Was ist eigentlich ein Kollektiv?

Hochofenarbeiter EKO

Ein Arbeitskollektiv im VEB Eisenhüttenkombinat Ost

„Kollektiv“ – das ist so ein typisches DDR-Wort. Die Kollektivität spielte in unserem Leben, in unserem Land eine wichtige Rolle. Häufig wurde in der Zeitung oder im Fernsehen der DDR über vorbildliche Arbeitskollektive, Brigaden oder Hausgemeinschaften berichtet. Auch in der Literatur ist viel über die zwischenmenschlichen Beziehungen im Sozialismus geschrieben worden. Es waren völlig neue, völlig andere Beziehungen als die im Kapitalismus. In einem Kollektiv ging man ehrlich miteinander um, und auch kritisch. Gegenseitige Hilfe und Kameradschaft waren eine Selbstverständlichkeit. Die Kollegen konnten sich aufeinander verlassen, und auch der Betriebsdirektor gehörte zum Kollektiv. Willi Bredel, Hermann Kant, Dieter Noll, Erwin Strittmatter (um nur einige der DDR-Schriftsteller zu nennen) haben darüber eindrucksvoll berichtet. Auch in alten DEFA-Filmen kann man es noch sehen – da gibt es grundsätzliche Unterschiede im Vergleich zur BRD…

Was verstehen wir unter einem Kollektiv?

Dazu müssen wir ein wenig weiter ausholen. Bekanntlich ist die Arbeit „die erste Grundbedingung alles menschlichen Lebens“ (Marx). Nur durch die Arbeit kann der Mensch seine Umwelt verändern, und sie seinen eigenen Zwecken gemäß nutzbar machen. Das ist eine objektive Gesetzmäßigkeit. Die Arbeit ist in friedlichen Zeiten das hauptsächliche Bewährungsfeld des Menschen. In der marxistisch-leninistischen Soziologie geht man davon aus, daß die bewußte und zweckmäßige Tätigkeit des Menschen bei der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt immer ein gesellschaftlicher Prozeß ist. Ein Kollektiv ist also eine Gruppe von Personen, die durch gemeinsame Interessen, gleiche Rechte und gleiche Pflichten, und durch das Bestreben, ein gemeinsames Ziel zu erreichen, miteinander verbunden ist.

Die Mitglieder eines Kollektivs pflegen untereinander den Austausch ihrer Ansichten und Erfahrungen, sie helfen einander und unterstützen sich gegenseitig. Sie arbeiten Hand in Hand, ohne daß einer dem anderen etwas vorenthält, was für seine Arbeit wichtig sein könnte. Die Grundlage für ein kollektives Miteinander ist das Prinzip der gegenseitigen Hilfe und kameradschaftlichen Unterstützung. Und das ist so uneingeschränkt nur unter sozialistischen Verhältnissen gültig, wo die gesellschaftlichen Interessen mit den persönlichen übereinstimmen. Ein LPG-Bauer hat es in der DDR einmal so ausgedrückt: „Bis vor kurzem sagten wir: Wenn ich fleißig bin und gut arbeite, dann wird es mir gut gehen. Heute muß man es aber anders sagen: Wenn ich fleißig bin und gut arbeite, dann wird es der Genossenschaft gut gehen. Und wenn es der Genossenschaft gut geht, dann wird es mir besser gehen als jemals zuvor.“ [1] Vom ICH zum WIR – das ist echte Kollektivität! Das ist sozialistisches Bewußtsein!

Wie gingen in der DDR die Menschen miteinander um?

Die veränderten Arbeits- und Lebensbedingungen, die der Sozialismus hervorbrachte, widerspiegelten sich auch in den neuen Beziehungen zwischen den Menschen. Das sozialistische Prinzip „Der Stärkere hilft dem Schwächeren, der Fortgeschrittene dem Zurückbleibenden“ wurde für viele Bürger (und nicht nur für gewisse charitative Einrichtungen!) zu einer Selbstverständlichkeit, zur Maxime ihres Handelns. Im Denken vieler Menschen hatte sich eine wesentliche Wandlung vollzogen. Die Bürger der DDR kannten die in der BRD verbreitete Existenzunsicherheit nicht mehr. Keiner brauchte um seinen Arbeitsplatz zu bangen, niemand brauchte Angst davor zu haben, aus Altersgründen von einem Jüngeren verdrängt zu werden oder bei Krankheit und Invalidität auf sich allein gestellt zu bleiben.

Der sowjetische Pädagoge A.S.Makarenko

Auf der Basis seiner reichen pädagogischen Erfahrung bei der Kollektiverziehung jugendlicher Rechtsverletzer, und geleitet von einer konsequenten marxistischen Weltanschauung erarbeite Makarenko eine Erziehungstheorie, die in der damaligen Sowjetunion und später auch in der DDR eine wesentliche Grundlage für die erfolgreiche Erziehung zum Kollektivismus wurde. „Je größer das Kollektiv, dessen Perspektiven für den Menschen zu persönlichen, eigenen Perspektiven geworden sind, um so schöner ist der Mensch, um so höher steht er.“ [2] Mit ätzender Kritik bekämpfte Makarenko alle Überreste individualistischen Denkens in der Pädagogik. Seine Theorie beruht auf dem klassischen marxistischen Grundprinzip, daß das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimmt. In den Rechtsverletzern seiner Kolonie sah er keine der Natur nach schlechten Menschen, sondern unglückliche, durch schlimme Erfahrungen asozial gewordene Wesen. Trotz vieler Rückschläge glaubte er an sie und half ihnen, zu wertvollen Persönlichkeiten zu werden. „Mein Grundprinzip“, sagte Makarenko, „war immer dies: höchste Anforderungen an den Menschen, gleichzeitig aber höchste Achtung vor ihm.“ [3] Makarenko war nicht nur ein befähigter Pädagoge, sondern auch ein talentierter Schriftsteller. Als er am 1. April 1939 starb, fanden sich Tausende von Menschen aus allen Teilen der Sowjetunion ein, um an seinem Sarg die Ehrenwache zu halten. Unter ihnen viele Ingenieure, Offiziere, Pädagogen, Ärzte und Studenten. Sie alle hatten in ihm einen Vater verloren.

Die Entwicklung der Kollektivität

Die Herausbildung sozialistischen Lebens- und Verhaltensweisen in einem Kollektiv ist ein langwieriger und komplizierter Prozeß. Die neuen sozialistischen Umgangsformen entstehen nicht von allein im Selbstlauf. Sie befinden sich oft im hartnäckigen Widerstreit mit alten Lebensgewohnheiten, wie sie im Kapitalismus üblich sind. Und dieses egoistische Denken und Verhalten ist tief im Menschen verwurzelt. Neid, Unehrlichkeit, Trickserei, Habgier, Arroganz und die Vernachlässigung gesellschaftlicher Pflichten können nur durch gegenseitige Hilfe, durch Erziehung und Selbsterziehung der Werktätigen überwunden werden. Überall dort, wo ein fortschrittliches soziales Klima herrscht, in den Betrieben und Wohngebieten, wo die Menschen ehrlich und fair miteinander umgehen, verändern sich auch die sozialen Beziehungen zum Positiven, und die Übel der Vergangenheit gehen allmählich verloren. Obwohl überall in der DDR sozialistische Produktionsverhältnisse geschaffen worden waren, stellte bis zum 13. August 1961 die offene Grenze zur BRD ein ernstes Hindernis für die Herausbildung sozialistischer Denk- und Verhaltensweisen dar. Gleichzeitig begannen sich nach dem verräterischen XX.Parteitag der KPdSU allmählich auch in der DDR sozialismusfeindliche Ansichten und Praktiken durchzusetzen, so daß vieles von dem, was sich in deren Gründerjahren nach 1949 an progressiven sozialistischen Verhaltensweisen entwickelt hatte, wieder abhanden kam.

Vergleiche zwischen der DDR und der BRD

Liest man heute Lebensbiographien, oder sieht sich Filme aus der DDR an und vergleicht diese mit zeitgleichen Produktionen aus der BRD, so wird einem (bei aller Nostalgie) doch eines deutlich: die DDR war dem westdeutschen Nachbarland um eine ganze Menschheitsepoche voraus. Nehmen wir beispielsweise den für die BRD typischen Film von Rainer Werner Fassbinder „Angst essen Seele auf“(1974) und stellen ihn einem beliebigen, etwa zur gleichen Zeit entstandenen DDR-Film gegenüber, so wird ersichtlich, was damit gemeint ist. Eine Filmserie wie „Polizeiruf 110“ zeigt sehr deutlich, wie grundverschieden voneinander nicht nur die Umgangsformen, sondern auch die Lebensweisen der Menschen beider Länder waren. Und ebenso unterschiedlich sind auch die Begriffe. Das hängt damit zusammen, daß sich in der kapitalistischen Gesellschaft die Produktionsmitteln in Privathand befinden. Soziale Konflikte sind somit vorprogrammiert, und diese Konflikte beschränken sich keineswegs nur auf den Bereich der materiellen Produktion. Sie haben negative Auswirkungen auch auf das gesamte gesellschaftliche Leben bis hin in den familiären Bereich. Echte Kollektivität ist in der BRD kaum zu finden. Selbst im Sport, wo man heute von „Teamfähigkeit“ spricht, die eigentlich Voraussetzung für Mannschaftserfolge ist, gibt es sie nur selten. Zwar gibt es in bestimmten Bereichen durchaus einen gewissen Konsens, doch im Großen und Ganzen kennzeichnen Berechnung, Egoismus und Konkurrenzdenken das Handeln der Menschen. Mobbing und das oft unvermeidliche Burn-Out-Syndrom sind heute keine Seltenheit. Nicht zuletzt ist darin auch eine Ursache zu sehen für die erschreckend hohe Selbstmordrate unter Jugendlichen in der BRD.[4]

Quelle:
[1] Vor der Zahl steht der Mensch. In: Neues Deutschland ( B ), 19. Januar 1961.
[2] A.S. Makarenko, Werke Bd.I, Moskau, 1951, S.229 (russ.)
[3] ebd. Bd.V, S.236/237
[4] Immer mehr Jugendliche begehen Selbstmord, in: Focus, 05.11.2010
Foto: ZB/Schneider, in: Seht welche Kraft!, Dietz Verlag Berlin, 1977, S.177.

Siehe auch:
Gerhard Claus. Sportliches Wandern

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5 Antworten zu Was ist eigentlich ein Kollektiv?

  1. Pingback: Über das Wandern… | Sascha's Welt

  2. prkreuznach schreibt:

    Hat dies auf Was war die DDR ? rebloggt und kommentierte:
    Nach ein wichtiger Beitrag von Sascha:

  3. Pingback: …ihr wißt gar nichts von uns! | Sascha's Welt

  4. Pingback: Gemeinschaft und Kollektiv im Sozialismus | Sascha's Welt

  5. Pingback: Ist soziale Gleichheit überhaupt möglich? | Sascha's Welt

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