Prognosen über die Zukunft der Gesellschaft

 

KriseDie zyklische Krise: Index der Industrieproduktion Englands 1981-83

„Es wird kaum einen Menschen geben, den nicht die Fragen interessieren oder sogar beunruhigen: Was bringt die nahe Zukunft? Was haben wir vom 21. Jahrhundert zu erwarten?“ [1] – so beginnt Prof. Erich Hanke im Vorwort seines Buches „Ins nächste Jahrhundert“ (erschienen 1987 im Urania-Verlag). Ihm geht es bei dieser Frage, wie er schreibt, nicht um Utopien, sondern um die Realitäten. Doch wo der Mensch seine Hand im Spiele hat, muß mit unvorhersehbaren Ereignissen gerechnet werden. Sehr genau befaßt sich Hanke deshalb mit den Fragen der gesellschaftlichen Verhältnisse und mit dem Kräfteverhältnis zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Doch offenbar ließ er einige wesentliche Seiten außer acht. Möglicherweise war für ihn zu dieser Zeit auch nicht absehbar, daß es kurz darauf schon gelingen würde, den Sozialismus in der DDR zu beseitigen. Und er konnte sich wohl auch nicht vorstellen, welche gavierenden Folgen die vollendete Konterrevolution 1989 haben würde. Prof. Hanke zeichnete ein Idealbild von der kommunistischen Gesellschaft, bei dem wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen sein mag. In seinem Nachwort zu diesem Buch äußert sich Götz Scharf schon etwas vorsichtiger…

Prognosen für die menschliche Gesellschaft

G.Scharf schreibt: „Prognosen gibt es vielerlei Arten. Sehen wir ab von ‚Wahr‘-Sagereien, die auf Betrug beruhen. Mediziner prognostizieren einen Krankheitsverlauf. Wir arbeiten mit Prognosen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts. Wir kennen aber auch wissenschaftlich-phantastische Romane, deren Handlung weit in die Zukunft verlegt wurde. Die genialste Prognose entwickelte Karl Marx. Er bewies seit 1847 mit seinem Freund Friedrich Engels, also zu einer Zeit, da der Kapitalismus zu seiner höchsten Blüte strebte, die Unvermeidlichkeit seines Untergangs. Und er zeigte die Kraft, die diesen Untergang bewirkt: das Proletariat. Diese gewaltige Leistung war möglich, weil Karl Marx und Friedrich Engels die Entwicklungsgesetze der menschlichen Gesellschaft zu enthüllen vermochten. Gesellschaftsprognosen bilden sicherlich die schwierigste Art wissenschaftlicher Voraussagen. Denn nicht nur objektive Faktoren – die oft jähen Veränderungen unterworfen sind – gilt es zu berücksichtigen, sondern auch den subjektiven Faktor, das Bewußtsein und Handeln der Massen, dieser unsterblichen Helden und Schöpfer des Geschichtsprozesses. Aber derartige Prognosen sind möglich, wenn man die gesellschaftlichen Entwicklungsgesetze kennt und der Kraft der Massen vertraut, ohne sie utopisch zu idealisieren. Die Tatsache der Ablösung des Kapitalismus durch den Sozialismus konnte von Karl Marx bewiesen werden; über den Zeitpunkt dieses revolutionären Prozesses ließ sich noch nichts aussagen…“ [2]

Motivierende Prognosen

Prognosen können aber auch eine Auswirkung auf die weitere Entwicklung haben. G.Scharf schreibt weiter: „… ‚Stalin bricht Hitler das Genick!‘ Dieser berühmte Ausruf, den Ernst Thälmann seinen Peinigern entgegenschleuderte, als sie ihm frohlockend den Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion verkündeten, ist die Prognose gewesen, die mehr oder weniger klar jeder standhafte Kommunist dieser Zeit im Bewußtsein trug. Auch Erich Hanke wußte vom Sieg der Sowjetarmee, selbst als die faschistischen Heerscharen vor Moskau und im Kaukasus standen. Er konnte nur nicht wissen, ob ihm vergönnt war, diesen Sieg zu erleben. Aber die Gewißheit des Sieges über die braune Pest half ihm, zehn Jahre hinter Kerkergittern zu überleben. Wissenschaftliche Gesellschaftsprognosen erzeugen Zukunftsgewißheit der Kommunisten ebenso, wie sie ihre Kampfbereitschaft, ihren Opfersinn und ihren Mut festigen. Und ebenso von dieser wohlbegründeten Siegesgewißheit spricht dieses Buch.“ [3]

Wissenschaftlicher Unfug

Mit weitaus gewagteren Überlegungen, und aus heutiger Sicht eigentlich unsinnigen Prognosen befaßte sich I.Bestuschew-Lada. Unter Berufung auf jahrzehntelange Erfahrungen der sowjetischen Futurologie, und anhand einer Reihe zuvor erschienener Monographien untersucht er in seinem Buch „Die Welt von morgen“ nicht etwa die gesellschaftlichen Bedingungen, die politischen und sozialökonomischen Verhältnisse in der Sowjetunion, die Kräfteverhältnisse in der Welt, sondern lediglich die wissenschaftlich-technische Revolution, die menschliche Arbeit, die Schule, Wissenschaft und Kultur, die Freizeit und den Städtebau. Und er behauptet sogar, „…daß die Darstellungen nicht etwa Erfindungen des Autors sind, sondern Resultat wissenschaftlicher Forschungen, die entweder unter Teilnahme des Autors erfolgten oder aus der Litaratur entnommen wurden.“ [4] Es ist müßig, diese Überlegungen weiter zu verfolgen, da diese Prognosen ohnehin Makulatur geworden sind. Man sieht in beiden Fällen, sowohl bei E.Hanke wie bei I.Betuschew-Lada, daß ohne eine gründliche wissenschaftliche Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse eine Vorhersage über die Welt von morgen nichts als eine Träumerei oder eine Vermutung bleibt.

Das Problem der Prognose

Das ist auch Prof. J.Kuczynski bewußt, der 1984 in einem Sonderband des Jahrbuchs für Wirtschaftsgeschichte ausführlich auf die Frage der Wirtschaftsprognosen eingeht. Da er sich zu jener Zeit schon über 60 Jahre u.a. mit Konjunkturprognosen befaßte hatte, war ihm das Problem der Prognosen bekannt:

„Prognosen über gesellschaftliche Entwicklungen und Prozesse wie über die sich aus ihnen ergebenden Ereignisse haben also größte Bedeutung für die Menschen. Frage: Gibt es auch naturwissenschaftliche Prognosen? Ich bin nicht sicher, ob man die Voraussage des Kommens einer Sonnenfinsternis als Prognose bezeichnen soll, oder ist sie nicht einfach Berechnung des Wirkens von Gesetzen? Zumindest, solange der Mensch nichts damit zu tun hat, die Natur nicht ’stört‘, würde ich heute vorziehen, in einem solchen Fall nicht von Prognose zu sprechen. Ein Physiker, den ich befragte, ob ich mit dieser Auffassung recht hätte, wandte ein, daß man doch Prognosen von Erdbeben mache und machen müsse, weil man zwar theoretisch eine ganze Reihe ihrer Voraussetzungen kenne, aber nicht in der Lage sei festzustellen, inwieweit sie jeweils in der Realität zuträfen. Also Prognosen in diesem Fall nicht auf Grund von Kenntnis, sondern von Unkenntnis? Merkwürdig.

Dazu ein weiterer Einwand: Wenn es keine naturwissenschaftlichen Prognosen, sondern nur Erklärungen von Gesetzen und ihren Wirkungen geben soll – wie steht es in den Gesellschaftswissenschaften? Gibt es nicht wahrlich auch Gesetze im gesellschaftlichen Leben? Richtig, es gibt sie, und die größten Entdecker solcher Gesetze für die Gesellschaft, in der sie lebten, die kapitalistische, waren Marx und Engels und Lenin. Also gibt es auch gesellschaftliche Voraussagen, Vorauserklärungen, die keine Prognosen sind? Ich meine ja. Zum Beispiel die Voraussage in der Welt des Kapitals: Es wird eine zyklische Überproduktionskrise kommen. Aber, muß man bei einer solchen Voraussage hinzufügen: vorausgesetzt, daß die Herrschaft des Kapitals nicht gestürzt wird oder daß es keine Kriege und Kriegsfolgen gibt. Bei der Voraussage einer Sonnenfinsternis dagegen wäre es absurd hinzuzufügen: aber nur unter der Voraussetzung, daß der Mond nicht von seinem Kurs abweicht.“ [5]

Die warnenden Stimmen nehmen zu

Nun ist es tatsächlich so, daß angesichts der erfolgreichen Beseitigung des sozialistischen Lagers bei der Bourgeoisie in den kapitalistischen Ländern ein gewisser Optimismus aufgekommen ist. Allerdings: „Die unerbittliche Logik des Lebens zwingt die Wissenschaftler der kapitalistischen Länder, sich sehr intensiv mit der wissenschaftlichen Vorhersage zu befassen. Die Prognostiker des Westens haben alle Voraussetzungen für qualitative Untersuchungen, verfügen sie doch über eine hinreichende Menge an technischen Anlagen, über erfahrene Kader und statistische Informationen. Das Paradoxon besteht aber darin, daß sie in eine Sackgasse gerieten. Entweder mußten sie zugeben, daß die kapitalistische Ordnung dem Untergang geweiht ist, oder ein düsteres Bild von der Degradation der menschlichen Gesellschaft entwerfen, zu der es bei stürmischer Entwicklung von Wissenschaft und Technik unter den Bedingungen der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse unvermeidbar kommen muß. Ein Teil der bürgerlichen Gelehrten weist natürlich den Gedanken von sich, grundlegende Veränderungen der Gesellschaft und die Liquidation des Systems der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen könnten unumgänglich sein.“ [6] Die warnenden Stimmen nehmen jedoch zu. Auch wenn mitunter der Eindruck entsteht, daß die Menschen selbst aus Katastrophen (wie der in Fukushima/Japan) nichts gelernt haben.

Prognosemöglichkeiten

Beschließen wir unseren Exkurs über wissenschaftliche Vorhersagen mit J.Kuczynski: „In einer Welt, in der ständig lokale Kriege kleineren oder größeren Umfangs geführt werden, in der die kapitalistischen Länder einen aggressiven Kurs gegen die Länder des Sozialismus fahren, in der die Wirtschaft der kapitalistischen Länder einen anarchischen Charakter hat, in der nicht nur die politische, sondern auch die wirtschaftliche Situation eine sehr gespannte ist, in der der Konkurrenzkampf zwischen den imperialistischen Ländern sich politisch und ökonomisch stark zuspitzt, in der eine Weltmacht, die USA, politisch und wirtschaftlich – aber nicht militärisch – mehr und mehr an Position verliert, in der die Entwicklungsländer einen ökonomischen Befreiungskampf gegen die Monopolherrschaft der imperialistischen Länder und einen politischen Kampf für eine progressive Entwicklung ihrer Länder führen, sind konkrete Prognosen für ein ganzes Jahrzehnt sehr schwierig. Und doch sind solche Prognosen notwendig… Denn jedes Gesellschaftssystem ist um eine Strategie bemüht.“ [7] Was auch immer den Konjunkturoptimismus der Bourgeoisie derzeit dämpfen mag, das DIW hält die schwere Wirtschaftskrise noch nicht für überwunden. Wir sagen: Der Ausweg aus der Krise ist nur möglich, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse sich ändern. Die Zukunft gehört dem Sozialismus. Der Untergang des Kapitalismus hat sich also nur um ein paar Jahrzehnte verzögert…

[1] Erich Hanke, Ins nächste Jahrhundert – Was steht uns bevor?
Urania-Verlag, Leipzig-Jena-Berlin, 1987, S.7.
[2] Götz Scharf, Nachwort, in. E.Hanke, a.a.O. S.304.
[3] a.a.O. S.307.
[4] Igor Bestuschew-Lada, Die Welt von morgen, Urania-Verlag, 1988, S.9.
[5] Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, Sonderband 1984, 60 Jahre Konjunkturforscher – Jürgen Kuczynski, Akademie-Verlag, Berlin. S.12.
[6] Igor I. Abadaschew, Tragödie oder Harmonie?, Verlag MIR – Urania-Verlag, 1977, S.32.
[7] Jürgen Kuczynski, a.a.O. S.196.

Siehe auch:
M.Kalinin: Der Marxismus-Leninismus – eine interessante Wissenschaft mit revolutionärer Perspektive

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