Erinnerung an die DDR – Bezirk Frankfurt/Oder

DDR KarteAnläßlich des 40.Jahrestages der DDR erschien 1989 ein Buch über die wirtschaftlichen Erfolge der Bezirke unseres Landes. In der Einleitung schrieb dazu Erich Honecker: »Dem Wanderer zwischen zwei Welten, der zu uns kommt und erstaunt ist über das, was er sieht und erlebt, können wir sagen, was die Deutsche Demokratische Republik heute ist, das wurde mit dem Volk und für das Volk geschaffen. Darauf können wir stolz sein.« [1] – Und wir waren stolz auf unser sozialistisches Vaterland! Hier ein kurzer Bericht aus dem Bezirk Frankfurt/Oder:

Auferstanden aus Ruinen…

Das Gebiet des damaligen Bezirkes Frankfurt (Oder) gehörte vor 1945 zum Land Brandenburg in Preußen. Es war gekennzeichnet durch ein niedriges ökonomisches Entwicklungsniveau. Fast 70 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche waren im Besitz von Großgrundbesitzern und Großbauern, darunter Graf von Hardenberg, Baron von Bethmann Hollweg, Gräfin von Redern. Die wenigen Industriebetriebe in Fürstenwalde und Eberswalde befanden sich in den Händen solcher Vertreter des Monopolkapitals wie Pferdmenges, Pintsch und Ardelt. Trotz dieser industriell unterentwickelten Situation hat die Arbeiterklasse auch hier Traditionen, besonders in Fürstenwalde, in Eberswalde-Finow, in der Bezirksstadt, im Randgebiet zu Berlin und in anderen Orten. Sie bestand Klassenkämpfe während des Kaiserreiches und der Weimarer Republik sowie in der Zeit des antifaschistischen Widerstandes. Diese Traditionen prägen ebenso das Geschichtsbewußtsein der Einwohner des Bezirkes wie das Wissen um das Ausmaß der materiellen und geistigen Trümmer, die der Faschismus nach dem zweiten Weltkrieg hinterließ. Der überwiegende Teil der Wohnungen war vernichtet oder stark beschädigt.

FrankfurtOder
Frankfurt (Oder)

Das Zentrum von Frankfurt war weitgehend eine Trümmerfläche wie die Zentren der meisten unserer heutigen Kreisstädte. Verheerend war auch der Zustand vieler Dörfer: die Wohnstätten und Wirtschaftsgebäude zerstört, die Felder vermint. Durch Deichbrüche wurden in den Jahren 1946 und 1947 70.000 Hektar Ackerland überschwemmt. Hunger und Krankheiten, bitterste Not waren die faschistische Hinterlassenschaft. Trotzdem gelang es der Arbeiter-und-Bauern-Macht unter Führung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, auch hier, wie in der gesamten DDR, in dem historisch kurzen Zeitraum von nur vier Jahrzehnten grundlegende und dauerhafte Veränderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse zu vollziehen.

Aufbruch in eine neue Zeit

Das begann damit, daß während der antifaschistischdemokratischen Umwälzung im Bezirk Frankfurt (Oder) durch die demokratische Bodenreform 11670 Landarbeiter und Kleinbauern 138.200 Hektar Junkerland erhielten. Über 100 Industriebetriebe wurden in diesen Jahren Volkseigentum. Zur Verwirklichung der demokratischen Schulreform wurden über 3.000 Werktätige als Neulehrer gewonnen. Und bereits im Jahr der Gründung des Bezirkes, im Jahre 1952, war der volkseigene Sektor zum dominierenden Faktor in der Industrie geworden. Es gab 291 volkseigene Betriebe, die 1955 zwei Prozent der industriellen Bruttoproduktion der DDR produzierten. Mit der Entwicklung und Festigung sozialistischer Produktionsverhältnisse war es notwendig und möglich, den weiteren Aufbau der Industrie planmäßig und territorial ausgewogen zu entwickeln.

Konzerthalle
Die Konzerthalle in Frankfurt (Oder)

Ein Stahlwerk entstand mit sowjetischer Hilfe

Damals bestimmten vor allem Mikroelektronik, Metallurgie und Chemie das Leistungswachstum der Industrieproduktion im Oderbezirk. Die außerordentlich dynamische Entwicklung der Produktivkräfte in den Jahren 1955 bis 1987 ist mit der Steigerung der industriellen Bruttoproduktion um das fast 20fache zu belegen. Die sozialistische Industrialisierung im Bezirk begann mit dem Aufbau des Eisenhüttenkombinates Ost bei Fürstenberg an der Oder, der auf dem III. Parteitag der SED 1950 beschlossen worden war. Das war ein entscheidender Schritt, um eine starke metallurgische Basis in der DDR zu entwickeln und die aus der Vergangenheit stammenden Disproportionen in der Volkswirtschaft des Landes zu überwinden. Es war der Beginn einer raschen Entwicklung.

Am 1.Januar 1951 war die Grundsteinlegung, und bereits im September 1951 erfolgte der Abstich des ersten Roheisens in dem mit sowjetischer Hilfe errichteten Werk. Im Jahre 1989 produzierten sechs Hochöfen, das in den sechziger Jahren errichtete Kaltwalzwerk und das 1984 in Betrieb genommene Konverterstahlwerk – zu jener Zeit das modernste Europas – den größten Teil der Erzeugnisse der Schwarzmetallurgie unseres Landes. 75 Prozent des Roheisens, 30 Prozent des Rohstahls und 65 Prozent der Produkte der zweiten metallurgischen Verarbeitungsstufe kommen heute aus dem Eisenhüttenkombinat Ost. Schließlich wurde an der Vorbereitung einer Warmbanderzeugungskapazität gearbeitet, um den vollen metallurgischen Zyklus herzustellen. Außer mit Roheisen, kaltgewalzten und oberflächenveredelten Blechen, Bändern und Profilen versorgte das Eisenhüttenkombinat Ost – Stammbetrieb des 1969 gegründeten Bandstahlkombinates »Hermann Matern« – die weiterverarbeitende Industrie mit Halbzeug aus Qualitätsstahl. Zugleich mit dem Kombinat entstand an der Oder die Stadt der Metallurgen – Eisenhüttenstadt.

EKO
Blick in die Chargierhalle des Konverterstahlwerkes im Eisenhüttenkombinat Ost

Das Petrolchemische Kombinat in Schwedt

Mit dem Aufbau eines Erdölverarbeitungswerkes in Schwedt an der Oder Anfang der sechziger Jahre wurde das wirtschaftliche und sozialökonomische Profil des Bezirkes weiter ausgeformt. Der damalige Stammbetrieb des Petrolchemischen Kombinates lag an einem Endpunkt der internationalen Erdölleitung »Freundschaft«. Seit der Inbetriebnahme im Jahre 1966 war der Strom des Erdöls aus der Sowjetunion in unser Land niemals unterbrochen worden. Die Erweiterung und die Modernisierung der Spaltanlagen dieses Kombinates waren darauf gerichtet, durch höhere Verwertung des importierten Erdöls den steigenden Bedarf der Volkswirtschaft an Rohstoffen und flüssigen Energieträgern zu sichern.

PCK Schwedt
VEB Petrolchemisches Kombinat Schwedt Zentrum der Veredelungschemie

Die Industrie im Bezirk Frankfurt (Oder)

Darüber hinaus bestimmten die weitere Veredlung von petrolchemischen Produkten, insbesondere zur Herstellung kleintonnagiger Chemieerzeugnisse, sowie eine bedeutende Steigerung der Produktion von Rohstoffen für die Faserindustrie die Bedeutung des Kombinates in der Veredlungschemie der DDR. Von ebenfalls hohem volkswirtschaftlichem Rang war die erfolgreiche Anwendung biotechnologischer Verfahren. Mit einer breiten Palette von Haushaltsprays, Autopflegemitteln sowie Erzeugnissen für die Schuh- und Lederpflege wurden bedarfsdeckend Konsumgüter für die Bevölkerung der DDR und für den Export bereitgestellt. Die dynamische Entwicklung des Petrolchemischen Kombinates – die Errichtung neuer moderner Chemieanlagen und die breite Anwendung von Schlüsseltechnologien – wurde mit einer gleichbleibenden beziehungsweise nur geringfügig erhöhten Anzahl von Arbeitskräften bewältigt. Die Bewegung, durch umfassende Rationalisierung Arbeitsplätze einzusparen und somit Werktätige für neue Aufgaben zu gewinnen, wurde als Schwedter Initiative »Weniger produzieren mehr« bekannt und bei der Durchsetzung der ökonomischen Strategie der SED seit ihrem X. Parteitag in der DDR verallgemeinert. 1959 war am Unterlauf der Oder bei Schwedt die Grundsteinlegung für eine Papierfabrik. Im Jahre 1989 produzierte der VEB Papier- und Kartonwerke Schwedt zwei Drittel des Zeitungsdruckpapiers der DDR sowie Kartonagen und Hochprägetapeten auf automatisierten Anlagen. Schwedt – im Krieg zu über 80 Prozent zerstört – zählte 1946 nur 6.000 Einwohner. Es entwickelte sich mit dem raschen Aufschwung der Produktivkräfte im Norden des Bezirkes zu einer Stadt mit 51.800 Einwohnern.

Eberswalde
Eberswalde – der modernste Betrieb der Fleischwirtschaft in der DDR

Ein wirtschaftlich lebendiger Bezirk

Weitere bedeutende Betriebe der chemischen Industrie hatten ihren Sitz in der Kreisstadt Fürstenwalde. Der Stammbetrieb des Reifenkombinates Fürstenwalde, hervorgegangen aus einem im Jahre 1939/1940 erbauten Betrieb, entwickelte sich zum größten Reifenproduzenten der DDR. Durch den Aufbau eines Stahlkordwerkes und die Intensivierung der Produktionskapazitäten in den letzten Jahren der DDR wurden die Eigenherstellung und der effektive Einsatz von modernen Festigkeitsträgern zur Herstellung von Radial- und Ganzstahlreifen ermöglicht. Damit produzierte dieses Werk Reifen, die hinsichtlich ihrer Gebrauchseigenschaften, des Verhältnisses von Laufleistung und Masse international fortgeschrittenem Niveau entsprachen.

Eisenhüttenstadt
Die Leninallee in Eisenhüttenstadt

Der Chemie- und Tankanlagenbau Fürstenwalde hatte mit seinem Erzeugnisprofil Einfluß auf die technologische Beherrschung der Veredlungschemie. Die Entwicklung und Produktion moderner Anlagen schafften weiterhin Voraussetzungen für eine effektive Erschließung einheimischer Rohstoffe, wie zum Beispiel Erdgas. Das vollautomatisierte Fertigungssystem für den Behälterbau wurde in diesem Betrieb selbst entwickelt und im eigenen Rationalisierungsmittelbau gefertigt.

Frankfurt (Oder) war ein Zentrum der Mikroelektronik

Ein neuer Industriezweig für die Herstellung mikroelektronischer Bauelemente entstand in der Bezirksstadt Frankfurt (Oder) mit dem Halbleiterwerk. Seit der Produktionsaufnahme im Jahre 1958 in einer kleinen Produktionsstätte wuchs dynamisch ein leistungsfähiger Großbetrieb mit beträchtlichem Entwicklungs- und Produktionspotential. Er war als Betrieb des Kombinates Mikroelektronik mit über 8.000 Beschäftigten ein bedeutender Produzent von hoch- und höchstintegrierten Bauelementen mit beständig überdurchschnittlichen Wachstumsraten in der Produktion. In den achtziger Jahren wurde die materiell-technische Basis dieses Betriebes durch den Aufbau eines Sondermaschinenbaus und die Verarbeitung von Siliziumscheiben im Durchmesser von 100 Millimetern vervollkommnet und erweitert. Die Massenproduktion von bipolaren Schaltkreisen ermöglichte den 4.500 Abnehmern in der elektronischen Geräteindustrie einen entsprechenden Computerbau für CAD/CAM-Arbeitsstationen und die Industrierobotertechnik.

Halbleiterwerk
Im Halbleiterwerk

Quelle:
[1] Autorenkollektiv, Die DDR im Spiegel ihrer Bezirke, Dietz Verlag, Berlin, 1989, S.5.
[2] dto. S.118ff. (Text redaktionell bearbeitet.)

Anmerkung:
Man könnte an dieser Stelle noch vieles hinzufügen. Doch das wichtigste: Es gab in der DDR nirgends Arbeitslosigkeit, es gab keine Ausbeutung, keine „Billigjobs“ und keine Existenzunsicherheit. Die Industrie wurde nach 1945 unter schwierigsten Bedingungen sozusagen „aus dem Boden gestampft“. Das wäre ohne die großzügige Hilfe der Sowjetunion niemals möglich gewesen. Große landwirtschaftliche Agrargenossenschaften sorgten für die Ernährung der Bevölkerung, und die gut ausgebildeten Arbeitskräfte waren überall in der Republik gefragt. Es gab keine „Pendler“, wie man sie heute überall vorfindet, denn man konnte in jeder Stadt eine qualifizierte und gut bezahlte Arbeit finden. Es gab gleichen Lohn für gleiche Arbeit – egal ob Mann oder Frau, und der Weg zur Arbeit konnte mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt werden. Eine Straßenbahnfahrt kostete beispielsweise in jeder Stadt nur 12½ Pfennig (und das bei einem Durchschnittslohn eines Arbeiters von schätzungsweise 600-1000 Mark monatlich).

Fahrschein_DDR
Ein Straßenbahnfahrschein der DDR

Heute dagegen gehört das Land Brandenburg zu den Regionen mit der höchsten Arbeitslosigkeit in der BRD. Auch wenn man zu den offiziellen Statistiken noch einiges hinzurechnen kann, waren Anfang 2011 in dieser Region über 400.000 Menschen ohne Arbeit. Und Tausende junger Leute verlassen jährlich auf der Suche nach einem Einkommen ihre Heimat. Nach 1989 wurden die volkseigenen Betriebe enteignet und die neuen Herren kamen mehrheitlich aus dem Westen der BRD. So sieht es aus in den einst versprochenen „blühenden Landschaften“ im Osten dieses Landes…

Siehe auch: Der Bezirk Karl-Marx-Stadt

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