Auf wessen Seite steht die Kirche?

Es ist bestimmt kein Geheimnis, daß sich auch in der BRD der Klerus, egal ob katholisch oder evangelisch, mit der „Begründung“ seelsorgerischer Tätigkeit an militärischen Aktionen beteiligt. Die Militärpfarrer tragen nicht nur militärische Uniformen, sondern sie nehmen auch in ideologischer Hinsicht Einfluß auf die ihnen „anvertrauten“ „Christen in Uniform“. Damit stehen sie nicht nur im Dienste ihres überirdischen Oberbefehlshabers, sondern sehr wohl auch auf der Seite ihrer staatlichen Auftraggeber, auf Seiten der deutschen Bourgeoisie. Auch wenn die Erklärungen noch so nebelhaft und verschwommen sind – die Kirche steht auf Seiten der Bourgeoisie…

Der Klerikalismus trägt also politischen Charakter. Im marxistisch-leninistischen Bildungsheft „Der politische Klerikalismus“ (erschienen im Dietz Verlag, 1960) schrieben die Autoren Karl A.Mollnau und Helmut Wolle folgendes:

Der Militarismus bedient sich des, politischen Klerikalismus, um seine Politik zu begründen und zu rechtfertigen, um die Volksmassen geistig zu terrorisieren, wobei der Militarismus den Organisationsapparat des politischen Klerikalismus rücksichtslos einsetzt. Dies ist der wesentlichste Inhalt des Bündnisses zwischen Militarismus und politischem Klerikalisimus. Die Ideologie des politischen Klerikalismus wird im Rahmen der psychologischen Kriegführung in Westdeutschland verbreitet, sie ist die ideologische Ergänzung der materiellen Aufrüstung!

Katholik

„…bevor isch se segne, will isch se wenigschtns mal auschprobiere!“

Die Ideologen des politischen Klerikalismus versuchen, dem Volk die Perspektive einer progressiven gesellschaftlichen Entwicklung zu nehmen, den Menschen das Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem angeblich unbeeinflußbaren Geschehen einzuimpfen und jedes Denkvermögen in einer Atmosphäre blinden Glaubens und obskurer Mystik zu ersticken. Der deutsche Militarismus will mit Hilfe des politischen Klerikalismus eine ideologische Einheitsfront des „Abendlandes“ schaffen… Die Vertreter des politischen Klerikalismus verteidigen die Positionen des Militarismus und Imperialismus, dessen Herrschaft im schärfsten Gegensatz zu den Interessen der Volksmassen steht.

Die Lehre vom „Naturrecht“

Der ideologischen Rechtfertigung und Verschleierung der militaristischen Politik und der zum Faschismus tendierenden Maßnahmen dient in besonderem Maße die Sozialideologie des politischen Klerikalismus. Ihre philosophische Grundlage ist die neothomistische Lehre vom Naturrecht. Im Unterschied zu anderen Naturrechtslehren1 sieht sie in dem Begriff Natur nur eine Umschreibung für die „göttliche Schöpfungsordnung“ und gibt infolgedessen als „Naturrecht“ einen angeblich in die menschliche Natur eingepflanzten göttlichen Willen aus, nach dem sich die Entfaltung der menschlichen Gesellschaft zu vollziehen habe. Auf diese Weise wird die gesellschaftliche Entwicklung mystifiziert, die objektiven Entwicklungsgesetze werden geleugnet. An ihre Stelle setzen die klerikalen Ideologen aus Gottes unerforschlichem Ratschluß hergeleitete Gebote.

Diese Lehre soll glaubhaft machen, daß die kapitalistische Gesellschaftsordnung ewig, daß sie die einzig mögliche Gesellschaftsordnung sei. Deshalb wird vom politischen Klerikalismus das Recht auf Privateigentum an den Produktionsmitteln – es wird als „Sondereigentum“ bezeichnet – als oberster und unantastbarer Grundsatz ausgegeben, und die kapitalistische Ordnung, die dieses Privateigentum zur Grundlage hat, wird damit heiliggesprochen.

Die nebelhafte Bezeichnung „Gemeinwohl“

Bereits Pius XI. stellte in seiner Enzyklika über den atheistischen Kommunismus vom 19. März 1937 fest: „Mensch und bürgerliche Gesellschaft gehen beide auf den Schöpfer als auf ihren Urheber zurück; sie sind vom Schöpfer aufeinander hingeordnet… Der Schöpfer selbst hat dieses wechselseitige Verhältnis in seinen Grundzügen geregelt.“

Gemeinwohl

Die Verwirrung beginnt schon bei der Wortwahl

Der Kapitalismus, der als göttlich und unantastbar hingestellt wird, soll angeblich dem „Gemeinwohl“ dienen. Dieses „Gemeinwohl“, ein völlig nebelhaftes Prinzip, soll das „einigende Band“ in der kapitalistischen Gesellschaft sein, vor allem natürlich zwischen Arbeitern und Kapitalisten. Der Betrug ist offensichtlich. Ein „Gemeinwohl“ für die Arbeiter und zugleich für die Kapitalisten kann es nicht geben, denn beide Klassen stehen sich in antagonistischen Gegensätzen, unversöhnlich gegenüber. Die Phrase vom Gemeinwohl soll die Arbeiter vom Klassenkampf gegen das Finanzkapital abhalten, die Arbeiter sollen die sozialen Lasten hinnehmen, die ihnen durch die Kriegsvorbereitung vom deutschen Militarismus aufgebürdet werden. Damit entpuppt sich die „Gemeinwohllehre“ als Bestandteil der ideologischen Kriegsvorbereitung. Sie ist aber noch in anderer Hinsicht politisch bedeutsam. Da der Bonner Staat vom politischen Klerikalismus als ein Staat des „Gemeinwohls“ – in Wirklichkeit dient er dem imperialistischen Klassenwohl — ausgegeben wird, ist jede demokratische Maßnahme, die nicht in das Konzept der militaristischen Gewalthaber Bonns paßt, in den Augen der Vertreter des politischen Klerikalismus ein Verstoß gegen das „Gemeinwohl“. Sie fordern dann im Namen dieses „Gemeinwohls“ die gewaltsame Niederhaltung aller demokratischen Bestrebungen.

Der volksfeindliche Charakter des bürgerlichen Staates

Walter Ulbricht hat das Wesen der demagogischen Gemeinwohllehre folgendermaßen gekennzeichnet: „In der klerikalen Staats- und Gesellschaftslehre spielt die Frage des Gemeinwohls eine große Rolle. Durch die Berufung auf das Gemeinwohl als Staatszweck soll vor den Volksmassen der Klassencharakter des Ausbeuterstaates verschleiert, der Klassenkampf des Proletariats gegen den volksfeindlichen, historisch überlebten bürgerlichen Staat gelähmt werden. Die katholische Lehre vom Gemeinwohl als Staatszweck soll der Aussöhnung der Klassengegensätze dienen und gleichzeitig die theoretische Rechtfertigung dafür liefern, jede revolutionäre Regung und Bewegung der Arbeiterklasse im Namen des ,Gemeinwohls‘ zu unterdrücken . . . Die katholische Lehre vom Gemeinwohl als Staatszweck wird zur theoretischen Rechtfertigung und Verteidigung aller antidemokratischen, den Kampf der Arbeiterklasse unterdrückenden Maßnahmen des Adenauer-Staates verwandt.“ [2]

Die Gemeinwohllehre ist die ideologische Rechtfertigung für den Abbau der Demokratie durch den Militarismus in Westdeutschland, sie dient der Lahmlegung und Liquidierung der bürgerlich-demokratischen Freiheiten. Offenkundig wird dies, wenn man die Auffassungen des politischen Klerikalismus über die Demokratie betrachtet. Die Staatslehre des politischen Klerikalismus sieht den Ursprung der Staatsgewalt in Gott, für das Volk ist in ihr kein Platz. Ihre Vertreter bekämpfen schärfstens das Prinzip der Volkssouveränität und ziehen sogar gegen den bürgerlichen Parlamentarismus zu Felde.

Kardinal Döpfner aus Westberlin sprach die Ansichten des politischen Klerikalismus über den Staat offen aus, als er vor den Abgeordneten des Bonner Bundestages zur Eröffnung der jetzigen Legislaturperiode am 15. Oktober 1957 erklärte: „Die Ausübung der politischen Gewalt ist im tiefsten Sinne Statthalterschaft vor Gott. Darum wird für Sie die Gewissensverantwortung vor Gott, dem Herrn unseres Volkes, wesentlicher sein als eine taktische Rücksicht auf den Wähler.“

Quelle:
Karl A. Mollnau/Helmut Wolle: Der politische Klerikalismus. Dietz Verlag, Berlin, 1960, S.18-21.

Anmerkungen:
[1] Die aufstrebende Bourgeoisie begründete ihre Forderungen zum Teil naturrechtlich, das heißt, sie propagierte die von ihr angestrebte kapitalistische Gesellschaftsordnung als naturgegeben und vernunftgemäß (Christian Thomasius, Hugo Grotius, Jean Jacques Rousseau). Dieses rationalistische Naturrecht wird vom neothomistischen Naturrecht wütend bekämpft.
[2] Walter Ulbricht: Die Staatslehre des Marxismus-Leninismus und ihre Anwendung in Deutschland. In: Walter Ulbricht: Die Entwicklung des deutschen volksdemokratischen Staates 1945-1958, S.610.

Siehe auch:
Dunkelmännertum
Der politische Klerikalismus
Kirche im Faschismus

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