Wissen Sie, was LTI bedeutet?

Klemperer

Victor Klemperer (1881-1960)

Im Jahre 1957 veröffentlichte der Literaturwissenschaftler Victor Klemperer sein – wie er es nannte – schwierigstes Buch: „LTI“ (Lingua Tertii Imperii), die „Sprache des Dritten Reiches“: Es ist ein erschütterndes Dokument. Sein „Notizbuch eines Philologen“, in das er während der Arbeitssklaverei der Nazis seine Beobachtungen über den zunehmenden Sprachverfall eintrug, ist für uns eines der lebendigsten Zeugnisse zur Ideologie des deutschen Faschismus. Die LTI zielt auf die Mechanisierung der Wörter (Aktionen werden groß „aufgezogen“, Organisationen „gleichgeschaltet“, Menschen „laufen zu vollen Touren auf“) und entpersönlicht dadurch den Einzelnen.

Die Sprache ist nur ein Indiz für die vollständige Manipulierung der Massen, die schließlich dazu führte, daß sich die Deutschen bis auf wenige Ausnahmen von den Nazis dazu mißbrauchen ließen, in den 2.Weltkrieg zu ziehen, wo sie vor allem in der Sowjetunion eine Blutspur von mehreren Millionen Toten hinterließen. Vieles erinnert in diesem Buch an den Film „Professor Mamlock“ von Friedrich Wolf. Inhaltlich und in ihrer Ausdrucksform ist die LTI eine arme Sprache. Sie kennt vor allem Superlative (alles ist „total“) und will Bewegung ausdrücken (es wird „entjudet“ und „aufgenordet“).

Ich vergrub mich in meinen Beruf…

Es ist mir merkwürdig ergangen mit dieser eigentlichen (philologisch eigentlichen) Sprache des Dritten Reichs. Ganz im Anfang, solange ich noch keine oder doch nur sehr gelinde Verfolgung erfuhr, wollte ich sowenig als möglich von ihr hören. Ich hatte übergenug an der Sprache der Schaufenster, der Plakate, der braunen Uniformen, der Fahnen, der zum Hitlergruß gereckten Arme, der zurechtgestutzten Hitlerbärtchen. Ich flüchtete, ich vergrub mich in meinen Beruf, ich hielt meine Vorlesungen und übersah krampfhaft das Immer-leerer-Werden der Bänke vor mir, ich arbeitete mit aller Anspannung an meinem Achtzehnten Jahrhundert der französischen Literatur. Warum mir durch das Lesen nazistischer Schriften das Leben noch weiter vergällen, als es mir ohnehin durch die allgemeine Situation vergällt war?

Kam mir durch Zufall oder Irrtum ein nazistisches Buch in die Hände, so warf ich es nach dem ersten Abschnitt beiseite. Grölte irgendwo auf der Straße die Stimme des Führers oder seines Propagandaministers, so machte ich einen weiten Bogen um den Lautsprecher, und bei Zeitungslektüre war ich ängstlich bemüht, die nackten Tatsachen – sie waren in ihrer Nacktheit schon trostlos genug – aus der ekelhaften Brühe der Reden, Kommentare und Artikel herauszufischen.

Vertreibung aus dem Paradies

Als dann die Beamtenschaft gereinigt wurde und ich mein Katheder verlor, suchte ich mich erst recht von der Gegenwart abzuschließen. Die so unmodernen und längst von jedem, der etwas auf sich hielt, geschmähten Aufklärer, die Voltaire, Montesquieu und Diderot, waren immer meine Lieblinge gewesen. Nun konnte ich meine gesamte Zeit und Arbeitskraft an mein weit fortgeschrittenes Opus wenden; was das achtzehnte Jahrhundert anlangt, saß ich ja im Dresdener Japanischen Palais wie die Made im Speck; keine deutsche, kaum die Pariser Nationalbibliothek selber hätte mich besser versorgen können. Aber dann traf mich das Verbot der Bibliotheksbenutzung, und damit war mir die Lebensarbeit aus der Hand geschlagen. Und dann kam die Austreibung aus meinem Haus, und dann kam alles übrige, jeden Tag ein weiteres Übriges. Jetzt wurde die Balancierstange mein notwendigstes Gerät, die Sprache der Zeit mein vorzüglichstes Interesse.

Die Sprache der Behörden

Ich beobachtete immer genauer, wie die Arbeiter in der Fabrik redeten und wie die Gestapobestien sprachen und wie man sich bei uns im Zoologischen Garten der Judenkäfige ausdrückte. Es waren keine großen Unterschiede zu merken; nein, eigentlich überhaupt keine. Fraglos waren alle, Anhänger, und Gegner, Nutznießer und Opfer, von denselben Vorbildern geleitet. Ich suchte dieser Vorbilder habhaft zu werden, und das war in gewisser Hinsicht über alle Maßen einfach, denn alles, was in Deutschland gedruckt und geredet wurde, war ja durchaus parteiamtlich genormt; was irgendwie von der einen zugelassenen Form abwich, drang nicht an die Öffentlichkeit; Buch und Zeitung und Behördenzuschrift und Formulare einer Dienststelle – alles schwamm in derselben braunen Soße, und aus dieser absoluten Einheitlichkeit der Schriftsprache erklärte sich denn auch die Gleichheit der Redeform.

Aber wenn das Heranziehen der Vorbilder für tausend andere ein Kinderspiel bedeutet hätte, so war es doch für mich ungemein schwer und immer gefährlich und manchmal ganz und gar unmöglich. Kaufen, auch Ausleihen jeder Art von Buch, Zeitschrift und Zeitung war dem Sternträger verboten. Was man heimlich im Haus hatte, bedeutete Gefahr und wurde unter Schränken und Teppichen, auf Öfen und Gardinenhaltern versteckt oder beim Kohlenvorrat als Anheizmaterial aufbewahrt. Derartiges half natürlich nur, wenn man Glück hatte.

„Wie kannst du Judenschwein . . .“

Nie, in meinem ganzen Leben nie, hat mir der Kopf so von einem Buche gedröhnt wie von Rosenbergs Mythus. Nicht etwa, weil er eine ausnehmend tiefsinnige, schwer zu begreifende oder seelisch erschütternde Lektüre bedeutete, sondern weil mir Clemens den Band minutenlang auf den Kopf hämmerte. (Clemens und Weser waren die besonderen Folterknechte der Dresdener Juden, man unterschied sie allgemein als den Schläger und den Spucker.) „Wie kannst du Judenschwein dich unterstehen, ein solches Buch zu lesen?“ brüllte Clemens. Ihm schien das eine Art Hostienentweihung. „Wie kannst du es überhaupt wagen, ein Werk aus der Leihbibliothek hier zu haben?“ Nur daß der Band nachweislich auf, den Namen der arischen Ehefrau ausgeliehen war, Und freilich auch, daß das dazugehörige Notizblatt unentziffert zerrissen wurde, rettete mich damals vor dem KZ. Alles Material mußte auf Schleichwegen herangeschafft, mußte heimlich ausgebeutet werden. Und wie vieles konnte ich mir auf keine Weise beschaffen! Denn wo ich ins Wurzelwerk einer Frage einzudringen suchte, wo ich, kurz gesagt, fachwissenschaftliches Arbeitsmaterial brauchte, da ließen mich die Leihbüchereien im Stich, und die öffentlichen Bibliotheken waren mir ja verschlossen.

Die Feigheit der Fachkollegen und Schüler

Vielleicht denkt mancher, Fachkollegen oder ältere Schüler, die inzwischen zu Ämtern gekommen waren, hätten mir aus dieser Not helfen, sie hätten sich für mich als Mittelsmänner in den Leihverkehr einschalten können. Du lieber Gott! Das wäre ja eine Tat persönlichen Mutes, persönlicher Gefährdung gewesen. Es gibt einen hübschen altfranzösischen Vers, den ich oft vom Katheder herab zitiert, aber erst später, in der kathederlosen Zeit, wirklich nachgefühlt habe. Ein ins Unglück geratener Dichter gedenkt wehmütig der zahlreichen amis que vent emporte, et il ventait devant ma porte, „der Freunde, die der Wind davonjagt, und windig war’s vor meiner Tür“. Doch ich will nicht ungerecht sein: ich habe treue und tapfere Freunde gefunden, nur waren eben nicht gerade engere Fachkollegen oder Berufsnachbarn darunter. So stehen denn in meinen Notizen und Exzerpten immer wieder Bemerkungen wie: Später feststellen! … Später ergänzen! … Später beantworten! … Und dann, als die Hoffnung auf das Erleben dieses Später sinkt: das müßte später ausgeführt werden…

Quelle:
Victor Klemperer, LTI, Notizbuch eines Philologen, Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig, 1990, S.16-19. (Hervorhebungen und Zwischenüberschriften von mir – N.G.)

Siehe auch:
Die Sprache verrät den Feind

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2 Antworten zu Wissen Sie, was LTI bedeutet?

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