Eine entfremdete Wirklichkeit…

 

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Verlassene Eigenheimsiedlung in New Orleans (USA)

„Es steht ein Haus in New Orleans“, so heißt es in einem schönen Lied. Doch wie sieht es in Wirklichkeit aus? Die Erkenntnis ist nicht neu, daß viele Menschen im Kapitalismus in einer Scheinwelt leben, in einer Parallelwelt, die mit der Wirklichkeit nicht viel Gemeinsames hat. Da werden kulturelle Ereignisse diskutiert, das neueste Buch besprochen, Konzerte besucht oder Sportveranstaltungen, da wird sich ausgetauscht über irgendwelche technischen Lösungen oder Backrezepte, während anderswo Bomben fallen, Menschen hungern oder ums nackte Überleben kämpfen. All das scheint den immer noch gut bezahlten Lohnarbeiter, den einigermaßen zufriedenen Rentner, den Staatsdiener, den Beamten nicht zu interessieren. Katastrophen sind im allgemeinen schnell vergessen, denn das nächste Ereignis steht schon vor der Tür. Business as usual! The show must go on! Von einem proletarischen Klassenbewußtsein kann da nicht die Rede sein. Oft nicht mal bei denen, die von allerlei Ungemach selbst betroffen sind. Die – zugegeben – etwas verknappte Wiedergabe des folgenden Textes zeigt wieder einmal, daß es nicht nur darauf ankommt, die Welt zu interpretieren, sondern sie zu VERÄNDERN…

In seiner Abhandlung über „Die Lebensweise der Menschen und ihre Dialektik“ schreibt der japanische Philosoph Shigeru Iwasa:

Nach dem zweiten Weltkrieg hat sich die Art und Weise, wie die Japaner leben, grundlegend verändert. Der Aufschwung der Wirtschaft vor allem in den sechziger Jahren hat den Lebensstandard erhöht, die Bedürfnisse vervielfacht, die Freizeit und die Betätigungen in der Freizeit erweitert und den Konsum mannigfaltiger gestaltet. Diese Veränderungen beruhen auf der Entwicklung von Wissenschaft, Technik und der sich auf diese stützenden großen Industrie. Zugleich haben die Entwicklung der großen Industrie und der Aufschwung der Wirtschaft auf der Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise die Entfremdung im Arbeits- und im Konsumtionsprozeß verstärkt und viele weitere komplizierte soziale Probleme hervorgebracht.

Die Jagd nach Profit bestimmt das Leben

Die Logik des Kapitals setzt sich nicht nur im Bereich der Arbeit, sondern überall im Leben durch. Auch die Konsumsphäre ist ein Markt für die Jagd nach Profit geworden. Der Drang nach profitablen Geschäften beherrscht die Massenmedien und stimuliert über diese die Bedürfnisse der Konsumenten. Eine Tendenz zum Rückzug auf das Privatleben sowie der Fortgang von Heteronomie und Gleichschaltung der Lebensweise sind zu beobachten.

Der Wirtschaftsaufschwung produziert neue Formen der Armut und ruft soziale Probleme hervor. Rationalisierung, Umweltverschmutzung, psychische Erkrankungen, Kriminalität, Niedergang der Erziehung und Zerfall der Familie seien als Stichworte genannt. Die Umwelt wird zerstört, die Gesundheit der Menschen nimmt Schaden, auch die traditionelle Kultur und Lebensweise des Volkes wird davon betroffen. Eine rigorose Umgestaltung und Ausbeutung der Natur gefährdet das ökologische Gleichgewicht zwischen dem Menschen und seinen natürlichen Lebensbedingungen.

Auswirkungen auf das Bewußtsein der Menschen

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Eine verlassene Bibliothek in New Orleans (USA)

Überaus verhängnisvoll sind die Auswirkungen auf das Bewußtsein der Menschen. Ihr geistiges Leben verkümmert und, wie es scheint, steht die geistige Armut im umgekehrten Verhältnis zum materiellen Reichtum. Diese Erscheinungen sind das Resultat der entfremdeten Arbeit; können als »Entfremdung vom Leben« bezeichnet werden, Marx hat den Begriff »entfremdete Arbeit« als die Entfremdung des Menschen vom Produkt der Arbeit, von der Arbeit selbst, von seinem Gattungswesen und als Entfremdung des Menschen von dem Menschen bestimmt.[*]

Und Shigeru Iwasa zieht daraus die Schlußfolgerung, daß sich der Mensch von seiner Lebenstätigkeit und somit von sich selbst entfremdet. Die Überwindung dieser Entfremdung sei folglich eine sehr wichtige Aufgabe der Gegenwart. Er führt weiter aus:

Eine Voraussetzung für diese Überwindung besteht darin, dem Individuum bewußt zu machen, daß es sich durch Konsumtion um der Konsumtion willen nicht bestätigen und kein erfülltes Leben führen kann. Das bedeutet eine Veränderung der Wertvorstellungen. Diese Veränderung kann nur im weiteren Fortgang des Kampfes für die Beseitigung der entfremdeten Lebensbedingungen vonstatten gehen.

Wie soll das Leben verändert werden?

In diesem Kampf werden erstens neue Beziehungen einer demokratischen Zusammengehörigkeit und Solidarität der daran beteiligten Individuen und eine neue, sich auf das Prinzip der Gemeinschaftlichkeit stützende Lebensweise geschaffen. In diesem Kampf kann auch die Entfremdung im Konsumleben überwunden werden. Zweitens wird durch diese Entwicklung den Individuen die Gelegenheit gegeben, die manipulierten Bedürfnisse einer nur dem Profitstreben der Freizeitindustrie dienenden Konsumtion zu überwinden.

Die Umgestaltung der entfremdeten Lebensbedingungen und die Überwindung des entfremdeten Konsumlebens sind also als eine Einheit zu fassen. Und damit ist dieser Prozeß selbst nichts anderes als die Bildung des Subjekts, das die Entfremdung überwindet. In einem hochentwickelten kapitalistischen Land wie Japan ist es vor allem praktisch wichtig, das Subjekt herauszubilden, das die Entfremdung vom Leben überwindet und die Wirklichkeit verändert. Dieses Subjekt bildet sich im täglichen Leben durch Zusammenwirken und Solidarität der Individuen im schöpferischen Prozeß der Gestaltung und Entwicklung ihrer eigenen Lebensweise.

[*] Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte. In: MEW, Bd.40, S.517/518.

Quelle:
Shigeru Iwasa, Die Lebensweise der Menschen und ihre Dialektik. In: Marxistische Dialektik in Japan, Dietz Verlag, Berlin, 1987, S.153-167.

(Bilder: New Orleans, eine verlassene Stadt in den USA)

Nachtrag: Beim besten Willen – so wird kein Schuh daraus! Man kann nicht erwarten, daß mit der „Bildung des Subjekts“ und der „Überwindung der Entfremdung“ hokuspokus eine neue, solidarische Gesellschaft entsteht. Der Prozeß der Überwindung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse ist ohne jeden Zweifel ein gewaltsamer Prozeß. Denn freiwillig wird die Bourgeoisie nicht auf ihre Privilegien, ihre sprudelnden Einkommensquellen, das Eigentum an den Produktionsmitteln, und auf ihre Macht und Herrlichkeit verzichten. Um diesen derzeitigen, unerquicklichen Zustand ändern zu können, bedarf es einer recvolutionären Klasse und der Führung durch eine Avantegarde. Letzteres kann nur eine kommunistische Partei sein, eine Partei die gut organisiert ist und fest auf dem Boden des Marxismus-Leninismus steht. Anders geht das nicht!

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