Die totale Verwirrung – oder: Was ist Glück?

be-happyVerfolgt man die Diskussionen in einigen Internetblogs, so gewinnt man den Eindruck, daß die meisten der Kommentare nicht über einen bestimmten Horizont hinausreichen. Man liest dort etwas über das „unsinnige Lernen“ und die zunehmenden psychischen Erkrankungen von Schülern, über unterschiedliche „Schulformen“ und die „Ökonomisierung“ der Gesellschaft, über verkürzte Schulzeit und „graswurzelnde Menschen“, vom „Machtmißbrauch in hierarchischen Strukturen“ und vom Marasmus des bürgerlichen Bildungsystems. Zitiert werden alle möglichen Philosophen von Buddha bis Bartonitz, man schweift von Hundertsten ins Tausendste, ohne sich aber auch nur ansatzweise einer Erklärung zu nähern. Einer Erklärung nämlich, welche den Ursachen all dieser Erscheinungen auf die Spur kommt. Die Verwirrung ist perfekt!

Zweifellos lassen die unzähligen Aufrufe solcher Seiten darauf schließen, daß hier ein ungeahnter Diskussionsbedarf besteht. Und nicht ohne Grund haben gewitzte Pädagogen nun auch eine Marktlücke entdeckt: man müsse hier nur ein Schulfach „Glück“ einführen, und schon sei das Problem gelöst. Denn glücklichere Menschen leisten einfach mehr! Das ist zwar richtig, doch schon da liegt der Hase im Pfeffer. Wofür sollen sie eigentlich mehr leisten, wenn das Ergebnis ihrer Arbeit ihnen nicht selbst zugute kommt, sondern einer Minderheit, die immer mehr profitiert, während die große Mehrheit der einkommens-abhängigen Bevölkerung zusehends verarmt. (Daran ändern auch die zu Millionen in die Luft geschossenen Silvesterraketen nichts!) Was ist also Glück? Und wie kann man es erklären? Weshalb sind sogar die Kinder heute oft so unglücklich darüber, was sie einst erwartet? Woher kommen all diese Krankheitssymptome? Das Kulturpolitische Wörterbuch der DDR definiert Glück so:

Glück: umfaßt die Idealvorstellungen von der Lebensweise des einzelnen in der Gesellschaft, Vorstellungen von den Mitteln und Wegen zur Realisierung des Ideals sowie Vorstellungen von der Gefühlswelt des Menschen. Je nach der ideologischen Funktion, die der Glücksbegriff im System einer Weltanschauung zu erfüllen hat, tritt die eine oder andere Seite besonders in den Vordergrund. Jede Klasse entwickelt, entsprechend ihrer weltanschaulichen Haltung, ihren eigenen Glücksbegriff (…) Mit dem aufstrebenden Bürgertum und seinem Kampf gegen die ideologische Stütze der Feudalherrschaft, gegen die Religion wurde das Glück ebenso wie Freiheit und Gleichheit in den Rang der unveräußerlichen (bürgerlichen) Menschenrechte erhoben. Als die Bourgeoisie die politische Macht errungen hatte, sah sich das Volk in seiner Hoffnung auf ein glückliches Dasein betrogen.

Der Kampf um das Glück

Arbeiter

Julius Günther, Aufruf zur Vertreibung der Ausbeuter (1848)

Die Bourgeoisie errichtete mit der kapitalistischen Gesellschaft eine Ordnung, in der alles, sogar menschliches Glück, zur Ware, Mittel zum Zweck wird, um Profit zu erjagen. Das Glück von Millionen Menschen wurde bedenkenlos in zwei Weltkriegen geopfert. Der Kampf der Bourgeoisie ist mit der Entstehung des Sozialismus in einem Teil der Welt noch erbitterter und gefährlicher geworden. Sie kann dem Marxismus-Leninismus keine einheitliche Weltanschauung zur Verschleierung ihrer Klassenziele entgegensetzen und nutzt daher die verschiedensten ideologischen Elemente. Besonders geeignet erweisen sich Begriffe, die scheinbar klassenindifferent sind, einen sogenannten allgemeinmenschlichen Inhalt besitzen und für die Massen eine positive emotionale Bedeutung haben. Alle diese Eigenschaften treffen auf den Begriff Glück zu.

Ist Glück eine „Führungsaufgabe“?

Man nutzt seine Unbestimmtheit aus und predigt nebeneinander den religiös eingestellten Menschen, daß Glück ein Geschenk Gottes sei und man es daher auch nicht erkämpfen könne; den Besitzlosen wird das Glück der Bescheidenheit und Bedürfnislosigkeit als erstrebenswertes Ziel gepriesen, oder Glück wird ausschließlich auf den emotionalen Zustand eines seelischen Wohlbehagens reduziert, der heute bereits medikamentös herbeigeführt werden kann. Sogar in der Arbeitswelt soll das Glück zur konkreten „Führungsaufgabe“ werden, aber wiederum nur, weil man sich den „ganzen“ Menschen als Ausbeutungsobjekt dienstbar machen will. Diese Vielfalt von Glücksidealen, die den Menschen von den bürgerlichen Ideologen scheinbar zur Wahl angeboten werden, mischt man außerdem mit antikommunistischen Ausfällen. Verhindert werden soll die Erkenntnis der Perspektivlosigkeit der spätbürgerlichen Gesellschaft, die Erkenntnis, daß echtes Glück nur dort Bestand hat, wo sich das Volk für immer von Ausbeutung und Unterdrückung befreit. (s. Manipulierung)

Glück auf Kosten der Masse des Volkes

Erst der Marxismus-Leninismus entdeckte im Proletariat diejenige gesellschaftliche Kraft, die entsprechend dem Entwicklungsstand der Produktivkräfte in der Lage und berufen ist, die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend zu revolutionieren und die gesellschaftlichen Wurzeln des Unglücks des Volkes für immer auszurotten. Mit der Errichtung der sozialistischen Gesellschaft werden die politischen und ökonomischen Verhältnisse überwunden, unter denen die Menschen ihr persönliches Glück nur im Kampf aller gegen alle durchsetzen können, Verhältnisse, unter denen eine kleine Minderheit ein fragwürdiges Glück auf dem Unglück der Masse des Volkes aufbaut.

Waren die Menschen in der DDR unglücklich?

DDR-Jugendliche

Jugendliche in der DDR

Das Wohl der Menschen, ihr Glück in einem friedlichen Leben, in Demokratie und Sozialismus ist der Sinn und das Ziel des Programms der SED. Die gemeinsame Verwirklichung dieses marxistisch-leninistischen Programms des Sozialismus vereinigt die Anstrengung aller Bürger der DDR und bietet unerschöpfliche Möglichkeiten für die Entfaltung der vielseitigen Fähigkeiten und Talente. Die Macht des werktätigen Volkes unter Führung der marxistisch-leninistischen Partei ist daher die wesentlichste gesellschaftliche Voraussetzung für ein beständiges persönliches Glück jedes einzelnen. Erst im Sozialismus wird auch die Verantwortung des einzelnen für sein persönliches Glück in der Gesellschaft zu einer notwendigen Bedingung für das Glück aller. Glück ist weder Geschenk noch Mäßigkeit.

Die Freude am Wachsen und Gedeihen im Sozialismus

Glück ist wesentlich der Prozeß der sich entwickelnden sozialistischen Persönlichkeit. Eine reiche und glückliche Persönlichkeit entwickelt sich aber nur, wenn sie sich Ziele setzt, durch deren Verwirklichung sie über sich selbst hinauswächst, wenn sie ihr Leben eng mit der Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft und deren humanistischen Zielen verknüpft. Die sozialistische Arbeit, das Lernen und das Streben nach neuen Erkenntnissen, die gesellschaftliche Tätigkeit auf den verschiedensten Gebieten, Familie und Freundeskreis, die Aneignung des kulturellen Reichtums – das sind nur einige Bereiche des menschlichen Lebens, in denen sich der Mensch als sozialistische Persönlichkeit bewahren und Glück finden kann. Die Freude am Wachsen und Gedeihen der sozialistischen Menschengemeinschaft und am eigenen Anteil daran, die Freude über persönliche Erfolge und an der Schönheit des Lebens widerspiegelt diesen Entwicklungsprozeß auch emotional und rational als Glück.

Quelle:
Kulturpolitisches Wörterbuch, Dietz Verlag, Berlin (DDR), 1970, S.197f. (Zwischenüberschriften von mir, N.G.)
Bilder: Von Sinn unseres Lebens, Verlag Neues Leben Berlin (DDR), 1983, Schutzumschlag und S.83.

Wenn der Sinn des Lebens glücklich zu sein ist, macht dann das „Schulfach Glück“ Sinn? – so fragt ein Lehrer. Abgesehen davon, daß etwas nur „Sinn haben“ kann oder nicht, und nicht nicht „einen Sinn machen“ (ein typischer Amerikanismus: it makes sense!), so ist doch die Frage schon verkehrt. Der einzelne Mensch kann den Sinn seines Lebens nur innerhalb der Gesellschaft finden. Doch das ist schon wieder ein anderes Thema…

siehe auch:
Benjamin fragt
Was ist denn Glück?

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Eine Antwort zu Die totale Verwirrung – oder: Was ist Glück?

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