Erwin Strittmatter: Der neue Mensch

Strittmatter

Erwin Strittmatter (1912-1994)

Der Schriftsteller Erwin Strittmatter war Kommunist. In seinen Kurzgeschichten beschrieb er die Veränderungen, welche in den ersten Jahren unserer Republik vor sich gingen. Das Bemerkenswerteste waren wohl die neuen sozialistischen Verhaltensweisen, die sich so nach und nach bei uns herausbildeten. Es waren Beziehungen der kameradschaftlichen Hilfe und gegenseitigen Unterstützung. Hier ist ein Beispiel:

Kollege B. ist der Sohn eines Kleinbauern aus dem Erzgebirge. Sein Wunsch war schon vor dem Kriege, Landwirtschaft zu studieren. Das war im Hitlerstaat für Leute seiner Schicht nicht möglich. B. wurde jung zur Hitlerwehrmacht eingezogen. Während des Krieges kam er in sowjetische Gefangenschaft. Das war seine Lebenswende und sein Glück. Er arbeitete als Kriegsgefangener auf einem Kolchos. Dort lernte er die Sowjetmenschen lieben und ihre Neuerermethoden schätzen.

Kollege B. ist kein Genosse. Er gehört einer unserer Blockparteien an. Nach verschiedenartigen Tätigkeiten in der Landwirtschaft wurde er Leiter eines volkseigenen Gutes. Die Äcker des Gutes, das er übernahm, waren vom Nazibesitzer heruntergewirtschaftet. Die meisten Gebäude waren im Kriege zertrümmert worden. Auf dem Gut hausten arme Menschen, die ausgebeutet worden waren wie die Äcker des Nazigutsbesitzers. Sie gingen in Sacklumpen einher. Einige waren Analphabeten. Als ich jenes volkseigene Gut zum ersten Male besuchte, hatte Kollege B. schon fast eine Musterwirtschaft daraus gemacht. Er verbesserte die Böden systematisch und ließ moderne Viehställe bauen. Eine seiner Erkenntnisse, die er aus der Sowjetunion mitgebracht hatte, setzte er in seinem Betrieb beharrlich in die Tat um: Die Entwicklung hängt von der Behandlung der Menschen ab.

Kollege B. ließ für die Landarbeiter Wohnungen bauen, die weitum als Musterwohnungen galten. Er wußte aber auch, daß sich die Menschen am glücklichsten fühlen, wenn sie sich bei ihrer Arbeit schöpferisch entfalten können. Deshalb suchte er für jeden seiner Arbeitskollegen nach einer entsprechenden Tätigkeit. Einem alten, körperlich nicht mehr sehr rüstigen Mann, von dem seine Arbeitskollegen sagten, er könne nicht viel mehr bestellen, übertrug B. die Stelle des Hofverschönerers und Tankwarts. Der alte Mann säuberte alle Gerümpelecken des Betriebes. Er pflanzte Blumen und Ziersträucher, wo es anging. Daneben versah er die Stelle des Tankwarts. Da er nicht schreiben, nicht lesen konnte, half er sich mit Kreidestrichen beim Anmerken der Literzahlen. Das alles tat der alte Mann mit Eifer. Bis nun hatte ihm niemand in seinem Leben so verantwortliche Aufgaben übertragen. An seiner Monatsabrechnung fehlte nie ein Strich.

Kollege B. hatte ein Fernstudium aufgenommen. Das Studium – sein alter Traum ging in Erfüllung. Als ich ihn eines Abends besuchte, saß der Schweinemeister des Gutes bei ihm am Studiertisch und buchstabierte aus einem Schullesebuch. Der Mann sprang sofort auf und verließ die Stube.
„Weshalb reißt er aus?“
„Es ist ihm peinlich. Er lernt bei mir lesen.“
Ich hatte nicht gewußt, daß der Schweinemeister, der seine Arbeit musterhaft versah und mehrmals prämiiert worden war, nicht lesen konnte. Bisher hatte ihm Kollege B. aus wissenschaftlichen Büchern die Futterzusammensetzungen für die Schweine der verschiedensten Lebensalter vorgelesen. Er hatte so oft lesen müssen, bis sie der Schweinemeister auswendig konnte. Jetzt sollte der Schweinemeister selber lesen lernen.
„Kann er nicht zum Dorflehrer gehn?“
„Nein, er schämt sich und will es bei mir lernen.“
„Hält das Ihr Selbststudium nicht auf?“
„Was nützt mein Studium, wenn er nicht lesen lernt?“
Jeder von uns weiß, daß der neue Mensch, wie wir ihn verstehn, nicht auf Anhieb da ist. „Man kann niemand ins Herz schauen“, heißt’s in einem Sprichwort. Man kann aber an der Verhaltensweise eines Menschen gegenüber der Gesellschaft ablesen, ob da ein neuer Mensch in unserem Sinne heranwächst.

(1958)

Quelle:
Erbe und Gegenwart, Eine Anthologie zur schönen Literatur, VEB Fachbuchverlag Leipzig (DDR), 1962, S.41-42.

Bemerkungen:
a) Die Zahl Analphabeten in der BRD ist weitaus höher als bisher angenommen: Neueste Statistiken besagen, daß 7,5 Mio. Deutsche zwischen 18 und 65 Jahren nicht richtig lesen und schreiben können. Die DDR hatte ca. 17 Millionen Einwohner, aber das gab es in der DDR nicht!
b) Erwin Strittmatter: Die nachträglichen Verleumdungen dieses bedeutenden DDR-Schriftstellers nahmen zeitweilig schon groteske Züge an. Da schrieben beispielsweise ehemalige Schüler einer Erwin-Strittmatter-Schule in der Lausitz (der größte Teil von denen lebte später in Westdeutschland) an den Schulleiter und forderten ihn kategorisch, ja fast drohend auf, er möge doch seine Schule umbenennen. Ein Glück, daß es auch vernünftige Schulleiter gibt, die sich solchen absurden Forderungen nicht beugen. Die Absicht war klar: es ging um die Delegitimierung der DDR, was nichts anderes ist als die Ablenkung von der eigenen braunen Nazivergangenheit der alten BRD!

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4 Antworten zu Erwin Strittmatter: Der neue Mensch

  1. luckyhans schreibt:

    Erinnere mich noch gern an „Ole Bienkopp“ – ES war ein genauer Beobachter und hatte den Kontakt zur Natur noch nicht verloren…😉

  2. hjkessel schreibt:

    Hallo Sascha und Guten Morgen,

    Der Wundertäter, in drei Bänden ist mir vor einiger Zeit in die Hände gefallen. Wenn man so will ist es eine Autobiographie.
    Ich glaube, wenn man nach vielen Jahren solche Geschichten nochmal liest, versteht man den Inhaltt besser, man kann es durch das eigene Erleben besser einordnen, bewerten.

    PS ich muß mich entschuldigen, nicht nur wegen meines Schreibprogrammes, sondern weil ich eine lückenhafte Definition geliefert habe. Es muss heissen Epitheta und nicht Epithea.

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