Was ist Vertreibung?

VertreibungVerfolgung – Vertreibung – Vernichtung. Unter diesem Titel erschien 1983 in der DDR ein Reclam-Büchlein, das die Hintergründe von Vertreibung – und zwar die Vertreibung der Juden aus Deutschland! – darlegt. Eine Dokumentation über den faschistischen Antisemitismus von 1933-1945. Doch bekanntlich waren es nicht nur die Juden, die verfolgt wurden. Verfolgt wurden zu allererst die Gegner der Nazidiktatur – und das waren vor allem die Kommunisten, die Antifaschisten, einige Sozialdemokraten und vereinzelte anständige Menschen, die die Demagogie der Nazis durchschaut hatten, die es gewagt hatten, dagegen ihren Mund aufzumachen, und die ihrer Offenheit wegen von Nazianhängern denunziert wurden. Und die Nazis hatten eine ganze Reihe „glühender“ Anhänger. Mehr und mehr verbreitete sich ein Klima des Mißtrauens…

„Sei still, sonst wirst du abgeholt!“ sagten Eltern oft zu ihren Kindern. Mit niemandem konnte man mehr ein offenes Wort reden, sogar innerhalb der Familie mußte man vorsichtig sein. Die Nazis suchten den Schuldigen, und sie fanden ihn: „den Juden“. Die Juden wurden verfolgt, vertrieben und vernichtet. „Es war ein Bündel von Umständen,“ schreibt Prof. Kurt Pätzold, „das den Aufstieg der Nazipartei begünstigte. Am wichtigsten wurde, daß die reaktionäre Ideologie und Programmatik der NSDAP und ihre mit skrupellos-schwindelhaften Methoden erzielten Anfangserfolge bald einflußreiche und auch finanzkräftige Förderer anzog.“

Deportation

Massenhafte Deportation (Vertreibung) der Juden nach der Reichskristallnacht

Weiter schreibt nun Kurt Pätzold:

Seit ihrem ersten Auftritt in Bayerns Hauptstadt verfochten die nazifaschistischen Demagogen, allen voran Adolf Hitler, der anfänglich für die geistige Ausrichtung der Mitglieder und Sympathisanten der NSDAP zuständig war, einen extremen Rassismus. Um alle wissenschaftlichen Erkenntnisse über Wesen und Geschichte der Menschenrassen unbekümmert, sich auch um Herkunft und Werdegang des deutschen Volkes nicht scherend, erklärten die faschistischen Ideologen die Deutschen zum Kern einer angeblich „arischen Herrenrasse“, die nur in ihrer Einbildung existierte. Diese Rasse sei dazu berufen, die Welt zu erobern und zu beherrschen, könne ihrer Bestimmung jedoch erst gerecht werden, nachdem sie die Kräfte überwunden habe, die in ihr selbst angeblich zerstörerisch wirkten. Diese Aussage sollte dem faschistischen Appell zum Kampf gegen den Marxismus und die Arbeiterbewegung eine geschichtsphilosophische Begründung geben. Angeblich hätten Marx und die Marxisten die Lehre vom Klassenkampf, die ein „jüdisches Machwerk“ sei, nur zu dem Zweck ausgeklügelt, um die Völker zu schwächen, der Errichtung der „jüdischen Weltherrschaft“ vorzuarbeiten und ihr zum Siege zu verhelfen.

Der Marxismus – als „jüdische“ Irrlehre

Wie der wissenschaftliche Sozialismus als eine Irrlehre bezeichnet wurde, so wurde die Arbeiterbewegung als eine Verirrung von Teilen der jeweiligen Völker und Nationen hingestellt. Durch sie seien Millionen Deutsche angeblich Ihrem eigenen Volk entfremdet und in die Reihen der Kommunisten und Sozialdemokraten, auf die Seite von Gewerkschaften und Pazifisten gelockt worden. Aus dieser geistigen und organisatorischen Umklammerung durch das „Judentum“ müßten sie befreit, durch den „Nationalsozialismus“ dem Volke und der Nation zurückgegeben werden. Dieser arbeiter- und sozialismusfeindlichen Geschichtslegende galt die Große Sozialistische Oktoberrevolution als Sieg des „jüdischen Bolschewismus“. Er habe die Völker Rußlands versklavt und sich dadurch einen Ausgangspunkt für die „jüdische Weltrevolution“ geschaffen.

Herrschafts- und Expansionsinteressen des deutschen Imperialismus

Es liegt zutage, daß die Diffamierung des größten Ereignisses der Weltgeschichte, die übrigens auch keine Erfindung der Nazifaschisten darstellte, jeden Angriff auf die Arbeiterbewegung und den Krieg gegen die UdSSR ideologisch rechtfertigen sollte. Der faschistische Rassismus und Rassenantisemitismus war mithin den Herrschafts- und Expansionsinteressen des deutschen Imperialismus auf den Leib geschneidert. Und auf die faschistischen Rassisten trifft das Wort Tucholskys zu: „Die meisten Antisemiten sagen viel mehr über sich selbst aus als über ihren Gegner, den sie nicht kennen.“ Die Analyse der Struktur und Geschichte des faschistischen Rassenantisemitismus ergibt, daß die Naziführer die Lehre von der „arischen Herrenrasse“ und dem „jüdischen Untermenschentum“ in erster Linie in den politischen Kämpfen in Deutschland einsetzten und sie gegen die fortschrittlichsten Kräfte im eigenen Lande kehrten.

Wer ist schuld? – „das internationale Judentum“

Die Rassendoktrin war vor allem Kampfinstrument gegen die deutsche Arbeiterklasse. Und um dessen Tauglichkeit zu verbessern, wurde vor wie insbesondere nach 1933, als die faschistischen Machthaber besondere pseudowissenschaftliche Einrichtungen zum „Studium der Judenfrage“ errichteten, immer wieder versucht, die Führer der deutschen Arbeiterbewegung als „Juden“ hinzustellen, für sie wenigstens einen jüdischen Großvater oder eine jüdische Großmutter ausfindig zu machen. Doch gerieten die Faschisten nicht in Verlegenheit, wenn ihnen das nicht gelang. Diejenigen ihrer Gegner, für die jüdische Vorfahren nicht auffindbar waren, wurden ersatzweise als geistig „verjudet“ oder als „Knechte des internationalen Judentums“ ausgegeben. Keine der rassistischen und antisemitischen Thesen brauchten Hitler und die Seinen zu erfinden. Sie konnten sich des vorgefundenen Bestandes an reaktionären Ideen bedienen. Was die Nazifaschisten einbrachten, war die konsequente Ein- und Zuordnung des Überlieferten in die Klassenauseinandersetzungen nach dem Weltkrieg. Sie erklärten das Elend von Krieg und Nachkrieg – auch hierin mit anderen reaktionären Gruppen übereinstimmend – aus dem „Verrat“ der Juden und ihrem angeblich wachsenden Einfluß auf die Politik des Kaiserreiches und des Weimarer Staates.

Überwindung der Nachkriegskrise

Auf diese Weise halfen Hitler und die anderen Naziführer, selbst noch weit von den Schalthebeln der Macht entfernt, nach Kräften mit, die Herrschaft des Kapitals in Deutschland über die revolutionäre Nachkriegskrise hinwegzuretten. Denn was konnte der Behauptung der Ausbeuterordnung dienlicher sein, als eine Partei, die Menschen aus den werktätigen Klassen und Schichten an falschen Fronten gruppierte, ihnen den „Rassenkampf“ als das wahre Gesetz geschichtlichen Werdens hinstellte, den Klassenkampf aber als eine Verirrung diffamierte?

Nazipropaganda1 Nazipropaganda2
Propagandaplakate der Nazis

Warum gerade die Juden?

Seinen stärksten Ausdruck fand der nazifaschistische Rassismus, wie erwähnt, im Antisemitismus. Daß sich gerade diese Ausprägung ergab, hatte zum einen traditionelle Gründe. Die Naziführer vermochten direkt an die antisemitische Propaganda anzuknüpfen, die einen Teil des Bürgertums und Kleinbürgertums seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verstärkt beeinflußt hatte. Dieser Antisemitismus gipfelte in den Kriegsjahren in der aufputschenden Lüge von den „jüdischen Drückebergern“ und „Kriegsgewinnlern“. Die Nazipartei brauchte also, ähnlich wie auf anderen Gebieten auch, ihre Hetze gegen die jüdischen Menschen nicht beim Punkte Null zu beginnen. Wie an vielen Biographien von Naziführern nachgewiesen ist und sich insbesondere am Lebensweg Hitlers bis ins Detail verfolgen läßt, waren diese Politiker durch die vergiftenden Schulen des Antisemitismus gegangen und zumeist schon in jungen Jahren Judenfeinde schmutzigsten Wassers geworden. Bei aller zynischen Distanz gegenüber anderen von ihnen propagierten Lehren glaubten sie fanatisch an die Doktrin vom Herren- und Untermenschentum.

Barbarisch und mörderisch dachten und fühlten die Naziführer gegenüber jenen wirklichen oder vermeintlichen Rassen, die sie für minder- oder nichtswertig hielten. In Wort und Schrift kündigten sie insbesondere den jüdischen Menschen, von denen sie behaupteten, ihre „Rasse“ stünde dem Tier näher als dem Menschen, Verfolgung und Vernichtung an. Hitler schrieb in dem Buch „Mein Kampf“, der Krieg von 1914 bis 1918 hätte gewonnen werden können, wenn 12.000 Juden unter Gas gehalten worden waren. Diesen verbrecherischen Kampfparolen wird man noch nicht den Charakter eines fix und fertigen Mordplans zuschreiben können. Doch kann ebensowenig übersehen werden, daß mit den Faschistenführern eine Politikergruppe an die Macht drängte, denen Mord an Gegnern und „Rassefeinden“ keinerlei Skrupel bereitete.

Wohin mit den Juden?

In zynischer Weise artikuliert die Nazi-Zeitschrift „Der Stürmer“ (1934) die Absicht der Vertreibung der Juden [3]:Ausschnitt

Der Bodenraub im Osten

Auf die Okkupation Polens und der Sowjetunion durch die Nazi-Wehrmacht folgten die „Übernahme“ des fremden Territoriums durch die faschistisch-deutschen Behörden, die Enteignungen und Vertreibungen der vormaligen Bevölkerung dieser Länder und ihre Unterwerfung unter das Naziregime. Über den Charakter des Hitlerkieges schrieb Stalin: „Lenin unterschied zwei Arten von Kriegen: Eroberungskriege, d.h. ungerechte Kriege, und Befreiungskriege, gerechte Kriege. Die Deutschen führen heute einen Raubkrieg, einen ungerechten Krieg, der auf die Eroberung fremden Gebiets und die Unterwerfung fremder Völker abzielt. Datum müssen sich alle ehrlichen Menschen gegen die deutschen Eindringlinge als gegen ihre Feinde erheben. Zum Unterschied von Hitlerdeutschland führen die Sowjetunion und ihre Bundesgenossen einen Befreiungskrieg, einen gerechten Krieg, der auf die Befreiung der unterjochten Völker Europas und der Sowjetunion von der Hitlertyrannei abzielt. Darum müssen alle ehrlichen Menschen die Armeen der Sowjetunion, Großbritanniens und der anderen Verbündeten als Befreiungsarmeen unterstützen.“ [4]

Was ist Revanchismus?

Nach dem verlorenen ersten Weltkrieg strebte der deutsche Imperialismus danach, die Ergebnisse seiner Niederlage in diesem Krieg (Versailler Vertrag) zu revidieren. Nach der Übergabe der Macht an die Nazis erstrebte der deutsche Imperialismus darüberhinaus die Herrschaft über Europa, die Neuverteilung der imperialistischen Ausbeutungsgebiete und Einflußsphären, versuchte, seine Weltherrschaftsansprüche mit Gewalt durchzusetzen. Erneut brach der deutsche Imperialismus einen Krieg von Zaun – den Zweiten Weltkrieg. Ungeachtet der völligen Aussichtslosigkeit ihrer Pläne hatten die Nazis, nachdem sie bereits halb Europa unter ihre Knute gezwungen hatten, die Absicht nun auch die Sowjetunion zu erobern, was aber bekanntlich im Fisko endete. Meyers Jugendlexikon erklärt es ganz einfach:Der Revanchismus ist das Bestreben der Bourgeoisie nach Rache und Vergeltung für die in einem früheren Eroberungskrieg erlittene Niederlage ihres Ausbeuterstaates.“ [5]

Verdrehung von Ursache und Wirkung

Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Eroberung der DDR schienen nun diese Weltherrschaftsansprüche wieder in greifbare Nähe gerückt zu sein. Ausdruck dieser Ideologie ist, daß Ursache und Wirkung vertauscht werden: die überstürzte Flucht der Besatzer vor der Wiederherstellung der Vorkriegsordnung wurde als „Vertreibung“ bezeichnet. Aus Umsiedlern wurden demnach „Vertriebene“. Die Befreiung der von den Nazis okkupierten Länder durch die siegreiche Sowjetarmee erscheint nun als ein „Einmarsch“ und die Zerschlagung des Faschismus als (unrechtmäßige) „Besatzung“. Der Revanchismus inszeniert die Umsiedlungen als eine Geschichte von „Vertreibungen“, um von den Verbrechen der Nazi-Diktatur abzulenken, und um eine „Wiedergutmachung“ zu fordern. Darin besteht die lügenhafte Fälschung der Geschichte!

Umsiedler

Umsiedler auf der Suche nach einer neuen Heimat [6]

Was geschieht? Die Köpfe werden verwirrt, Kriegerdenkmäler werden wieder aufgerichtet und die alten Feindbilder werden wieder neu belebt. Ein abenteuerlicher Kurs! Indem die reaktionäre Bourgeoisie hier Ursachen und Wirkungen miteinander vertauscht, und indem sie den deutschen Faschismus gleichsetzt mit dem künstlich erzeugten Feindbild des „Stalinismus“, trägt sie zur Verharmlosung der Nazi- und Kriegsverbrechen und zur Rechtfertigung ihrer aggressiven Eroberungs- und Herrschaftsabsichten bei. Das ist – wie gesagt – nichts anderes als eine Geschichtsfälschung und die Vorbreitung auf neue Kriege. Dazu paßt auch, daß die Bundeswehr wieder einmal ihre Werbemaßnahmen zur Nachwuchsrekrutierung intensiviert…

Quellen:
[1] Kurt Pätzold: Verfolgung – Vertreibung – Vernichtung, Dokumente des faschistischen Antisemitismus 1933 bis 1945, Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig (DDR), S.5f.
[2] ebd. S.7-10
[3] ebd. S.89 (Ausschnitt)
[4] Stalin: „Über den großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion“, S. 26/27.
[5] Meyers Jugenlexikon, VEB Bibliographisches Institut Leipzig (DDR); 1976, S.548.
[6] Bild: Lehrbuch Geschichte Klasse 9, Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin (DDR), 1988, S.218)
(Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

Siehe auch:
Was ist eigentlich Antisemitismus?
Palästina – eine nationale Tragödie
Lexikon: Zionismus
Das heutige Israel und der Antisemitismus

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