Ist Lynchjustiz ein berechtigtes Mittel?

Ermordung ungarischer Kommunisten

Ermordung ungarischer Kommunisten während der Konterrevolution 1956

Zugegeben, die Frage ist eigentlich schon deswegen ungenau, weil Lynchjustiz nichts mit Justiz zu tun hat, sehr wohl aber mit Mord, oft auch mit Auftragsmord. Man versteht darunter die grausame Mißhandlung oder Tötung eines Menschen wegen einer angeblichen Straftat durch eine aufgehetzte Menge. Charles Lynch galt im 18. Jahrhundert als ein barbarisch exekutierender Oberst und Richter. Die Liste der meist unschuldigen Opfer, der später vermutlich nach diesem Mann benannten US-amerikanischen Lynchjustiz ist lang. Sie alle starben eines grausamen Todes durch eine mordgierige und rachsüchtige Meute, einen gewalttätigen Mob aufgehetzter Menschen, die sich weder für Schuld noch für Recht interessierten, und die nur eines wollten: den Tod ihres Opfers.
Krankenschwester sowjetische Partisanen Partisanen in Minsk
Von den Nazis gelynchte sowjetische Krankenschwester und Partisanen während des Überfalls des faschistischen Deutschland auf die Sowjetunion (1941-45)


So wurden im Januar 1919 durch konterrevolutionäre Militärs Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet, ihre Leichen warf man in den Landwehrkanal. So ermordeten die Nazis hinterrücks den Genossen Ernst Thälmann. So verhielt sich die SS in den Konzentrationslagern und so handelten auch die Wehrmachtssoldaten in den besetzten Gebieten der Sowjetunion (das Wehrmachts-KZ in Osaritschi, die Ermordung von Soja Kosmodemjanskaja, SS-Massaker in der Ukraine und in Belorußland  u.a.). Daß diese Art von „Hinrichtung“ auch heute noch zu den Traditionen des Militärs gehört, beweisen die immer wieder im Internet auftauchenden Fotos folternder und mordender US-amerikanischer Soldaten. Wer auch immer den Auftrag dazu gab, wer auch immer aufrief zum Mord – die Täter handelten nicht wie Menschen, nein, sie wüteten wie Bestien. Im Jahre 1965 gelang es den beiden DDR-Dokumentaristen Heynowski & Scheumann den berüchtigten „Kongo-Müller“ („Der lachende Mann“) vor die Kamera zu bringen, und zwei Jahre später berichteten sie über „Piloten im Pyjama“ – kaltblütige Killer, die nicht einen einzigen Gedanken daran verschwendeten, wen sie da töteten – Kinder, Frauen, Greise – es war für sie ohne Bedeutung (Massaker von My Lai). So wurden die Genossen Gottwald, Bierut, Thorez und Togliatti ermordet. So wurden ungarische Kommunisten während der Konterrevolution 1956 bestialisch ermordet (Bild oben). Und so wurde schließlich auch der Kommunist Prof. Iljuchin ermordet.


Daß es 1990 in der DDR nicht auch zu solchen kriminellen Aktionen kam, mag ein Zufall gewesen sein, vielleicht aber auch die Besonnenheit der Verantwortlichen in der „Noch-DDR“. Und die spielten dabei keineswegs immer eine heldenhafte Rolle.

Im Fall von Erich Honecker konnte seine Ermordung wohl gerade noch verhindert werden. Trotz schwerster Krebserkrankung war Genosse Honecker aus seiner bisherigen Wohnung verwiesen worden. Nach diversen Zwischenstationen hatte das Ehepaar Honecker bei einer Pfarrersfamilie in Lobetal Asyl gefunden. Auch hier nahm der Druck zu, verstärkte sich die Verfolgung. Und es war vorgesehen, Margot und Erich Honecker bis zu einer Regelung im Gästehaus des Ministerrats in Lindow unterzubringen. Den Auftrag dazu hatte der damalige Vorsitzende des Ministerrats, Hans Modrow, erteilt. Hatte sich das ehemalige Politbüromitglied Modrow oder irgendein anderer leitender Funktionär persönlich um seine ehemaligen Genossen gekümmert? Nein – soweit ging die Liebe nicht. Diese Leute hätten es wohl auch achselzuckend zur Kenntnis genommen, wenn das geschaßte Staatsoberhaupt der DDR, der ehemalige Staatsratsvorsitzende und seine Ehefrau zu Schaden gekommen wären… Ein namentlich nicht genannter Genosse, der für die Sicherheit der Familie Honecker zuständig war, berichtete folgendes:

Donnerstag, 29. März 1990. Mit den Frauen der Rechtsanwälte Prof.Vogel und Prof.Wolf fahre ich nach Lindow, um die Verlegung von Lobetal nach Lindow vorzubereiten. Anschließend informieren die beiden Frauen das Ehepaar Honecker. Sie sind mit der Verlegung und den räumlichen Gegebenheiten einverstanden. (…)

Freitag, 30.März 1990. Zwischen 18.00 Uhr und 19.00 Uhr trifft der Konvoi mit dem Ehepaar Honecker in Lindow ein. Im Gefolge 8 Personenschützer und Rechtsnwalt Wolf. Diese verabschieden sich nach ca. 1 Stunde und ich habe damit für alles weitere die alleinige Verantwortung. Schon gegen 20.00 Uhr versammeln sich Hunderte von Gegnern der Verlegung von Erich Honecker in das Gästeheim des Ministerrates in Lindow zu einer Demonstration. Sie fordern das sofortige »Verschwinden« Honeckers aus Lindow. Sie schreien lautstark, daß am nächsten Vormittag mehr als tausend Menschen demonstrieren werden. Dazu werde ein Lautsprecherwagen, der bis Neuruppin und Umgebung fährt, aufrufen. Die Demonstration an diesem Abend dauert bis ca. 22.00 Uhr.

Sonnabend, 31. März 1990. Morgens im Speisesaal des Gästeheims werde ich vom Ehepaar Honecker begrüßt. Es ist noch relativ ruhig. Gegen 9.00 Uhr versammeln sich vor dem Tor des Heims die ersten Demonstranten. Innerhalb einer weiteren Stunde sind es dann über 1000.

Sie sind mit Knüppeln und Brechstangen gekommen. Sie fordern immer lauter, daß der Verantwortliche zu ihnen in Menge kommen soll. Ich ging nach draußen und stand sofort mitten unter den Massen. Neben mir ein »Trabant«, auf dem Dach ein Lautsprecher und mir wird ein Mikrofon in die Hand gedrückt. Ich soll Rede und Antwort stehen. Die Menge bringt ihren Haß auf die Staatssicherheit zum Ausdruck und fordert im Kern die unverzügliche Ausweisung von Erich Honecker aus dem Gästeheim. Nach ca. 30 bis 40 Minuten ziehe ich mich unter dem Protest der Massen zurück, um mit Prof. Vogel zu sprechen. Ich schildere ihm die Situation im Detail und schlage vor, die Aktion abzubrechen. (…)

Da sich die Lage in dieser Zeit nicht entschärft, sondern im Gegenteil noch zuspitzt rufe ich wieder an. Er ist einverstanden, den Abtransport des Ehepaars einzuleiten. Er sagt zu, sofort mit dem Pfarrer in Lobetal zu sprechen, damit dieser das Ehepaar noch einmal für 1-2 Tage aufnimmt bis der neue Aufenthaltsort geklärt ist. Im Verlaufe des Vormittags muß ich am Telefon die verschiedensten Fragen von Medienvertretern beantworten, insbesondere von BBC.

Von dem Entschluß, das Gästeheim zu räumen, habe ich sofort das Ehepaar Honecker informiert. Margot darauf: »Na, wenn Du kommst, dann ist das nichts Gutes.« Erich Honecker ist sichtlich niedergeschlagen, er nimmt eine Tablette. Gleichzeitig informiere ich den derzeitigen Innenminister, Lothar Ahrendt, der den Offizier vom Dienst, einen General, beauftragt, den Konvoi zusammenzustellen. Das dauert mehrere Stunden, weil alle Betreffenden im Wochenendurlaub sind.

Gegen 16.00 Uhr kommt der Konvoi mit 4 PKW – einer für den Kommandanten, ein zweiter für Erich und Margot Honecker, der dritte und vierte für 8 Personenschützer. Den Kommandanten informiere ich über den Vorschlag zur Abfahrt des Konvois, den ich vorher mit den Beteiligten abgesprochen hatte. Danach wird der Konvoi von jeweils zwei Personen rechts und links der Fahrzeuge eskortiert. Die betreffenden vier Personen sind der Pfarrer, ein sogenannter Bürgerrechtler, der Bürgermeister und ein Gemeindevertreter von Lindow.

Der Pfarrer, der extra seinen Urlaub unterbrochen hatte, spielt insgesamt eine positive Rolle. Er läßt sich auf einen Disput mit den Massen ein, fragt lautstark: »Wollt ihr, daß ich Honeckers bei mir zu Hause aufnehme?« Klare Ablehnung! Er versucht den Protest einzudämmen, indem er sagt, daß das Ehepaar Honecker im Verlauf des Nachmittags das Gästeheim verlassen wird. In diesem Zusammenhang stellt er den Massen die Frage: »Wollt ihr, daß der Konvoi unter Polizeischutz die Menge durchquert oder bildet ihr eine Gasse?« Lautes Ja!

Als der Konvoi eintrifft, gehe ich zu Erich und Margot Honecker und sage ihnen, daß wir jetzt zum Auto gehen müssen. Ich gehe mit beiden zum Auto. Gegen 16.30 Uhr setzt sich der Konvoi in Bewegung. Er ist kaum am Anfang der Gasse, als Gewalttätige mit Stöcken und Brechstangen auf das Auto von Honecker einschlagen. Der Pfarrer und die anderen begleitenden Personen versuchen, in einem ausufernden Handgemenge die Angreifer zurückzudrängen. In Anbetracht des Ernstes dieser Situation beordern wir auf der Stelle Verkehrspolizisten zum Einsatz, die die Weiterfahrt absichern sollen. Ein Polizist, der zurückkommt sagt wörtlich: »Das sind keine Menschen, das sind Tiere!«

Ich verfolge alles von der Pförtnerloge aus und sehe, daß eine Gaswolke von den Fahrzeugen aufsteigt. Jetzt weiß ich, daß es geschafft ist und sie auf freier Straße sind. Ich bin zu diesem Zeitpunkt in einer nicht zu beschreibenden körperlichen Verfassung…“

Quelle:
Freundeskreis Heinz Keßler (Hrsg.): Die Sache aufgeben, heißt sich selbst aufgeben, Festschrift für Heinz Keßler zum 90.Geburtstag, Verlag Wiljo Heinen Berlin, 2010, S.101-104.

Siehe auch:
Der politische Mord im Auftrag der Bourgeoisie
Ein sowjetischer General und der Massenmörder Müller

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Ist Lynchjustiz ein berechtigtes Mittel?

  1. Pingback: Auftragsmord (Made by CIA) | Sascha's Welt

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s