Das Wesen der Ausbeutung

ProletariatWarum reden wir hier eigentlich noch von Ausbeutung? Ist es denn nicht so, daß die Menschen heute weitaus besser leben als vor hundert Jahren. Hat der Kapitalismus denn nicht so viele Vorteile? Wo gibt es denn sonst noch eine solche Freiheit – der Sozialismus ist doch gescheitert, oder? Man muß schon sehr naiv und weltfremd sein, wenn man annimmt, daß sich die heutigen Probleme in der Welt – die Kriege, die Armut, die Umweltverschmutzung, die Kriminalität und die massenhafte Verblödung der Menschheit durch Religion, Rundfunk und Fernsehen – auf dem Wege einer friedlichen Einigung mit Herrschenden, den Reichen und Superreichen, auf dem Wege einer „Umverteilung des Reichtums“  beseitigen lassen. Tatsache ist, daß die  Schere zwischen arm und reich täglich immer weiter auseinanderklafft. Das allein dürfte ausreichen, um zu erklären, daß die Ausbeutung heute immer noch existiert.

Jeglicher Reichtum, alle Bankgeschäfte, alle Kriege und alle Investitionen sind nur deshalb möglich, weil Ausbeutung gibt. Und zwar nicht irgendwo in den Ländern der dritten Welt, sondern hier bei uns. Vor allem hier werden unverschämt hohe Profite gemacht. Nur das Proletariat (und dazu zählen vor allem die Arbeiter in den Fabriken, in der Industrie, im Handel, im Dienstleistungsbereich, im Verkehrs- und Transportwesen usw.) ist imstande, das zu ändern. Das Proletariat ist tatsächlich die einzige Klasse, die diesen Zustand ändern kann. Sie ist die einzige wirklich revolutionäre Klasse.

In einem Schulbuch aus der DDR von 1985 (!)  können wir lesen:

Frieden, Ernährung, Gesundheit und Bildung – das sind Grundfragen des Lebens der Menschen. Diese lebenswichtigen Daseinsfragen vermag der Kapitalismus, wie die Entwicklung beweist, nicht zu lösen.Damit ist gemeint, daß nur das Proletariat imstande ist, eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse herbeizuführen. Es gibt aber auch keinen Zweifel darüber – der Kapitalismus von heute unterscheidet sich vom Kapitalismus im vorigen Jahrhundert. „Multis“, Massenmedien, Manipulierung waren 1850 ebenso unbekannt wie Streiks von Fluglotsen, Lehrern und Postbeamten. Vieles hat sich verändert, aber das Wesentliche am Kapitalismus – die Ausbeutung des Proletariats durch die Bourgeoisie – ist geblieben. Technik und Organisation, Umfang und Effektivität der Produktion, Struktur und Formen der Leitung wurden weiterentwickelt und mit ihnen auch die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen. Teile der Produktion sind automatisiert; viele Erzeugnisse zeugen von einem hohen wissenschaftlich-technischen Niveau der Industrie. In den hochentwickelten kapitalistischen Ländern gibt es heute bessere Wohnungen, Verkehrsmittel, Schulen und Krankenhäuser als früher. Viele Arbeiter besitzen ein Auto. Sie erhalten bezahlten Urlaub, und wenn sie alt oder invalide sind, eine Rente. Die Arbeiter müssen in diesen Ländern nicht mehr 12 oder 14 Stunden täglich arbeiten. In Frankreich und in der BRD kämpfen die Werktätigen um die Durchsetzung der 35-Stunden-Woche. Facharbeiter in der BRD verdienen zum Teil 10 DM und mehr Stundenlohn.

Ist es richtig, unter solchen Bedingungen noch von Ausbeutung zu sprechen?

In den hochentwickelten kapitalistischen Ländern arbeiten 75 bis 90 Prozent der berufstätigen Bevölkerung für Lohn oder Gehalt. Kann aber jeder, der arbeiten will, arbeiten? Wer entscheidet, was hergestellt wird, wie zu arbeiten ist und wer einen Arbeitsplatz erhält? Ist es wahr, daß die Klassenunterschiede im Kapitalismus verschwinden? Mit diesen Fragen wollen wir uns eingehender beschäftigen.
Besitz
In kapitalistischen Ländern spricht man viel von „Klassenharmonie“ und „Sozialpartnerschaft“, von „Arbeitgebern“ und „Arbeitnehmern“. Wir sagen: Die kapitalistische Gesellschaft hat zwei Grundklassen: Bourgeoisie und Proletariat.

Ist es nicht gleichgültig, wie man diese Menschengruppen bezeichnet?

Welchen Inhalt haben diese Begriffe? Das Wort „Arbeitgeber“ soll etwas gesellschaftlich Nützliches, Gutes ausdrücken. Auf den ersten Blick ist der „Arbeitgeber“ ein Mensch, der anderen Arbeit verschafft. Er stellt sie ein, läßt sie arbeiten und gibt ihnen Lohn. So können sie leben. Dafür soll der „Arbeitnehmer“ dankbar sein. Viele Arbeiter in den kapitalistischen Ländern denken heute noch, daß das seine Richtigkeit hat und daß es gerecht ist.

Marx und Engels untersuchten die Bedingungen der Arbeit der Menschen und die Beziehungen, die sich daraus zwischen ihnen ergeben, nicht so oberflächlich. Sie haben diese Verhältnisse gründlich analysiert und im Kommunistischen Manifest ihre Erkenntnisse zusammengefaßt. In den kapitalistischen Ländern gibt es eine im Verhältnis zu den werktätigen Massen kleine Gruppe von Menschen, die Besitzer der wichtigsten Produktionsmittel sind. Das sind die Kapitalisten. Rohstoffe, Material, Maschinen, Werkzeuge, Gebäude usw. gehören ihnen. Ohne Produktionsmittel kann niemand etwas herstellen. Deshalb bleibt der Masse der arbeitsfähigen Menschen, die keine Produktionsmittel besitzen, nichts anderes übrig, als zu den Besitzern der Produktionsmittel zu gehen und ihre Arbeitskraft, d. h. ihre Fähigkeit zu arbeiten und Werte zu schaffen, anzubieten und zu verkaufen. Sie arbeiten und erhalten dafür Lohn oder Gehalt; davon leben sie. Man nennt sie Lohnarbeiter oder Proletarier. Die Eigentümer der Produktionsmittel verfügen, weil ihnen die Produktionsmittel gehören, auch über die Lohn arbeiter. Die Klasse der Lohnarbeiter ist ökonomisch gezwungen, sich der Kapitalistenklasse unterzuordnen.

Bourgeoisie und Proletariat

Marx und Engels kamen bereits im Kommunistischen Manifest zu dem Schluß:
Unter Bourgeoisie wird die Klasse der modernen Kapitalisten verstanden,
• die Besitzer der gesellschaftlichen Produktionsmittel sind
• und Lohnarbeit ausnutzen.
Unter Proletariat die Klasse der modernen Lohnarbeiter, die da sie
• keine eigenen Produktionsmittel besitzen, darauf angewiesen sind,
• ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um leben zu können.
Lenin hat diese grundlegenden Erkenntnisse von Marx und Engels über die Klassen noch weitergeführt.
Klassen
(W.I.Lenin, Die große Initiative, Werke Bd.29, Berlin 1965, S.419)

Wie wir wissen, sind die Kapitalisten die Eigentümer der entscheidenden Produktionsmittel. Sie beherrschen die Arbeiter und beuten sie aus.

Was ist Ausbeutung?

Ausbeutung ist die private Aneignung fremder, unbezahlter Arbeit. Die Ausbeutung hat die Bourgeoisie nicht erfunden. Vor der Bourgeoisie gab es Sklavenhalter und Feudalherren, die ebenfalls über Privateigentum an Produktionsmitteln verfügten. Für Sklaven und Leibeigene war ganz offensichtlich, daß sie beherrscht, geknechtet, unterdrückt und ausgebeutet wurden. Der feudalabhängige Bauer war zu Frondiensten verpflichtet. Ohne Entgelt mußte er auf den Feldern, Gutshöfen und Schlössern seines Feudalherren arbeiten. Nur einen Teil seiner Arbeitszeit konnte er auf seinem eigenen Feld für sich und seine Familie arbeiten. Sklaven und feudalabhängige Bauern mußten Arbeit für die Sklavenhalter bzw. die Feudalherren leisten. Sklavenhalter und Feudalherren erzwangen diese Arbeit durch äußere Gewalt. Der Lohnarbeiter dagegen ist als Person juristisch frei. Er ist in zweifacher Hinsicht frei:
⇒ frei von Produktionsmitteln,
⇒ persönlich frei.

Der Lohnarbeiter kann sich bis zu einem gewissen Grad aussuchen, ob er bei den Konzernen Siemens, Hoechst, Mannesmann oder in einem anderen kapitalistischen Betrieb arbeitet. Vorausgesetzt, diese stellen Arbeiter ein. Der Sklave war Eigentum seines Herren, der feudalabhängige Bauer war an seinen Herren gebunden. Im Kapitalismus ist es auch nicht so offensichtlich, daß der Lohnarbeiter während vieler Stunden seines Arbeitstages nur für den Kapitalisten arbeitet, also Mehrarbeit leistet. Er meint, er arbeite nur für sich, weil es bei oberflächlicher Betrachtung so aussieht, als würde er für die gesamte geleistete Arbeit bezahlt — 8 Stunden Arbeitszeit = 8 Stunden Lohn.

Woher kommt dann aber der Profit?

Dieses Rätsel löste Karl Marx. Er fand heraus, daß der Kapitalist dem Lohnarbeiter nicht die geleistete Arbeit, sondern nur den Wert seiner Arbeitskraft bezahlt. Das sind zwei ganz verschiedene Dinge.
Engels
(F.Engels: Einleitung zu Karl Marx „Lohnarbeit und Kapital“, MEW, Bd.22, Berlin 1963, S.208.)

Aus diesen Gedanken ist erkennbar, worin für den Kapitalisten der Gebrauchswert der Arbeitskraft besteht. Er nutzt sie, um vorhandene Rohstoffe und Halbfabrikate mit Hilfe der Maschinen zu verwandeln, um Fertigprodukte für den Markt zu schaffen.

Quelle:
Staatsbürgerkunde, Verlag Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin (DDR), 1985, S.29-33

DOWNLOAD: Wesen der Ausbeutung (pdf-Datei)

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Eine Antwort zu Das Wesen der Ausbeutung

  1. martinemko schreibt:

    schön! Ich teile sehr gern auf Facebook…
    Was anderes – hast du ’ne Mailadresse für mich?

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