W.Ulbricht: Über die Ursachen der Kriege

Walter Ulbricht

Walter Ulbricht (1893-1973)

Auf einer Funktionärskonferenz im Jahre 1950, also vor 65 Jahren, gab Walter Ulbricht eine klare Analyse der internationalen Lage in Europa, die sich unter dem Einfluß der USA, mit der Vereinigung der drei Westzonen und der Gründung des westdeutschen Separatstaates immer weiter verschärfte. Wir stehen heute vor einer ähnlichen Verschärfung der weltpolitischen Lage, und genau wie damals war die aggressive Haltung des USA-Imperialismus dafür verantwortlich. Irak, Afghanistan, Libyen und Syrien sind nur Beispiele dafür, wie die USA ihre Vormachtstellung in der Welt mit militärischen Mitteln ausbauen. Bei dem folgenden Text handelt es sich um ein fiktives Interview, basierend auf einer Rede des Genossen Ulbricht:

Was können wir heute aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts lernen?

Walter Ulbricht: Für die Jugend von heute genügt es natürlich nicht, für den Frieden zu sein und gegen die Kriegspropaganda zu kämpfen, indem sie Unterschriften für die Ächtung der Atomwaffe sammeln. Es ist notwendig, daß die Quellen der Kriege, d.h. das Wesen des Imperialismus, gründlich studiert werden, um zu einer grundsätzlich richtigen Betrachtungsweise zu kommen. Eine ausgezeichnete Darstellung über die Entstehung und Ursachen des imperialistischen Krieges hat J.W. Stalin in der „Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki)“ gegeben, die ich allen zum Studium empfehle. In diesem Lehrbuch wird die Ursache des ersten Weltkriegs analysiert, in dessen Ergebnis durch den Sieg der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution auf einem Sechstel des Erdballs der Imperialismus vernichtet wurde. Es wird dort auch die Ursache des zweiten Weltkrieg analysiert.

Was führte zum 2. Weltkrieg?

Walter Ulbricht: In diesem Krieg strebte das imperialistische Deutschland nach der Eroberung riesiger Gebiete bis zum Ural, bis Afrika und über die Türkei bis Indien. Der USA-Imperialismus wiederum wollte in diesem Krieg Deutschland und Japan als Konkurrenten ausschalten und seine eigenen Machtpositionen stärken. Die Herren der USA hofften, daß die Sowjetunion in dem harten Kampf gegen den Hitlerfaschismus so geschwächt würde, daß die USA auch der Sowjetunion weitgehend ihren Willen diktieren könnten. Das Ergebnis war aber ein ganz anderes.

Wie veränderte sich die Lage nach 1945?

Walter Ulbricht: Trotz der unermeßlichen Verluste und trotz des furchtbaren Leids, das der faschistische Überfall Hitlerdeutschlands über die Sowjetunion gebracht hatte, ging die Sowjetunion ungeheuer gestärkt aus diesem Kriege hervor. So war die industrielle Produktion der Sowjetunion gegen Ende 1950 etwa doppelt so hoch wie 10 Jahre zuvor, d.h. vor Beginn des Überfalles Hitlerdeutschlands. Mehr noch: Entgegen den Plänen des USA-Finanzkapitals brachte das Ende des zweiten Weltkrieges die Befreiung eines großen Teiles Europas vom Imperialismus, die Bildung der volksdemokratischen Länder und die Schaffung der Deutschen Demokratischen Republik. Im Osten führte das chinesische Volk seinen Befreiungskampf zum Siege, und auch in den Kolonien nahm der Befreiungskampf der unterdrückten Völker an Umfang und Intensität zu. Das Neue an der Lage gegenüber früher bestand darin, daß die große Weltfriedensbewegung sich nicht nur auf die mächtige Sowjetunion, sondern auch auf eine große Zahl volksdemokratischer Staaten stützen konnte, insgesamt auf 800 Millionen Menschen, die eine starke weltpolitische Kraft darstellten. Gleichzeitig war eine Verschärfung der allgemeinen Krise des Kapitalismus und der Widersprüche zwischen den kapitalistischen Staaten zu verzeichnen.

Was waren die Ursachen der bisherigen imperialistischen Kriege?

Walter Ulbricht: Wenn wir uns mit dieser Frage beschäftigen, müssen wir von der Tatsache ausgehen, daß es Kriege um die Neuaufteilung der Welt erst gibt, seitdem sich das kapitalistische System der Weltwirtschaft zu einem weltumspannenden System der Unterdrückung der Mehrheit der Menschheit durch wenige imperialistische Staaten entwickelt hat und der Kampf zwischen den imperialistischen Staaten um Absatzmärkte und um die Weltherrschaft auf die Spitze getrieben wurde. Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts war die Welt unter den imperialistischen Großmächten aufgeteilt. Es gab keine „freien“ Territorien mehr, die sie erobern konnten, ohne mit anderen Großmächten in Konflikt zu kommen. Solche imperialistischen Mächte wie die USA, die ihre Machtpositionen im ersten und zweiten Weltkrieg verstärken konnten, nutzen ihre Macht aus, um auf Kosten anderer Großmächte, wie England und Frankreich, ihre Macht zu stärken und ihre Einflußsphäre zu erweitern.

Welcher Methoden bedienten sich die US-amerikanischen Finanzkapitalisten, um Einfluß auf Europa zu gewinnen?

Walter Ulbricht: Ein Mittel dazu war der Marshallplan. Es ist verständlich, daß dem amerikanischen Finanzkapital die Existenz der Sowjetunion, des volksdemokratischen China usw. ein Dorn im Auge war. Nicht nur deshalb, weil sie nach der Ausbeutung dieser Länder strebten, sondern auch deshalb, weil die Existenz der Sowjetunion, des Lagers der Demokratie und des Sozialismus, die Imperialisten an der Eroberung anderer Länder hinderte und den nationalen Befreiungskampf der Kolonialvölker stärkte. J.W. Stalin sagte darüber: „Hieraus resultiert auch das ,natürliche’ Bestreben imperialistischer Kreise, die Widersprüche im eigenen Lager in den Hintergrund zu schieben, sie zeitweilig zu verwischen, eine Einheitsfront der Imperialisten zu schaffen und einen Feldzug gegen die UdSSR in die Wege zu leiten, um die sich vertiefende Krise des Kapitalismus wenigstens teilweise und wenigstens zeitweilig auf Kosten der UdSSR zu lösen.“ (J.W. Stalin: Notizen über Gegenwartsthemen, in: J. Stalin, Werke, Dietz Verlag Berlin, 1953, Bd.9, S.279.)

Welche Länder sind für die Imperialisten am „interessantesten“, um sie zu okkupieren?

Walter Ulbricht: Es ist charakteristisch, daß die imperialistischen Mächte sich nicht, wie früher manche Sozialdemokraten glaubten, nur agrarische Gebiete unterwerfen wollen, sondern hochindustrielle Gebiete, Länder mit einer alten nationalen Kultur sogar bevorzugen. Lenin schreibt in seinem grundlegenden Werk „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“: „Für den Imperialismus ist gerade das Bestreben charakteristisch, nicht nur Agrarländer, sondern sogar höchstentwickelte Industriegebiete zu annektieren (Deutschlands Gelüste auf Belgien, Frankreichs auf Lothringen), denn erstens zwingt die abgeschlossene Verteilung der Erde, bei einer Neuverteilung die Hand nach jedem beliebigen Land auszustrecken. Und zweitens ist für den Imperialismus wesentlich der Wettkampf einiger Großmächte in ihrem Bestreben nach der Hegemonie, d.h. nach der Eroberung von Ländern, nicht so sehr direkt für sich als vielmehr zur Schwächung des Gegners und Untergrabung seiner Hegemonie (für Deutschland ist Belgien von besonderer Wichtigkeit als Stützpunkt gegen England; für England Bagdad als Stützpunkt gegen Deutschland usw.).“ (W.I. Lenin, Ausgew. Werke in 6 Bd., Bd.II, S.732.)
Es ist also kein Zufall, daß der faschistische deutsche Imperialismus zunächst mit der Eroberung der hochindustriellen westeuropäischen Staaten begann, um sich die Rüstungszentren für die ungeheure Kriegsproduktion zu sichern, die für seine Welteroberungspläne notwendig waren. Der amerikanische Imperialismus ist in die Fußtapfen Hitlers getreten, mit dem Unterschied, daß er Westdeutschland zum Hauptstützpunkt seiner Kriegsaggression in Europa erwählt hat.

Warum waren die Imperialisten damals so sehr an Westdeutschland interessiert?

Walter Ulbricht: Das geschah erstens, weil Deutschland nicht weit von der Sowjetunion und den volksdemokratischen Ländern entfernt war, zweitens, weil Westdeutschland eine bedeutende Schwerindustrie hatte, und drittens, weil es das einzige Gebiet ist, in dem die Amerikaner Jugendliche als Söldner anzuwerben hofften. Die amerikanischen Militärs hatten offen erklärt: Die Franzosen, Belgier, Holländer, die Italiener und Dänen denken nicht daran, für die amerikanische Rüstungsplutokratie in den Krieg zu ziehen. Deshalb setzte der amerikanische Imperialismus seine ganze Hoffnung auf die Remilitarisierung Westdeutschlands. (…) Eine starke Friedensbewegung in Westdeutschland, eine Volksbewegung gegen die Remilitarisierung und verantwortungsbewußte Politiker in Westdeutschland, die zusammen mit den Vertretern Ostdeutschlands einen Gesamtdeutschen Konstituierenden Rat bilden, wären die Voraussetzung für eine Rettung des Friedens in Europa.

Quelle:
Walter Ulbricht: An die Jugend, Verlag Neues Leben, Berlin, 1954, S.200-203

Nachbemerkung: Nach dem Tode Stalins und dem XX.Parteitag gewannen in der Sowjetunion revisionistische Kräfte die Oberhand und es begann die allmähliche Demontage der KPdSU, bis schließlich mit Hilfe solcher Vaterlandsverräter wie Gorbatschow und Jelzin die Zerstörung der Sowjetunion vollzogen und eine offene Konterrevolution eingeleitet wurde. Damit wurde die KPdSU als führende und erfahrenste Kommunistische Partei der Welt paralysiert und die Sowjetunion als stabiler Friedensfaktor in der Welt ausgeschaltet. Es folgten (friedliche) Konterrevolutionen im gesamten sozialistischen Lager. Die bisher sozialistischen Länder fielen dem Imperialismus anheim.

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