Eduard Soermus – der Rote Geiger

Soermus in Freital

Eduard Soermus und seine Frau Virginia mit Kindern aus Freital

In dem 1974 in der DDR erschienen Sammelband über Traditionen deutsch-sowjetischer Freundschaft ist ein hochinteressanter Bericht von Prof. Dr. Hans Teubner enthalten, der als junger Mensch im August 1922 in Chemnitz erstmals den berühmten sowjetischen Geiger Eduard Soermus erlebte. Soermus (* 9. Juli 1878 in Luunja; † 16. August 1940 in Moskau), der bekannt war als der Rote Geiger, trat in unzähligen Konzerten auch vor deutschen Arbeitern auf, wo er nicht nur Musikstücke von Beethoven, Tschaikowski und Chopin zu Gehör brachte, sondern sich auch mit ergreifenden Worten für die internationale Solidarität mit seiner sowjetischen Heimat einsetzte. Hans Teubner schrieb:

Soermus kommt nach Chemnitz

In Aue sprach es sich schnell herum, Soermus sei ein großer russischer Geigenkünstler, der Konzerte gebe, um die Erlöse den Hungernden seines Heimatlandes zugute kommen zu lassen. Soermus gebe jetzt Konzerte in Thüringen, komme aber bald auch in unseren Bezirk Erzgebirge/Vogtland, hieß es. Für den 31. August 1922 war sein erstes Chemnitzer Konzert im Kaufmännischen Vereinshaus angekündigt worden. Klar, daß die ganze Ortsgruppe freudig entschied, nach Chemnitz zu fahren. Erwartungsvoll machten wir uns, die wir zumeist arbeitslos und natürlich nicht festlich gekleidet waren, sondern unsere schäbige Proletarierkluft trugen, auf den Weg. Der Saal war brechend voll.

Er musizierte für die deutschen Arbeiter

Was wir nun erlebten, war für uns ganz neu, überwältigend, begeisternd. Soermus betrat, Geige und Bogen in der Hand, die Bühne. Eine große schlanke Gestalt, markante Gesichtszüge, blonde, glatte Haare. Er sagte mit sanfter Stimme, in gutem Deutsch mit rollendem R, daß die Kunst dem Volke gehöre und daß er mit seiner Geige für die Solidarität der deutschen Arbeiter mit den Hungernden Rußlands spielen werde. Und nun entlockte er seiner Geige Töne, wie sie von uns vorher keiner gehört hatte. Er spielte Bach, Mozart, Beethoven.

Der Geiger des Proletariats

Vor jedem Stück sprach er über die Schöpfer der Werke. So sagte er über Bach, daß ihn Mut und Selbstvertrauen erfüllt habe und daß auch das Proletariat von Mut und Selbstvertrauen erfüllt sein müsse. Er sprach über das erbärmliche Leben, das Mozart bis zu seinem frühen Ende führen mußte, daß Mozarts Geist aber ungebrochen blieb und er mutig war, wie auch das Proletariat es sein müsse. Vor dem Spiel der Kreutzersonate von Beethoven sagte Soermus, daß sie Triumph nach errungenem Sieg verkünde und daß so auch die Arbeiterklasse der ganzen Welt einmal jubeln werde. Auf diese Weise brachte uns Soermus die Klassiker der deutschen Musik erst in Worten, dann mit seinem Geigenspiel nahe. Mit seiner Kunst, die uns eine noch nicht gekannte Welt auftat, erweckte Soermus in uns tiefe Empfindungen, starke Ergriffenheit, Zuversicht. (…)

Ein Solidaritätskonzert für die Sowjetunion

Der Geiger aus Sowjetrußland spielte auch sehr einfühlend deutsche Volkslieder. Es ist mir nicht möglich, wiederzugeben, wie ergriffen wir mitsangen, als Soermus zum Abschluß des Konzerts die „Internationale“ spielte. Die Solidaritätsspende der zumeist armen Konzertteilnehmer erbrachte dann auch einen ansehnlichen Betrag. Wir alle haben durch Soermus die Musik als Waffe im Klassenkampf kennengelernt, und es war wirklich so, daß das Musikerlebnis in uns allen weiterklang und uns für die bevorstehenden harten Kämpfe Kraft verlieh. (…)

Ein empörender Zwischenfall in Magdeburg

Am 1.Mai 1923 verursachte die preußische Polizei in Magdeburg einen empörenden Zwischenfall. Der Magdeburger „Kristallpalast“ war von kommunistischen und sozialdemokratischen Arbeitern, Parteilosen und fortschrittlichen bürgerlichen Musikfreunden dicht besetzt. Bei Konzertbeginn hatte die Polizei ihren Aufmarsch schon vollendet: Eine halbe Hundertschaft zu Fuß, eine halbe Hundertschaft zu Pferde, eine Radfahrerkolonne, ein Überfallkommando, Kriminalbeamte und Spitzel hatte der sozialdemokratische Polizeipräsident Magdeburgs ausgesandt, um gegen den mit einer Geige bewaffneten Bolschewisten vorzugehen. Soermus gab sein Konzert. Die Hörer spendeten dem Virtuosen so stürmischen Beifall, daß er einige Zugaben spielte. Und dann geschah das Ungeheuerliche. Als sich Soermus in den Umkleideraum begab, wurde er von einer Polizeimeute ergriffen, niedergeschlagen, seine Violine, ein kostbares Instrument eines Moskauer Geigenbauers, zertrümmert. (…)

Die Solidarität der Leipziger Gewandhausmusiker

Die Magdeburger Bevölkerung war empört, und überall, wohin die Kunde der barbarischen Tat drang, war es nicht anders. Es gab viele Protestkundgebungen, an denen sich an der Seite der Arbeiter auch bürgerliche Humanisten beteiligten. Die Künstler des Leipziger Gewandhauses protestierten ebenfalls und bezeugten ihre Sympathie für Soermus durch die Übergabe einer wertvollen Violine als Geschenk. Mit diesem neuen Instrument setzte der durch die feindliche Hetze und die polizeilichen Schandtaten nicht entmutigte Künstler seine Konzerte hauptsächlich in Sachsen, aber auch in Süddeutschland und anderen Gebieten fort.

Hermann Duncker als ein großer Pianist

Wenn Soermus mit seiner Frau, Virginia Soermus-Tschaikowski, die ihn zumeist am Flügel begleitete, in Stuttgart weilte, hielten sich die beiden oft bei ihren guten Freunden Käte und Hermann Duncker auf. Da begab es sich, daß Käte und Hermann Duncker auch aktive Mitgestalter eines Konzerts wurden: Virginia erkrankte, sie fiel als Begleiterin aus und konnte auch nicht zum Publikum sprechen, was sie oftmals anstelle ihres Mannes tat, wenn er Redeverbot hatte. Die Dunckers retteten das Konzert, indem Käte, die großartige Rednerin, die Ansprache hielt und Hermann die Begleitung am Flügel übernahm. Das war ein Ereignis besonderer Art, denn Soermus als Pianist begleiten konnte niemand, der eben recht und schlecht Klavier spielte, es mußte ein wirklicher Könner sein. Hermann Duncker, in ganz Deutschland als hervorragender Propagandist des Marxismus schon aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg bekannt, erwies sich plötzlich in der Öffentlichkeit auch als großer Könner am Klavier; er hatte ja von 1892 bis 1895 am Leipziger Konservatorium Musik studiert. (…)

Soermus, der Rote Geiger für immer unvergessen!

Am 16. August 1940 verstarb der leidenschaftliche Kämpfer und geniale Musiker nach einem ruhelosen, aufopferungsvollen Leben. In Tallinn, der Hauptstadt der Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik, deren Gründung der Künstler noch erlebte, werden seine Verdienste im Theater- und Musikmuseum gewürdigt. Dort ist auch seine Violine aufbewahrt. Mir, wie jedem Veteranen der revolutionären Arbeiterbewegung, wird dieser ungewöhnliche Mensch, der sich so bedeutende Verdienste um die deutsch-sowjetische Freundschaft erworben hat, unvergeßlich bleiben.

Quelle:
Im Zeichen des Roten Sterns – Erinnerungen an die Traditionen der deutsch-sowjetischen Freundschaft, Dietz Verlag Berlin, 1974, S.81-90.


Der rote GeigerÜber den Autor des Buches: Der sowjetische Musikwissenschaftler Harry Augustowitsch Körvits wurde am 16.101915 in Pajde geboren. 1935-1939 wirkte er als Organist in Tallinn. 1939-1941 studierte er an der Musikwissenschaftlichen Fakultät des Tallinner Konservatoriums in der Klasse für Orgel und Dirigigat. Anschließend war Musikalischer Inspektor am Zentralhaus für Volkskunst der Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik (ESSR). Nach dem Krieg, im Jahre 1952 konnte er sein Studium abschließen und arbeitete als Musikwissenschaftler u.a. beim Staatlichen Rundfunk. 1968 erschien in Tallinn sein Buch über Eduard Soermus, welches 1978 übersetzt und im Verlag für Musik Leipzig (DDR) unter dem Titel „Der rote Geiger“ veröffentlicht wurde.


Im Jahre 1974 erschien in der UdSSR der Film „Der rote Geiger“. Der Film illustriert das Leben des berühmten sowjetisch-estnischen Geigers Eduard Soermus. Das Solo im Film spielte der estnische Geiger Lemmo Erendi. Zu Ehren des flammenden Revolutionärs und Kommunisten Eduard Soermus wurde in Zwickau eine Straße nach ihm benannt. Auch der Maler Marc Chagall widmete ihm ein Bild. Eine Gedenktafel am ehemaligen Kristallpalast in Magdeburg wurde entfernt.

Фильм «Красная Скрипка», СССР, Таллинфильм, 1974, цв., 93 мин.
Соло на скрипке в исполнении Леммо Эренди.
Фильм иллюстрирует страницы биографии выдающегося эстонского скрипача Эдуарда Сырмуса (1878 — 1940), ставшего в годы гражданской войны бойцом Красной Армии. В годы гражданской войны по предложению наркома просвещения Луначарского он был направлен за границу. Фильм рассказывает об участии Сырмуса в немецком революционном движении, в антифашистской борьбе в 20-30-е годы.
Пламенный революционер и талантливый музыкант-самоучка, впервые взявший в руки скрипку в 24 года, он учился в Петербургской консерватории, его ждала блестящая карьера, но судьба распорядилась иначе… (см. биография –  russ.) N.B. Bei dem später 1998 in Kanada darüber produzierten Film Le violon rouge handelt es sich vermutlich um eine der üblichen neuzeitlichen bürgerlichen Geschichtsfälschungen.

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