DDR – Der Bezirk Karl-Marx-Stadt

Marxdenkmal

Das Karl-Marx-Monument von dem sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel

Den Namen „Karl-Marx-Stadt“ gibt es nicht mehr. Zu Ehren des großen deutschen Philosophen und Führers der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung war in der DDR die bedeutende sächsiche Industriestadt Chemnitz umbenannt worden. Dies wurde nach der Konterrevolution 1989 wieder rückgängig gemacht. Manchmal ist es ganz interessant nachzulesen, wie das Leben in der DDR war. Denn diejenigen, welche dieses Land noch kannten, werden weniger, und sie kommen heute kaum zu Wort. Zudem verblaßt im Laufe der Jahre die lebendige Erinnerung. Jüngere Generationen kennen die Heimat ihrer Eltern nur noch aus dem Schulunterricht – und der ist alles andere als objektiv. Allenfalls erhält man da nur ein politisch verzerrtes Bild, das sich reduziert auf Stasi, Mauerbau und Schießbefehl. Doch die DDR war ein funktionierendes, international anerkanntes Staatswesen, ein Arbeiter- und Bauern-Staat, der zu 133 Staaten in aller Welt diplomatische Beziehungen unterhielt.

Die DDR hatte viele Vorzüge, die uns heute abhanden gekommen sind, freilich auch einige Nachteile (doch dazu an anderer Stelle mehr). Bei etwas mehr Spielraum für eigene Initiativen, hätten vermutlich auch einige der heute enttäuschten ehemaligen DDR-Bürger, die damals 1989 nicht schnell genug die Aldi-Märkte stürmen konnten, die den Bananen und der westdeutschen D-Mark hinterherrannten und an den Wechselschaltern Schlange standen, ihr Heimatland jedem noch so schönen kapitalistischen Staat vorgezogen. Sie hätten sich vermutlich mehr für den Sozialismus engagiert, der ihnen eine krisenfreie und menschenwürdige Lebensperspektive zu bieten hatte. Denn in der DDR bekamen alle eine fundierte Schulbildung, durften – wenn sie fleißig genug waren – auf Staatskosten studieren, konnten ohne Not eine Familie ernähren und führten zumeist ein recht sorgenfreies Leben. Wie dem auch sei. Nehmen wir einmal den Bezirk Karl-Marx-Stadt:

Bezirk KMSt

Der Bezirk Karl-Marx-Stadt befand sich im Süden der DDR. Er grenzte an die CSSR (248 km Grenze) und im Südwesten an die BRD (41km Grenze). Nachbarbezirke waren Gera, Leipzig und Dresden. Das Territorium des Bezirkes wurde im wesentlichen von den Mittelgebirgslandschaften des Erzgebirges und des Vogtlandes bestimmt. Höchste Erhebung war mit 1214 Metern der Fichtelberg, zugleich die höchste Erhebung der DDR. Der Bezirk Karl-Marx-Stadt war der bevölkerungsreichste und nach Berlin der am dichtesten besiedelte Bezirk der DDR. Er war in 21 Landkreise, 3 Stadtkreise (Karl-Marx-Stadt, Zwickau, Plauen) und 601 Gemeinden untergliedert. Typisch war die fortgeschrittene Verstädterung (32 Städte mit über 10.000 Einwohnern), die besonders in dem großen industriellen Ballungsraum mit der Achse Freiberg – Karl-Marx-Stadt – Zwickau – Reichenbach und ihrer Fortsetzung bis Plauen deutlich wurde. In diesem Gebiet lag die Bevölkerungsdichte noch wesentlich über dem Bezirksdurchschnitt von 310 Einwohnern je km2. Die größten Städte und zugleich die industriellen Zentren des Bezirkes waren Karl-Marx-Stadt, Zwickau, Plauen und Freiberg.

Zentrum KMSt
Das damalige Stadtzentrum von Karl-Marx-Stadt

Von den Berufstätigen der Industrie der DDR waren fast 15 Prozent im Bezirk Karl-Marx-Stadt konzentriert. Der Bezirk war ein Zentrum der metallverarbeitenden Industrie und der Konsumgüterherstellung. Das wirtschaftliche Profil bestimmten der Maschinen- und Fahrzeugbau, die Textilindustrie sowie Elektrotechnik und Elektronik. Auf der Grundlage des industriellen Potentials wurden hier 12,2 Prozent der industriellen Bruttoproduktion der DDR erzeugt, in der Textilindustrie mehr als die Hälfte. Am Absatz von Fertigerzeugnissen für die Bevölkerung hatte der Bezirk Karl-Marx-Stadt mit 17 Prozent den höchsten Anteil. Der Anteil der Konsumgüter an der Industrieproduktion lag bei etwa 35 Prozent. Zu den zentralgeleiteten Industrie Kombinaten gehörten unter anderem das Werkzeugmaschinen-Kombinat »Fritz Heckert« Karl-Marx-Stadt, das Kombinat Textima (…der größte Textilmaschinenhersteller der DDR), das Bergbau- und Hüttenkombinat »Albert Funk« in Freiberg, das Kombinat Musikinstrumente Markneukirchen/Klingenthal, das Strumpfkombinat Esda Thalheim und weitere sechs der Textil- und Bekleidungsindustrie, wie das Kombinat Baumwolle. (Alle diese Betriebe gibt es heute nicht mehr, sie wurden nach 1990 von der sog. Treuhand auf beispiellose Weise ausgeplündert und verhökert!)

Esda KMStHochproduktive Kleinrundstrickmaschinen im Strumpfkombinat Esda

Die Betriebe des Kombinates Esda Thalheim produzierten modisch-attraktive Damenstrümpfe, ein breites Sortiment Herrenstrümpfe und lustige, farbenfreudige Kinderstrümpfe und -strumpfhosen.

Wesentlich für die von der Partei der Arbeiterklasse (SED) geforderte Durchsetzung der Schlüsseltechnologien war der Beitrag des Bezirks zur Produktion von Industrierobotern, Bürocomputern sowie technologischen Spezialausrüstungen für die Herstellung mikroelektronischer Bauelemente. Wichtige Betriebe waren hierfür unter anderen der VEB Numerik »Karl Marx« Karl-Marx-Stadt, der VEB Robotron-Buchungsmaschinenwerk Karl-Marx-Stadt und der VEB Spurenmetalle Freiberg. Die Kombinate im Bereich des Wirtschaftsrates des Bezirkes erbrachten 12 Prozent der Produktion der bezirksgeleiteten Industrie der DDR. Darüber hinaus verfügte der Bezirk über ein leistungsfähiges Handwerk. 355 PGH und 13.543 private Handwerksbetriebe brachten fast ein Sechstel der Handwerksleistungen der DDR. Seit dem VIII. Parteitag der SED wurden von den rund 58.000 Berufstätigen der Bauwirtschaft im Bezirk Karl-Marx-Stadt über 300.000 Wohnungen neugebaut und modernisiert. Damit verbesserten sich für mehr als 900.000 Bürger die Wohnverhältnisse.

WEMA
Das Werkzeugmaschinenkombinat »Fritz Heckert« exportierte in mehr als 35 Länder

Eine beachtliche Rolle spielte im Industriebezirk Karl-Marx-Stadt auch die landwirtschaftliche Produktion. Es bestanden 172 LPG Tierproduktion, 62 LPG Pflanzenproduktion und 15 spezialisierte VEG. Der durchschnittliche Viehbesatz betrug 132 Rinder je 100 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche (39 Prozent mehr als im DDR-Durchschnitt). Neben diesem starken Wirtschaftspotential bestanden im Bezirk auch bedeutsame Wissenschafts- und Bildungseinrichtungen. 5 der insgesamt 54 Hochschule-Universitäten der DDR haben ihren Sitz im Bezirk Karl-Marx-Stadt – darunter die Technische Universität Karl-Marx-Stadt und die Bergakademie Freiberg sowie 22 der 240 Fachschulen der DDR. (…)

Geschichte und DDR-Gegenwart

Die herbe Schönheit der Mittelgebirgslandschaft mit ihren Tälern und Höhen kann nicht verdecken, daß über Jahrhunderte das Leben der werktätigen Bevölkerung im Territorium des heutigen Bezirks Karl-Marx-Stadt Not, Elend, harte Arbeit und Unterdrückung gekennzeichnet war. Erst nach dem Sturz des Hitlerfaschismus und der Errichtung der Arbeiter-und-Bauern-Macht änderten sich auch im ehemaligen »Armenhaus Sachsens« – wie das Erzgebirge bezeichnet wurde – die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen grundlegend. Heute, wo sozialistische Lebensweise das Antlitz der Städte und Dörfer prägt, nehmen die Menschen die reizvolle Landschaft bewußt wahr und tragen tatkräftig zu ihrer Erhaltung und Gestaltung bei. Die wirtschaftliche Entwicklung war eng verbunden mit dem Erzbergbau, besonders dem Silberbergbau. Eine bedeutende Stellung erlangte die Textilindustrie. Verbunden damit nahm der Maschinenbau eine starke Entwicklung. Zugleich entstand die weltbekannte Spielzeugindustrie im Raum Seiffen. Die zunehmende Industrialisierung, forderte den Ausbau eines dichten Eisenbahn- und Verkehrsnetzes.

Krkh KMStDas Bezirkskrankenhaus „Friedrich Wolf“ in Karl-Marx-Stadt

Die Stadt Karl-Marx-Stadt (bis 1953 Chemnitz) entstand 1165 als königlicher Fernhandelsmarkt. Im 16. Jahrhundert wirkte der Berg- und Hüttenwissenschaftler Georgius Agricola als Bürgermeister der Stadt. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Stadt zu einem Zentrum der Textilindustrie und des Maschinenbaus. Typisch für das damalige Chemnitz waren rauchende Fabrikschlote und finstere Mietskasernen. Von den Großstädten Deutschlands hielt Chemnitz um die Jahrhundertwende den traurigen Rekord in der Kindersterblichkeit. 30 von 100 Kindern starben bereits im ersten Lebensjahr. Während die Bourgeoisie Chemnitz gern als »Sächsisches Manchester« bezeichnete, nannten die Arbeiter es voll Bitterkeit »Ruß-Chemnitz«. Das Wachsen der Stadt war geprägt vom Fleiß ihrer Arbeiter, die sich mit der Entwicklung der modernen Produktivkräfte als selbständige politische Kraft im Kampf gegen die kapitalistische Ausbeutung formierten. Die Widersprüche des Kapitalismus traten hier deutlich hervor und widerspiegelten sich in zahlreichen Kampfaktionen des Industrieproletariats. Die Arbeitermetropole Chemnitz wurde in kurzer Zeit zu einer Hochburg der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung. Der machtvolle Kampf des Chemnitzer Proletariats für sozialen Fortschritt, gegen Ausbeutung und Not gab der Stadt den Beinamen »Rotes Chemnitz«.

Nach der schweren Zerstörung der Stadt am Ende des zweiten Weltkrieges wurde sie zu einer modernen sozialistischen Industriemetropole aufgebaut. Das Bild von Karl-Marx-Stadt zeichnete sich durch pulsierendes Leben aus. Großzügige Neubaugebiete sowie modernisierte und rekonstruierte Wohnviertel waren typisch für das Stadtbild, ebenso die zahlreichen Betriebe und gesellschaftlichen Einrichtungen. Gegenüber der Vorkriegszeit hatten sich die sozialen Bedingungen entscheidend verbessert. Zwei Drittel der Bevölkerung lebten in hellen und freundlichen Wohnungen, die nach dem zweiten Weltkrieg errichtet wurden. Fleiß und Wohlbefinden der Karl-Marx-Städter drückte sich in ihren stetig wachsenden Leistungen für die Stadt und den Bezirk aus. So erbrachte sie unter anderem beispielhafte Ergebnisse auf den Gebieten von Kultur und Sport. (Aus dem Trainingszentrum Karl-Marx-Stadt kommt übrigens auch die weltbekannte Eiskunstläuferin Katarina Witt.)

SchumannhausDas Robert-Schumann-Haus in Zwickau

Zur Wirtschaft im Bezirk Karl-Marx-Stadt

Eine hochentwickelte leistungsfähige Industrie prägte die wirtschaftliche Struktur des Bezirkes Karl-Marx-Stadt. Als Zentrum des Werkzeug- und Textilmaschinenbaus hatte der Bezirk besonders große Verantwortung für die materiell-technische Ausrüstung unserer Volkswirtschaft und für den Export. Zunehmend profilierte er sich mit seinem bedeutenden Potential zu einem Schwerpunkt der Elektrotechnik/Elektronik sowie der Entwicklung und Anwendung der Mikroelektronik und der Robotertechnik als wichtige Voraussetzungen für ein hohes Tempo der Leistungssteigerung der Volkswirtschaft. Die hohe Verantwortung, die der Bezirk bei der Produktion von Konsumgütern trug, wurde unter anderem daran deutlich, daß mehr als die Hälfte der in der DDR produzierten Textilerzeugnisse im Bezirk hergestellt wurden. Rund ein Drittel aller Erzeugnisse des Bezirkes waren Konsumgüter zur Versorgung der Bevölkerung und für den Export.

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Das war DDR-Qualitätsarbeit: MZ-Motorräder aus Zschopau fahren sogar heute noch auf den Straßen aller Kontinente.

Die Produktionsverhältnisse hatten sich grundlegend weiterentwickelt. Während 1953 noch 4.550 Industriebetriebe, darunter 3.775 Privatunternehmen, produzierten, konzentrierte sich gegen Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts die gesamte Industrie auf 750 volkseigene Betriebe. Zu dieser Zeit gab es im Bezirk Karl-Marx-Stadt 15 zentralgeleitete Betriebe und 10 bezirksgeleitete leistungsstarke Industriekombinate. Es wurden täglich Erzeugnisse im Wert von über 265 Millionen Mark geschaffen (gegenüber 30 Millionen Mark in den 50er Jahren). Die Arbeitsproduktivität in der Industrie wurde innerhalb von 30 Jahren auf das Neunfache gesteigert. 82 Prozent aller Werktätigen in der Industrie verfügten über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Der Anteil der Hoch- und Fachschulkader betrug 17.500, er hatte sich allein in den Jahren von 1979 bis 1980 mehr als verdoppelt. 85 Prozent davon waren in der Industrie tätig. (Die gut ausgebildeten Fachleute der DDR waren später in der gesamten BRD gefragt.)

TrabantIn Zwickau wurde bis 1990 auch der legendäre DDR-Kleinwagen „Trabant 601“ hergestellt

Außerdem befanden sich im Bezirk Karl-Marx-Stadt die Produktionskapazitäten der DDR bei Motorrädern über 50 cm3, Haushaltwaschmaschinen, Kälteschränken, numerischen Steuerungen, Tüllen und Gardinen sowie Strumpfwaren. Bei Untertrikotagen waren es fast 90 Prozent, bei PKW 67 Prozent, bei Textilmaschinen 61 Prozent und bei spanabhebenden Werkzeugmaschinen rund 50 Prozent der DDR-Produktion. Darüber hinaus war der Bezirk Alleinhersteller von Edelmetallen und PKW-Motoren. Aus dem Bezirk kamen auch die weltbekannten Erzeugnisse der erzgebirgischen Volkskunst (Pyramiden, Nußknacker, Räuchermänner), ebenso die qualitativ hochwertigen Musikinstrumente (Harmonikas, Streich-, Zupf- und Blasinstrumente) und Musikspielwaren aus dem »Musikwinkel« Klingenthal/Markneukirchen.

MusikinstrumentwenbauHeute völlig verschwunden: DDR-Musikinstrumentenbau von Weltruf!

Quelle:
Werner Ostwald (Hrsg.), Die DDR im Spiegel ihrer Bezirke, Dietz Verlag Berlin, 1989, S.180-199. (Text leicht bearbeitet.)

Begriffe:
Bezirk = die DDR war untergliedert in 15 Bezirke
SED = Sozialistische Einheitspartei Deutschlands
VEB = Volkseigener Betrieb
LPG = Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft
VEG = Volkseigenes Gut (landwirtschaftlicher Betrieb)
Kombinat = Zusammenschluß mehrerer VEB

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2 Antworten zu DDR – Der Bezirk Karl-Marx-Stadt

  1. Pingback: …ihr wißt gar nichts von uns! | Sascha's Welt

  2. prkreuznach schreibt:

    Hat dies auf Was war die DDR ? rebloggt und kommentierte:
    Man kann nicht genug an die guten Seiten der DDR erinnern.

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