Die antikommunistische „Totalitarismus“-Doktrin

TotalitarianismMit penetranter Regelmäßigkeit taucht in den Medien der BRD der Begriff des „Totalitarismus“ auf, und einige ewig Unbelehrbare warnen wieder vor rechtem wie vor „linkem Extremismus“. Unverkennbar ist der dem zugrunde liegende Antikommunismus, die offene Feindschaft gegenüber allem, was sich „sozialistisch“ oder gar „kommunistisch“ nennt. Das ist jedoch seit dem verblichenen Goebbels keineswegs eine neue Erscheinung. Hatte selbiger schon das Schreckgespenst der „jüdischen Bolschwisierung“ genutzt, um ein ganzes Volk zum Krieg aufzuhetzen gegen die Sowjetunion, den ersten sozialistischen Staat der Welt, so blasen jene zum Generalangriff auf die wissenschaftliche Weltanschauung der Arbeiterklasse – den Marxismus/Leninismus. Hier nun eine Darlegung zur Kritik der bürgerlichen Geschichtsverkleisterung aus dem Jahre 1977:

Für den Geschichtsprozeß des 20. Jahrhundert ist die Große Sozialistische Oktoberrevolution das entscheidende weltgeschichtliche Ereignis. Obgleich die überwiegende Mehrheit der bürgerlichen Ideologen und Gesellschaftstheoretiker diese unumstößliche Wahrheit nach wie vor nicht anerkennen will, sehen sie sich unter dem Zwang der vom Sozialismus geschaffenen Realitäten veranlaßt, sich immer intensiver mit den Ursachen der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution – dieses Wendepunktes in der Geschichte der Menschheit – und mit ihrem Einfluß auf die Entwicklung in der Welt zu beschäftigen.

Die dubiose Erfindung vom „Totalitarismus“

Das Hauptbestreben der bürgerlichen Historiographie ist dabei darauf gerichtet, sowohl diesen Wendepunkt als auch die nachfolgende historische Entwicklung in der UdSSR und später in den anderen sozialistischen Ländern im Sinne des Antikommunismus umzudeuten. Das geschieht in erster Linie mittels der Doktrin des „Totalitarismus“. (…)
Nach Meinung der bürgerlichen Historiker stellt der „Totalitarismus“ als Inkarnation des geschichtlich Negativen bis 1917 lediglich eine tendenzielle gesellschaftspolitische Möglichkeit dar, die im Kampf der Volksmassen enthalten war (als Modellfall gilt die jakobinische Phase der Französischen Revolution 1793/94). Der im Ergebnis der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution entstandene sozialistische Staat wird dagegen als historisch erstmalig existente „totalitäre Herrschaft“ hingestellt, der „Totalitarismus“ sei damit geschichtliche Wirklichkeit geworden. [1] Als weitere Existenzformen des „Totalitarismus“ werden die 1922 in Italien und 1933 in Deutschland entstandenen faschistischen Diktaturen angesehen.

Worin besteht nun das Lügengebilde?

Die wohl zu den größten historischen Verzerrungen zählende Behauptung bürgerlicher Gesellschaftslehren besteht darin, Faschismus und Sozialismus als wesensgleich hinzustellen. Diese These bildet den eigentlichen Kern der „Totalitarismus“-Doktrin. Unter Mißachtung der historischen Tatsachen und Erfahrungen behaupten die bürgerlichen Ideologen, daß Faschismus und Sozialismus gleichen gesellschaftlichen Ursachen entspringen, wesensgleiche Staats- und Gesellschaftsformen darstellen und in ähnlicher Weise die Menschen unterdrücken und ihrer Freiheit berauben. Als die letztlich entscheidenden Merkmale eines „totalitären Systems“ werden willkürlich die Existenz einer staatsbestimmenden Partei und einer ihr eigenen Ideologie hingestellt. In den konkreten Darstellungen werden von den bürgerlichen Ideologen durchaus einige Unterschiede zwischen Faschismus und Sozialismus eingeräumt. Eine einfache Gleichsetzung dieser einander völlig entgegengesetzten gesellschaftlichen Erscheinungen würde die Geschichtsklitterung zu offensichtlich machen. Andererseits sind die bürgerlichen Ideologen selbst an einer gewissen Differenzierung interessiert, um den Sozialismus als die Hauptgefahr für „Freiheit“ und „Demokratie“ in der Gegenwart verleumden zu können.

Die Klassengegensätze werden verschleiert

Die trotz pseudowissenschaftlichen Gebarens recht simple Anlage und Begründung der „Totalitarismus“-Doktrin darf nicht dazu verleiten, die Massenwirksamkeit dieser Konstruktion zu unterschätzen. In den kapitalistischen Ländern ist diese Doktrin die am weitesten verbreitete Form des Antikommunismus. Ihre unterschiedlichen Erscheinungsformen korrespondieren sowohl mit den primitiven als auch den pseudowissenschaftlich drapierten Formen des Antikommunismus in Vergangenheit und Gegenwart. Die Wirkung der „Totalitarismus“-Doktrin erwächst vor allem aus historischen Scheinbeweisen und aus der vorgetäuschten Antihitlerposition, da sie einzelne faschistische Verbrechen „verurteilt“, gleichzeitig aber die Klassengrundlage des Faschismus negiert und verschleiert. Dabei werden diese Verbrechen verallgemeinert und als charakteristisch für alle „totalitären Herrschaftssysteme“ hingestellt. Ein Hauptanliegen dieser Doktrin besteht darin, die Ablehnung der unbestreitbaren Untaten des Faschismus durch die Volksmassen in Antikommunismus umzukehren.

Der Unterschied zwischen Kommunismus und Faschismus

In Wirklichkeit sind der Faschismus einerseits und der Sozialismus und Kommunismus andererseits zwei grundsätzlich verschiedenartige, absolut entgegengesetzte gesellschaftliche Erscheinungen. Faschistische Bewegungen entstehen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, faschistische Diktaturen bedeuten die Herrschaft der reaktionärsten und aggressivsten, am meisten chauvinistischen Kräfte des Monopolkapitals. Der Sozialismus dagegen ist die Macht der Arbeiterklasse im Bunde mit allen demokratischen Kräften des Volkes. Der Faschismus ist der größte Feind der Demokratie. Brutaler Terror gegen alle Andersdenkenden, Verbot aller demokratischen Organisationen, vor allem der Arbeiterparteien und der Gewerkschaften, Unterdrückung, Einkerkerung und schließlich physische Vernichtung von Millionen Menschen – das war der deutsche Faschismus. Faschistische Politik ist stets abenteuerlich und aggressiv, sie ist gegen die friedliche Koexistenz von Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen gerichtet. Die Kommunisten stehen seit jeher überall in der Welt an der Spitze des Kampfes der Volksmassen gegen Faschismus und Neofaschismus, für Frieden und Demokratie.

Begriffsverwirrung: Was ist „Links“ und was ist „Rechts“ ?

Die „Totalitarismus“-Doktrin kennzeichnen seit ihrer Entstehung bis heute im wesentlichen fünf Verlaufsphasen: die Entstehungsphase vor 1933, die Zeit von 1933 bis 1945, die Phase des „kalten Krieges“ nach 1945 bis Anfang der sechziger Jahre, eine „Übergangsphase“ in den sechziger Jahren und schließlich, daran anknüpfend, ihre jüngste Phase bis zur Gegenwart. Der begrifflichen Fixierung war zunächst die von liberaler und reformistischer Seite in den Auseinandersetzungen der zwanziger Jahre verfolgte politische Praxis in Deutschland und Italien vorausgegangen, ihre Gegner von „rechts“ (Faschisten) und von „links“ (Kommunisten) als wesensverwandt und gleich bekämpfenswert hinzustellen. [2]
Es waren dann profaschistische Theoretiker, die in ihrer Suche nach einer pseudowissenschaftlichen Begründung faschistischer Diktaturen die Lehre vom „totalen Staat“ („stato totalitario“) des 20. Jahrhunderts im Unterschied zum „liberalen Staat“ des 19. Jahrhunderts entwickelten. [3] Die damit verknüpfte Strapazierung des Begriffs „total“ durch die faschistischen Ideologen und Politiker („totaler Staat“, „totale Revolution“, „totaler Krieg“) führte schließlich dazu, daß die faschistischen Diktaturen namentlich in der Gegenreaktion bürgerlicher Kreise, die dem Faschismus ablehnend gegenüberstanden, als „totalitär“ bezeichnet wurden. Die tonangebenden Vertreter jener Kreise verknüpften von Anfang an mit dieser Bezeichnung die gleichzeitige Verleumdung des revolutionären Sozialismus. Nur wenige bürgerliche Demokraten vor und nach 1945 legten dem Begriff „totalitär“ eine eindeutig antifaschistische Aussage zugrunde.

Wie Karl Kautsky die Oktoberrevolution diffamierte…

Im Laufe der dreißiger Jahre, vor allem am Vorabend des zweiten Weltkrieges, trugen rechtssozialdemokratische Kräfte (Rudolf Hilferding, Gurt Geyer, Friedrich Stampfer und andere) maßgeblich zur weiteren Ausformung der „Totalitarismus“-Doktrin bei. Sie stützten sich dabei hauptsächlich auf das von Karl Kautsky nach 1917 zur Diffamierung der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution benutzte Schema „Demokratie oder Diktatur“ [4], wobei sie nunmehr sowohl die faschistischen Diktaturen in Italien und Deutschland als auch den realen Sozialismus in der Sowjetunion gleichermaßen als „totalitäre Diktaturen“ bezeichneten.

Churchill eröffnet 1946 den „Kalten Krieg“

Nach 1945 erblickten führende Politiker in den USA und Großbritannien in der „Totalitarismus“-Version eines der geeignetsten politischen und ideologischen Mittel des „kalten Krieges“ gegen die Sowjetunion und die anderen sozialistischen Staaten. Die Verketzerung des realen Sozialismus als „totalitär“ sollte die Traditionen der Antihitlerkoalition in den USA, Großbritannien und anderen kapitalistischen Ländern rigoros zurückdrängen und ein neues antikommunistisches Feindbild schaffen helfen. Nachdem Winston Churchill in seiner Fulton-Rede 1946 die Abkehr von den Prinzipien der Antihitlerkoalition mit dem Argument der „totalitären Gefahr“ des Kommunismus begründet hatte [5], war es vor allem USA-Präsident Harry S. Truman, der die antikommunistisch orientierte „Totalitarismus“-Doktrin zur Grundlage der gesamten USA-Politik machte. [6] Diesen politischen Bedürfnissen entsprechend, waren in den folgenden Jahren namhafte amerikanische Ideologen (Carl J. Friedrich, Hannah Arendt, Zbigniew K. Brzezinski und andere) eifrig bemüht, der „Totalitarismus“-Konzeption den Anschein der Wissenschaftlichkeit zu geben. [7] Erscheinungen des Personenkults in einigen sozialistischen Ländern begünstigten diese Manipulationen. (s.Anm.– N.G.)

Die reaktionäre Politik der deutschen Sozialdemokratie

Einen ihrer eifrigsten Verfechter im Nachkriegsdeutschland fand diese Doktrin in Kurt Schumacher, dem Vorsitzenden der Sozialdemokratie in den Westzonen. Hatte er schon in seiner 1926 abgeschlossenen Dissertation versucht, „Kommunismus und Faschismus“ zu ähnlich gearteten Feinden der Demokratie zu erklären, so bildete nunmehr die „Totalitarismus“-Doktrin und die von ihr ausgehende Verleumdung der Kommunisten in seinen Händen das ideologische Hauptinstrument, um in den Westzonen und in Westberlin die Einheit der Arbeiterbewegung zu verhindern. Schumacher und seinesgleichen unterstellten der KPD und später der SED, daß sie eine „totalitäre Diktatur“ anstrebten.

Die wahren Ziele der „Totalitarismus“-Doktrin

In den fünfziger Jahren fand die „Totalitarismus“-Doktrin rasche Verbreitung sowohl in der bürgerlichen gesellschaftstheoretischen Literatur als auch in der Massenpropaganda der westeuropäischen Länder, wobei der antikommunistische Grundgehalt des „Totalitarismus“-Konzepts immer prononcierter in den Vordergrund rückte. Besondere Aktivitäten entwickelten sich in der BRD, wo der Antikommunismus zur Staatsdoktrin geworden war. [8] Für die dementsprechenden historischen Arbeiten über den deutschen Faschismus hatte die „Totalitarismus“-Doktrin zugleich den Vorteil, den deutschen Imperialismus und Militarismus von ihrer großen historischen Schuld zu entlasten, indem das Entstehen der faschistischen Diktatur als „Revolutionärer Bruch“ und Ausdruck geschichtlicher Diskontinuität bezeichnet wurde.

Quelle:
Gerhard Lozek, Die antikommunistische „Totalitarismus“-Doktrin. In: Unbewältigte Vergangenheit, Akademie Verlag, Berlin (DDR), 1977, S.38-42. (Zwischenüberschriften von mir – N.G.)

Zitate:
[1] Vgl. Aron, Raymond, Demokratie und Totalitarismus, Hamburg 1970; Schlangen, Walter, Der Totalitarismus-Begriff. Grundzüge seiner Entstehung, Wandlung und Kritik. In: BPZ, 30.10.1970; derselbe, Theorie und Ideologie des Totalitarismus, München 1972.
[2] Vgl. Nitti, Francesco, Bolschewismus, Faschismus und Demokratie, München 1926; Beckerath, Erwin v., Wesen und Werden des faschistischen Staates, Berlin 1927; Heller, Hermann, Europa und der Faschismus, Berlin-Leipzig J929.
[3] Vgl. Schmitt, Carl, Die Wendung zum totalen Staat. In: Europäische Revue, 4/1931; Forsthof}, Ernst, Der totale Staat, Hamburg 4933:
[4] Vgl. Kautsky, Karl, Demokratie oder Diktatur, Berlin 1919. Die wissenschaftliche Unhaltbarkeit diesei konterrevolutionären Anschauungen Kautskys brandmarkte bereits Lenin in seiner Arbeit „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky.“ In: W.I. Lenin, Werke, Bd.28, Berlin 1959, S.227ff.
[5] Vgl. The Wisdom of Winston Churchill, London 1956, S.340f.
[6] Vgl. Special Message to the Congress on Greece and Turkey: The Truman Doctrine (Sonder-, botschaft an den Kongreß über Griechenland und die Türkei: Truman-Doktrin), March 12, 1947, in: Public Papers of the President of the United States Harry S. Truman, Washington 1963, S.1766ff.
[7] Vgl. Arendt, Hannah, The Origins of Totalitarianism, New York 1951 (deutsch: Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft, Frankfurt/M. 1955); Friedrich, Carl, Totalitarian Dictatorship and Autocracy, Cambridge 1956 (deutsch: Totalitäre Diktatur, Stuttgart 1957); Brzezinski, Zbigniew, K., Totalitarianism and Rationality (Totalitarismus und Rationalität), in: The American Political Science Review, L/3/1956, S. 751ff.
[8] Eine besondere Rolle spielten die Arbeiten von Hans Rothfels, Hans Freyer, Werner Markert, Klaus Mehnert, Theodor Schieder, Karl C. Thalheim, Richard Löwenthal und anderen.

Anmerkung:
Prof.Dr.habil. Gerhard Lozek (1923-2008) war in der DDR Dozent für Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED. Wenn er 1977 noch einige „Erscheinungen des Personenkults“ als begünstigend für die zunehmende antikommunistische Tendenz der USA-Politik mit Beginn des Kalten Krieges ausmachte, so schwenkte Lozek 1995 vollends um und behauptete: „In Wirklichkeit resultierte der Kalte Krieg, ebenso wie der Zerfall der Anti-Hitler-Koalition, aus den gesellschaftlichen Systemgegensätzen zwischen den westlichen parlamentarisch-demokratisch verfaßten Staatengruppen unter der Führung der USA auf der einen und dem von Stalinismus durchsetzten diktatorischen Herrschaftsvarianten in der Sowjetunion und später in den Warschauer-Pakt-Staaten unter der Führung der UdSSR auf der anderen Seite. Es ging beiderseitig um imperiale Ziele, vor allem um die Absicherung der im Kriege errungenen Einflußsphären sowie um die Korrektur des status quo zugunsten der jeweiligen Seite.“ (Bearbeitetes Manuskript eines am 28. März 1995 im Berliner Verein „Helle Panke“ gehaltenen Vortrages) Damit begab sich Lozek nachträglich klar auf die Seite der Gorbatschowisten und Gegner der Sowjetunion und stellte so zugleich seine eigenen durchaus richtigen Thesen in Frage, wofür er auch prompt das Lob der bürgerlichen Presse erntete. Lozek ist also ein moderner Revisionist, ein Verräter der Arbeiterklasse. Dennoch waren seine damaligen Ausführungen zum Thema des Totalitarismus  richtig.

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