Boris Polewoj – von Leipzig nach Nürnberg

BorisPolewoj

Boris Polewoj (1908-1981)

In seinem Vorwort zu seinem Nürnberger Tagebuch schreibt der sowjetische Schriftsteller und Journalist Boris Polewoj:

Kein Prozeß in der Geschichte hat in der internationalen Öffentlichkeit so viel Aufmerksamkeit auf sich gelenkt wie der Nürnberger Prozeß gegen die Nazirädelsführer, die Hauptkriegsverbrecher des zweiten Weltkriegs. Schließlich ging es nicht nur um das ungeheure Ausmaß der Verbrechen, die der Nazimsus an der Menschheit verübt hatte und die der Welt im Laufe des Prozesses enthüllt wurden.

Erstmals in der Geschichte der Menschheit saßen Kriegsverbrecher auf der Anklagebank: Die Völker, die Hilters Armeen zerschlagen hatten, richteten die Führer des aggressivsten imperialistischen Staates. Vor aller Welt entlarvt und angeprangert wurde die Naziideologie, dieses Kernstück imperialistischer Ideologie, und an den Naziführernm wurde der Beschluß des Internationalen Militärgerichtshofes die verdiente Strafe vollzogen. Nicht zuletzt zeigte dieser Prozeß, von welch tödlicher Gefahr die Waffentat der Sowjetarmee die Menschheit befreit hatte. (…)

Dagegen erscheinen im Westen in jüngster Zeit Bücher, deren Verfasser die Urteile des Internationalen Militärgerichtshofes in Frage stellen und den Prozeß selbst als geschichtlichen Irrtum auslegen. So westliche Journalisten. So die Anwälte der Verurteilten. So auch die Verurteilten selbst, die ihre Haftzeit verbüßt haben und aufs neue angesehene Bürger der Bundesrepublik Deutschland wurden.

* * *

Bei seinen Vorbereitungen zur Fahrt nach Nürnberg traf Polewoj noch einmal mit dem bulgarischen Arbeiterführer Georgi Dimitroff zusammen. Über diese denkwürdige Begegnung schrieb er in seinem Nürnberger Tagebuch:

Während des Krieges pflegten meine Kollegen Journalisten weidlich zu spotten, sobald ich in freien Stunden Tagebuch führte. Jetzt, wo das schlechte Wetter mich in Sofia festhält und für die «Prawda» nichts zu schreiben ist, nehme ich es mir erneut vor.

GeorgiDimitroff

Georgi Dimitroff (1882-1949)

Übrigens war der heutige Tag nicht vertan. Ich war noch einmal bei Georgi Dimitroff. Wir hatten ein interessantes Gespräch darüber, was auf mich in Kürze zukommen würde. Ich hatte mich bei ihm verabschieden wollen und ihn gebeten, mich zu empfangen. Er hatte zugesagt. Im Dienstzimmer wirkte Dimitroff anders als zu Hause, größer, stattlicher. Sein Gesicht, gesammelt, kantig und gleichsam verjüngt, schien ein wenig abgespannt, doch der Händedruck war energisch und kräftig wie je. Er deutete auf einen Sessel am niedrigen Tischchen, nahm gegenüber Platz und schob mir die kristallene Zigarettendose zu. „Bedienen Sie sich, guter Tabak. Bulgarischer. Ich glaube, besseren gibt es nicht.“
Ich beglückwünschte ihn zu dem Sieg der Volksfront. Fragte nach den Wahlen in Plewen, er lenkte sofort ab.

„Ich hörte, Sie fahren zur Nürnberger Verhandlung. Sie werden also meinen alten Bekannten Hermann Göring sehen? Ich würde allzugern wissen, wie sich der zweite Mann im Hitler Staat jetzt wohl aufführen mag.“ „Sein erster Richter, Georgi Michailowitsch, waren Sie ja damals in Leipzig. Ich weiß noch, wie wir Komsomolzen Ihre Polemik gegen die Staatsanwälte gelesen haben. Wie wir Ihnen in Gedanken zujubelten, als Sie dieses dicke dumme Schwein mitten in der Höhle des Löwen aufs Kreuz gelegt haben.“

Man brachte uns einen aromatischen Kaffee. Das winzige, hauchdünne Schälchen verschwand fast in Dimitroffs großer, kräftiger Hand. Für Augenblicke schloß er die müden Augen, dann sagte er nachdenklich:

„Leipzig ist nicht Nürnberg. Bedenken Sie, die Verhandlung wird keineswegs leicht sein, übrigens rate ich Ihnen, die alten Komsomolvorstellungen von unseren Feinden beizeiten aufzugeben. So einfach ist das alles nicht. Göring, natürlich, ist ein Schwein, aber dumm ist er keineswegs. Sie werden zugeben, es wäre nicht gerade eine große Ehre für mich, hätte ich mich damals in Leipzig lediglich gegen dummes Viehzeug zu wehren gehabt. Wenn Sie die Angeklagten nur als fanatische Geisteskranke darstellen, so werden Sie den Sieg unseres Volkes und der Roten Armee kaum recht würdigen können.“

Er leerte das winzige Täßchen und stellte es mit einer leichten, eleganten Bewegung auf den Tisch zurück, unwillkürlich fiel mir ein, wie er bei sich zu Hause den dicken Fayencebecher mit Wein gehalten hatte.

„Der Nazismus ist das Schlimmste, was der Imperialismus hervorgebracht hat“, fuhr er fort. „Ja, das Schlimmste. Möglicherweise scheint er dem modernen Imperialismus aber auch das Zweckmäßigste zu sein. Dann wäre Hitlers Traum, ein Naziweltreich für wenigstens die nächsten tausend Jahre zu begründen, gar nicht mal der Fieberwahn eines Verrückten, sondern jetzt vielleicht der geheime Wunschtraum des Imperialismus als sozialem System. Viele seiner aktuellen Probleme – der sozialen, nationalen, moralischen – sind ja sehr leicht zu lösen, wenn man die Völker wie Karten durcheinandermischt und Andersdenkende in Krematorien schickt.“

Dimitroff sprach flüssig, ja glänzend russisch, der bulgarische Akzent verlieh seiner Redeweise einen besonderen Reiz.

„Ich habe ja die Vorarbeiten zum Prozeß verfolgt und sage noch einmal: Die Verhandlung wird nicht leicht, vor allem hat sie nicht ihresgleichen in der Geschichte. Die Menschheit hat Kriege, geführt, solange man denken kann, doch nur zweimal wurde versucht, die Aggressoren zu verurteilen. Denken Sie nur an Napoleon, wieviel Menschenleben hat er vernichtet, wieviel Länder verwüstet! Bei uns in den slawischen Ländern wurde er der Antichrist genannt, in den Kirchen wurde er verdammt, und der Wiener Kongreß der Siegermächte versuchte, ihn zu bestrafen. Und wie ging das aus? Man schenkte dem Antichrist die Insel Elba und schuf ihm allen Komfort, damit er seine Memoiren verfassen konnte.“

Mein Gesprächspartner erhob sich, auch ich sprang auf, da die zehn Minuten, um die ich zum Abschiednehmen gebeten hatte, längst um waren.

„Nein, nein, bleiben Sie sitzen. Ich möchte meinen Gedanken zu Ende bringen. 1918 hatte die Entente ebenfalls die Absicht, Wilhelm II. abzuurteilen, im Grunde aber haben ihm seine Gegner selbst die Flucht nach Holland ermöglicht, wo er sein Leben in fürstlichem Gepränge verbringen durfte. Warum? Weil die Ententemächte mit diesem Kaiser Wilhelm auch die Idee der Aggression als solcher und folglich die eigenen Ansprüche auf Eroberung und Aggression hätten verurteilen müssen. Sie fürchteten, einen Präzedenzfall zu schaffen. Sehen Sie, das sagt uns die Geschichte. Und im Volksmund heißt es: Eine Krähe hackt der ändern kein Auge aus.“

Ganz wie ein Junge hockte er sich auf den Rand des Tisches.

„Sehen Sie, was für heikle Probleme auf den Gerichtshof zukommen? Er muß einen Präzedenzfall schaffen, jegliche Aggression verdammen. Mir, Ihnen, uns Kommunisten ist das klar, doch die sowjetische Justiz hat dort nur eine Stimme unter vieren. Ihre Juristen haben ein schweres Amt. Sollte dieser Prozeß zu Ende geführt, sollten die Aggressoren verurteilt werden, die internationalen Gesetze wider die Aggression sich im Leben behaupten können, so wäre das ein großer geschichtlicher Sieg.“

Leise, vertraulich fügte er hinzu: „Ich hätte zu gern selbst gesehen, wie sich die Nazis dort verhalten, wie sie ihre Ideologie zu rechtfertigen und zu verteidigen suchen.“ Er blickte zur Uhr. „Entschuldigen Sie, ich habe Sie aufgehalten. Viel Erfolg!“ Als er mich zur Tür brachte, lächelte er und entblößte eine ebenmäßige Reihe weißer Zähne. Im Morgengrauen startete ich nach Deutschland.

Quelle:
Boris Polewoj, Nürnberger Tagebuch, Verlag Volk und Welt, Berlin (DDR), 1971, S.5-10.

NürnbergerProzeß
Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß 1945-46

In Nürnberg standen die hauptverantwortlichen faschistischen Politiker und Militärs vor Gericht. Die Anklage lautete auf Verschwörung und Verbrechen gegen den Frieden, gegen die Menschlichkeit und auf Kriegsverbrechen. Allerdings weigerten sich die Westmächte, auch Monopolvertreter in diese Anklage einzubeziehen. Hitler, Goebbels, Himmler und andere Hauptkriegsverbrecher waren durch Selbstmord der Verantwortung entflohen. Das Gericht fällte 12 Todesurteile, verhängte 7 Haftstrafen und entschied gegen die Stimme des sowjetischen Anklagevertreters für 3 Freisprüche. (Geschichte, Klasse 9, Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin, 1988, S.207.)

Siehe auch:
Der Nürnberger Prozeß: Epilog
Warum der Faschismus auf fruchtbaren Boden fällt…
Kurt Gossweiler: Die Faschisten in der BRD sind alles andere als harmlos
Der Nürnberger Prozeß: Zitate aus einem Gerichtsverfahren gegen Massenmörder und Kriegsverbrecher

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Boris Polewoj – von Leipzig nach Nürnberg

  1. Pingback: Ist der Kapitalismus entwicklungsfähig? | Sascha's Welt

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s