Die Kirche und der deutsche Staat

KircheEs hat sich nicht nur die katholische, sondern auch die evangelische Kirche heute stärker denn je etabliert. Staat und Kirche sind eng miteinander verflochten, und die religiöse Beeinflussung beginnt bereits in der Schule, wo der Religionsunterricht Bestandteil des Schulkonzepts ist. Die Kirche erhält Zuwendungen in Milliardenhöhe zur Finanzierung des Klerus und des kirchlichen Hofstaates. Doch die Kirche hat Identifikationsprobleme. Zum einen laufen ihr massenhaft die Leute davon, zum anderen steht die Kirche vor dem offenen Zwiespalt: Soll sie nun den kapitalistischen Staat unterstützen, der sie finanziert, oder soll sie sich angesichts seines menschenverachtenden Wesens auf die Seite der Unterdrückten und Geknechteten stellen. Das ist doch die eigentliche Frage.

Und so ist dieses »Herumgeeiere« um die göttliche Gnade, die himmlische Gerechtigkeit, die Freiheit und die Zukunft, die alberne und scheinheilige Beeinflussung der Kinder im Religionsunterricht nicht viel mehr als der Ausdruck dieser Beklemmung. Den Angestellten in diesem immer noch unsäglich aufgeblähten Apparat mit all seinen Ämtern, Konsultationsstellen, Beratungseinrichtungen und Aufbauseminaren ist dies unterschwellig wohl bewußt. Doch da diese »Religionsapostel« zumeist unter sich bleiben und die weltlichen Sorgen und Nöte, die Verbrechen des Kapitalismus, die Kriege und das millionenfache Elend mehrheitlich ausblenden, für schlimm – aber doch gegeben hinnehmen, sind sie eine Stütze dieses imperialistischen Systems. Es ginge auch anders – doch dazu müßte man sich als Christ, als Jude oder Moslem zuerst einmal den Nöten der Menschen zuwenden. Man müßte Klarheit schaffen wollen über die Ursachen dieses numehr fast weltweiten kapitalistischen Verbrechersystems. Teilweise geschieht das auch, und das ist die Chance, aus dieser Sackgasse herauszukommen, die letztlich zum Faschismus führt. … Daran hat sich seit Jahrhunderten nicht viel geändert. In einem Artikel für die Prawda schrieb W.I. Lenin im Jahre 1913 folgendes:

Auf welcher Seite steht die Kirche?

In rückständigen Staaten, wo die Masse der Bevölkerung rechtlos ist, wo es keine politische Freiheit gibt, wo Willkür der Behörden herrscht, fehlt jede einigermaßen breite politische Organisation. Nur verschwindend winzige Gruppen von Gutsbesitzern oder Industriemillionären genießen »Koalitionsfreiheit«, aber diese winzigen Gruppen richten ihre ganze Aufmerksamkeit nach oben, auf die »höheren Sphären«, auf die Regierung, sie streben keineswegs danach, die Volksmassen zu organisieren, ja sie fürchten deren Organisation wie das Feuer.

In jenen Staaten, wo die Grundpfeiler der Verfassung und die Teilnahme des Volkes an Staatsangelegenheiten gesichert sind, streben nicht nur die Sozialisten danach, die Massen zu organisieren (die einzige Stärke der Sozialisten besteht ja in der Aufklärung und Organisierung der Massen), sondern auch die reaktionären Parteien. Ist die Staatsordnung demokratisiert, so müssen die Kapitalisten in den Massen Rückhalt suchen, und dafür ist es erforderlich, sie unter den Losungen des Klerikalismus (der Schwarzhunderterreaktion und der Religion), des Nationalismus, Chauvinismus usw. zu organisieren.

Die politische Freiheit beseitigt den Klassenkampf nicht, im Gegenteil, sie macht ihn bewußter und breiter, bezieht die rückständigsten Volksschichten ein und lehrt sie, sich mit Politik zu befassen und ihre Auffassungen, ihre Interessen zu verteidigen.

Wie wird die Unwissenheit der Volksmassen ausgenutzt?

Es ist lehrreich, sich anzusehen, wie beispielsweise in Deutschland die reaktionäre Partei des »Zentrums«, d.h. der Katholiken, die Volksmassen organisiert. Die Katholiken wollen die Massen dahin bringen, den Kapitalismus unter religiösen und »patriotischen« Losungen zu verteidigen. Und es ist ihnen in Deutschland gelungen, die Vorurteile und die Unwissenheit der Volksmassen zu organisieren, zum Teil deshalb, weil die Katholiken in Deutschland eine Minderheit der Bevölkerung bilden und diese Minderheit eine Zeitlang seitens des Staates Verfolgungen ausgesetzt war. Die werktätigen und ausgebeuteten Massen aber sympathisieren stets instinktiv mit den Verfolgten. Und die katholischen Reaktionäre haben es verstanden, diese Stimmung auszunutzen.

Wie sind die Katholiken organisiert?

Die Katholiken haben eine Massenorganisation geschaffen, den sogenannten »Volksverein für das katholische Deutschland«. Der Verein zählt 3/4 Millionen Mitglieder. Die Organisation ist streng zentralisiert. Ihr Ziel: die »christliche« (in Wirklichkeit kapitalistische) Ordnung zu verteidigen und die »grundstürzenden« (d. h. sozialistischen) Bestrebungen zu bekämpfen. An der Spitze des Vereins steht ein Vorstand von 24 Personen. Davon ist 9 Mitgliedern die laufende Verwaltung übertragen, die übrigen sind Vertreter verschiedener Landesteile, einzelner Großstädte usw. Für je 20-40 katholische Familien ist ein »Vertrauensmann« bestimmt. Sämtliche Vertrauensleute handeln nach Weisungen des Vorstands. Die Herren Katholiken pflegen in ihrem Kampf gegen die Sozialdemokraten gewöhnlich ein Geschrei anzustimmen, daß die sozialdemokratischen Agitatoren von den Groschen der Arbeiter leben. Aber eben das tun die Katholiken selbst in ihrer Organisation: an jedem einigermaßen wichtigen Ort haben sie bezahlte Agitatoren.

Eine fabrikmäßige Propagandamaschine

Die Arbeit im Vorstand ist völlig fabrikmäßig organisiert. 20 Angestellte befassen sich speziell mit »Literatur«, der eine mit der theologischen Literatur, der andere mit der Agrarfrage, ein dritter mit der sozialdemokratischen Bewegung, ein vierter mit dem gewerblichen Mittelstand usw. Ausschnitte und Auszüge aus Zeitungen und Zeitschriften werden gemacht. Es gibt eine Registratur und ein Stenografenbüro. Eine besondere Bibliothek ist vorhanden, die 40.000 Bände enthält. Es werden Briefe an Zeitungen verfaßt, »Korrespondenzen«, die in Dutzenden katholischer Blätter erscheinen. Eine besondere »sozialpolitische« und eine »apologetische« (d. h. die Religion und das Christentum verteidigende) Korrespondenz wird geführt. Zu allen Fragen werden Schriftenreihen herausgegeben. Bis zu 5000 verschiedene Konzepte für Referate werden jährlich versandt. Eine Abteilung befaßt sich eigens mit Filmpropaganda. Eine Auskunftsstelle beantwortet kostenlos alle möglichen Anfragen; 1912 wurden über 18.000 solcher Auskünfte erteilt.

Die katholischen Studenten werden systematisch zur Propaganda und Agitation herangezogen, besonders in der Ferienzeit. Die Vertrauensleute (es gibt ihrer einige Zehntausende) kommen zu besonderen »sozialen Kursen« zusammen. Der speziellen »Schulung« für den Kampf gegen die Sozialdemokraten dienen besondere Zweimonatskurse beim Parteivorstand. Spezielle Zweiwochenkurse werden für Bauern, Lehrer, Handlungsgehilfen usw. veranstaltet. Sie arbeiten nicht schlecht, die katholischen Schwarzhunderter Deutschlands. Aber ihre ganze Tätigkeit ist ein schwacher Abklatsch dessen, was die deutschen Sozialdemokraten tun.

Quelle:
»Prawda« Nr. 120, 26. Mai 1913. W.I.Lenin, Werke, Bd. 36, S. 218-220.
(Zwischenüberschriften von mir – N.G.)

Siehe auch:
Gegen die religiöse Verblödung der Menschheit
Der kirchliche Hofstaat
Der Griff der Kirche nach der Macht

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2 Antworten zu Die Kirche und der deutsche Staat

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