Friedrich Engels: Über die kapitalistische Zivilisation

Ursprung der FamilieDer Gegensatz zwischen dem äußeren Erscheinungsbild und den tatsächlichen, den inneren und wesentlichen Zuständen in unserer Gesellschaft könnte kaum größer sein. Wenn wir einerseits faszinierende wissenschaftliche, technische oder künstlerische Erfolge oder grandiose Bauwerke bewundern können, so müssen wir auf der anderen Seite feststellen, daß es überall auf der Welt einen erschreckenden Kulturverfall, Kriege, soziale Verwahrlosung, drückende Armut und eine sich nahezu unaufhaltsam ausbreitende Kriminalität gibt. Dennoch gibt es in unserem Land massenhaft Menschen, die sich offensichtlich damit abgefunden haben. Sportveranstaltungen, Popkonzerte oder Volksfeste erfreuen sich eines regen Zuspruchs. Und zur Abwechslung gibt es auch mal eine PEGIDA-Demonstration. Da fragt man sich, ob diese Menschen denn wirklich nichts begriffen haben. Es ist also angebracht, hier einmal daran zu erinnern, in welcher Gesellschaftsordnung wir uns befinden und wie es dazu kam. In seiner 1892 erschienenen Schrift „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ äußert sich Friedrich Engels zu den Grundzügen unserer Zivilisation, wie sie heute gegeben sind.

Was treibt den Kapitalismus voran?

Die platte Habgier war die treibende Seele der Zivilisation von ihrem ersten Tag bis heute, Reichtum und abermals Reichtum und zum drittenmal Reichtum, Reichtum nicht der Gesellschaft, sondern dieses einzelnen lumpigen Individuums, ihr einzig entscheidendes Ziel. Wenn ihr [der Zivilisation – N.G.] dabei die steigende Entwicklung der Wissenschaft und zu wiederholten Perioden die höchste Blüte der Kunst in den Schoß gefallen ist, so doch nur, weil ohne diese die volle Reichtumserrungenschaft unsrer Zeit nicht möglich gewesen wäre.

Die Klassengegensätze verschärfen sich

Da die Grundlage der Zivilisation die Ausbeutung einer Klasse durch eine andre Klasse ist, so bewegt sich ihre ganze Entwicklung in einem fortdauernden Widerspruch. Jeder Fortschritt der Produktion ist gleichzeitig ein Rückschritt in der Lage der unterdrückten Klasse, d.h. der großen Mehrzahl. Jede Wohltat für die einen ist notwendig ein Übel für die andern, jede neue Befreiung der einen Klasse eine neue Unterdrückung für eine andre Klasse. Den schlagendsten Beweis dafür liefert die Einführung der |172| Maschinerie, deren Wirkungen heute weltbekannt sind. Und wenn bei den Barbaren der Unterschied von Rechten und Pflichten, wie wir sahen, noch kaum gemacht werden konnte, so macht die Zivilisation den Unterschied und Gegensatz beider auch dem Blödsinnigsten klar, indem sie einer Klasse so ziemlich alle Rechte zuweist, der andern dagegen so ziemlich alle Pflichten. Das soll aber nicht sein. Was für die herrschende Klasse gut ist, soll gut sein für die ganze Gesellschaft, mit der die herrschende Klasse sich identifiziert.

Die Beschönigung der gesellschaftlichen Zustände

Je weiter also die Zivilisation fortschreitet, je mehr ist sie genötigt, die von ihr mit Notwendigkeit geschaffnen Übelstände mit dem Mantel der Liebe zu bedecken, sie zu beschönigen oder wegzuleugnen, kurz eine konventionelle Heuchelei einzuführen, die weder früheren Gesellschaftsformen noch selbst den ersten Stufen der Zivilisation bekannt war und die zuletzt in der Behauptung gipfelt: Die Ausbeutung der unterdrückten Klasse werde betrieben von der ausbeutenden Klasse einzig und allein im Interesse der ausgebeuteten Klasse selbst; und wenn diese das nicht einsehe, sondern sogar rebellisch werde, so sei das der schnödeste Undank gegen die Wohltäter, die Ausbeuter.(5)

Quelle:
Karl Marx/Friedrich Engels, Ausgewählte Werke in sechs Bänden, Bd.VI, S.195f. (die Seitenangaben im Text beziehen sich auf Marx/Engels Werke, Berlin/DDR, 1962, Bd.21)

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