Die manipulierende Wirkung der Sprache

manipulaciaDie Welt ist erkennbar. Dieser einfache Grundsatz des dialektischen Materialismus ist oft genug bestritten worden. Vor allem aber von denjenigen, die an einer Veränderung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse nicht interessiert waren. Um so wichtiger ist es heute, zu erkunden, wodurch sich unsere Auffassung und unser Verständnis für die uns umgebende Wirklichkeit herausbildet. Nehmen wir mal die Begriffe: Wer oder was sind eigentlich „moderate Rebellen“ oder „friedliche Aktivisten“ und wer bezahlt sie? Wer sind denn die Angreifer und wer verteidigt sich? Wer sind die Opfer und wer die Täter? Die Gedanken sind das wichtigste Werkzeug des Menschen, um die Wirklichkeit adäquat, also ihr entsprechend abzubilden. Doch die Gedanken sind beeinflußbar, und dabei spielen die Massenmedien eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die bürgerlichen Massenmedien lügen mit jedem Wort! Darauf weist auch Georg Klaus in seinem Buch „Die Macht des Wortes“ hin. Er schreibt:

Mit Hilfe der neuen Massenkommunikationsmittel wie Zeitung und Rundfunk, Fernsehen und Film können Millionen von Menschen ohne zeitlichen Verzug und nahezu an beliebigen Orten die gleiche Nachricht empfangen; auf Grund der technischen Möglichkeiten ist den Menschen eine Fülle verschiedenartiger Nachrichten zugänglich. Diesem Umstand muß sowohl bei einer erkenntnistheoretischen Untersuchung der Faktoren, die auf den Menschen einwirken, als auch bei einer historisch-materialistischen und soziologischen Analyse des gesellschaftlichen Bewußtseins Rechnung getragen werden.

Die versteckten Wirkungen einer Nachricht

Dabei ist z.B. zu beachten, daß der durch die Massenkommunikationsmittel realisierte Kommunikationsakt bestimmte Besonderheiten von soziologischer Bedeutung aufweist: so ist etwa die Rückkopplung zwischen Sender und Empfänger sehr viel komplizierter als beim natürlichen Kommunikationsakt. Daraus ergeben sich einerseits besondere Anforderungen an die Gestaltung der Nachricht. Andererseits erhöhen sich aber auch die Gefahren des Mißbrauchs, der Manipulierung; wenn der unmittelbare Kontakt zum Sender einer Nachricht erschwert ist, dann verhält sich der Empfänger dieser Nachricht gegenüber unbeteiligter und damit auch unkritischer, zumindest nimmt die Kritik andere Formen an und wird auch in ihrer Motivierung komplizierter.

Zeitungs- und Rundfunkwesen, Fernsehen und Film haben sich in der jüngsten Vergangenheit stürmisch entwickelt und besitzen heute außerordentlich große Bedeutung für die ideologische und politische Beeinflussung der Massen. Deshalb, muß den angedeuteten Möglichkeiten und Besonderheiten dieser Kommunikationsarten vor allem Rechnung getragen werden bei einer richtig betriebenen Propaganda und Agitation, aber auch bei einem wirksamen. Kampf gegen den Mißbrauch der Massen-kommunikationsmittel.

Warum haben Nachrichten oft eine so große Wirkung?

Der pragmatische Aspekt der semiotischen Analyse wird in den kapitalistischen Ländern systematisch sowohl als Mittel als auch als theoretische Grundlage für eine politische und soziologische Propaganda ausgebaut, die vom Antikommunismus und seinen Schlagworten bis zur Lehre vom Verschwinden der Klassengegensätze, von der Betriebsharmonie und Betriebsdemokratie bis zur Reklame für die angeblich beste Zahnpasta reicht. Es ist in marxistischen Kreisen vielfach üblich geworden, über diese Form der geistigen Aktivität der imperialistischen Ideologen entweder zu lächeln oder sie empört als Massenbetrug und Massenverdummung abzutun. Es geht aber nicht schlechthin darum!

Gehen wir den Dingen auf den Grund!

Wissenschaftlich interessant ist in erster Linie doch die Frage, weshalb diese Methoden mindestens teilweise Erfolg haben und sich manchmal tatsächlich als außerordentlich wirkungsvoll erweisen. Will man die ideologische Auseinandersetzung allseitig und für den Sozialismus maximal erfolgreich führen, so muß man den Gegner und seine Waffen kennen. Die Semiotik, insbesondere ihr pragmatischer Aspekt, ist eine dieser Waffen. [1]

Die Sprache verrät die Ideologie

Die Geschichte lehrt uns, daß jede Ablösung einer alten Gesellschaftsordnung durch eine neue im Zeichen erbitterter Klassenkämpfe vor sich geht. Diese Klassenkämpfe spiegeln sich im gesellschaftlichen Bewußtsein wider und nehmen dort den Charakter eines Kampfes der Ideen und der Ideologien an, und sie spiegeln sich auch in der Terminologie wider, in der die verschiedenen Klassen ihre Auffassungen formulieren, sowie überhaupt in der Art und Weise, in der die verschiedenen Klassen sprachliche Mittel einsetzen, um ihre Auffassungen zu verbreiten.

Beispiel 1: Der Einfluß der USA

Mit dem zweiten Weltkrieg verlor der deutsche Imperialismus seine Eigenständigkeit weitgehend, und er hat sie bis heute nicht völlig wiedererlangt. Er mußte sich in den Juniorpartner des amerikanischen Imperialismus verwandeln. Dieser politischen Entwicklung entsprach ein breites Einströmen der spezifisch amerikanischen Ideologie des Imperialismus und zusammen damit eine Veränderung der gesellschaftlichen, insbesondere der wirtschaftlichen Leitbilder. Eine ganze Reihe neuer Wörter, die für den amerikanischen Imperialismus und seine Ideologie typisch sind, wurden in Westdeutschland gang und gäbe. In breiten Kreisen der Bevölkerung nennt man den Führer eines Unternehmens, einer größeren Gruppe von Menschen oder einer Bande nicht mehr Führer, wie zu Hitlers Zeiten, sondern boss, man sucht sich keine Arbeit mehr, sondern einen Job.

Erscheinungen dieser Art sind in der Geschichte einer Sprache durchaus keine Seltenheit; häufig bleiben es Randerscheinungen, die nach wenigen Jahren wieder verschwinden, gelegentlich können sie aber auch als feste Bestandteile in eine Sprache eingehen. Ein beachtlicher Teil der Fremdwörter in einer Sprache geht gewöhnlich auf das Einströmen bestimmter Ideologien und Lebensweisen zurück. Je nach den gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen dies geschieht, können diese Erscheinungen einen progressiven oder reaktionären Klasseninhalt haben. Wir müssen solchen Prozessen besondere Aufmerksamkeit schenken, weil sie heute, gerade durch die Massenkommunikationsmittel, also über die Sprache, in stärkerem Maße beeinflußbar sind und weil so auf eine indirekte Art Ideologien verbreitet werden.

Beispiel 2: Mißbräuchliche Begriffe

Nachdem Hitlers „Neuordnung Europas“ gescheitert war, versuchte der westdeutsche Imperialismus, die Europaidee neu zu konzipieren. Zu diesem Zweck griff man auf ältere Abendlandkonzeptionen zurück, prägte aber auch neue Wörter wie Pan-Europa, europäische Integration, Europäische Wirtschaftsgemeinschaft usw. Auch diese Wörter, einmal entstanden, entwickeln eine bestimmte Eigengesetzlichkeit und werden wirksam. Sie haben die Aufgabe (und erfüllen sie bis zu einem gewissen Grade auch), die tatsächlichen Ziele des westdeutschen Imperialismus zu verschleiern.

Sie versuchen, das als einen übernationalen Zusammenschluß auszugeben, was in Wirklichkeit nur eine neue Form des Hegemoniestrebens des westdeutschen Imperialismus ist. Natürlich ist der Kampf, um den es hier geht, in erster Linie ein ökonomischer und politischer. Aber nichts wäre verkehrter, als die Rolle des pragmatischen Aspektes der Sprache in diesem Kampfe zu unterschätzen. Es handelt sich hier im Grunde um eine besondere Form der Sprachregelung, die letzten Endes der Irreführung dient.

Zur gleichen Gruppe von Tatsachen gehört z.B., daß kein Aggressor sein Vorgehen als Aggression bezeichnen wird, sondern nur als Verteidigung, Befreiung oder Vergeltung, oder daß in den Berichten der faschistischen deutschen Wehrmacht ein Rückzug immer als planmäßig, besser noch als Frontbegradigung ausgegeben wurde. Der Extremfall dieser Art von Sprachregelung ist das gesellschaftliche Verbot, bestimmte Wörter zu verwenden, die Tabuierung; eine Erscheinung, die durchaus auch im politischen Bereich üblich ist, wenn wir etwa an die Tabuierung der korrekten Bezeichnung unseres Staates durch die westdeutsche Regierung denken.

Beispiel 3: „Der Kampfbegriff“

Einer dritten Gruppe von Tatsachen liegen die Konnotationen und Bewertungen zugrunde, die mit Wörtern und Sätzen verbunden sein können, so daß sie imstande sind, bestimmte Einstellungen hervorzurufen, die das Verständnis in bestimmter Weise beeinflussen können und natürlich auch im Sinne bestimmter Klasseninteressen Einfluß ausüben können. Daß es solche Konnotationen und Bewertungen gibt, ist in der Linguistik lange bekannt, bisher ist es allerdings kaum gelungen, exakte Aussagen über diese Komponente zu machen.

In jüngerer Zeit gibt es auch Versuche von psychologischer Seite, zumindest einer exakten Beschreibung näherzukommen. Besser bekannt – und auch, im Klassenkampf ausgenutzt – sind die Wirkungen, die von solchen Konnotationen und Bewertungen ausgehen. Wörter wie „Kommunist“ oder „rot“ sind für manche Klassen negative Wörter, für andere positive. Es ist deutlich, daß es sich hier nicht um Komponenten der Bedeutung dieser Wörter handelt, sondern um einen Reflex der Einstellung der betreffenden Klassen zum Kommunismus und zu „rot“ als Symbol für den Kommunismus. Solche Bewertungen und Einstellungen können durch eigene Erfahrungen gestützt, sie können aber auch einfach ein in der betreffenden Gemeinschaft häufiges Stereotyp sein. Dies wird besonders dann der Fäll sein, wenn es keine Möglichkeit zur selbständigen Überprüfung der Bewertungen gibt; wenn der Sprecher z.B. in einem Staat lebt, in dem die Kommunisten eine unterdrückte illegale Minderheit sind. Unter diesen Bedingungen kann es dem Propagandaapparat der herrschenden Klasse bis zu einem gewissen – allerdings nur bis zu einem gewissen! – Grade gelingen, Wörter wie „Kommunist“ öder „rot“ zu Symbolen für Verdammenswürdiges schlechthin zu machen.

Dann kann jede mißliebige Person als Kommunist, jede oppositionelle Bewegung als kommunistisch oder rot bezeichnet werden. Beispiele dafür sind aus dem politischen Leben der USA und Westdeutschlands hinreichend bekannt. Eine Aufgabe systematisch betriebener Pragmatik besteht deshalb darin, auch diesen Aspekt zu analysieren. Die Geschichte ist überaus reich an derartiger Problematik. [2]

Die Klarheit der Gedanken

Normalerweise schreitet das Denken fort vom Konkreten zum Abstrakten und es bildet sich begriffliche Klarheit heraus. Nicht selten entsteht aber auch Verwirrung. Erst die Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten läßt es zu, richtige Entscheidungen für die Gegenwart und klare Schlußfolgerungen für die Zukunft zu ziehen. Sobald wir aber den Bereich der bisher erkannten Gesetze, sobald wir den Boden des Marxismus-Leninismus verlassen, fängt das Denken an, willkürlich zu werden. Und das eben führt zu Verwirrung: Begriffe werden mißbräuchlich verwendet, Ursachen werden mit Wirkungen vertauscht, Wesentliches mit Unwesentlichem, und im Kopf herrscht ein heilloses Durcheinander. Daher ist es zunächst wichtig, die sprachliche Klarheit wiederherzustellen. Oder wie Karl Marx und Friedrich Engels schon 1846 in einem Kommentar zur „Deutschen Ideologie“ feststellten:

„Für die Philosophen ist es eine der schwierigsten Aufgaben, aus der Welt des Gedankens in die wirkliche Welt herabzusteigen. Die unmittelbare Wirklichkeit des Gedankens ist die S p r a c h e. “ [3]

Quellenangabe:
[1] Georg Klaus, Die Macht des Wortes – Ein erkenntnistheoretisches Traktat,
VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin, 1969, S.29.
[2] Georg Klaus, ebd., S.39-41.
[3] Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, In: Marx-Engels-Werke, Berlin 1978, Bd.3, S.432.

(Zwischenüberschriften von mir – N.G.)

Prof.Dr.Georg Klaus(1912-1974)
DDR-Philosoph, Mit-Herausgeber
des Philosophischen Wörterbuchs

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