Über Lenin…

„Lenin war von Kopf bis Fuß
ein Mensch der neuen Welt.
Darin besteht seine riesige Be-
sonderheit, darin besteht sein
unbeschreiblicher Zauber.“

(A.W. Lunatscharski)

P. Belousow - Lenin

P. Belousow, W.I. Lenin hört Musik. (1969)

Je grandioser die Bewegung ist, die wir vor uns haben, und je ausgiebiger dieser oder jener Führer sie beherrscht, desto mächtiger erscheint uns natürlich sein Denken, sein Wille. Wladimir Iljitschs Denken war ausnehmend prägnant, von brillanter Exaktheit, jeden Gegenstand allseitig erfassend und deshalb geradezu hellseherisch. Wir wissen auch, daß Lenin und sein Wille selbst in einem derart stahlharten Apparat wie der in zwanzig Jahren Kampf geschmiedeten Kommunistischen Partei eine Art Motor waren, der oft den erforderlichen Antrieb gab und sich in der gesamten Parteiarbeit als das entscheidende Element erwies. Ohne sich auch nur für einen Augenblick von der Mehrheit der Partei loszulösen, war Lenin im vollen Sinne des Wortes der Antrieb der Partei.

Lenin selbst kannte natürlich diese Eigenschaft jedes hervorragenden und um so mehr jedes großen Mannes ganz genau. Er sprach zum Beispiel mit Vorliebe von der „physischen Kraft des Hirns“ eines Plechanow. Ich selbst habe ihn diese Worte mehrmals sagen hören und sie anfangs nicht ganz verstanden. Jetzt ist mir klar, daß genauso wie ein physisch starker Mensch denkbar ist, der den anderen ganz einfach und endgültig besiegen, ihn zu Boden werfen kann, es auch ein physisch starkes Hirn geben kann, von dem bei einer Kollision die gleiche unbezwingbare Macht ausgeht, die den anderen unterwirft. Die physische Kraft des Leninschen Hirns übertraf noch die gewaltige physische Kraft des Hirns eines Plechanow.

Aber die, wenn man es so nennen will, Größe und die Ausmaße des Denkens und des Willens machen noch keine Persönlichkeit aus. Sie sind maßgeblich für einen hervorragenden, einflußreichen Menschen, sie prägen ihn zu einer erstrangigen Größe im sozialen Gewebe, bestimmen jedoch keineswegs den Wesensinhalt der Persönlichkeit.

Oft denkt man (und nicht ohne Grund), der individuelle Charakter des Menschen spiele keine große Rolle in der Geschichte. In der Tat, ohne in einem gewissen Rahmen die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte leugnen zu wollen, müssen wir einräumen, daß gerade die Macht der Idee, die Intensität des Willens dabei die wichtigste Rolle spielen, geht doch alles übrige von der Gesellschaft aus. Die Tatsache, daß Marx oder Lenin zu Revolutionären, zu proletarischen Ideologen und Führern wurden, war von der Zeit im voraus bestimmt. Man könnte sagen, daß unter ähnlichen geschichtlichen und sozialen Bedingungen auch andere den gleichen Standpunkt bezogen hätten, nur haben beide diesen Standpunkt eben aufgrund ihrer Größe unvergleichlich deutlicher bekundet. Andere kennzeichnende Merkmale können hingegen selbst bei einer großen Persönlichkeit zwar von enormer Bedeutung für ihren Lebenslauf sein, rücken aber bei einer Analyse ihrer sozialen Bedeutung gleichsam in den Hintergrund.

Wladimir Iljitsch besaß aber einige Wesenszüge, die nur ihm eigen waren, die aber riesige soziale Bedeutung hatten.

Ich möchte zwei solche Wesenszüge hervorheben, die am augenfälligsten waren und die am bedeutendsten erschienen. Wichtig waren sie deshalb, weil sie Lenin als einen Kommunisten charakterisierten. Ich will damit nicht sagen, daß sie jedem Kommunisten eigen sind, aber sie müssen einem vollendeten Kommunisten eigen sein, einem Menschen, wie wir ihn gleichzeitig mit dem Aufbau der neuen Gesellschaft formen. Jeder von uns möchte vielleicht ein solcher Mensch sein, aber in vollendeter Form war es Wladimir Iljitsch.

Lenins sprichwörtliche Bescheidenheit

Der erste wesentliche Charakterzug, von dem ich hier spreche, bestand darin, daß Lenin jegliche Geltungssucht fehlte. Das ist eine Erscheinung von großer Tragweite, die eine gründliche Untersuchung in der kommunistischen Literatur verdient. Ich glaube, eine solche wird mit der Zeit vorgenommen, wenn Fragen der Kunst zu leben endgültig einen gebührenden Rang einnehmen werden.

Wir kennen eine Menge unbedeutender Leute, die auch gerade infolge ihrer geringen Bedeutung unerhört geltungssüchtig sind. Lew Tolstoi sagte einmal, der wahre Wert eines Menschen ergebe sich aus seinen guten Eigenschaften, dividiert durch den Grad seines Eigendünkels. Es heißt, daß sogar ein verhältnismäßig begabter Mensch, wenn er allzu eingebildet ist, lächerlich und sogar entbehrlich, ja gemeingefährlich sein kann. Und im Gegenteil, ein mäßig begabter Mensch, wenn er bescheiden ist, kann sowohl nett wie auch sehr nützlich sein.

Es wäre einfach lächerlich anzunehmen, die Bescheidenheit Wladimir Iljitschs, von der so oft geredet wird, sei darauf zurückzuführen, daß er sich über seine eigene geistige und sittliche Stärke im unklaren war. Bei einem Menschen vom bürgerlichen oder, genauer gesagt, vorkommunistischen Schlag wird eine derart exponierte Stellung und die Erkenntnis der eigenen Macht unbedingt von Geltungssucht begleitet. Sogar wenn ein solcher Mann bescheiden ist, werden Sie in seiner Bescheidenheit einen guten Schuß Heuchelei bemerken. Er trägt sich mit seiner Person, als sei es ein kostbares Gefäß, er will unbedingt auffallen, er spielt seine Rolle in der Geschichte und ist zugleich ein mehr oder minder entzückter Zuschauer.

Wladimir Iljitsch war das völlig fremd, und eben darin besteht seine außerordentlich kommunistische Art. Die ungewöhnliche Schlichtheit und Natürlichkeit, die ihn stets begleiteten, waren keineswegs eine Art „Feldgrau“, durch das sich Wladimir Iljitsch von den „goldbetreßten Waffenröcken“ anderer bedeutender geschichtlicher Persönlichkeiten und vieler weniger hervorragender abheben wollte. Nein, Wladimir Iljitsch wirkte deshalb schon in seinem Auftreten außerordentlich natürlich und fühlte sich unter noch so schwierigen Bedingungen wie ein Vogel im Himmel, wie ein Fisch im Wasser, weil er niemals Selbstbeobachtungen anstellte und niemals versuchte, sich selber einzuschätzen. Niemals verglich er seine Stellung mit der anderer. Er war eben von der Arbeit, die er leistete, ganz und gar in Anspruch genommen.

Von den Zielen dieser Arbeit ausgehend, wußte er wohl, daß er selbst: ein guter Arbeiter ist und die eine oder andere Arbeit besser als Genosse Soundso ausführen kann oder daß die Genossen Soundso diese Arbeit nur mit seiner Hilfe und nach seinen Anweisungen gut ausführen können. Aber das wurde gewissermaßen durch organisatorische Aufgaben diktiert, die sich aus dem Charakter der Arbeit ergaben.

Wladimir Iljitsch war in der tiefsten und schönsten Bedeutung dieses Wortes ein Mann der Tat. Natürlich ist eine derart treue Pflichtergebenheit eine derart bedingungslose, jeder Ziererei bare Hingabe an das Werk nur deshalb großartig und erhaben, weil das Werk selbst gewaltig ist oder, genauer gesagt, weil es das gewaltigste von allen denkbaren Vorhaben ist.

Wladimir Iljitsch lebte das Leben der Menschheit, in erster Linie das Leben der geknechteten Massen oder, wenn wir noch genauer sein wollen, das Leben des Proletariats und vor allem des fortschrittlichen und klassenbewußten Proletariats. Durch eine solche Kette war er also an die Menschheit geschmiedet. Und so empfand er sich und seinen Kampf im Schoß dieser Menschheit als etwas durchaus Natürliches, was sein ganzes Leben ausfüllte.

Aber gerade, weil Wladimir Iljitsch nicht den geringsten Wunsch verspürte, seine Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen, sie zu verschönen, infolge – ich würde sagen – der vollständigen Vernachlässigung seiner Persönlichkeit, weil er diese Persönlichkeit restlos der kommunistischen. Schmiede überantwortet hatte, blieb diese Persönlichkeit außerordentlich integer, wie aus einem Guß, urwüchsig und dennoch beispielgebend. Das Schönste, was wir alle unseren Kindern und Enkelkindern wünschen können, ist ja, in dieser Hinsicht soviel wie möglich dem großen Vorbild Lenins nachzueifern.

Lenin war ein ungewöhnlich heiterer Mensch

Und der zweite Wesenszug, den ich auf keinen Fall versäumen will zu nennen: Wladimir Iljitsch war ein ungewöhnlich heiterer Mensch. Das bedeutet natürlich keineswegs, daß ihm bei einer Nachricht oder bei einem Bild, die von irgendeinem Kummer seiner geliebten werktätigen Massen zeugten, das Herz nicht weh tat und sein Gesicht nicht traurig wurde. Alles Irdische nahm er sich sehr zu Herzen. Aber dennoch war er ein ungewöhnlich heiterer Mensch.

Warum lebte nun in Wladimir Iljitschs Herzen eine solche Freude, eine solche Heiterkeit? Ich glaube, es kam daher, weil er bis zur letzten Konsequenz stets ein Marxist der Tat war. Ein richtiger Marxist erkennt sämtliche Tendenzen und die Zukunft jeder Gesellschaftsformation. Wladimir Iljitsch hielt es für möglich, daß Kommunisten Fehler begehen können, daß sich die allgemeinen Umstände gegen sie wenden, aber einen Sieg der Feinde hielt er nie für möglich. Es ist genauso, wenn wir im Vorfrühling bei Wind und Regen durch die Pfützen waten und genau wissen, daß Mai und Wärme, Wladimir Iljitsch spielte die schwierigste Schachpartie der Welt, aber er wußte im voraus, daß er den Gegner matt setzen wird, oder besser gesagt, er wußte, daß die Partie, in der er selbst eine außerordentlich wichtige Figur war und die vom Proletariat gespielt wurde, unbedingt gewonnen wird.

[1926]

Quelle: A. Lunatscharski, Wie war Lenin? APN-Verlag 1981, S.40-45
(Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

Siehe auch:
Lunatscharski: Im Kampf gegen die Unbildung
Lunatscharski. Erinnerungen an Lenin
Stalin: Lenin – Genius der Revolution

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