Geschichte der DDR: Der Bauarbeiter Johann Blender

StalinalleeNach der Zerschlagung des deutschen Faschismus begann auch in der DDR der Wiederaufbau der Industrieanlagen und der zerstörten Städte und Dörfer. Ein zentrales Anliegen der Regierung der DDR war es, vor allem den Arbeitern nunmehr endlich menschenwürdige Behausungen zu schaffen. Denn die Macht der Monopole war mit der Gründung unserer Republik beseitigt worden und nun konnte eine neue Gesellschaftsordnung errichtet werden: der Sozialismus. Einer, der mit dabei war, als in unserer Hauptstadt Berlin die Stalinallee erbaut wurde, war der Bauarbeiter Johann Blender. Er hatte einen Etagenkran mit einer Tragkraft von 750 kg weiterentwickelt, wodurch die Rüstung für den Bauaufzug wegfallen konnte und die Bauarbeiter nicht mehr die schweren Lasten von einem Stockwerk zum anderen tragen mußten, sondern das Material direkt an den Arbeitsplatz gestellt werden konnte. Johann Blender schrieb über diese Zeit:

Johann Blender BildAls Richtmeister für Stahlkonstruktionen war ich fast 15 Jahre in einem Betrieb des Thyssen-Konzerns tätig und habe daher mehrere Konzernherren aus nächster Nähe kennengelernt. Einige Erlebnisse veranlaßten mich, über ihre Tätigkeit nachzudenken. Während des zweiten Weltkrieges erzählten mir meine Kollegen auf verschiedenen Baustellen in Deutschland, daß sie vom Thyssen-Konzern in die von den faschistischen Armeen besetzten Gebiete der Sowjetunion geschickt wurden, um in Odessa, Kiew, Rostow und anderen Städten Filialen des Thyssen-Konzerns zu errichten. Diese Bestrebungen der deutschen Konzernherren, sich der sowjetischen Industrien zu bemächtigen, scheiterten an der Stärke und Schlagkraft der sowjetischen Armeen.

Nach dem Zusammenbruch Hitlerdeutschlands waren wir werktätigen Menschen der Auffassung, daß auf der Grundlage des Potsdamer Abkommens die Entmachtung der Monopolherren in ganz Deutschland durchgeführt wird. 500 Kollegen des in Westberlin gelegenen Thyssen-Konzerns begannen im Frühjahr 1945 aus eigener Initiative sofort mit der Ingangsetzung des Betriebes. Reparaturkolonnen nahmen die Wiederherstellung zerstörter Brücken in Angriff. Das einzige Kapital, das uns zur Verfügung stand, war die Arbeitskraft und der Wille der Kollegen, die Trümmer des Hitlerkrieges zu beseitigen und ein besseres Leben, frei von Krieg und Ausbeutung, aufzubauen.

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Als die Produktion angelaufen war, wurde uns von der britischen Kommandantur in Westberlin der ehemalige Nazi-Generaldirektor Junge ins Werk gesetzt, um im Auftrage des Thyssen-Konzerns den Betrieb wieder zu übernehmen. Da unserer Auffassung nach Kriegsverbrecher hinter Schloß und Riegel gehören, wählten wir Arbeiter der Thyssen-Filiale eine Delegation, der ich selbst angehörte, um bei dem damaligen britischen Kommandanten, Major Brenford, gegen die Begünstigung dieses Kriegsverbrechers und Mitgliedes der Nazipartei zu protestieren. Die Delegation wurde, ohne ihr Anliegen überhaupt vorbringen zu können, abgewiesen. Aus Protest gegen diese offene Bevorzugung eines Kriegsverbrechers entstand nach 1945 in Westberlin der erste größere Streik. Der Erfolg dieser Aktion war, daß der Generaldirektor mit der beschmutzten Weste durch einen Vertreter des Mitteldeutschen Stahlkonzerns ausgewechselt wurde, der, wie sich bald herausstellte, ebenfalls ein rücksichtsloser Vertreter der Interessen des Monopolkapitals war.

Nachdem ich der britischen Besatzungsmacht und den Vertretern des Thyssen-Konzerns in Westberlin unangenehm aufgefallen war, war es mir nach der Spaltung Berlins nicht mehr möglich, in Westberlin Arbeit zu finden. Zu dieser Zeit bestand mein persönliches Eigentum, das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit, aus einigen Utensilien, die in einem Persilkarton Platz hatten. Nach meinem Umzug in den demokratischen Sektor konnte ich als Mitarbeiter des volkseigenen Betriebes Bau seit 1947 alle meine Erfahrungen in den Dienst des Fortschrittes stellen. Die Werktätigen hatten hier nach 1945 genauso begeistert mit dem Aufbau begonnen, wie wir im Thyssen-Konzern. Da aber die Betriebe der Konzernherren und Kriegsverbrecher in Volksbesitz übergegangen waren, konnten sie mit der Errichtung einer neuen demokratischen Ordnung beginnen.

Ich bin stolz darauf, an der Errichtung der Stalinallee beteiligt gewesen zu sein. Mit besonderer Genugtuung erfüllte es mich, daß ich meine fachlichen Erfahrungen bei der Anwendung fortschrittlicher Baumethoden verwenden konnte. Ich erlebte die Entwicklung von Arbeitsmethoden, wie sie unter kapitalistischen Verhältnissen undenkbar sind. Meine Leistungen fanden mit der Ernennung zum Aktivisten, zum Verdienten Aktivisten und zum Verdienten Erfinder Anerkennung. Heute wohne ich in einer schönen Drei-Zimmer-Wohnung in einem Haus der Stalinallee, an dessen Aufbau ich beteiligt war. Das Ergebnis meiner Arbeit dieser wenigen Jahre ist der Besitz einer schönen Wohnungseinrichtung, für deren Transport ein Möbelwagen mit Anhänger gerade ausreichen würde.

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Obwohl ich auf Grund meiner persönlichen Erfahrungen die arbeiterfeindliche Rolle der Konzernherren erkannt hatte, vermittelte mir die Lektüre dieses Buches* neue wichtige Aufschlüsse. Die Befreiung von kapitalistischer Ausbeutung ermöglicht erst die volle Entfaltung der schöpferischen Kräfte des Volkes. Mit Unterstützung der Sowjetunion und der volksdemokratischen Länder wurden gewaltige Leistungen vollbracht. Diese Erfolge bestärken alle Werktätigen in dem Entschluß, ihre Werke niemals von den Drahtziehern des Unglücks und der Vernichtung zerstören zu lassen und sie deshalb gegen alle Angriffe zu verteidigen.

Wir werktätigen Menschen sind heute klüger geworden. Wir wollen nicht noch einmal all das, was wir uns geschaffen haben, durch die Machenschaften dieser Konzernherren wie Thyssen, Krupp, Pferdmenges, Stinnes usw. verlieren und erneut die Opfer eines räuberischen Eroberungskrieges werden. (…) Die Erkenntnis, wie versippt und verfilzt die Monopolkapitalisten aller Länder sind, führt alle werktätigen Menschen zu der Schlußfolgerung, daß der Kampf gegen die Kriegstreiber eine Lebensfrage unseres Volkes ist.

Johann Blender

Quelle:
* G.Baumann, Eine Handvoll Konzernherren, Verlag Volk und Welt, Berlin, 1953, S.5-7.

Siehe auch: Die Drahtzieher

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