Literaturunterricht in der DDR

Erbe-und-GegenwartFünfundzwanzig Jahre sind eine lange Zeit. Vieles in der eigenen Erinnerung an unsere Heimat, die DDR, ist seitdem verblaßt, und einiges wird wohl auch unwiederbringlich verloren sein. Wenn es da nicht Bücher gäbe, in denen nachzulesen ist, womit sich jene Generation befaßte, die damals zu den Erwachsenen zählte. Und das ist wohl die authentischste Quelle. Nach all den Verleumdungen der DDR und den haßerfüllten Entstellungen ihrer Geschichte, die nicht abzureißen scheinen, interessiert es vor allem die Jugend, was die Menschen in einem sozialistischen Land damals bewegte, wie sie lebten, und schließlich, womit auch sie sich auseinanderzusetzen hatten. Einiges erscheint uns heute ziemlich fremd. Doch wenn man die Geschichte kennt, wird vieles verständlich. Wer sich aber für die Vergangenheit nicht interessiert, der wird auch den richtigen Weg in die Zukunft nicht finden. Die DDR war ein Leseland. Und es werden wohl zuerst die DDR-Bücher sein, aus denen wir heute noch etwas über unser einst verratenes und später ausgeplündertes Vaterland erfahren können.

Pädagogischer Grundsatz in der DDR: Einheit von Bildung und Erziehung. Das heißt – Erziehung zur Aufrichtigkeit, zur Achtung vor der Arbeit anderer, zu Bescheidenheit und sozialistischer Moral, sowie hohe Bildung zu allseitig entwickelten Persönlichkeiten

Erstmals seit dem heroischen Sieg der Sowjetunion über den deutschen Faschismus begannen Lehrer, die selbst kaum ein richtiges Studium absolviert hatten, den Kindern systematisches Wissen beizubringen. Die Nazilehrer waren in der DDR unverzüglich aus dem Schuldienst entfernt worden, die Auseinandersetzung mit der feindlichen Hetze durch die westlichen Rundfunksender und das Westfernsehen war allgegenwärtig, doch längst hatten die Menschen begonnen, nach neuen Moralvorstellungen zu leben. Humanistisches Gedankengut prägte die Erziehung. In einem Lehrbuch für die Ingenieur- und Fachschulen der DDR schrieben die Herausgeber folgendes:

Literaturunterricht kann nur dann erzieherisch voll wirksam werden, wenn nicht nur über Literatur gesprochen wird, sondern wenn die einzelnen Werke den Schülern zum gründlichen Studium vorliegen. Das Beschaffen der Texte aber zu dem Zeitpunkt, zu dem sie im Unterricht gebraucht werden, ist häufig recht schwierig. Weiterhin erschwert das Benutzen verschiedener Ausgaben teilweise erheblich den Unterrichts- und Studienprozeß. Aus diesen Gründen wird diese Sammlung nicht immer greifbarer und schwer zugänglicher literarischer Werke herausgegeben. Die Auswahl bestimmte der zur Zeit gültige Lehrplan für den Deutschunterricht im Direkt- und Fernstudium an Ingenieur- und Fachschulen.

Unser Literaturunterricht verfolgt nicht das Ziel, Faktenwissen zu vermitteln, sondern soll die Schüler durch liebevolles Beschäftigen mit Literaturwerken der Vergangenheit befähigen, aktiv am politischen und kulturellen Leben unserer sozialistischen Gesellschaft teilzunehmen und aus der Literatur wertvolle Impulse für ihre Charakterbildung und ihr Handeln zu empfangen. Deshalb wurde auch bei der Auswahl der erzieherische Gesichtspunkt stets dem literarischen übergeordnet; nur vereinzelt nahmen wir Werke auf, die lediglich als literaturhistorische Belege dienen. (…) Die… ausgewählten Äußerungen von Dichtern, Literaturkritikern und Politikern sollen helfen, die Bedeutung von Kunst und Literatur in der sozialistischen Kulturrevolution richtig zu erfassen. Sie sollen die Literatur als eine Form der Erkenntnis der Wirklichkeit begreiflich machen und zugleich einige der wichtigsten literaturtheoretischen Erkenntnisse vermitteln. [1]


Und hier eine kleine Skizze, ein Auszug aus diesem Lehrbuch:

BauerKollege B. ist der Sohn eines Kleinbauern aus dem Erzgebirge. Sein Wunsch war schon vor dem Kriege, Landwirtschaft zu studieren. Das war im Hitlerstaat für Leute seiner Schicht nicht möglich. B. wurde jung zur Hitlerwehrmacht eingezogen. Während des Krieges kam er in sowjetische Gefangenschaft. Das war seine Lebenswende und sein Glück. Er arbeitete als Kriegsgefangener auf einem Kolchos. Dort lernte er die Sowjetmenschen lieben und ihre Neuerermethoden schätzen. Kollege B. ist kein Genösse. Er gehört einer unserer Blockparteien an. Nach verschiedenartigen Tätigkeiten in der Landwirtschaft wurde er Leiter eines volkseigenen Gutes. Die Äcker des Gutes, das er übernahm, waren vom Nazibesitzer heruntergewirtschaftet. Die meisten Gebäude waren im Kriege zertrümmert worden. Auf dem Gut hausten arme Menschen, die ausgebeutet worden waren wie die Äcker des Nazigutsbesitzers. Sie gingen in Sacklumpen einher. Einige waren Analphabeten. Als ich jenes volkseigene Gut zum ersten Male besuchte, hatte Kollege B. schon fast eine Musterwirtschaft daraus gemacht. Er verbesserte die Böden systematisch und ließ moderne Viehställe bauen. Eine seiner Erkenntnisse, die er aus der Sowjetunion mitgebracht hatte, setzte er in seinem Betrieb beharrlich in die Tat um: Die Entwicklung hängt von der Behandlung der Menschen ab.

Kollege B. ließ für die Landarbeiter Wohnungen bauen, die weitum als Musterwohnungen galten. Er wußte aber auch, daß sich die Menschen am glücklichsten fühlen, wenn sie sich bei ihrer Arbeit schöpferisch entfalten können. Deshalb suchte er für jeden seiner Arbeitskollegen nach einer entsprechenden Tätigkeit. Einem alten, körperlich nicht mehr sehr rüstigen Mann, von dem seine Arbeitskollegen sagten, er könne nicht viel mehr bestellen, übertrug B. die Stelle des Hofverschönerers und Tankwarts. Der alte Mann säuberte alle Gerümpelecken des Betriebes. Er pflanzte Blumen und Ziersträucher, wo es anging. Daneben versah er die Stelle des Tankwarts. Da er nicht schreiben, nicht lesen konnte, half er sich mit Kreidestrichen beim Anmerken der Literzahlen. Das alles tat der alte Mann mit Eifer. Bis nun hatte ihm niemand in seinem Leben so verantwortliche Aufgaben übertragen. An seiner Monatsabrechnung fehlte nie ein Strich.

NeubauerKollege B. hatte ein Fernstudium aufgenommen. Das Studium – sein alter Traum ging in Erfüllung. Als ich ihn eines Abends besuchte, saß der Schweinemeister des Gutes bei ihm am Studiertisch und buchstabierte aus einem Schullesebuch. Der Mann sprang sofort auf und verließ die Stube.
„Weshalb reißt er aus?“
„Es ist ihm peinlich. Er lernt bei mir lesen.“
Ich hatte nicht gewußt, daß der Schweinemeister, der seine Arbeit musterhaft versah und mehrmals prämiiert worden war, nicht lesen konnte. Bisher hatte ihm Kollege B. aus wissenschaftlichen Büchern die Futterzusammensetzungen für die Schweine der verschiedensten Lebensalter vorgelesen. Er hatte so oft lesen müssen, bis sie der Schweinemeister auswendig konnte. Jetzt sollte der Schweinemeister selber lesen lernen.
„Kann er nicht zum Dorflehrer gehn?“
„Nein, er schämt sich und will es bei mir lernen.“
„Hält das Ihr Selbststudium nicht auf?“
„Was nützt mein Studium, wenn er nicht lesen lernt?“

Jeder von uns weiß, daß der neue Mensch, wie wir ihn verstehn, nicht auf Anhieb da ist. „Man kann niemand ins Herz schauen“, heißt’s in einem Sprichwort. Man kann aber an der Verhaltensweise eines Menschen gegenüber der Gesellschaft ablesen, ob da ein neuer Mensch in unserem Sinne heranwächst. [2]

(1958)

Quelle:
[1] Erbe und Gegenwart, Eine Anthologie zur schönen Literatur, VEB Fachbuchverlag, Leipzig, 1962.
[2] ebd. S.41f. (Autor: Erwin Strittmatter)

Zeichnungen:
Werner Kulle, aus: Hell klingt unser Lied, Musikbuch für die 5.und 6.Klasse, Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin, 1961, S.105/S.44

Siehe auch:
Das einheitliche sozialistische Bildungssystem in der DDR
Margot Honecker: Und der Zukunft zugewandt
DDR-Geschichte: Was ist eigentlich eine LPG?
Was verstehen wir unter Volkseigentum?

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Eine Antwort zu Literaturunterricht in der DDR

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