ISIL. Was denken Sie, ist das so eine besondere, einzigartige terroristische Organisation?

WLADIMIR PUTIN: Sie hat sich in eine einzigartig verwandelt, weil sie global agiert. Sie haben sich doch das Ziel gesetzt, ein Kalifat von Portugal bis nach Pakistan zu schaffen. Sie beanspruchen schon Mekka und Medina als islamische Heiligtümer. Ihr Handeln, ihre Aktivitäten erstrecken sich schon weit über die Grenzen jener Territorien hinaus, die sie heute kontrollieren.

Und was die Flüchtlinge betrifft, die Herkunftsländer der Flüchtlinge, so ist das nicht nur Syrien. Wer flüchtet denn aus Libyen? Wer flüchtet aus den Ländern Zentralafrikas, wo heute auch die Islamisten herrschen? Wer flüchtet aus Afghanistan, aus dem Irak? Laufen denn wirklich nur aus Syrien die Flüchtlinge davon? Warum meinen Sie, daß die Flüchtlinge aus Syrien nur infolge der Maßnahmen weglaufen, die Assad zum Schutz seines Staates trifft? Warum denken Sie nicht, daß die Flüchtlinge unter anderem auch wegen der Bestialistät der Terroristen fliehen, unter anderem wegen der ISIL-Banditen, die Menschen enthaupten, sie lebendig verbrennen und ertränken, die Denkmäler der Weltkultur zerstören? Die Menschen fliehen auch vor ihnen, vor allem vor ihnen. Natürlich auch vor den Kriegsereignissen, das ist klar. Doch es gäbe sie nicht, diese Kriegshandlungen, wenn diese terroristischen Organisationen nicht von außerhalb mit Waffen und Geld unterstützt würden. Bei mir entsteht der Eindruck, daß irgendwer besondere Einheiten, oder den ISIL insgesamt, benutzen will, um Assad zu beseitigen, um anschließend darüber nachzudenken, wie man sich des ISIL entledigen kann. Das ist eine schwierige Aufgabe, und sie ist, wie mir scheint, praktisch nicht ausführbar.


Kommentar: Die obengenannte Frage und Antwort wurden, wie vorherzusehen war, in ihrer Gesamtheit herausgeschnitten. Dasselbe geschah mit den folgenden drei Fragen und Antworten.


CHARLIE ROSE: Befürchten Sie, daß sie [die Terroristen] nach Rußland kommen werden? Haben sie Angst, daß sie, wenn man das jetzt nicht aufhalten kann, über Europa nach Rußland gelangen, und sogar in die USA, und müssen Sie sich deshalb einmischen, weil niemand mehr die notwendigen Schritte unternimmt, um dem ISIL zu widerstehen?

WLADIMIR PUTIN: Es gibt wirklich wenige, die ernsthafte Schritte im Kampf gegen diese Bedrohung unternehmen. Es sind wenige, die ernsthafte und effektive Schritte unternehmen. Über die Effektivität der Handlungen unserer amerikanischen Partner haben wir schon im Verlaufe des Berichtes des Pentagons vor dem Senat der USA gehört. Eine geringe Effektivität, muß man geradezu sagen. Verstehen Sie, ich will das hier nicht ironisieren, jemanden dort festnageln oder mit dem Finger auf jemanden zeigen. Wir bieten die Zusammenarbeit an, wir bieten an, die Bemühungen zu vereinigen.

Und ob wir uns fürchten oder nicht? Wir haben nichts zu befürchten. Wir haben die Situation in unserem Land unter Kontrolle. Aber wir sind einen sehr schweren Weg des Kampfes gegen den Terrorismus gegangen, gegen den internationalen Terrorismus, im Nordkaukasus. Das zum Ersten.

Und zweitens. Uns ist es zuverlässig bekannt, daß sich auf dem Territorium Syriens heute Kämpfer in einer Anzahl von nicht weniger als zweitausend, vielleicht sogar mehr zweitausend Leuten – Auswanderern aus Rußland und anderen Republiken der ehemaligen Sowjetunion – befinden, und daß natürlich eine Bedrohung durch ihre Rückkehr nach Rußland existiert. Und deshalb ist es besser, Assad zu helfen, dort mit ihnen Schluß zu machen, als darauf zu warten, daß hier auftauchen.

CHARLIE ROSE: Nun, aber Sie sagen, daß Sie sich dem angeschlossen haben, weil Sie meinten, daß diese Arbeit ungenügend gut erfüllt wird. Sie haben davon gehört, was im amerikanischen Senat vor sich geht, haben die Ergebnisse gehört, und Sie haben beschlossen, daß Rußland handeln muß?

WLADIMIR PUTIN: Wir handeln auch so, und wir handeln immer in dieser Richtung. Wir haben mit vielen Ländern zusammengearbeitet, und wir werden die Zusammenarbeit fortsetzen, darunter auch mit den USA. Wir geben ständig unseren Kollegen über die Partnerkanäle der Geheimdienste die für die speziellen amerikanischen Unterabteilungen nötigen Informationen weiter, um zur Sicherheit, einschließlich der amerikanischen Bürger, sowohl in den USA, als auch außerhalb der USA beizutragen. Aber ich bin der Ansicht, daß heute ein solches Niveaus der Koordination unzureichend ist, man muß enger miteinander zusammenarbeiten.

CHARLIE ROSE: Worin besteht die von Ihnen vorgeschlagene Strategie, außer daß sie einfach das Regime von Bashar Assad unterstützen?

WLADIMIR PUTIN: Ich habe darüber schon gesprochen: wir sollten der Armee Assads helfen. Denn außer der Armee Assads bekämpft heute überhaupt niemand auf dem Gebiet den ISIL. Ich will, daß Sie und Ihre Zuschauer und Zuhörer endlich begreifen: Außer der Armee von Assad kämpft niemand in Syrien gegen ISIL und die anderen terroristischen Organisationen. Niemand. Die bedeutungslosen Luftangriffe, einschließlich der Luftwaffe der USA, lösen diese Frage im wesentlichen, vom Grunde her nicht. Nach diesen Schlägen muß die Arbeit auf dem Territorium weitergehen, es muß alles streng koordiniert sein. Man muß wissen, welche Schläge, wohin und vom diese Schläge ausgeführt werden, und wer sich nach diesen Schlägen auf dem Territorium weiterbewegen wird. In Syrien existiert, außer der Armee von Assad, keine andere Streitmacht.

CHARLIE ROSE: Sind Sie bereit, russische Truppen nach Syrien zu führen, wenn im Rahmen des Kampfes gegen ISIL dazu die Notwendigkeit entsteht?

WLADIMIR PUTIN: Rußland wird sich nicht an irgendwelchen Truppenoperationen auf dem Gebiet Syriens oder in anderen Staaten beteiligen, jedenfalls haben wir das zum jetzigen Zeitpunkt nicht geplant. Aber wir denken daran, unsere Zusammenarbeit mit dem Präsidenten Assad, wie auch mit unseren Partnern in anderen Ländern zu intensivieren.

CHARLIE ROSE: Was bedeutet das?

WLADIMIR PUTIN: Das bedeutet, daß unsere Militärangehörigen nicht unmittelbar am Kampf teilnehmen werden, sie werden nicht kämpfen. Wir werden die Armee Assads unterstützen…

CHARLIE ROSE: Sie meinen die Luftangriffe?

WLADIMIR PUTIN: Ich meine den Krieg, die Kampfhandlungen auf dem Territorium, die Infanterie, die motorisierten Truppenteile.

CHARLIE ROSE: Viele meinen, daß die Handlungen Assads dem ISIL in die Hand spielen, daß er eine schreckliche Beziehung zum syrischen Volk hat, gegen das das Regime Faßbomben einsetzt und andere feindselige Handlungen unternimmt, was eine Art Hilfe für den ISIL ist. Folglich wird, wenn Assad geht, im Land eine Übergangsperiode anbrechen, die zum Kampf gegen ISIL beiträgt.

WLADIMIR PUTIN: Um sich der professionellen Sprache der Geheimdienste zu bedienen, kann ich Ihnen sagen, eine solche Einschätzung ist eine ganz offene, aktive Maßnahme der Feinde Assads. Es ist antisyrische Propaganda, es gibt keine Gemeinsamkeiten zwischen Assad und ISIL, sie bekämpfen einander. Und ich wiederhole noch einmal: Assad und seine Armee sind die einzige Macht, die tatsächlich gegen den ISIL kämpft.


Kommentar: Die zweite Hälfte der obengenannten Antwort (nach „antisyrische Propaganda“) wurde herausgeschnitten. Die folgenden vier Dialoge wurden ebenfalls herausgeschnitten.


CHARLIE ROSE: Doch es gab schon früher die Mitteilungen darüber, daß Sie sich vorbereitet haben, genauer gesagt, schon begonnen haben, den Grad der Unterstützung des Assad-Regimes zu verringern, und schließlich einen politischen Übergang vereinbaren wollten.

WLADIMIR PUTIN: Wir sind der Meinung, daß Fragen politischen Charakters in jedem beliebigen Land, einschließlich Syrien, vor allem von dessen Volk entschieden werden sollen. Doch wir sind bereit, die offizielle Regierung Syriens und den gesunden Teilen der Opposition dabei zu unterstützen, daß sie untereinander gemeinsame Berührungspunkte finden und sich über die politische Zukunft ihres Landes einigen. Wir haben gerade in Moskau eine Reihe von Begegnungen von Vertretern der Opposition und Vertretern der Regierung Assads organisiert. Wir haben diesbezüglich an der Genfer Konferenz teilgenommen. Wir sind auch weiterhin bereit, in dieser Richtung zu handeln, um beide Seiten, sowohl die offiziellen Behörden, als auch die Opposition anzuregen, um sich miteinander, aber mit friedlichen Mitteln zu einigen.

CHARLIE ROSE: „The Washington Post“ schrieb heute: „In das Vakuum der amerikanischen Führung ist der russische Präsident Wladimir Putin eingetreten, der Truppen und Waffen nach Syrien schickte, um die Welt zu zwingen, den Krieg als seine Lösung zu akzeptieren, der die Bildung einer neuen Koalition im Kampf gegen den Islamischen Staat darstellt, welcher die syrische Regierung einschließt“. Es ist interessant, daß sie sagen, daß Sie in ein gewisses Vakuum der amerikanischen Führung einsteigen. Das ist, was „The Washington Post“ schreibt.

WLADIMIR PUTIN: Wir füllen nicht das Vakuum der amerikanischen Führung aus, wir versuchen, die Entstehung eines Machtvakuums in Syrien überhaupt zu verhindern, weil wenn nur die staatlichen Strukturen in diesem oder jenem Staat, in diesem oder jenem Land zerstört werden, dann entsteht ein Machtvakuum, und dieses Vakuum wird augenblicklich von den Terroristen ausgefüllt. So war es in Libyen, im Irak, und so war es in einigen anderen Ländern. Dasselbe geschieht in Somalia, auch in Afghanistan war es so. Für uns geht es doch nicht um einen Kampf gegen die amerikanische Führung.


Kommentar: Es ist nicht überraschend, daß das obenstehende herausgeschnitten wurde.


CHARLIE ROSE: Nun, das Vakuum ist die Frage. Es scheint, als ob das bei Ihnen einen Moment die Befürchtung hervorruft: Sie sprechen über eine starke und zentralisierte Regierung, eine Vorstellung davon existiert im Bewußtsein der Russen, und Sie fürchten sich sehr davor, daß es in Syrien keine starke Regierung gibt, wie es sie auch in einigen anderen Ländern nicht gibt. Das Fehlen einer starken Macht – ist das Ihre persönliche Angst?

WLADIMIR PUTIN: Ich rede nicht davon, daß es dort keine starke Regierung gibt. Ich rede nur davon, daß wenn es keine Regierung gibt, so wird es Anarchie und ein Vakuum geben, und dieses Vakuum und diese Anarchie verwandeln sich schnell in Terrorismus.

Sehen Sie im Irak: Dort war Saddam Hussein eine bekannte Person, mag er nun gut gewesen sein oder schlecht, doch in einem bestimmten Zeitabschnitt (das haben Sie vielleicht vergessen oder wie?) doch die USA haben aktiv mit Saddam zusammengearbeitet, als er gegen den Iran kämpfte: sie halfen ihm mit Waffen, leisteten diplomatischer Unterstützung, politische Begleitung und so weiter. Später haben sie sich aus irgendeinem Grund mit ihm zerstritten und haben sich entschieden, ihn zu liquidieren. Doch indem sie Saddam Hussein liquidierten, liquidierten sie auch die irakische Staatlichkeit und Tausende Menschen aus der ehemaligen Baath-Partei. Und Tausende irakischer Militärs, die zur sunnitischen Elite des Staates gehörten, wurden auf die Straße geworfen. Niemand hat über sie nachgedacht, und heute ergänzen sie die Armee des ISIL.

Wogegen treten wir auf. Wir sind nicht dagegen, daß irgendein Land irgendeine Führung übernimmt, doch wir sind gegen unüberlegte Handlungen, die uns in solche negativen und schwer korrigierbaren Situationen bringen.

CHARLIE ROSE: Wie Ihnen bekannt ist, hat der Vertreter Irans, General Sulejmani, vor kurzem Moskau besucht. Was spielt er für eine Rolle und welche Rolle spielen die kurdischen Kräfte in Syrien? Und was muß man in diesem Zusammenhang tun?

WLADIMIR PUTIN: Ich sagte schon: ich gehe davon aus, daß alle Länder der Region ihre Bemühungen im Kampf gegen die allgemeine Bedrohung vereinen müssen, gegen den Terrorismus im allgemeinen und gegen ISIL im besonderen. Das betrifft auch den Iran, es betrifft Saudi-Arabien – ungeachtet dessen, daß die Beziehung zwischen beiden Ländern nicht die besten sind, doch die Bedrohung durch den ISIL betrifft auch sie und andere; es betrifft Jordanien, es betrifft die Türkei – ungeachtet dessen, daß es dort bestimmte Probleme mit der kurdischen Problematik gibt, – aber an der Klärung der Situation sind meiner Meinung nach alle interessiert. Unsere Aufgabe besteht darin, diese Bemühungen im Kampf gegen den gemeinsamen Feind zu vereinigen.

CHARLIE ROSE: Das ist eine sehr breite Formulierung, das kann darüberhinaus zu neuen Bemühungen seitens Rußland führen, die führende Rolle im Nahen Osten zu übernehmen, was für Sie eine neue Strategie darstellt. Ist das wirklich so?

WLADIMIR PUTIN: Nein, wir haben schon erwähnt, was uns dazu zwingt, der Regierung Assad eine wachsende Unterstützung zu geben und an die Perspektiven der Situation in der Region zu denken. Ich hatte Ihnen das schon gesagt. Sie haben selbst gefragt – und ich habe geantwortet. Mehr 2.000 Kämpfer, Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, befinden sich auf dem Territorium Syriens. Es gibt eine Bedrohung, daß sie zu uns zurückkehren werden. Also, warum warten, daß sie zu uns zurückkehren, anstatt Assad zu helfen, sie dort auf dem Territorium Syriens zu bekämpfen. Das ist das wichtigste, bewegende Motiv, das uns anstößt, Assad unsere Unterstützung zuzusagen.

Insgesamt wollen wir natürlich nicht, daß sich die Situation in der Region so wie in Somalia entwickelt, wir wollen natürlich nicht, daß dort imer wieder ein neues Somalia entsteht, weil sich das alles in der unmittelbaren Nähe unserer Grenzen abspielt, wir wollen normale Beziehungen mit diesen Ländern entwickeln. Wir hatten überhaupt mit dem Nahen Osten traditionell, – ich will das unterstreichen – wir hatten immer sehr gute Beziehungen. Wir rechnen damit, daß das auch in Zukunft so sein wird.


Kommentar: Die letzte Hälfte dieser letzten Antwort wurde herausgeschnitten.


Über Rußland

CHARLIE ROSE: Sie sind stolz auf Rußland, und das heißt auch, daß Sie wollen, daß Rußland eine bedeutendere Rolle in der ganzen Welt spielt. Und das ist eines dieser Beispiele.

WLADIMIR PUTIN: Das ist für uns kein Selbstzweck. Ich bin stolz auf Rußland und ich bin überzeugt davon: die überwiegende Mehrheit der Bürger meines Landes hegt ein Gefühl der Liebe und Achtung vor der Heimat. Und es gibt etwas, worauf wir stolz sein können: die russische Kultur, die russische Geschichte. Wir haben allen Grund, an die Zukunft unseres Landes zu glauben. Aber bei uns gibt es nicht einen solchen Fetisch einer Supermacht Rußlands in der Weltarena. Wir beschäftigen uns nur mit einem: mit dem Schutz unserer eigenen Interessen.


Kommentar: Die hervorgehobenen Teile wurden herausgeschnitten, dasselbe auch bei der nächsten Antwort.


CHARLIE ROSE: Aber Sie sind einer der führenden Staaten, weil Sie Kernwaffen haben. Sie sind eine Macht, mit der man rechnen muß.

WLADIMIR PUTIN: Ich hoffe – warum sollten wir sonst diese Waffen haben? Wir gehen davon aus, daß auch die Kernwaffen und andere Arten der Bewaffnung ein Mittel zum Schutz unserer Souveränität und der berechtigten Interessen sind, und nicht ein Mittel für aggressives Verhalten oder für die Realisierung irgendwelcher nicht vorhandener imperialer Ambitionen sind.


Kommentar: Die folgenden sechs Fragen und Antworten (bis zur Fragen über Putin’s Gedanken zu Obama) sind in der zensierten Endfassung nicht enthalten.


Über den USA-Präsidenten Obama

CHARLIE ROSE: Wenn Sie nach New York kommen, werden Sie um ein Treffen mit Präsident Obama ersuchen?

WLADIMIR PUTIN: Solche Treffen werden im Voraus geplant. Präsident Obama hat, wie ich weiß, bei solchen Veranstaltungen den Tag nach Sekunden geplant, und nicht nach Minuten, es sind eine Vielzahl von Delegationen aus der ganzen Welt.

CHARLIE ROSE: Denken Sie nicht, daß er eine Minute für den Präsidenten Rußlands übrig hat?

WLADIMIR PUTIN: Es ist seine Entscheidung. Wir sind immer offen für beliebige Kontakte: auf höchstem Niveau, auf der Ebene der Ministerien, der Ämter, und auf der Ebene Geheimdienste, wenn es sein muß. Aber wenn Präsident Obama einige Minuten Zeit findet, werde ich mich natürlich freuen, ihn zu treffen. Und wenn es aus irgendeinem Grund von seiner Seite aus nicht möglich ist, dann ist das nicht schlim, wir haben die Möglichkeit uns zum „Zwanzigsten“ und bei anderen Gelegenheiten zu besprechen.

CHARLIE ROSE: Sie sind bereit, den Präsidenten zu sehen, und werden Sie sagen: „Ich habe einen Plan für Syrien, lassen Sie uns zusammenarbeiten, wir werden sehen, was wir machen können. Lassen Sie uns nicht nur bei Syrien zusammenarbeiten, lassen Sie uns sehen, was wir auf anderen Gebieten machen können.“

WLADIMIR PUTIN: Sie wissen, worum es geht. Es handelt sich darum, daß sich solche ernsten Fragen (und der Schlußpunkt stellt vielleicht ein Treffen auf höchster Ebene zwischen den Präsidenten dar) in vorbreitenden Konsultationen zwischen den Außenministern, den Militärbehörden und den Geheimdiensten vorbereitet werden. Es ist eine umfangreiche Arbeit, und wenn sie abgeschlossen ist, dann hat es Sinn sich, zu treffen, diesen Punkt zu setzen. Wenn unsere Kollegen nicht zu der abschließenden Etappe gekommen sind, dann können wir uns mit Präsidenten Obama treffen, einander die Hände schütteln, über aktuelle Fragen reden, wir sind – und auch ich meinerseits bin persönlich – immer zu diesen Kontakten bereit.

CHARLIE ROSE: Doch wir reden über Führung, und wenn Sie dort eine große Rede halten, dann wollen Sie doch, daß der USA-Präsident Ihnen völlig zuhört. Sie werden ihn also eines Tages anrufen, so wie Sie es schon nach unserem Gespräch in St. Petersburg getan haben, so werden Sie den Präsidenten anrufen. Sie sagten: „Wir müssen uns unbedingt treffen und einige wichtige Fragen besprechen, die Fragen sind so kritisch, daß wir sie zu zweit besser lösen können, als jeder für sich.“

WLADIMIR PUTIN: Ja, so habe ich das auch gemacht, ich habe Präsidenten Obama angerufen, und Präsident Obama rief mich zu verschiedenen Fragen an. Das gehört zur gewöhnlichen Praxis unserer Zusamenarbeit, hier gibt es nichts außergewöhnliches, nichts extraordinäres. Ich sage es noch einmal: alle beliebigen persönlichen Treffen werden in der Regel von unseren Mitarbeitern vorbereitet. Ich sage es Ihnen zum dritten Mal: wir sind bereit, doch es hängt nicht von uns ab. Wenn sich die amerikanische Seite hier mit uns treffen will, dann werden wir uns treffen.

CHARLIE ROSE: Sie müssen sich darauf nicht vorbereiten, weil Sie sich jeden Tag mit diesen Fragen beschäftigen. Sie brauchen keine Vorbereitung, um den Präsidenten zu treffen, und auch er braucht es nicht. Es ist eine diplomatische Nettigkeit, wenn Sie so wollen. Aber ich höre Sie, Sie sind bereit sich mit ihm zu treffen.

WLADIMIR PUTIN: Wieviele Jahre arbeiten Sie schon als Journalist?

CHARLIE ROSE: Länger als ich mich erinnern will, ehrlich gesagt.

WLADIMIR PUTIN: Es ist schwierig für mich, Ihnen einen Rat zu geben, wozu Sie bereit sind und wozu nicht. (Lacht.)

Warum meinen Sie, daß Sie mir einen Rat geben können, wozu ich bereit bin oder nicht bereit bin, wenn ich doch als Präsident nicht erst die erste Wahlperiode arbeite? Doch das ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist, daß auch Rußland – sowohl der Präsident Rußlands, als auch die Regierung und alle meine Kollegen –, daß wir zu diesen Kontakten auf dem höchster Ebene, auf Regierungsebene, auf der Ebene der Ministerien und Ämter bereit sind. Wir sind bereit, so weit zu gehen, wie unsere amerikanischen Partner bereit sind. Übrigens ist die Einrichtung der UNO gerade dazu geschaffen worden, um Kompromisse zu suchen, um miteinander zu verhandeln. Deshalb ist es natürlich auch gut, wenn wir diese Einrichtung auch nutzen.

CHARLIE ROSE: Was denken Sie über Präsident Obama? Wie bewerten Sie ihn?

WLADIMIR PUTIN: Ich halte mich nicht für berechtigt, Einschätzungen über den Präsidenten der USA abzugeben. Das ist Sache des amerikanischen Volkes. Wir haben gute persönliche Beziehungen zu Präsident Obama, aufrichtig genug und sachlich. Das ist völlig ausreichend, um unsere Funktionen zu erfüllen.


Kommentar: Die hervorgehobenen Teile oben und bei den drei folgenden Antworten wurden herausgeschnitten.


CHARLIE ROSE: Denken Sie, seine Tätigkeit in den internationalen Beziehungen widerspiegelt Schwäche?

WLADIMIR PUTIN: Warum? Ich denke überhaupt nicht so. Verstehen, worum es hier geht. In jedem beliebigen Land, einschließlich den USA – in den USA vielleicht sogar öfter, als in einem anderem Land – werden die außenpolitischen Faktoren für den innenpolitischen Kampf genutzt. In den USA wird schon bald die Wahlkampagne laufen. Immer wird die russische Karte gespielt, oder die politischen Gegner erheben alle möglichen Anschuldigungen gegen das regierende Staatsoberhaupt, und hier gibt es viele mögliche Angriffspunkte, einschließlich von Beschuldigungen der Inkompetenz, der Schwäche und dergleichen. Ich gedenke nicht und ich habe auch nicht vor, mich in die innenpolitischen amerikanischen Streitigkeiten einzumischen.

CHARLIE ROSE: Lassen Sie mich diese Frage stellen: Denken Sie, er hört Ihnen zu?

WLADIMIR PUTIN: Mir scheint, daß wir einander gerade in dem Bereich zuhören, die unseren eigenen Vorstellungen darüber nicht widersprechen, was wir tun sollen und was nicht. Jedenfalls haben wir einen Dialog und wir hören einander zu.

CHARLIE ROSE: Sie sagten, daß Rußland keine Supermacht ist. Denken Sie, er hält Rußland für gleichwertig? Und hält er Sie für ebenbürtig? Wie wollen Sie behandelt werden?

WLADIMIR PUTIN: (lacht) Fragen Sie ihn, er ist Ihr Präsident. Wie kann ich wissen, was er denkt? Ich wiederhole, wir haben gleiche und zwischenmenschliche Beziehungen, und die menschlichen Beziehungen sind sehr gleich, jedenfalls respektvoll zueinander, und die geschäftlichen Kontakte sind völlig auf einem guten Arbeitsniveau. Und was der Präsident der USA, der französische Präsident, die Bundeskanzlerin, der Ministerpräsident Japans oder der Vorsitzende des Staatsrats der Volksrepublik China oder das Staatsoberhaupt der Volksrepublik China denken, woher weiß ich das? Wir achten nicht darauf, was uns erscheint, sondern was die Menschen machen.

CHARLIE ROSE: Natürlich. Sie lieben die Arbeit, Sie repräsentieren gerne Rußland, und ich weiß, Sie waren ein Geheimdienstmitarbeiter. Und ein Geheimdienstmitarbeiter versteht es, andere Menschen zu durchschauen. Das ist ein Teil Ihres Jobs, richtig?

WLADIMIR PUTIN: Es war meine Arbeit. Heute habe ich eine andere Arbeit und das schon ziemlich lange.

CHARLIE ROSE: Irgendwer in Rußland sagte mir: „Es gibt nichts deregleichen wie einen KGB-Mann. Einmal KGB, immer KGB.“

WLADIMIR PUTIN: Wissen Sie, kein Abschnitt unseres Lebens geht spurlos vorüber. Womit auch immer wir uns beschäftigt haben, was auch immer wir getan haben, immer ist dieses Wissen, diese Erfahrung, sie bleiben immer bei uns, und wir tragen sie mit uns weiter, irgendwie verwenden wir sie. In diesem Sinne – ja, da haben Sie recht.

CHARLIE ROSE: Irgendwann hat mir jemand von der CIA gesagt, daß das Training, was man hat, wichtig ist, daß man lernt beliebt zu sein. Weil man Menschen bezaubern muß, man muß Menschen verführen.

WLADIMIR PUTIN: Wenn man Ihnen das in der CIA gesagt hat, dann ist es wahrscheinlich auch so. Sie sind keine schlechten Spezialisten. (Lacht.)


Kommentar: Die folgenden vier Fragen und Antworten wurden herausgeschnitten.


Das Verhältnis von Rußland zu den USA

CHARLIE ROSE: Denken Sie laut für mich, weil es wichtig ist. Wie können die USA und Rußland zusammenarbeiten im Interesse für eine bessere Welt? Denken Sie laut.

WLADIMIR PUTIN: Wir denken schon die ganze Zeit darüber nach. Eine Richtung unserer Zusamenarbeit, die heute für viele Menschen außerordentlich wichtig ist, für Millionen Menschen auf dem Planeten, ist die allgemeine Vereinigung der Anstrengungen und der gemeinsame Kampf gegen den Terrorismus, gegen andere Erscheinungen ähnlicher Art: der Kampf gegen Drogen, der Kampf gegen den Handel mit Massenvernichtungswaffen, der Kampf gegen den Hunger, der Kampf für die Ökologie, der Kampf um die Erhaltung der Vielfalt der Welt, der Kampf dafür, daß die Welt vorausschbarer, stabiler wird.

CHARLIE ROSE: Stabil wo?

WLADIMIR PUTIN: Überall, in allen Regionen. Das, was Sie gesagt haben, Sie sagten, daß Rußland und die USA die größten Atomwaffenmächte sind, was uns zusätzlich besondere Verantwortung auferlegt. Übrigens kommen wir in einigen Bereichen gut miteinander zurecht und arbeiten zusammen, unter anderem beim iranischen Nuklearprogramm. Wir arbeiteten doch zusammen und haben positive Resultate erreicht.

CHARLIE ROSE: Wie hat das funktioniert? Präsident Obama dankte Ihnen mehrfach für die Hilfe, die Sie bei der Erstellung dieses Abkommens geleistet haben. Was haben Sie gemacht? Was haben Ihre Mitarbeiter, und was hat Ihr Außenminister Lawrow gemacht?

WLADIMIR PUTIN: Die Sache ist die, mag es manchem auch seltsam erscheinen, daß die Interessen der USA und der Russischen Föderation manchmal übereinstimmen. Und in diesem Fall, wenn ich Ihnen schon sagte, als ich davon sprach, daß uns eine besondere Verantwortung für die Nichtweiterverbreitung der Massenvernichtungswaffen auferlegt ist, stimmen hier unsere Interessen genau überein. Gerade deshalb arbeiteten wir mit den USA konsequent und intensiv bei der Lösung dieses Problems zusammen. Rußland ließ sich nicht nur von diesen Gründen leiten, sondern auch davon, daß der Iran unser Nachbarland ist, unser traditioneller Partner, und daß wir sehr wollten, daß sich die Situation um dieses Land normalisiert. Wir gehen davon aus, daß sich die Situation mit der Sicherheit im Nahen Ostens nach der Normalisierung und der Lösung dieses Problems festigen wird. Und in diesem Sinn stimmen unsere Einschätzungen, was mit dem iranischen Nuklearproblem geschehen ist, mit den amerikanischen Partnern praktisch vollständig überein.

CHARLIE ROSE: Wie Sie wissen, werden die Republikaner wahrscheinlich die Wahlen gewinnen. Und über den Nuklear-Deal wird es große Diskussionen geben. Was werden Sie denen sagen?

WLADIMIR PUTIN: Das habe ich gerade gesagt. Wenn es sein muß, das zu wiederholen, dann bin ich bereit, es noch einmal zu wiederholen. Ich meine, daß die erreichte Vereinbarung den Interessen der internationalen Sicherheit entspricht, es festigt die Situation in der Region, stellt der Weiterverbreitung von Atomwaffen bestimmte ernstzunehmende Hindernisse in den Weg, da die IAEA die Situation unter volle und allseitige Kontrolle nimmt und es normalisiert die Situation im Nahen Osten insgesamt, weil sie zuläßt, die normalen geschäftliche, kommerzielle, partnerschaftliche und politische Beziehungen mit allen Ländern der Region aufzubauen.

CHARLIE ROSE: Nach dem Rating Ihrer Popularität in Rußland, denke ich, wird jeder Politiker der Welt beneiden. Warum sind Sie so populär?

WLADIMIR PUTIN: Es gibt etwas, was mich und andere russische Staatsbürger eint, wir haben etwas Gemeinsames, das uns eint, – die Liebe zur Heimat.

CHARLIE ROSE: Es war ein emotionaler Augenblick an diesem Tag [am 9. Mai, dem 70. Jahrestag der Niederlage der Nazis], wegen der Opfer, die Rußland hatte. Und Sie waren dort mit einem Bild Ihres Vaters mit Tränen in Ihren Augen.

WLADIMIR PUTIN: Ja, meine Familie hat ernste Verluste erlitten, meine Verwandten während des Zweiten Weltkriegs. Das ist wahr. In der Familie des Vaters gab es, wie ich weiß, fünf Brüder, vier sind umgekommen. Auf Seiten der Mutter gab es etwa das gleiche Bild. Rußland hat überhaupt stark gelitten. Natürlich können wir das nicht vergessen, und wir werden es nicht vergessen, nicht um irgend jemanden zu beschuldigen, sondern damit sich etwas derartiges in Zukunft nicht wiederholt. Wir müssen daran erinnern. Wir verhalten wir uns übrigens mit großer Hochachtung zu den Veteranen, darunter auch zu den amerikanischen Veteranen. Sie waren am 9. Mai dieses Jahres bei uns auf der Siegesparade. Wir erinnern uns auch an die Opfer, die andere Länder der Koalition, Großbritannien und China zu tragen hatten. Wir erinnern daran. Ich meine, daß es unser gemeinsames positives Gedächtnis ist. Unser gemeinsamer Kampf gegen den Nazismus wird dennoch eine gute Basis sein, um jene Probleme zu überwinden, auf die wir heute stoßen.


Kommentar: Putin’s Bemerkungen über die Veteranen wurden herausgeschnitten. Das paßt zu dem grausamen Umgang der USA zu ihren eigenen Veteranen.
Die folgenden kurzen Fragen und Antworten wurden ebenfalls herausgeschnitten.


Über das politische System in Rußland

CHARLIE ROSE: Ist es das, was Sie gerne wieder in Gang bringen wollen, den Sinn der Partnerschaft mit Amerika gegen die gemeinsamen Feinde?

WLADIMIR PUTIN: Nicht gegen die gemeinsamen Feinde, sondern für die wechselseitigen Interessen.

CHARLIE ROSE: So weit wir wissen, sind Sie sehr populär, aber, verzeihen Sie mir, es gibt viele Menschen in Russland, die Ihnen gegenüber sehr kritisch sind. Wie Sie wissen, sagen sie, daß es mehr autokratisch ist als demokratisch. Sie sagen, daß politische Gegner und Journalisten getötet und in Rußland eingesperrt wurden. Sie sagen, daß Ihre Macht unumstritten ist. Und sie sagen, daß Macht korrumpiert, absolute Macht aber absolut korrumpiert. Was würden Sie jenen Leuten sagen, die sich über das Klima, die Atmosphäre in Rußland besorgt sind?

WLADIMIR PUTIN: Es kann nirgendwo eine Demokratie ohne die Beachtung der Gesetze geben, und alle müssen sie beachten – das ist das Wichtigste und Grundlegende, daran müssen wir erinnern, und niemand sollte das vergessen.

Was solche tragischen Dinge betrifft, wie den Tod von Menschen, darunter Journalisten – das geschieht leider in allen Ländern der Welt. Doch wenn es bei uns geschieht, dann tun wir alles, damit die Schuldigen gefunden, überführt und bestraft werden. Wir handeln in jeder Hinsicht so. Aber das Wichtigste ist, daß wir weiter an der Vervollkommnung unseres politischen Systems arbeiten werden, so daß die Menschen spüren, daß der einfache Mensch spürt, daß er einen Einfluß auf das Leben des Staates und auf die Gesellschaft hat, daß er Einfluß auf die Staatsmacht hat, und daß der Staat eine Verantwortung gegenüber den Menschen empfindet, die den Vertretern der Staatsmacht bei den Wahlen vertrauen.

CHARLIE ROSE: Wenn Sie als der Führer dieses Landes darauf bestehen, daß der Rechtsgrundsatz eingehalten wird, wenn Sie darauf bestehen, daß Gerechtigkeit waltet, wenn Sie aufgrund Ihrer Macht das tun, dann könnte es ein langer Weg sein, diese Wahrnehmung zu beseitigen.

WLADIMIR PUTIN: Möglich ist vieles, doch nicht alles läßt sich überall sofort verwirklichen. Wie weit entwickelt sich denn in den USA der demokratische Prozeß? Seit der Gründung der USA. Denken Sie, daß hinsichtlich der Demokratie alles gelöst ist? Wenn alles gelöst wäre, dann gäbe es kein Ferguson-Problem, nicht wahr? Dann gäbe es auch keine anderen derartigen Probleme, dann gäbe es keine Polizeiwillkür. Doch unsere Aufgabe besteht darin, diese Probleme zu sehen und auch rechtzeitig entsprechend darauf zu reagieren. Und was Rußland betrifft. Wir haben auch viele Probleme.


Kommentar: Herausgeschnitten wurde auch die Bemerkung von Putin oben: „Und was Rußland betrifft. Wir haben auch viele Probleme.“


CHARLIE ROSE: Werden die Leute, die Nemzow getötet haben, bis man sie hat verfolgt?

WLADIMIR PUTIN: Ich habe darüber sofort gesagt, daß es eine schändliche Seite in unserer Zeitgeschichte ist, und daß die Verbrecher gefunden, überführt und bestraft werden müssen. Kann sein, das gelingt nicht sofort, aber wir haben auch andere Beispiele solcher Verbrechen. Letzten Endes kommt es, ungeachtet dessen, wie lange das Verfahren dauert, zu seinem logischen Abschluß.


Kommentar: Die folgenden Fragen und Antworten wurden herausgeschnitten.


Putin über sich selbst

CHARLIE ROSE: Sie wissen, daß ich Rußland und die russische Kultur sehr bewundere, die Literatur, die Musik. Es ist ein riesiges Land, ein großes Land. Viele Leute, einschließlich Stalin, haben gesagt, daß Rußland einen starken, autoritäre Führer braucht. Man würdigt, was Stalin in dieser Art sagte. Hatte Stalin recht?

WLADIMIR PUTIN: Nein. Ich erinnere mich nicht, wo er das gesagt hat, deshalb ich kann ich dieses Zitat nicht bestätigen. Rußlands, wie auch jedes andere Land, braucht keine Diktatoren, sondern gerechte Prinzipien der Organisation des Staates und der Gesellschaft, die gerecht, wirksam und flexibel auf die Veränderungen der Welt innerhalb des Landes und außerhalb reagieren, – das ist es, was Rußland braucht.

CHARLIE ROSE: Aber es gibt hier [in Rußland] eine Tradition der starken Führung.

WLADIMIR PUTIN: Sehen Sie: in der Mehrzahl der europäischen Länder gibt es eine parlamentarische Demokratie, in Japan gibt es eine parlamentarische Demokratie, in vielen Ländern gibt es eine parlamentarische Demokratie, aber warum ist der Staat in den USA anders aufgebaut – dort gibt es eine harte Präsidentenrepublik. Jedes Land hat seine Besonderheiten, seine Traditionen, die sich bis zum heutigen Tag widerspiegeln, und die auch in der Zukunft widergespiegelt werden. Solche Traditionen gibt es auch in Rußland, doch es geht dabei nicht um eine starke Person, obwohl eine starke Person an der Macht gebraucht wird, sondern darum, was unter dem Begriff eines starken Menschen zu verstehen ist. Wenn es ein Mensch mit diktatorischen Veranlagungen ist, so ist es das eine. Und es wenn einfach nur ein gerechter Führer ist, der im Rahmen seiner Vollmachten, im Rahmen des Gesetzes und im Interesse der überwiegenden Mehrheit der Gesellschaft handelt, der konsequent und grundsätzlich handelt, so ist das etwas ganz anderes. Ich denke, daß Rußland solche Menschen des zweiten Typs braucht, natürlich viel mehr als einfach Leute mit den diktatorischen Allüren.

CHARLIE ROSE: Wie Ihnen bekannt ist, bezeichnen einige Sie als Zaren.

WLADIMIR PUTIN: Na, und? Ich werde als alles mögliche bezeichnet.

CHARLIE ROSE: Paßt dieser Titel zu Ihnen?

WLADIMIR PUTIN: Nein. Wissen Sie, bei uns sagt man: „Nennen Sie ihn ruhig Topf, aber stellen Sie nicht in den Ofen.“ Wichtig ist nicht, wie dich wohlmeinende Leute, Freunde oder deine politischen Gegner nennen. Wichtig ist, was du selbst darüber denkst, daß du verpflichtet bist im Interesse des Landes zu handeln, das dir einen solchen Posten als Chef des Russischen Staates anvertraut hat.

CHARLIE ROSE: Gibt es Menschen in Rußland, die sich vor Ihnen fürchten?

WLADIMIR PUTIN: Ich denke, nein. Ich gehe davon aus, daß die Mehrzahl der Menschen mir vertraut, wenn sie bei den Wahlen für mich stimmen. Und das ist das Wichtigste. Es erlegt einem eine riesige, eine kolossale Verantwortung auf. Ich bin den Menschen für dieses Vertrauen dankbar, und natürlich empfinde ich eine riesige Verantwortung für das, was ich tue und für das Ergebnis meiner Arbeit.

CHARLIE ROSE: Wie Sie wissen, redet man in Amerika sehr viel über Sie.

WLADIMIR PUTIN: Hat man sonst nichts zu tun? (Lacht.)

CHARLIE ROSE: Vielleicht sind sie auch neugierige Leute? Oder vielleicht haben Sie einen interessanten Charakter, vielleicht ist es das? Sie sehen Sie zuallererst als ein starker Führer, der sich auf eine starke Weise präsentiert. Sie wissen, daß Sie KGB-Agent waren, der sich zurückzog und in Politik kam. In St.Petersburg wurden Sie Stellvertretender Bürgermeister, dann zogen Sie nach Moskau. Und die interessante Sache ist, daß sie diese Bilder von Ihnen sehen, ohne Hemd und auf dem Pferd. Und sie sagen, daß es da einen Mann gibt, der sorgfältig sein Image von Stärke kultiviert. Ich frage: ist dieses Image wichtig für Sie?

WLADIMIR PUTIN: Ich bin überzeugt, daß ein Mensch, der sich an meiner Stelle befindet, den Menschen dennoch ein positives Beispiel geben soll. Auf den Gebieten, wo er es tun kann, ist er verpflichtet, es zu tun.

Wir hatten in den 1990er Jahren bis Anfang 2000 auf sozialem Gebiet eine sehr ernste Situation, das soziale Sicherungssystem war zerstört, es sind sehr viel Probleme entstanden, mit denen wir bis jetzt nicht wirksam, bis zu Ende zurechtzukommen, auf dem Gebiet des Gesundheitswesens, der Entwicklung des Sports. Ich meine, daß eine gesunde Lebensweise eine außerordentlich wichtige Sache ist, die die Grundlage für die Lösung sehr vieler wichtiger Probleme bildet, darunter auch der Gesundheit der Nation. Es ist unmöglich mit Hilfe von Tabletten, die Probleme der Gesundheit von Millionen Menschen zu lösen. Es ist notwendig, daß die Menschen sich daran gewöhnen, es bevorzugen, es gut und richtig finden, eine gesunde Lebensweise zu haben, sich mit Körperkultur und Sport zu beschäftigen.

Deshalb denke ich auch, daß es richtig ist, wenn nicht nur ich, sondern auch meine anderen Kollegen, der Regierungschef, die Minister, die Abgeordneten der Staatsduma, wenn sie, an einem Tag wie heute, nehmen wir an, an einem Marathonlauf über zwei Distanzen teilnehmen, wenn sie Fußballspiele besuchen, wenn selbst an sportlichen Wettbewerben teilnehmen. Daraus entstehen – nicht nur, aber auch – die Interessen und die Liebe zur Beschäftigung mit Körperkultur und dem Sport bei Millionen Menschen. Ich meine, daß das eine außerordentlich wichtige Sache ist.


Kommentar: Nur die ersten beiden Sätze Putin’s blieben stehen. Die folgende Frage/Antwort wurde herausgeschnitten.


CHARLIE ROSE: Ich verstehe Sie, und es ist wichtig. Aber kann ich annehmen, daß Sie das Image wirklich mögen, sich auf dem Pferd präsentieren. Das Image eines starken Führers. Ist es das, wie Sie von Ihrem Leuten und der Welt gesehen werden wollen?

WLADIMIR PUTIN: Ich will, daß es alle wissen: Rußland und die ganze Führung Rußlands ist wirksam und sie funktioniert, das ist alles zusammen: das Land, die Institute des Landes, die Führung des Landes – und die Menschen sind gesund, leistungsfähig und bereit zur Zusammenarbeit mit unseren Partnern, wo auch immer: auf dem Gebiet des Sports, auf dem Gebiet der Politik und auf dem Gebiet der gegenseitigen Beziehungen im Kampf gegen die heutigen Bedrohungen. Ich denke, daß es hier ausschließlich etwas Positives gibt.


Kommentar: Das folgende wurde auf einige kurze Fragen und Antworten reduziert, und die Frage über Trump wurde herausgeschnitten.


CHARLIE ROSE: Ja, die Leute glauben, daß Sie ein starker Führer sind, weil Sie eine starke Zentralregierung glauben, und beeinflussen können, was geschehen soll, wenn Sie das nicht haben. Sind Sie neugieriger auf Amerika als andere Nationen, mit denen Sie zu tun haben? Weil man neugierig ist auf Sie, wie ich denke. Sind Sie neugierig? Beobachten Sie die republikanischen politischen Debatten?

WLADIMIR PUTIN: Ob ich sie täglich beobachte… Nein. Aber, natürlich ist es für uns interessant, was in den USA geschieht. Das ist die größte Weltmacht, ist heute der wirtschaftliche und militärische Führer – das ist eine offensichtliche Tatsache. Deshalb hat Amerika den riesigen Einfluß auf die Situation in der ganzen Welt. Natürlich ist es für uns nicht ohne Interesse, was dort geschieht. Wir verfolgen es aufmerksam, aber ob wir täglich die Peripetien1 des innenpolitischen amerikanischen Lebens verfolgen… eher nein, als ja.

CHARLIE ROSE: Naja, und Donald Trump – Sie wissen, wer er ist – sagte, daß er Sie gern treffen würde, weil er meint, er würde mit Ihnen auskommen.

WLADIMIR PUTIN: Ja, das habe ich gehört. Wir freuen uns über jeden beliebigen Kontakte mit dem zukünftigen Präsidenten der USA, wer auch immer es sei. Jeder beliebiger Mensch, der das Vertrauen des amerikanischen Volkes erhält, kann damit rechnen, daß wir mit ihm zusamenarbeiten werden.

CHARLIE ROSE: Marco Rubio läuft für die republikanische Nominierung, und er sagt schreckliche Dinge über Sie. Das ist natürlich eine politische Debatte, eine politische Kampagne, ich verstehe das. Aber er sagte, daß Sie ein Gangster seien, er griff Sie an, und er griff Rußland an.

WLADIMIR PUTIN: Wie kann ich ein Gangster sein kann, wenn für den KGB gearbeitet habe? Das entspricht nicht ganz der Wirklichkeit.

CHARLIE ROSE: Was gefällt Ihnen an Amerika am meisten?

WLADIMIR PUTIN: Das kreative Herangehen an die Lösung der vor Amerika stehenden Probleme, die Offenheit und Lockerheit ermöglicht es, das innere Potential der Menschen zu erschließen. Ich denke, daß Amerika deshalb in so bedeutendem Maße solchen bemerkenswerten Erfolge in seiner Entwicklung erreicht hat.


Kommentar: Die folgende Frage wurde herausgeschnitten, und der folgende Austausch über die rechte der Homosexuellen wurde online gestellt, doch ohne die Schlußbemerkung.


Über die Homosexualität in Rußland

CHARLIE ROSE: Rußland hatte den Sputnik, Ihr Land kam vor den Vereinigten Staaten in den Weltraum. Rußland hat außergewöhnliche Astrophysiker. Rußland hat außergewöhnliche Ergebnisse in der Medizin, in der Wissenschaft und in der Physik. Haben Sie die Hoffnung, daß Sie es schaffen, Rußlands Führung wiederherzustellen und dieselbe Art der Innovation erreichen, für die Sie gerade Amerika bewundert haben? Und werden Sie das tun?

WLADIMIR PUTIN: Wir dürfen nicht verlieren, was in den vorhergehenden Jahrzehnten geschaffen wurde, und solche Bedingungen schaffen, über die ich sprach, für das Erschließen, für das vollständige Erschließen des Potentials unserer Bürger. Wir haben ein sehr talentiertes Volk, wir haben eine sehr gute Basis, was Sie schon erwähnten. Sie sagten, daß Sie die russische Kultur lieben, – das ist doch auch eine riesige Basis für die innere Entwicklung.

Sie haben gerade erst die Errungenschaften der russischen Wissenschaft auf vielen Gebieten erwähnt. Wir müssen das unterstützen und die Bedingungen dafür schaffen, daß sich die Menschen frei entwickeln, daß sich imstande fühlen, ihr Potential zu verwirklichen. Ich bin sicher, ich bin einfach absolut davon überzeugt, daß das für die fortschreitende Entwicklung der Wissenschaft, für die forschungsintensiven Technologien, wie auch für die ganze Wirtschaft des Landes gesagt werden kann.

CHARLIE ROSE: In Amerika hat, wie Sie wissen, das Oberste Gericht das Problem der Homosexualität diskutiert. Das Oberste Gericht in Amerika diskutierte dasselbe Grundrecht für die gleichgeschlechtliche Ehe. Applaudieren Sie Amerika dafür? Denken Sie, daß es eine gute Idee ist, dasselbe Grundrecht für die gleichgeschlechtliche Ehe einzuführen?

WLADIMIR PUTIN: Wissen Sie, das ist doch eine ungleichartige Gruppe von Menschen. Einige Vertreter der nichttraditionellen sexuellen Orientierung treten zum Beispiel dagegen auf, daß solche Paare Kinder adoptieren können, das heißt, sie sind selbst dagegen. Sind sie weniger demokratisch, als andere Vertreter dieser Gruppierung, der Schwulenszene? Wahrscheinlich nicht. Diese Menschen haben eine solche Sicht auf die Dinge. Das Problem der sexuellen Minderheiten in Rußland wurde aus politischen Gründen absichtlich von außen aufgeblasen. Wir haben kein Problem damit.

CHARLIE ROSE: Bitte erklären Sie uns das.

WLADIMIR PUTIN: Ich erklären das gleich. Es ist gut bekannt, daß es in den USA, in vier Bundesstaaten, die Homosexualität als Verbrechen gilt. Ob gut oder schlecht, wir kennen jetzt die Entschiedung des Verfassungsgerichts, doch dieses Problem ist noch nicht vollständig beseitigt, es ist aus der Gesetzgebung der USA nicht endgültig getilgt. Bei uns gibt es so etwas nicht.

CHARLIE ROSE: Verurteilen Sie das?

WLADIMIR PUTIN: Ja, ich verurteile das. Ich bin der Meinung, daß es in der heutigen Welt keinerlei Strafverfolgung, und keinerlei andere Verfolgung, keinerlei Einschränkung der Menschenrechte nach nationalen Gesichtspunkten, nach ethnischen Gesichtspunkten und nach sexuellen Gesichtspunkten geben darf. Das soll absolut ausgeschlossen sein. Bei uns gibt es soetwas nicht. Bei uns gab es, wenn ich mich nicht irre, noch im Strafgesetzbuch der RSFSR den Artikel 120, der die Homosexualität verfolgte. Wir haben das alles aufgehoben, bei uns gibt deshalb keinerlei Verfolgungen. Menschen mit einer nicht-traditionellen Orientierung leben bei uns ruhig, sie arbeiten, werden befördert, bekommen staatliche Auszeichnungen für Errungenschaften in der Wissenschaft, der Kunst oder auf anderen Gebieten, und sie bekommen Orden überreicht, die ich persönlich überreiche.

Worum ging es eigentlich? Es ging um das Verbot der Propaganda der Homosexualität unter den Minderjährigen. Ich sehe nichts Undemokratisches in diesem Rechtsakt. Ich gehe persönlich davon aus, daß man Kinder in Ruhe lassen muß, man muß es ihnen ermöglichen, aufzuwachsen, sich bewußt zu werden und für sich selbst zu entscheiden, wer ist dieser Mensch und für wen hält er sich, Mann oder Frau, will er in einer normalen, natürlichen Ehe leben oder nicht traditionell – das ist alles. Ich stelle hier einfach keine Einschränkung der Menschen mit einer nicht-traditionellen sexuellen Orientierung fest. Ich denke, daß das einfach zielgerichtet aufgeblasen wurde, mit dem Ziel, um irgendeine Gruppe von Menschen zu schaffen, um aus Rußland ein Feindbild zu machen. Aus politischen Gründen – ein Instrument, um Rußland zu attackieren.

CHARLIE ROSE: Wer unternimmt solche Angriffe auf Rußland?

WLADIMIR PUTIN: Diejenigen, die das tun. Schauen Sie, wer das macht.

CHARLIE ROSE: Es gibt so ebensoviel Anerkennung der Rechte von Homosexuellen und homosexuelle Ehen, wie es sie in den Vereinigten Staaten gibt? Ist das Ihr Standpunkt?

WLADIMIR PUTIN: Wir erkennen nicht nur an, wir garantieren sie [diese Rechte]. In Rußland gibt es gleiche Rechte für alle, darunter auch für Menschen mit nicht-traditioneller sexueller Orientierung.


Kommentar: Die nächste Frage von Rose wurde herausgeschnitten und durch einen darübergesprochenen Off-Kommentar ersetzt, die Hinweise auf Syrien wurden entfernt. Der erste Teil der Antwort von Putin, auch Syrien betreffend, wurde ebenfalls als „Ablenkung“ herausgeschnitten. Außerdem das letzte Stück, wo es um die „Milliarden von Dollar“ geht, die zur Vertreibung von Janukowitsch ausgegeben wurden.


Über das ukrainische Problem

CHARLIE ROSE: Die Ukraine, darüber haben wir bereits gesprochen. Viele Menschen glauben, daß die Vereinigten Staaten und der Westen infolgedessen, was auf der Krim geschah, Sanktionen verhängt haben. Und daß diese Sanktionen Rußland geschadet haben. Und daß Sie glauben, indem Sie eine positive Kraft in der Welt und in Syrien zu sein versuchen, Sie den Fokus auf die Ukraine irgendwie vermindern könnten.

WLADIMIR PUTIN: Um die Aufmerksamkeit vom ukrainischen Problem abzulenken, meinen Sie das? Unsere Handlungen in Syrien sind darauf gerichtet, die Aufmerksamkeit von der Ukraine abzulenken?

Nein, natürlich ist das nicht so. Die Ukraine – das ist ein besonderes, ein großes Problem, unter anderen auch für uns, ich sage Ihnen auch gleich, warum. Syrien – das ist ein anderes Problem, ich habe Ihnen schon gesagt, wir wollten keine Verwüstungen, und wir wollen keine Besetzung durch Terroristen, wir wollen nicht die Rückkehr jener Leute nach Rußland, die jetzt dort auf der Seite der Terroristen kämpfen. Dort gibt es einen ganzen Komplex von Problemen.

Was die Ukraine betrifft, so ist das eine besondere Situation. Die Ukraine ist das Land, das uns am nächsten ist. Wir haben die ganze Zeit gesagt, daß die Ukraine unser Bruderland ist, und das ist so. Es nicht nur ein slawisches Volk, es ist dem russischen Volk am allernächsten: die Sprache ist sehr ähnlich, die Kultur, die gemeinsame Geschichte, die gemeinsame Religion und so weiter.

Was halte ich nun für absolut unannehmbar für uns? Die Lösung der Fragen, darunter der Streitfragen, der innenpolitischen Fragen in den Republiken der ehemaligen Sowjetunion mit Hilfe von sogenannten „farbigen“ Revolutionen, mit Hilfe von Staatsstreichen und verfassungswidrigen Methoden zum Sturz legitimer Regierungen. Das ist absolut inakzeptabel.

Unsere Partner in den USA verhehlen nicht, daß sie diejenigen unterstützt haben, die gegen Präsidenten Janukowitsch aufgetreten sind. Einige haben geradezu gesagt, daß sie fast einige Milliarden [dafür] ausgegeben haben.

CHARLIE ROSE: Glauben Sie, daß die Vereinigten Staaten etwas mit der Vertreibung von Janukowitsch zu tun hatten, als er nach Rußland fliehen mußte?

WLADIMIR PUTIN: Ich weiß das genau.

CHARLIE ROSE: Wie können Sie das so genau wissen?

WLADIMIR PUTIN: Sehr einfach. Die Menschen, die in der Ukraine leben, haben zu uns jeder Tausende gemeinsame Kontakte und Tausende Beziehungen. Und wir wissen, wer sich wo und wann mit wem getroffen hat, wer mit jenen Menschen zusammengearbeitet hat, die Janukowitsch gestürzt haben, wie sie unterstützt wurden, wieviel bezahlt wurde, wie es vorbereitet wurde, auf welchen Territorien, in welchen Ländern, und wer die Ausbilder waren. Wir wissen alles. Ja, eigentlich kann man sagen, daß unsere amerikanischen Partner das schon nicht mehr verheimlichen. Sie sagen geradeheraus: Ja, wir haben sie unterstützt, wir haben sie vorbereitet, wir haben soundsoviel Geldes ausgegeben. Sie nennen große Zahlen – bis zu fünf Milliarden, dabei geht um Milliarden Dollar. Deshalb gibt es hier kein Geheimnis, niemand bestreitet das.

Kommentar: Der Satz „Wir wissen alles“ wurde mit einem hinzugefügten Off-Kommentar überspielt, in dem gesagt wird: „Für die Aufzeichnung hat die amerikanische Regierung jede Beteiligung an der Eliminierung des ukrainischen Führers bestritten.“

CHARLIE ROSE: Respektieren Sie die Souveränität der Ukraine?

WLADIMIR PUTIN: Natürlich. Doch wir wünschten, daß auch andere Länder fremde Souveränität, darunter auch die der Ukraine, respektieren. Und die Souveränität zu respektieren, das heißt auch, keine Staatsstreiche, keine verfassungswidrigen Handlungen und keine ungesetzlichen Methoden zum Sturz legitimer Regierungen zuzulassen. Das darf man absolut nirgends zulassen.

CHARLIE ROSE: Wie geschieht die Erneuerung der legitimen Macht, nach Ihrem Urteil? Wie kommt es dazu? Und welche Rolle spielt Rußland?

WLADIMIR PUTIN: Und Rußland nahm niemals und nimmt niemals an Handlungen teil, die auf den Sturz einer legitimen Regierung gerichtet sind, und es wird auch niemals daran teilnehmen. Ich rede hier über etwas anderes – ich rede darüber, daß wenn irgendjemand das tut, so hat das schwerwiegende Folgen. In Libyen – das ist die völlige Verwüstung des Staates; im Irak – das ist die Besetzung dieses Territoriums durch Terroristen; in Syrien – da geht, wie es scheint, dazu über; in Afghanistan – da wissen Sie, welche Situation entstanden ist.

Was ist der Ukraine geschehen? Der Staatsstreich in der Ukraine hat zum Bürgerkrieg geführt, weil – ja, nehmen wir an, weil viele Bürger der Ukraine Präsidenten Janukowitsch schon nicht mehr vertraut haben. Aber man hätte zu legitimen Wahlen übergehen müssen, ein anderes Staatsoberhaupt wählen, und nicht einen Staatsstreich veranstalten. Und nachdem der Staatsstreich stattgefunden hatte und irgendjemand das unterstützt hat, hat es einigen gefallen und einigen nicht. Und man begann, mit denen, denen es nicht gefallen hat, von der Position der Stärke aus zu reden. Und das Ergebnis – ist ein Bürgerkrieg.


Kommentar: Alles außer dem Anfangssatz von Putin’s Antwort oben wurden herausgeschnitten. Alles folgende, bis zum nächsten Kommentar wurde, trotz der speziellen Bitte Putin’s, es stehenzulassen, von CBS herausgeschnitten.


Über die Minsker Vereinbarungen

CHARLIE ROSE: Ich wiederhole mich, was sind Sie bereit, bezüglich der Ukraine zu tun?

WLADIMIR PUTIN: Das sage ich Ihnen jetzt. Wenn Ihre Frage darin besteht, daß – sagen wir – auch Rußland und andere Teilnehmer der internationalen Gemeinschaft, darunter auch diejenigen, die bisher am aktivsten an der Lösung der ukrainischen Krise teilgenommen haben, die Bundesrepublik Deutschland und Frankreich, die sogenannten „normannischen Vier“, wobei gewiß auch eine aktiven Teilnahme der USA gemeint ist, würden wir unseren Dialog in dieser Richtung intensivieren. Wir sollten jetzt die vollständige und bedingungslose Erfüllung der Vereinbarungen anstreben, die in Minsk vereinbart wurden. Die Minsker Vereinbarungen müssen erfüllt werden.

CHARLIE ROSE: Gestern sprach John Kerry nach den Verhandlungen mit dem Außenminister Großbritanniens darüber. Nach Syrien erwähnte er auch die Ukraine. Er sagte: „Wir brauchen die vollen Umsetzung der Minsker Vereinbarungen.“ Heißt das, Sie und John Kerry damit einverstanden sind, daß man das Minsker Abkommen erfüllen muß?

WLADIMIR PUTIN: Vollständig.

Würden Sie nun Ihre Geduld zusammennehmen, mir zuhören, und mich zwei Minuten nicht unterbrechen! Und ich bitte darum, dass Sie das was ich sage [in der Sendung] bringen, ohne zu kürzen. Können Sie das machen? Haben Sie ausreichend Macht, um das ohne Kürzungen zu bringen?

CHARLIE ROSE: Ja.

WLADIMIR PUTIN: Was bedeutet die Erfüllung der Minsker Abkommen? Es gibt da einige Punkte, ich rede über die Hauptsache. Die Hauptsache, was man machen muß, damit sich die Situation in der Ukraine auf kardinale Weise ändert, – man muß politische Umgestaltungen durchführen.

  • Erstens: Man muß die Veränderungen in die Verfassung übernehmen, so ist es in den Minsker Abkommen vorgeschrieben. Und jetzt das Wichtigste: in den Minsker Abkommen steht geschrieben, daß dies im Einvernehmen mit Donezk und Lugansk zu geschehen hat. Das ist eine grundsätzliche Frage. In der Ukraine werden jetzt Verfassungsänderungen vorgenommen, die erste Lesung hat bereits staatgefunden, aber es gab und gibt keine Vereinbarungen mit Donezk und Lugansk, und niemand beabsichtigt mit ihnen etwas zu vereinbaren. Das ist Punkt eins.
  • Zweitens: Es ist notwendig – und gerade das wurde in den Minsker Abkommen festgelegt – es ist ein Gesetz zu implementieren, das in der Ukraine bereits beschlossen wurde, nämlich über die Besonderheiten der örtlichen Selbstverwaltungen auf diesen Territorien. Das Gesetz wurde angenommen, aber seine Einführung wurde verschoben. Die Minsker Abkommen wurden nicht eingehalten.
  • Drittens: Man hätte ein Gesetz über die Amnestie beschließen müssen. Wie will man mit den Menschen aus dem Donbass, aus Lugansk und Donezk einen Dialog führen, wenn diese sich einer Strafverfolgung ausgesetzt sehen, wenn gegen sie alle Strafanzeigen vorliegen? Deshalb wurde in den Minsker Abkommen festgelegt: es ist ein Gesetz über die Amnestie zu beschließen. Das ist nicht geschehen.

Es gibt noch weitere Punkte. Zum Beispiel: Es sind örtliche Wahlen durchzuführen. Und es steht geschrieben: Es ist ein Gesetz über örtliche Wahlen zu beschließen in Vereinbarung mit Donezk und Lugansk. In der Ukraine wurde ein Gesetz über örtliche Wahlen beschlossen, die Vertreter von Donezk und Lugansk haben drei Mal ihre Vorschläge zu diesem Gesetz eingebracht, doch niemand war bereit mit ihnen darüber zu reden, obwohl in den Minsker Abkommen geschrieben ist: „in Vereinbarung mit Donezk und Lugansk“. Deshalb schätze ich und mag Herrn Kerry, er ist ein sehr erfahrener Diplomat, er erzählte mir, daß er seinerzeit gegen „Star Wars“ eingetreten ist, und das hat er richtig gemacht. Wenn er nun noch gegen den Raketenschutzschild eingetreten wäre, dann hätten wir heute nicht solche Probleme mit der Raketenabwehr. Aber hier spielt er offenbar mit falschen Karten. Wenn eine Seite, die heutigen Kiewer Behörden sagen: wir haben dies und jenes gemacht, wir haben die Minsker Abkommen erfüllt, so entspricht das nicht der Wahrheit, weil alles das in Vereinbarung mit Donezk und Lugansk hätte gemacht werden müssen. Doch es gibt keinerlei Vereinbarung.

Und was die Implementierung des bereits beschlossenen Gesetzes über die Besonderheiten der örtlichen Selbstverwaltungen auf diesen Territorien betrifft, in den Minsker Abkommen wurde festgelegt: „innerhalb von 30 Tagen“. Nichts ist geschehen, das Inkrafttreten dieses Gesetzes wurde wieder verschoben. Deshalb treten wir für die völlige und bedingungslose Einhaltung der Minsker Abkommen durch beide Seiten ein, aber nicht so, wie es eine der Seiten interpretiert, sondern so wie es dort festgeschrieben wurde.

CHARLIE ROSE: Ich habe Ihnen vier Minuten gegeben und Sie nicht unterbrochen, richtig?

WLADIMIR PUTIN: Ich habe gesehen, daß Sie das mit letzter Kraft ertragen haben. Ich bin Ihnen sehr dankbar.

CHARLIE ROSE: Sie haben recht. Mir hat Ihre Rede gefallen.

WLADIMIR PUTIN: Tatsächlich, was ich sage, das ist die Wahrheit.

CHARLIE ROSE: Die Amerikaner werden Sie so sehen, wie sie Sie bisher nicht gesehen haben. Sie sind gesprächiger und ausdrucksvoll. Das ist gut, wirklich.

WLADIMIR PUTIN: Danke. Was ich jetzt gesagt habe, das ist die absolute Wahrheit, verstehen Sie? Es kann keine Lösung der Fragen dieses Abkommen geben, wenn die Kiewer Behörden alles in einseitiger Ordnung machen, obwohl in den Minsker Abkommen festgelegt wurde „in Vereinbarung mit dem Donbass“. Das ist eine grundsätzliche Frage.

CHARLIE ROSE: Denken Sie das wirklich?

WLADIMIR PUTIN: Da gibt es nichts zu denken, es ist alles schwarz auf weiß festgeschrieben, man muß es nur lesen. Es steht geschrieben „in Vereinbarung mit Donezk und Lugansk“, – lesen Sie das Dokument. Doch ich sage Ihnen, es gibt keine Vereinbarung, das ist alles. Es steht geschrieben das Gesetz über dem besonderen Status ist „innerhalb von 30 Tagen“ einzuführen. Doch es wurde nicht eingeführt. Wer erfüllt die Minsker Abkommen nicht?

CHARLIE ROSE: Sie haben den Staatssekretär erwähnt, er sagte ebenfalls, daß es wichtig ist, die Minsker Abkommen zu implementieren, doch er sagte auch, daß die Separatisten ihre Idee der Durchführung unabhängiger Wahlen aufgeben müßten. John Kerry sagte das gestern.

WLADIMIR PUTIN: Ich kenne die Position unserer amerikanischen Freunde, und ich will hier etwas dazu sagen. Ich hatte das gerade erst erwähnt, doch ich sehe, ich muß das wiederholen. Was die örtlichen Wahlen betrifft, in den Minsker Abkommen steht geschrieben „das Gesetz über die örtlichen Wahlen ist in Vereinbarung mit Donezk und Lugansk zu übernehmen“. Was ist in Wirklichkeit geschehen? Die Kiewer Behörden haben das Gesetz selbständig übernommen, ohne sich darüber mit Donezk und Lugansk abzustimmen, ohne Rücksicht darauf, daß diese dreimal ihr Projekt vorgeschlagen hatten. Es gab überhaupt keine Absprachen, sie haben das Gesetz ohne Konsultationen mit ihnen verabschiedet. Außerdem steht in dem Gesetz, das von Kiew verabschiedet wurde, daß auf diesen Territorien überhaupt keine Wahlen durchgeführt werden. Wie ist das zu verstehen? Im Grunde haben sie die Vertreter von Donezk und Lugansk selbst dazu provoziert, daß diese ihre eigenen Wahlen durchgeführt haben. Das ist alles.

Doch wir sind bereit, alles mit Herrn Kerry zu erörtern, und dann man muß beide Seiten dazu anhalten, das zu erfüllen, was sie unterschrieben haben, und nicht das, was sie aus eigener Initiative machen.

CHARLIE ROSE: Ich verstehe, ich wollte das einfach wiederholen, da Staatssekretär Kerry die Wahlen der Separatisten betont hat. Ja, ich verstehe Sie wirklich.

WLADIMIR PUTIN: Staatssekretär Kerry hat in diesem Fall, als Diplomat, eine List angewandt, aber das ist normal, es paßt zu seiner Arbeit. Alle Diplomaten sind listig, er auch.

CHARLIE ROSE: Sie hätten niemals so gehandelt, nicht wahr?

WLADIMIR PUTIN: Ich hätte das nicht so gemacht. Ich bin kein Diplomat.

CHARLIE ROSE: Wer sind Sie? Wie sehen Sie sich selbst?

WLADIMIR PUTIN: Ein Mensch, ein Bürger der Russischen Föderation, ein Russe.


Kommentar: Der gesendete Beitrag endet hier.


Über den Zerfall der Sowjetunion

CHARLIE ROSE: Sie sagten auch, daß das schlimmste Ding, was im letzten Jahrhundert geschah, der Zerfall der Sowjetunion, des sowjetischen Imperiums war. Es gibt einige, die auf die Ukraine und auf Georgien [den Krieg 2008] schauen und denken, daß Sie zwar das sowjetische Imperium nicht erneuern wollen, doch Sie wollen tatsächlich den Einflußbereich erneuern, weil Sie denken, das steht Rußland zu wegen der Rolle, die es vorher hatte. Warum lächeln Sie?

Warum lächeln Sie? (Lacht.)

WLADIMIR PUTIN: Sie erfreuen mich. Man verdächtigt uns die ganze Zeit, gewisse Ambitionen zu haben und man bemüht sich die ganze Zeit, irgendetwas zu verdrehen oder zu verschweigen.

Tatsächlich habe ich gesagt, daß ich den Zerfall der Sowjetunion für eine riesige Tragödie des 20.Jahrhunderts halte. Wissen Sie warum? Vor allem deshalb, weil sich mit einem Mal 25 Millionen russischer Menschen außerhalb der Grenzen der Russischen Föderation befanden. Sie lebten im Rahmen eines einheitlichen Staates, die Sowjetunion wurde traditionell immer Rußland oder Sowjetrußland genannt, aber es war auch das große Rußland. Dann fand unerwartet, im wesentlichen über Nacht, die Spaltung der Sowjetunion statt, und es zeigte sich, daß in den ehemaligen Sowjetrepubliken Menschen, russische Menschen leben, in einer Anzahl 25 Millionen. Sie lebten in einem einheitlichen Land – und plötzlich befanden sie sich im Ausland. Können Sie sich vorstellen, wieviele Probleme da entstanden?

Vordergründig waren es Haushaltsfragen, die Trennung von Familien, wirtschaftliche Probleme, soziale Probleme – man kann das nicht nur einfach aufzählen. Und meinen Sie, daß das normal ist, wenn sich 25 Millionen Menschen, russische Menschen, plötzlich im Ausland befanden? Die Russen sind heute die größte geteilte Nation in der Welt. Ist das etwa kein Problem? Für Sie nicht, aber für mich ist das ein Problem.


Kommentar: Der anschließende Text unten wurde nicht übernommen.


CHARLIE ROSE: Wie wollen Sie dieses Problem lösen?

WLADIMIR PUTIN: Wir wollen im Rahmen moderner zivilisierter Prozesse als Minimum einen humanitären Raum bewahren, das so machen, daß keine Staatsgrenzen im Wege sind, so daß die Menschen frei miteinander umgehen können, und daß sich eine gemeinsame Wirtschaft entwickelt, indem wir alle Vorzüge nutzen, die uns von der ehemaligen Sowjetunion zugefallen sind.

Welches sind diese Vorteile? Die gemeinsame Infrastruktur, der einheitliche Eisenbahntransport, das einheitliche Straßennetz, das einheitliche Energiesystem und schließlich – hier scheue ich mich nicht, es zu sagen – die große russische Sprache, die alle ehemaligen Sowjetrepubliken eint und uns offensichtliche Konkurrenzvorteile beim Aufbau verschiedener Integrationsprojekte auf dem Gebiet des postsowjetischen Raumes ermöglicht.

Sie haben wahrscheinlich schon davon gehört, daß wir zuerst einen Zollverbund geschaffen, und uns dann in das Euroasiatische Wirtschaftsbündnis umgewandelt haben. Wenn die Menschen frei miteinander umgehen, wenn sie frei Arbeitskraft, Waren, Dienstleistungen und Kapitalien austauschen können, wenn es keine staatlichen Trennlinien gibt und wir gemeinsame Regeln des Rechts und, sagen wir, in der sozialen Sphäre haben, ist das völlig ausreichend. Die Menschen sollen sich frei fühlen.

CHARLIE ROSE: Brauchen Sie militärische Kraft, um diese Aufgabe zu lösen?

WLADIMIR PUTIN: Natürlich nicht.

CHARLIE ROSE: Rußland hat militärische Präsenz an den Grenzen der Ukraine, einige behaupten sogar, daß sich russische Truppen selbst in der Ukraine befinden.

WLADIMIR PUTIN: Haben Sie militärische Präsenz in Europa?

CHARLIE ROSE: Ja.

WLADIMIR PUTIN: In Europa befinden sich taktische Atomwaffen der USA, das werden wir nicht vergessen. Bedeutet das etwa, daß Sie Deutschland okkupiert haben oder die Okkupation Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg nicht beendet haben, und die Besatzungstruppen nur in die Truppen der NATO umgewandelt wurden? Man kann es auch so sehen. Reden wir nicht darüber. Und wenn wir Truppen auf unserem Territorium an der Grenze zu irgendeinem Staat haben, meinen Sie, daß das schon ein Verbrechen ist?


Kommentar: Die beiden Sätze „Man kann es auch so sehen. Reden wir nicht darüber.“ wurden herausgeschnitten. Ebenso der ganze folgende Dialog. (Die Diskussion über Sanktionen wurde als eine Online-Clip übertragen.)


CHARLIE ROSE: Ich habe nicht gesagt, daß das ein Verbrechen ist.

WLADIMIR PUTIN: Um diese Prozesse, über die ich sprach, die natürliche wirtschaftliche, humanitäre und soziale Integration ganz zu verwirklichen, sind keine Streitkräfte erforderlich. Wir haben den Zollverbund und das Euroasiatische Wirtschaftsbündnis nicht mit Hilfe von Gewalt, sondern durch die Suche nach Kompromissen geschaffen. Es war ein komplizierter Prozeß, schwierig, mehrjährig und mit Hilfe von Vereinbarungen und die Suche nach Kompromissen, auf der Basis von für alle annehmbaren Bedingungen und in der Erwartung, daß wir für unsere Wirtschaft, für unsere Menschen wirksameren Konkurrenzvorteile auf den Weltmärkten und überhaupt auf der Welt schaffen werden.

CHARLIE ROSE: Nun, warum sprechen wir darüber? Sagen Sie mir etwas über die Baltischen Staaten und Ihre Absichten in der Beziehung zu ihnen.


Über die baltischen Staaten

WLADIMIR PUTIN: Wir wollten mit ihnen freundliche Partnerbeziehungen aufbauen. Dort wohnen sehr viel russische Menschen noch aus den Zeiten der Sowjetunion. Dort werden ihre Rechte verletzt. Sie wissen, daß in vielen baltischen Staaten einiges Neue im internationalen Recht erfunden wurde. Was gab es bisher im internationalen Recht hinsichtlich der Staatsangehörigkeit? Es gab Staatsbürger, Ausländer, Menschen ohne und mit zweierlei Staatsangehörigkeit (d.h. mit doppelter Staatsangehörigkeit). In den baltischen Republiken wurde etwas Neues erfunden. Wissen Sie was? „Unbürger“ werden diejenigen Menschen genannt, die seit Jahrzehnten auf dem Territorium der baltischen Staaten wohnen und ihnen wurden eine ganzen Reihe politischer Rechte entzogen. Sie können nicht an Wahlen teilnehmen, sie sind in den politischen und sozialen Rechten eingeschränkt. Und allenschweigen darüber, als ob das auch notwendig sei. Undenkbar, daß das ohne entsprechende Reaktionen abgeht. Doch ich gehe davon aus, daß unsere Kollegen sowohl in den USA, als auch im Europäischen Bündnis sich trotzdem an die geltenden Prinzipien des Menschenrechts halten und sich für die politischen Freiheiten und Rechte aller Menschen einsetzen, einschließlich derer, die nach dem Wegfall der Sowjetunion auf dem Territorium der baltischen Staaten leben. Was die wirtschaftlichen Beziehungen betrifft, so haben wir feste, sehr verzweigten Kontakte mit diesen Ländern.

Doch wissen Sie, es gibt trotzdem einige Dinge, die mich, gelinde gesagt, etwas verwirren.

CHARLIE ROSE: verwirren?

WLADIMIR PUTIN: sie verwirren und betrüben mich. Wir reden über die Notwendigkeit der Annäherung der Positionen, über die Notwendigkeit der Integration auf dem Gebiet der Wirtschaft, und in der politischen Sphäre. Die baltischen Länder – ich sagte es schon, daß wir aus [Zeiten] der Sowjetunion noch eine gemeinsame Energieversorgung haben, ein Energiesystem – sie sind natürlich in das gemeinsame Energiesystem der Sowjetunion eingestiegen. Und was machen sie jetzt? Anscheinend reden alle über eine Annäherung Rußlands an die Europäische Union. Und was geschieht in Wirklichkeit, in der Praxis? Jetzt wird geplant, die baltischen Staaten aus dem gemeinsamen Energieversorgungssystem der ehemaliger Sowjetunion auszugliedern und sie ins europäische System aufzunehmen. Was bedeutet das für uns in der Praxis? Es bedeutet, daß zwischen einigen unserer Gebiete, der Russischen Föderation, Zonen erscheinen, wo wir keine Starkstromleitungen haben, weil früher [die Elektrizitätsversorgung] ringförmig durch die baltischen Länder ging. Und jetzt sollen wir erneut Milliarden Dollar aufwenden, um dieses System aufzubauen, so wie auch unsere europäischen Partner Milliarden Dollar brauchen, um die baltischen Länder in einen Energieverbund aufzunehmen. Warum? Wenn wir in Wirklichkeit, und nicht nur in Worten danach streben, zu irgendeiner gemeinsamen Arbeit und zur Integration zu gelangen, warum tun wir das alles? Und so geht das in sehr vielen Richtungen: sie sagen das eine, und machen in Wirklichkeit etwas anderes.

Also ich gehe davon aus, daß das alles Wachstumsprobleme sind, und letzten Endes trotzdem der gesunde Menschenverstand – und wenn nicht hier, dann in anderen Bereichen – siegen wird. Doch wir sind dafür, uns offen zu entwickeln, ohne jedes Vorurteil. Vielleicht sind die baltischen Länder auch interessiert, und für sie ist das wichtiger, als für Rußland. Also eines dieser Länder, sagen wir, Litauen. Wissen Sie, wie groß die Einwohnerzahl während der sowjetischen Zeit war? 3.400.000 Menschen. Ein kleines Land, eine kleine Republik. Jetzt habe ich mir mal die letzten Angaben angeschaut – 1.400.000. Wo sind die Menschen? Mehr als die Hälfte aller Bürger haben das Land verlassen. Stellen Sie sich vor, wenn mehr als die Hälfte der Amerikaner Territorium der USA auswandern würden? Eine Katastrophe. Das sagt etwas darüber aus, daß sich die Bedingungen, vor allem in der Wirtschaft verschlechtert haben, sich auf uns alle negativ auswirken. Ich will jetzt sagen, auch auf Rußland. Deshalb bin ich fest davon überzeugt: wir müssen von der Furcht vor der Vergangenheit wegkommen, in die Zukunft sehen und auf der Grundlage des internationalen Rechts gutnachbarliche und gleichberechtigte Beziehungen aufbauen.


Über die Sanktionen

CHARLIE ROSE: Ja, natürlich, und wir müssen die Sanktionen aufheben.

WLADIMIR PUTIN: Wenn es irgend jemandem gefällt, mit Hilfe der Sanktionen zu arbeiten, bitte, dann ist das möglich. Doch vorübergehend. Das widerspricht erstens dem internationalen Recht. Zweitens, sagen Sie, wo hat sich diese Politik der Anwendung von Sanktionen als wirksam erwiesen? Doch nirgends, weil sie sich in Bezug auf so ein Land wie Rußland, kaum als wirksam erweisen wird.

CHARLIE ROSE: Seitdem die Sanktionen verhängt wurden, machen sich sogar Ihre Freunde um die russische Wirtschaft Sorgen, zuerst wegen der Sanktionen, dann aber auch wegen des Fallens der Ölpreise. Ist das eine große Herausforderung für Sie? Ist das eine beunruhigende globale Wirtschaftslage?

WLADIMIR PUTIN: Die Sanktionen, sagte ich schon, sind eine ungesetzliche Verfahrensweise, die die Prinzipien der internationalen Weltwirtschaft, die Prinzipien der WTO und der UNO zerstören. Sanktionen können nur auf Beschluß des UNO-Sicherheitsrats verhängt werden, doch in einseitiger Weise ist das ein Verstoß gegen internationales Recht. Na gut, reden wir jetzt über die juristische Seite dieser Sache. Sie schaden natürlich, aber sie sind nicht der Hauptgrund für das verringerte Wachstumstempo der russischen Wirtschaft oder für andere Probleme, die mit der Inflation zusammenhängen. Der Hauptgrund ist für uns natürlich, die Senkung der Weltmarktpreise für unsere traditionellen Exporte, vor allem auf das Erdöl, das Erdgas und einige andere Waren. Das ist die Hauptursache. Die Sanktionen tragen hier natürlich ihren negativen Teil dazu bei, sie beeinflussen das, wie auch immer, doch eine so kapitale, prinzipielle Bedeutung haben sie für unsere Wirtschaft kaum.

CHARLIE ROSE: Werden Sie die Sanktionen überleben?

WLADIMIR PUTIN: Das versteht sich von selbst, daran gibt es keinen Zweifel, das ist nicht der Rede wert. Es gibt hier sogar ein bestimmtes Plus. Das besteht darin, daß wir – insbesonders auf dem Gebiet der Hochtechnologie – früher gewöhnlich vieles einfach eingekauft haben, indem wir Öldollars verwendet haben. Jetzt, wo die Sanktionen eingeführt wurden, wo wir nicht einkaufen können oder befürchten, daß uns etwas nicht zugänglich ist, waren wir genötigt, ganze Programme zur Entwicklung einer eigenen Hochtechnologiewirtschaft, der Industrie, der Produktion und auf wissenschaftlichem Gebiet zu entwickeln. Es geht darum, daß wir es sowieso hätten tun sollen, doch es war nicht leicht für uns, da unser eigener Binnenmarkt mit ausländischen Produkten überschwemmt war, und es im Rahmen der WTO schwierig gewesen wäre, die eigenen Produzenten zu unterstützen. Und jetzt, wo auch unsere Partner diese Sanktionen eingeführt haben und sich freiwillig aus unserem Markt zurückgezogen haben, gibt uns das die Chance für eine Entwicklung.


Schlußbemerkungen

CHARLIE ROSE: Ich habe noch zwei Fragen. Sie waren Präsident, Premierminister und dann wieder Präsident. Wie lange wollen Sie dienen, und was soll Ihr Vermächtnis sein? Das ist die eine Frage.

WLADIMIR PUTIN: Wie lang, das hängt von den Umständen ab. Unbedingt so, wie es in der Verfassung vorgesehen ist, da gibt es Regeln, und die werden von meiner Seite aus genau eingehalten. Aber ich bin nicht davon überzeugt, daß ich diese verfassungsmäßigen Rechte vollständig ausschöpfen muß. Es wird von der konkreten Situation im Land und in der Welt abhängen, und von meiner eigenen Stimmung.

CHARLIE ROSE: Und was soll Ihr Vermächtnis sein?

WLADIMIR PUTIN: Rußland soll wirksam sein, konkurrenzfähig, mit einer standfesten Wirtschaft, mit einem entwickelten sozialen und politischen System, das flexibel ist gegenüber Veränderungen im Lande und nach außen hin.

CHARLIE ROSE: Sollte es eine Hauptrolle in der Welt spielen?

WLADIMIR PUTIN: Rußland sollte, wie gesagt, konkurrenzfähig sein, soll in der Lage sein, seine Interessen zu schützen und jene Prozesse zu beeinflussen, die für sie von Bedeutung sind.

CHARLIE ROSE: Viele sagen, daß Sie allmächtig sind, und sie glauben, daß Sie alles haben können, was Sie wollen. Was wollen Sie? Sagen Sie Amerika, sagen Sie der Welt, was Wladimir Putin will.

WLADIMIR PUTIN: Ich will, daß Russland so ist, wie ich es jetzt beschrieben habe. Da ist mein wichtigster Wunsch. Und daß die Menschen hier glücklich sind, und daß unsere Partner in der ganzen Welt es wünschten und danach strebten, die Beziehungen zu Rußland zu entwickeln.

CHARLIE ROSE: Danke. Vielen Dank, es war mit ein Vergnügen.

WLADIMIR PUTIN: Danke.


Mit Dank übernommen von Kommunisten-Online

(Hervorhebungen und Kommentare nach dem Original)
(Nicht autorisierte Übersetzung von Marina Koch)

Russisch: http://kremlin.ru/events/president/news/50380
Englisch: http://www.sott.net/article/302911-Sott-Exclusive-Full-unedited-text-of-Vladimir-Putins-interview-with-Charlie-Rose-What-CBS-left-out

Video mit deutscher Übersetzung:

DOWNLOAD: CBS Interview mit Putin


 Siehe:
Putins Rede vor der UNO-Vollversammlung

Hier noch ein anderes, etwas älteres Video, daß das, was Putin sagte unterstreiccht:

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