Sprache und Stil Lenins

Sprache LeninsMajakowski fand Lenins Forderung nach überlegtem Umgang mit der Sprache, nach exaktem Ausdruck, nach Synthese von Volkstümlichkeit und hohem Anspruch an Verstand und Gefühl des Hörers auch für die literarische Arbeit vorbildlich. Schon früh verkörperten Lenins Arbeiten die neue Qualität sozialistischer Literatur, die „Tatsachen zu entwirren, die Welt zu systematisieren“. 1924 regte er sechs sowjetische Schriftsteller und Philologen zu einer Untersuchung der Sprache Lenins an. Lenin war ein außergewöhnlich gebildeter und kluger Mensch. Er sprach fließend mehrere Fremdsprachen; so hielt er oft auf internationalen Konferenzen freigesprochene Vorträge in deutscher Sprache und unterhielt sich mit den Delegierten. Viel können wir heute noch von der Genialität Lenins lernen!

Die Polemik Lenins

von Juri Tynjanow

Lenin bekämpfte die glatten Wörter, jene Wörter, in denen die konkreten spezifischen Bedeutungen, die konkreten Zweige der lexikalischen Einheit nur verschwommen zum Ausdruck kommen, die aber ihre Kraft rein als Wort bewahren, indem sie nur Benennungen der lexikalischen Einheit selbst sind, eine Benennung der Benennung, die durch die starke Einwirkung der lexikalischen Ebene, auf der sich die Rede bewegt, verschleiert ist; und wie ich schon sagte, je abgegriffener ein solches Wort ist, desto stärker ist in ihm der emotionale „Nimbus“. Lenin schreibt über solche Wörter:

„Weniger Geschwätz über ‚Arbeitsdemokratie‘, über ‚Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‘, über ‚Volksherrschaft‘ und dergleichen mehr – der aufgeklärte Arbeiter und Bauer unserer Tage wird in diesen geschraubten Phrasen ebenso leicht die Gaunerei des bürgerlichen Intellektuellen erkennen, wie mancher lebenserfahrene Mensch beim ersten Blick auf die tadellos ‚glatte‘ Physiognomie und das Äußere eines ‚Gentlemans‘ sofort und unfehlbar feststellt: ,Aller Wahrscheinlichkeit nach ein Spitzbube’.“ (Bd.29, S.418) Der Polemiker Lenin befaßt sich mit dem konsequenten Fang solcher vornehmer Wörter, die „aller Wahrscheinlichkeit nach Spitzbuben“ sind. Um ein betrügerisches Wort zu entlarven, muß man seine geschlossene, geglättete lexikalische Einheit auflockern, muß man seine lexikalische Ebene entlarven. Lenin spricht von „Freiheit schlechthin“, „Demokratie schlechthin“, „Revolution schlechthin“, „Gleichheit schlechthin“.

Er befaßt sich mit der Analyse der konkreten, spezifischen Bedeutungen eines Wortes, mit der Analyse der lexikalischen Einheit der Wörter; wenn er polemisiert, eine Losung entlarvt, analysiert er sie lexikalisch und zeigt die vertuschende Wirkung des Satzes und der lexikalischen Ebene.

„Fragt sie:
– Gleichheit welchen Geschlechts mit welchem Geschlecht?
– Welcher Nation mit welcher Nation?
– Welcher Klasse mit welcher Klasse?
– Freiheit von welchem Joch oder vom Joch welcher Klasse?
Wer von Politik und Demokratie, von Freiheit, Gleichheit und Sozialismus spricht, ohne diese Fragen zu stellen, ohne sie in den Vordergrund zu rücken, ohne dagegen zu kämpfen, daß sie verschwiegen, verheimlicht, vertuscht werden, der ist der schlimmste Feind der Werktätigen . . .“ (Bd.30, S.105) …

Lenin Komintern 1921

Lenin auf dem Treffen der Komintern (1921)

„Die Gleichheit ist eine leere Phrase, wenn man unter Gleichheit nicht die Abschaffung der Klassen versteht. Wir wollen die Klassen abschaffen, in diesem Sinne sind wir für die Gleichheit. Aber Anspruch erheben, daß wir alle Menschen einander gleichmachen werden, das ist eine hohle Phrase und die dumme Erfindung eines Intellektuellen, der sich – zuweilen in gutem Glauben – dreht und wendet, der mit Worten jongliert, die keinen Inhalt haben, mag er sich auch als Schriftsteller, manchmal als Gelehrter oder als was auch immer bezeichnen.“ (Bd.29, S.346)


Die Stilistik in Lenins Sprache

von Boris Eichenbaum

Lenin Kreml

Lenin im Kreml (1921)

Die meisten Artikel und Reden Lenins gehören zum agitatorischen Genre. Schon die Überschriften seiner Artikel klingen häufig wie Entlarvung oder Losung: „Ein Maximum von Schamlosigkeit und ein Minimum von Logik“ (Bd.7, S.47-53), „Die sich volkstümlerisch gebärdende Bourgeoisie und die verwirrten Volkstümler“ (Bd.7, S.94-102), „Von Stufe zu Stufe“ (Bd.12, S.10-14), „Lernt von den Feinden!“ (Bd.10, S.45-46), „Die Arbeiter sollen entscheiden“ (Bd.10, S.505-509), „Schwankungen oben, Entschlossenheit unten“ (Bd.11, S.3-5) oder das berühmte „Lieber weniger, aber besser“ (Bd.33, S.474-490). Er hat fast immer einerseits Gegner und Feinde und andererseits eine Masse vor sich, die beeinflußt, überzeugt werden muß. Daher schwingen in seiner Sprache stets ein Ton von Ironie und Spott einerseits und ein Ton kategorischer, energischer Behauptung andererseits mit. Doch dieser emotionale Gesamtton ist für die Frage der stilistischen Tendenzen nicht entscheidend.

Beim ersten Lesen der Aufsätze Lenins kann der Eindruck entstehen, daß er keinerlei ausgeprägte stilistische Tendenzen habe, daß ihn die stilistische Seite der Sprache nicht interessiere. Keine auffallenden Rednermethoden – weder feierliche Perioden noch Vergleiche und Metaphern, weder literarische Zitate noch sonst etwas von dem, womit beispielsweise die Reden Trotzkis glänzen. Selten eine Redensart oder ein Sprichwort, noch seltener eine Bezugnahme auf die Literatur: auf „Verstand schafft Leiden“ (am meisten), auf Stschedrin, Gogol oder Turgenjew. Man könnte meinen, Lenin stehe der Sprache gleichgültig gegenüber — nicht als Schriftsteller und Redner, sondern als sachlicher Mensch, der sich der eingebürgerten Formen der russischen Intellektuellensprache bedient, wie sie sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts herausgebildet haben.

Doch im Widerspruch zu diesem Eindruck steht allein schon die Tatsache, daß Lenin sehr bestimmt an) fremden Stil reagiert und in der Polemik mit seinen Gegnern und Feinden sehr auf die stilistischen Besonderheiten ihrer Sprache achtet. Jede Partei ist für ihn nicht nur eine bestimmte Weltanschauung, sondern auch ein bestimmtes System sprachlichen Stils.

… Klare Teilung in Absätze ist ein Merkmal der Sprache Lenins, verbunden mit seinem allgemeinen Streben nach Gliederung und Folgerichtigkeit. Daher die häufige Darlegung nach Punkten („Dreierlei Umstände usw.“) Seine Absätze sind im Durchschnitt 15 bis 20 Zeilen lang, anders als die Absätze, wie sie für die Sprache impressionistischen oder expressionistischen Stils charakteristisch sind: kurz und scharf voneinander getrennt. Bei Lenin hingegen werden gewöhnlich durch besondere Ausdrücke wie „Damit nicht genug“ oder „Das Schlimme aber ist“ miteinander verbunden.

Ohne jegliche Abschweifung beginnt Lenin seine Artikel gewöhnlich unmittelbar mit dem Hauptthema oder dem Anlaß: „Rußland beendet den Krieg mit China…“ (Bd.4, S.371) usw.

Quelle:
V.Schklowski, J.Tynjanow u.a. – Sprache und Stil Lenins, Sechs Essays, Verlag Volk und Welt, Berlin (DDR), 1970. Spektrum-Reihe 19.

Zitate:
W.I.Lenin; Werke, Dietz Verlag Berlin. (Bei den Zitaten werden jeweils nur Band und Seitenzahl angegeben.)

Siehe auch:
Über Lenin…
Wie zu Lenins Zeiten
Lenin – Genius der Revolution
Lenin – wie er war

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