Walter Ulbricht: …und was man lernen muß

Ulbricht_Pieck

Walter Ulbricht (1893-1973) mit dem Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck

Der sowjetische Literaturwissenschaftler Alexander Dymschiz, welcher sich große Verdienste beim kulturellen Aufbau in der DDR erwarb, schreibt über die Biographie Walter Ulbrichts: „Es gibt eine Erzählung über Walter Ulbricht, ein Buch, das seinen Weg von den Kinderjahren bis zum Aufstieg zu den Höhen staatsmännischer Tätigkeit nachzeichnet. Es wurde von dem großen deutschen Schriftsteller, dem treuen Kampfgefährten der deutschen Parteiführer Thälmann, Pieck, Ulbricht … geschrieben, von Johannes R. Becher. Es ist die letzte große Arbeit des Schriftstellers; sie erschien noch wenige Wochen vor seinem Tode.“ Hier nun ein Auszug aus diesem Buch:

Lehrzeit und Wanderjahre

1912 trat Walter Ulbricht in die Sozialdemokratische Partei ein. Durch diesen Eintritt fühlte er sich zum Besuch der Parteischule verpflichtet, denn er wußte, daß ein guter Genosse nur derjenige sein könne, der sich ernsthaft um die Vervollkommnung seiner theoretischen Ausbildung bemüht. Es ist charakteristisch für Walter Ulbricht, daß er weder in seinem Wissensdrang sich zu einer leeren Vielwisserei oder Besserwisserei verleiten ließ noch auch in seinem Sinn für das Praktische und seiner besonderen Befähigung für jede praktische organisatorische Tätigkeit in einen öden, prinzipienlosen Praktizismus verfiel.

Parteischule der SPD

An der Parteischule wurde zu jener Zeit im Zeichen des Revisionismus die Lehre von Engels und Marx bereits weitgehend entstellt. Die Kernfrage des Weges zum Sturz des Kapitalismus und zur Zerschlagung der bourgeoisen Staatsmacht wurde nicht behandelt, und mit keinem Wort wurde der hierauf bezügliche Brief von Karl Marx an Kugelmann vom 12. April 1871 erwähnt.[1] Die Lehre von Marx wurde in abstrakten Thesen dargestellt, ohne jede Beziehung zu den Klassenkämpfen in Deutschland. Das Neue in der Entwicklung des Kapitalismus zum Imperialismus war nicht „Gegenstand des Unterrichts“, obgleich in der Sozialdemokratischen Partei bereits ernsthafte Auseinandersetzungen über das Wesen des Imperialismus stattfanden. Ebensowenig war in der Parteischule die Rede von der russischen Revolution von 1905 und den sich aus ihr für die gesamte Arbeiterbewegung ergebenden Folgerungen. Die jungen Sozialisten, darunter auch Walter Ulbricht, waren sich selber überlassen, sie versuchten, sich in dem Streit der Parteimeinungen zurechtzufinden, und rangen um wissenschaftliche Erkenntnisse, die sie vom Standpunkt des unverfälschten Marxismus aus die neuzeitliche Entwicklung hätten begreifen lassen.

Diskussionen über den Kapitalismus

Zur damaligen Zeit hatten die bürgerlichen Studenten an der Universität Leipzig das Bestreben, mit jungen Arbeitern zu diskutieren. So wollten sie die Denkweise der Arbeiterklasse kennenlernen. Es kam zu einigen Zusammenkünften zwischen einer Gruppe Studenten und einer Gruppe von Mitgliedern der Arbeiterjugend, in denen über die kapitalistische Wirtschaft diskutiert wurde. Walter Ulbricht hatte nicht nur auf der Parteischule, sondern auch in der Zeit der Arbeitslosigkeit das Werk von Karl Marx „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ [2] und andere seiner Schriften, wie „Lohnarbeit und Kapital“ [3] usw., gelesen. In der Diskussion kamen die Studenten, wie Walter Ulbricht berichtet, bald in Bedrängnis, denn sie konnten das Marxsche Wertgesetz [4] nicht widerlegen und waren nicht in der Lage, den von Marx entdeckten Bewegungsgesetzen des Kapitalismus eine überzeugende Konzeption entgegenzustellen. Was sie an der Universität gelernt hatten, stand in Widerspruch zu den Erkenntnissen der jungen Arbeiter, die diese mit Hilfe des Marxismus aus ihren eigenen Erfahrungen, insbesondere in der Zeit der Arbeitslosigkeit, gewonnen hatten. In der Sozialdemokratie war damals eine große Diskussion über den Imperialismus im Gange. Die rechten Führer, wie zum Beispiel Noske, unterstützten die Kolonialpolitik. Die Frage der Erhaltung des Friedens spielte in den sozialdemokratischen Organisationen eine große Rolle.

Quelle:
Johannes R. Becher: Walter Ulbricht – Ein deutscher Arbeitersohn, Dietz Verlag Berlin, 1961, S.33-35.

Anmerkungen:
[1] siehe: Karl Marx: Marx an Kugelmann am 12. April 1871, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Ausgewählte Werke in sechs Bänden (AW6), Dietz Verlag Berlin, 1988, Bd.IV, S.442f.
(In diesem Brief wies Marx darauf hin, daß es nicht möglich sei, die bürokratisch-militärische Maschinerie der Bourgeoisie zu übernehmen, sondern daß man sie zerbrechen müsse. Über den heroischen Kampf der französische Revolutionäre schrieb Marx: „Wenn sie unterliegen, so ist nichts daran schuld, als ihre ‚Gutmütigkeit’…“ Und warum waren sie so ‚gutmütig’? „Man wollte den Bürgerkrieg nicht eröffnen…)
[2] Karl Marx: Zur Kritik der Poitischen Ökonomie (Vorwort), in: KarlMarx/Friedrich Engels, AW6, Bd.II, S.501-506 und Karl Marx: Das Kapital, Kritik der Politischen Ökonomie. Erster Band, AW6, Bd.III, S.153-455.
[3] Karl Marx: Lohnarbeit und Kapital, Karl Marx/Friedrich Engels, AW6, Bd.I, S.551-593.
[4] Karl Marx: Lohn, Preis und Profit, in: AW6, Bd.III, S.94.
(Wertgesetz: „…der Wert einer Ware verhält sich zum Wert einer anderen Ware wie das Quantum der in der einen Ware dargestellten Arbeit zu dem Quantum der in der anderen Ware dargestellten Arbeit.“)

Siehe auch:
W.Ulbricht: Karl Marx hatte recht!
W.Ulbricht: Warum Marxismus-Leninismus?


Die „Stalin-Note“

Lies dazu auch: Die gemeinsamen Bemühungen W. Ulbrichts und J.W. Stalins um die Einheit Deutschlands und den Aufbau des Sozialismus in der DDR. Die plumpen Versuche der Geschichtsfälschung eines Benjamin Baumgarten:

pdfimages  Kurt Gossweiler: B.Baumgarten und die Stalinnote

(Frage: Sollte jemand den vollständigen Text aus der Zeitschrift „Streitbarer Materialismus“ Nr. 22 (Mai 1998), S. 61-74 haben, wären wir über eine Zusendung sehr dankbar. Auf der Website http://www.kurt-gossweiler.de fehlen leider sämtliche Fußnoten. N.G.)

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4 Antworten zu Walter Ulbricht: …und was man lernen muß

  1. Cåylér schreibt:

    Warum hat sich eigentlich Walter Ulbricht nicht von der SU abkoppeln lassen so wie die VR China zum Beispiel (ich meine nach dem Revisionismus 1956)?

    • sascha313 schreibt:

      Cåylér, das war leider nicht so einfach möglich. Die DDR war in zweierlei Weise von der SU abhängig – einmal wegen der Reparationen und dann auch aufgrund der Rohstoffe, die die DDR nicht hatte.

      Es bedurfte später außerordentlicher Klugheit, diesen hinterhältigen revisionistischen Kurs Chruschtschows zu unterlaufen. Zudem gab es auch in der DDR einige Revisionisten (Zaisser und Co.) und die subversive Einmischung des Westens.

      • Cåylér schreibt:

        Ok was hat das eigentlich mit der Stalin-Note damals auf sich gehabt? Hatte Stalin dem kapitalistischen Westmächten ein Angebot machen wollen freiwillig die BRD an die DDR anzuschließen?

      • sascha313 schreibt:

        Die „Stalin-Note“ war eindeutig dem gemeinsamen Bestreben der Partei- und Staatsführungen der beider Länder (der UdSSR und der DDR) entsprungen, entweder ein einheitliches, neutrales Deutschland (per Friedensvertrag) herzustellen, oder – falls das nicht gelang – ohne viel Lärm den Sozialismus in der DDR aufzubauen. Die Argumentation dazu ist sehr schön bei Dr.Kurt Gossweiler nachzulesen (hier – und auch als DOWNLOAD).

        Das steht übrigens im krassen Widerspruch zu den Geschichtsfälschungen eines W.Loth oder B.Baumgarten, wie durch die auch der Partei „Die Linke“)

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