Bedecke deinen Himmel, Zeus!

promet

Prometheus

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst
Und übe, dem Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn;
Mußt mir meine Erde
Doch lassen stehn
Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn als euch, Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war,
Nicht wußte, wo aus noch ein,
Kehrt ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr, zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir
Wider der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden da droben?

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehen,
Weil nicht alle
Blütenträume reiften?

Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, zu weinen,
Zu genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!

Johann Wolfgang von Goethe
(1774)


Um das Gedicht Goethes richtig zu verstehen, muß man sich ein Bild machen über den Autor und seine Zeit. Friedrich Engels charakterisierte die deutsche Literatur um 1770 als eine Literatur des „Trotzes und der Rebellion gegen die deutsche Gesellschaft, wie sie damals bestand“ [1]. Als eine Kriegserklärung, als Kampf gegen die ganze bestehende Gesellschaft charakterisiert auch Goethe in seiner Selbstbiografie „Dichtung und Wahrheit“ (18. Buch) den Sturm und Drang. Nach einem Menschenalter zurückblickend , spricht er von einem „Vorpostengefecht…, das auf eine Kriegserklärung folgt und eine gewaltsame Fehde verkündet. Denn genau besehen, so ist der Kampf in diesen funfzig Jahren noch nicht ausgekämpft, er setzt sich noch immer fort, nur in einer höheren Region.“ [2] Wie wahr! Und auch heute, 25 Jahre nach der Konterrevolution, ist der Kampf gegen die Herrschaft der Bourgeoisie nicht ausgekämpft…


Das Bild vom aufbegehrenden und schöpferischen Menschen in der Literatur des Sturm und Drang

Im Kampf um die Befreiung des Bürgertums aus feudaler Unterdrückung und Abhängigkeit war es von entscheidender Bedeutung, welche Auffassung vom Menschen, von seiner Stellung in der Welt, vom Sinn und den Möglichkeiten seines Lebens sich durchsetzte. Die alten Mächte waren daran interessiert, die christliche Lehre von der Abhängigkeit des Menschen von einem allmächtigen Gotte aufrechtzuerhalten, denn diese Lehre unterstützte das feudale System unmittelbar.

Die Lehre von der Einheitlichkeit der Natur

Für die weltanschauliche Verständigung der fortgeschrittensten Vertreter des aufstrebenden Bürgertums wurden die Gedanken des niederländischen Philosophen SPINOZA (1632-1677) sehr wichtig. Spinoza ging von der All-Einheit der Natur (der Welt) aus. Er lehrte, daß die Natur nicht erschaffbar und zerstörbar ist, also keines Schöpfers und Erhalters bedarf. Spinoza leugnete also die Notwendigkeit eines außerweltlichen, eines über der Welt stehenden Gottes, allerdings verzichtete er noch nicht auf den Gottesbegriff. Er setzte Gott mit der Natur gleich. Diese philosophische Lehre wird Pantheismus genannt. Die Ideen Spinozas wurden in Deutschland insbesondere von HERDER und GOETHE aufgenommen und bestimmten wesentlich das Menschenbild des Sturm und Drang. Wir wollen uns an Goethes Gedicht „Prometheus“ (1774; Lesebuch 9/10, S. 40 ff.) einige Grundzüge dieses Menschenbildes deutlich machen.

Der Glaube an die Schöpferkraft des Menschen

Goethe knüpft an die Prometheus-Sage der griechischen Antike an (Lesebuch 6, S. 5 ff.). Aber er gestaltet nicht den leidenden, im Schmerz unbeugsam ausharrenden Prometheus, sondern den rebellierenden und triumphierenden Heiden. Mit Hohn betrachtet Prometheus den Gott Zeus, der sich allmächtig dünkt, aber doch nicht in der Lage ist, das auf der Erde Geschaffene zu zerstören. Der Göttersohn der Sage erscheint bei Goethe als Verkörperung menschlicher Schöpferkraft. Dabei ist es bezeichnend, daß Goethe seinen Prometheus gerade auf solche Schöpfungen stolz hinweisen läßt, mit denen sich Vorstellungen vom bäuerlichen und werktätigen Leben verbinden: Hütte und Herd (1. Strophe). Prometheus erkennt, daß nur kindliche, unwissende, ohnmächtige Menschen glauben können, es gäbe über der Erde einen Gott, den sie durch Gebete und Opfer um Hilfe anflehen müßten (2. u. 3. Strophe). Stolz verweist er auf „die allmächtige Zeit / und das ewige Schicksal“ als die wirklichen „Herrn“ – also auf die gesetzmäßige historische Entwicklung, in deren Verlauf der Mensch zum Menschen wurde (4. u. 5. Strophe). Stolz und überlegen tritt Prometheus als Sprecher der Menschen, als einer der ihren auf (7. und 8. Strophe).

Das erwachende Selbstbewußtsein der Menschen

Im Gedicht wird eine Auseinandersetzung dargestellt – der Unterwerfung und Dank, fordernde Gott und der sich empörende, selbstbewußte Prometheus stehen einander gegenüber. Aber der Gott tritt selbst nicht auf, spricht nicht. Er ist lediglich im Bewußtsein des Helden gegenwärtig, in seinen Worten, mit denen er die ungerechtfertigten Ansprüche des Gottes zurückweist. Durch diese Anlage des Gedichts wird die Überlegenheit des Prometheus deutlich. In Goethes „Prometheus“ ist der Freiheitsanspruch der jungen bürgerlichen Klasse gestaltet. Das erwachende Selbstbewußtsein der Menschen gründet sich auf ihre Fähigkeit, sich auf der Erde zu behaupten. Hütte und Herd sind die Kennzeichen dieser Schöpferkraft. Die Menschen weisen alle „von oben“ kommenden Ansprüche zurück. Von dieser grundsätzlichen, umfassenden Kampfansage sind auch die Fürsten mit getroffen, die sich als „von Gottes Gnaden“ bezeichneten und die ebenso tyrannisch auftraten wie der von Prometheus beiseite geschobene Zeus.

Der revolutionäre Anspruch Goethes

Die Gestalt des kühnen Empörers Prometheus, war in der Literatur seit der Antike häufig als Sinnbild für die Schöpferkraft des Menschen und seine Erhebung gegen die Tyrannei gestaltet worden. Goethe bemerkte, daß sie ihm „immer gegenwärtig“ gewesen sei („Tag- und Jahreshefte“, 1807); in seiner Selbstbiographie „Dichtung und Wahrheit“ (15. Buch) berichtet er, daß dieses Gedicht, „zum Zündkraut einer Explosion“ wurde, und in einem Brief vom Jahre 1820 nennt er es ein „Evangelium“ „unserer revolutionären Jugend“. Goethe war sich also des revolutionären Gehalts und der weit über die Entstehungszeit hinausreichenden Wirkung deutlich bewußt. Das „Prometheus“-Gedicht ist der höchste künstlerisch-philosophische Ausdruck von Goethes Auseinandersetzung mit weltanschaulichen und philosophischen Fragen zur Zeit des Sturm und Drang. Es stellt einen Gipfelpunkt der Literatur des Sturm und Drang dar und förderte den Prozeß der Bewußtseinsbildung des nach Freiheit strebenden jungen Bürgertums.

Quelle: Lehrbuch für den Literaturunterricht in den Klassen 8-10, Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin 1980, S.48f.

[1] Friedrich Engels: Deutsche Zustände. In: MEW, Bd.2, S.567
[2] J.W. Goethe: Dichtung und Wahrheit. In: Goethes Werke in zwölf Bänden. Neunter Band, Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1981, S.285.

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s