Die Blockade – oder der traurige 12. Dezember

Leningrad BlockadeLeningrad, am 12. Dezember 1941: „Nach außen hin darf ich den Mut nicht sinken lassen. Sonst wäre Schluß. Schluß nicht nur für mich (mein Ende tritt vielleicht bereits in… na, eine Zeit kann ich nicht angeben – jeden Moment ein), sondern auch für Mutter und Irina. Tina wird in der Fremde Tränen vergießen, an unser gemeinsames vergangenes Leben denken, dies und das bedauern, in einem halben Jahr jedoch wieder dieselbe sein. Ein halbes Jahr wird vergehen, ein Jahr, der Krieg wird zu Ende gehen, und in unserer Stadt wird wieder das glückliche Leben von früher anbrechen. Unsere Leichen werden verwesen, die Knochen zu Staub zerfallen, Leningrad aber wird ewig am Ufer der Newa stehen, stolz und für den Feind uneinnehmbar.

Wieviel Menschen jeden Tag in Leningrad sterben! Wieviel verhungern! Jetzt erst weiß ich, was eine vom Feind belagerte Stadt ist. Der Hunger bringt allem Lebendigen den Tod. Nur wer ihn am eigenen Leib gespürt hat, kann ihn verstehen. Wer ihn nicht kennt, kann ihn sich unmöglich vorstellen.“ [1]

Szenenwechsel:

Sankt Peterburg, am 12. Dezember 2010: „Das Problem der Übernachtung während der kältesten Periode des Winters stellt sich in besonderem Maße für die 8.000 bis 10.000 Petersburger Obdachlosen. Die 13 staatlichen Nachtasyle für Obdachlose stellen insgesamt nur 300 Betten und zwar nur für die wenigen der Betroffenen, die über alle nötigen Papiere verfügen und ihren früheren Wohnsitz im jeweiligen Stadtbezirk nachweisen können. Die übrige ‚Armee‘ von papierlosen oder auswärtigen Obdachlosen bleibt auf der Straße.“ [2]

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Zwei Wärmezelte im Winter 2010 – eine Übernachtung für ca. 100 Obdachlose

Die Blockade vor über 70 Jahren – Obdachlosigkeit dagegen heute

Bei dem ersten Text handelt sich um einen Auszug aus dem Blockadebuch, veröffentlich von Ales Adamowitsch und Daniil Granin. Es sind Erinnerungen eines Leningrader Kindes. An diesem Tag war der 174.Tag der faschistischen Belagerung der sowjetischen Stadt Leningrad. „Der beabsichtigte Verzicht auf eine Einnahme der Stadt durch die deutschen Truppen, mit dem Ziel, die Leningrader Bevölkerung systematisch verhungern zu lassen, war eines der eklatantesten Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht während des Krieges gegen die Sowjetunion.“ [3] Heldenhaft widerstand die Bevölkerung diesem grausamen Verbrechen der Nazis. Damals waren es die deutschen Faschisten, die dieses Elend verursachten. Da waren die Fronten klar. Allein in dieser Nacht, am 12.Dezember 1941, kamen Hunderte Leningrader Einwohner ums Leben.

Der zweite Text ist ein Bericht des Malteser Hilfsdienstes vom gleichen Tag, aus derselben Stadt – nur eben fast 70 Jahre später. Wieviele Menschen an diesem Tag dort ums Leben kamen, ist nicht bekannt. Heute trifft die Schuld die russischen Oligarchen, sie sind schuld an diesem Elend. In der Sowjetunion gab es nicht einen einzigen Obdachlosen. Und Leningrad war eine hoffnungsvolle Stadt, die sogar diese furchtbare Blockade der Nazis überstand. Nach Stalins Tod kam es 1956 zum Bruch in dieser progressiven Entwicklung, die Konterrevolution beendete diesen Weg. Man wird sich fragen – sind diese unterschiedlichen Situationen überhaupt miteinander vergleichbar? Ja, sie sind vergleichbar!

a) Es ist ein Verbrechen an der Bevölkerung dieser russischen Stadt,
b) die Betroffenen sind diesem Schicksal unverschuldet ausgeliefert,
c) es betrifft Menschen fast jeden Alters – sowohl Kinder als auch Greise,
d) die Situation verschlechtert sich von Tag zu Tag,
e) die Schwächsten sterben zuerst,
f) die Schuld daran trägt der menschenverachtende Imperialismus
g) man muß den Feind erst hinauswerfen, um eine Änderung herbeizuführen.

Einen entscheidenden Unterschied gibt es aber doch:
Die Sowjetunion war während der Leningrader Blockade 1941 ein sozialistisches Land. Es gab unter Stalin eine starke kommunistische Partei. Unter deren Führung und mit Hilfe der Sowjetarmee befreite sich dieses Land von der faschistischen Okkupation. Kommunisten standen in diesem Kampf an vorderster Front, sie ermutigten die Menschen, bestärkten ihren Überlebenswillen und gaben ihnen die Siegesgewißheit. Mit dem Verrat Chruschtschows begann der Bruch in der kommunistischen Bewegung. Nun gibt es seit dem Ende der UdSSR, im Jahre 1990, wieder eine russische Bourgeoisie. Das ist für den einen oder anderen vielleicht etwas schwerer zu begreifen, daß der Feind nicht nur „von außen“ kam. Denn diese Leute sprechen auch russisch, sie haben die gleiche Nationalität. Und doch sind deren Interessen andere als die des Volkes, der werktätigen Menschen.

Der Gegensatz dieser Oligarchen zum Proletariat ist und bleibt unversöhnlich. Und es handelt sich hier lediglich um eine andere Form der Blockade. Karl Liebknecht hatte recht: „Der Feind steht im eigenen Land“. Die Frage ist: den wievielten Tag der neuerlichen „Blockade“ haben wir denn heute???

[1] Adamowitsch/Granin, Das Blockadebuch, Verlag Volk und Welt, Berlin, 1984, S.244f.
[2] http://www.malteser-spb.ru
[3] Hamburger Institut für Sozialforschung: Verbrechen der Wehrmacht – Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944, Ausstellungskatalog der korrigierten Fassung der Wehrmachtsausstellung, Hamburger Edition 2002, ISBN 3-930908-74-3, S.308 (zitiert nach Wikipedia: Leningrader Blockade)

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Eine Antwort zu Die Blockade – oder der traurige 12. Dezember

  1. giskoe schreibt:

    Dazu Dmitri Schostakowitsch’s 7. Sinfonie:

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