Eine unerwartete Begegnung mit Lenin

Frieda Düwell, eine junge 37-jährige Berlinerin, die schon mit Rosa Luxemburg befreundet war, trifft 1921 in Moskau zum III. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale mit Lenin zusammen…

Moskau 1923

Blick in den Kremlsaal während des III. Weltkongresses (1921)

Schon 1907, auf dem Internationalen Sozialistenkongreß in Stuttgart, hatte ich Gelegenheit, Genossen Lenin zu sehen und zu hören. Aber ich war erst kurze Zeit in der Partei, wußte noch nichts aus der Geschichte der russischen Arbeiterbewegung, kannte keine Schriften von Lenin, und seine Bedeutung für das internationale Proletariat war mir noch unbekannt. Anders war es, als ich 1921 mit anderen deutschen Delegierten zum III. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale nach Moskau fuhr. Jetzt kannte ich schon Lenins „Brief an die amerikanischen Arbeiter“, der während des Krieges auf illegalem Wege zu uns nach Hamburg gelangt war, und seine Arbeit „Staat und Revolution“, die uns nach 1918 zugänglich wurde.

Eine überraschende Begegnung

Eine große Freude erfüllte uns deutsche Delegierte, daß wir nun auf dem Weltkongreß Lenin sehen und hören würden. Es war gar nicht einfach, ihn im überfüllten Kremlsaal herauszufinden. Hatte er nichts im Präsidium zu tun, dann saß er unter den Delegierten. Unerwartet sahen wir ihn dann ganz in unserer Nähe auf einem der breiten Korridore, die von der Prachttreppe des Kremlpalastes zu den Sälen führten. Spontan liefen wir, Herta Sturm — eine andere deutsche Delegierte — und ich, um unseren Lenin zu begrüßen. Er fragte nach unserem Namen, unserem politischen Arbeitsgebiet, und wir kamen ins Gespräch, Ganz einfach sprach er mit uns und doch auch wie mit seinesgleichen, so daß sich meine anfängliche Aufregung legte.

Als Genosse Lenin hörte, daß ich die letzten anderthalb Jahre in der Frauen- und Gewerkschaftsbewegung im Rhein-Ruhr-Gebiet tätig war, zeigte er brennendes Interesse; denn, so bemerkte er: „Das Rhein- und Ruhrrevier ist eines der wichtigsten Gebiete in Deutschland, dort ist unsere Arbeit sehr nötig, darüber möchte ich mehr hören.“ Er zog ein Notizbuch aus der Tasche und sagte: „Ja, wann können wir uns zu einer Aussprache treffen, wann haben Sie Zeit für mich, Genossin Düwell?“ Ich glaubte, falsch gehört zu haben, daß der Führer des Weltproletariats sich Gedanken machte, wann ich Zeit zu einer Besprechung mit ihm hätte. Als ich hervorstotterte: „Ich habe immer Zeit für Sie, Genosse Lenin, wenn keine Kongreß-Verhandlungen sind“, schüttelte er den Kopf und bemerkte einfach und sachlich: „Nein, ich weiß, daß unsere Delegierten hier sehr überlastet sind und angestrengt arbeiten. Wir wollen eine Zeit ausmachen, die Ihnen bequem ist.“ Auch bei der Festlegung des Ortes zu dieser Besprechung nahm Lenin Rücksicht auf mich.

Präzise Fragen — konkrete Antworten

Viel lernte ich aus der Unterhaltung mit ihm, die am nächsten Tage stattfand. Klar gab Genosse Lenin die Punkte an, über die er einen Bericht hören wollte, präzisierte die einzelnen Gebiete ganz genau, so daß ich konkret Auskunft geben konnte. Bei einigen Punkten verweilte er länger und machte sich Notizen. Durch seine auf das Ziel und den Zweck so klar hinweisenden Fragen sah ich auf einmal die Aufgaben, über die ich zu sprechen hatte, deutlich vor mir. Mit seinen abgegrenzten Fragen erforschte er das Prinzipielle meiner Agitationsarbeit, und ich selbst erkannte blitzartig auf diese Weise das Wesentliche meiner Arbeit. Seine Fragen und Hinweise lehrten mich, auf das Besondere zu achten. Genosse Lenin tadelte nicht, aber doch schien es mir ein großer Tadel zu sein, wenn er nicht mit allem in unserer Arbeit einverstanden war.
Das Zusammentreffen mit Lenin ist mir unvergeßlich geblieben.

Quelle:
Unter der roten Fahne, Erinnerungen alter Genossen, Dietz Verlag Berlin, 1958, S.193f.


Und nun Lenin lesen!

Lenin 1923

W.I.Lenin während einer Beratungspause auf den Stufen des Präsidiums

Der III. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale fand vom 22. Juni bis 12. Juli 1921 in Moskau statt. An diesem Kongreß nahmen 605 Delegierte von 103 Parteien und Organisationen teil, darunter 48 Kommunistische Parteien aus 52 Ländern. Während seiner Rede am 1. Juli 1921 setzte sich Lenin in scharfer Form mit Sektierern und Dummköpfen auseinander, welche versuchten, mit linken Phrasen und Abänderungsanträgen die gemeinsame Taktik der Kommunistischen Internationale zu Fall zu bringen. Lenin sagte u.a.: „Man höre bloß, was Terracini verteidigt und was diese Abänderungsanträge besagen.“ — Und unter dem Gelächter der Delegierten fügte er hinzu: „…ist zu streichen: ‚Mehrheit’…das soll höchst gefährlich sein! Und weiter: Für das Wort ‚Grundsätze‘ ist das Wort ‚Ziele‘ zu setzen. Grundsätze und Ziele sind zwei verschiedene Dinge. In Bezug auf die Ziele können auch die Anarchisten mit uns übereinstimmen, denn auch die sind für die Abschaffung der Ausbeutung und der Klassenunterschiede… Die Grundsätze des Kommunismus bestehen in der Errichtung der Diktatur des Proletariats und der Anwendung von staatlichem Zwang in der Übergangsperiode. Das sind die Grundsätze des Kommunismus, aber das ist nicht sein Ziel… Genosse Terracini hat von der russischen Revolution nicht viel begriffen.“ (Lenin, Ausgew.Werke in 6 Bänden, Bd.VI, S.325/327)

Siehe auch:
Lenin – Genius der Revolution


Fieda Düwell (1884-1962) geb. in Hamburg, Lehrerin; seit 1905 Mitglied der Sozialdemokratischen Partei, 1906 Korrespondentin bei der „Gleichheit“; nahm 1907 am Internationalen Sozialistenkongreß in Stuttgart teil; in der Novemberrevolution Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates in Hamburg, von 1921 bis 1925 im Frauensekretariat des ZK der KPD; 1933 Emigration in die Sowjetunion, zuletzt tätig an der Parteihochschule „Karl Marx“ in Berlin, ausgezeichnet mit der Clara-Zetkin-Medaille.

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