Eine göttliche Weltordnung?

Weinert

Erich Weinert (1890-1953)

Im Jahre 1933 schrieb der kommunistische Dichter Erich Weinert das Gedicht von der göttlichen Weltordnung. In Spanien kämpfte er an der Seite des spanischen Volkes gegen die faschistische Franco-Diktatur, in der Sowjetunion gegen den deutschen Faschismus. Er hat die Ballade im täglichen Kampf mit den faschistischen Gegnern zur Waffe der Kommunisten gemachte. Weinert trug seine Balladen selbst vor – in den Hinterzimmern von Cafés, in überfüllten Sälen, am Rundfunksender, in den Lagern der deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion. Durch seinen lebendigen Vortrag traten seine Balladen als wirkende Wesen unter das Volk. Mit den Mitteln der sozialen Ballade stellte er die einzelnen dar, die wehrlos einer brutalen Staatsmacht ausgeliefert waren, weckte er in ihnen das Bewußtsein, daß die unmenschliche Gewalt, der sie einzeln ausgeliefert waren, nur durch sie selbst, durch die Gewalt ihres gemeinsamen Handelns, durch die Solidarität ihrer Klasse gebrochen werden kann. 

ERICH WEINERT

DIE FABEL VON DER GÖTTLICHEN WELTORDNUNG

In alter Zeit begab sich dieser Fall:
Ein Töpfer lebte still in seinem Tale
mit Weib und Kind; es fehlte nichts zum Glück.
Er saß an seiner Scheibe, formte Töpfe
und brachte sie den Bauern, die sie brauchten.
Sie gaben ihm dafür, was er bedurfte,
Gemüse, Leder, Brennholz, Fleisch und Brot.
Das Haus, das er sich selbst gebaut, war sein,
auch Hof und Garten, denn der Grund war frei.
Den Topflehm hob er aus der freien Erde.

Zu dem kam eines Tags ein fremder Mann
und sagte: „Sieh, die meiste Zeit verläufst du,
um deine Töpfe an den Mann zu bringen.
Hör meinen Vorschlag: Gib mir alle Töpfe,
die du gebrannt! Ich werde sie verkaufen.
Ich werde dir zwar etwas weniger geben,
daß meine Arbeit auch vergolten werde,
doch du kannst doppelt, dreifach soviel schaffen;
wenn mit dem Laufen du nicht Zeit verlierst.“

Der biedre Töpfer sagte: „Du hast recht!
Verkaufe du! Es ist für mich bequemer.“
„Doch“, sprach der fremde Mann, „du selbst darfst keinem
mehr einen Topf verkaufen, nur noch ich!“
Der Töpfer sprach: „Vertrag soll heilig sein!“

Der fremde Mann verkaufte nun die Töpfe.
Doch nahm er bald das Doppelte dafür.
Dem Töpfer aber gab er nur ein Viertel.
Der schaffte jetzt ja auch viel mehr als sonst.
So kam es, daß der fremde Mann sich bald
ein Haus mit großen Speichern bauen mußte,
um die drei Viertel des Gewinns zu bergen.

Und da ihm, was die Töpfe eingetragen,
zum Überfluß anwuchs, nahm der Mann
zwei Leute sich ins Haus, die keine Lust
zur Arbeit hatten. Denen sagte er:
„Ihr habt es gut bei mir, wenn ihr mir dient.
Du sei mein Priester und du sei mein Henker!
Ihr habt gehört, daß schon die Bauern klagen,
daß dieser Reichtum ungerecht verdient sei.
Und auch der Töpfer will schon nicht mehr schaffen.

Du, Priester, sollst mir ein Gesetz erfinden,
daß diese Ordnung, die ich eingeführt,
von Gott ist, und daß jeder Ungehorsam
die Strafe des Ällmächt’gen nach sich zieht.
Und du, mein Henker, hast ihn zu begleiten,
wenn er die Lehre predigt. Und wo je
ein Murren aufkommt, mit dem Schwert zu drohen.“

Die beiden gingen seine Lehre künden.
Und da die Bauern gut und gläubig waren,
so sagten sie: „Es muß wohl gut sein so!
Da es von Gott ist, muß man’s anerkennen.“
Zwar sahen sie: der Mangel wuchs bei ihnen;
Und bei dem Reichen wuchs der Überfluß.
Denn die da kauften, mußten zu viel zahlen;
und der die Töpfe schaffte, kam in Not.
Der reiche Mann nahm Land und Vieh und Hütten,
und zwang in seinen Dienst, wer arm geworden.
Doch wo sie zur Beratung sich versammelt,
erschien der Priester, und er warnte sie,
der Ordnung Gottes sich zu widersetzen.
Da sagten sie: „Es muß wohl gut sein so!“
Doch heimlich fragten sie sich oft im Herzen,
des frühern Glücks der Freiheit sich erinnernd:
Kann das gerecht und Gottes Wille sein?
Doch da sie nicht zu glauben sich erkühnten,
daß der ein falsches Spiel mit ihnen triebe,
der sich in seinem Wort auf Gott beruft,
und daß der Henker, der dem Reichen dient,
sein Amt von ihm und nicht vom Himmel habe,
so nahmen sie das Opfer schweigend hin.

Ach, hätten sie nur so viel Mut gehabt,
statt falsche Lehren sich ins Herz zu hören,
sie hätten bald den Widersinn erkannt.
Sechs Bauernfäuste hätten ausgereicht,
die kleine Macht da oben umzureißen,
die alte Freiheit sich zurückzuholen
und allen Reichtum, der dem Volk gehört.

Die Fabel ist schon tausend Jahre alt.
Doch immer wird ihr Sinn noch nicht begriffen.

Quelle:
Erbe und Gegenwart, Eine Anthologie zur schönen Literatur, VEB Fachbuchverlag Leipzig, 1962, S.59f.


…daß heute sechs Bauernfäuste nicht mehr ausreichen, haben die meisten ja schon begriffen. Auch den Widersinn der falschen Lehren haben einige immerhin schon erkannt; andere wiederum erinnern sich des frühern Glücks der Freiheit. Doch zu welchem Schlusse führt uns die Erkenntnis???

„Am gefährlichsten“, schreibt Lenin, „sind in dieser Hinsicht Leute, die nicht verstehen wollen, daß der Kampf gegen den Imperialismus eine hohle, verlogene Phrase ist, wenn er nicht unlöslich verbunden ist mit dem Kampf gegen den Opportunismus.“ (LW 22, S.307)

…indes‘ – der deutsche Michel liegt in tiefem Schlummer.

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