August Bebel: Verschärfung der Klassengegensätze

BebelWir haben gesehen, daß August Bebel recht hatte, als er den modernen Klassenstaat und unser öffentliches Leben beurteilte. Nun wollen wir sehen, was er zu den Klassengegen-sätzen zu sagen hat. Der Klassenkampf, auch wenn er nicht immer die Form von Demonstrationen, Streiks oder Bürgerkrieg annimmt, so ist er doch ein ständiger Begleiter der kapitalistischen Gesellschaft (die Kapitalisten nennen es „Marktwirtschaft“, weil „Markt“ eben friedlicher klingt als „Kapital“). Und die Bourgeoisie setzt alles daran, um diesen Zustand zu erhalten. Klar, es ist natürlich überaus profitabel, wenn da welche arbeiten und den notwendigen Mehrwert produzieren, aus dem das Kapital entsteht. Und je dümmer (d.h. unwissender!) die Arbeiter sind, desto leichter ist es, sie hinter’s Licht zu führen mit Sprüchen wie diesen:  „Wir sitzen alle in einem Boot!“ – „Der Kommunismus ist erledigt!“ Wirklich? – „Revolution war gestern, heute hat jeder eine Chance!“ – „Wir müssen uns alle anstrengen, dann geht es auch allen besser!“ – „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, nur Leistung wird belohnt!“ oder: noch besser „in einer Wohlstandsgesellschaft“ …und was dergleichen flaue Redensarten noch sind. Damit nur ja keiner auf die Idee kommt, es ginge ihm schlecht – der Kapitalismus sei schuld. Wem überhaupt geht es schlecht, der Mittelschicht, den „Leistungsträgern“ oder wem? Du fühlst dich von denen belogen? Ja, so ist es!

„Der Klassenkampf“, so lesen wir in Meyers Jugendlexikon, „ist die ständige offene und versteckte Auseinandersetzung zwischen den antagonistischen Klassen. Er ist die entscheidende unmittelbare Triebkraft und eine objektive Gesetzmäßigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung in allen antagonistischen Klassengesellschaften. Der Klassenkampf entspringt der gegensätzlichen Stellung der Klassen in einem bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, dem Besitz oder Nichtbesitz an Produktions-mitteln. Die Klasseninteressen der Ausbeuterklassen und der ausgebeuteten Klassen sind gegensätzlich und unversöhnlich. Der Marxismus-Leninismus unterscheidet drei Grundformen des Klassenkampfes, die untrennbar miteinander verbunden sind. (Tab.1)

Tabelle Klassenkampf

Der Klassenkampf der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten wird von der marxistisch-leninistischen Partei auf der Grundlage ihrer wissenschaftlich ausgearbeiteten Strategie und Taktik geleitet. Der Klassenkampf des Proletariats und seiner Verbündeten erreicht seinen Höhepunkt in der sozialistischen Revolution. Sie beseitigt die politische und ökonomische Macht der Bourgeoisie und errichtet die Diktatur des Proletariats. Nach der Errichtung der politischen Macht der Arbeiterklasse setzt sich der Klassenkampf auf einer qualitativ höheren Stufe fort.“ [1]


August Bebel schreibt:

Die Verschärfung der Klassengegensätze

In unserem sozialen Leben wird der Kampf um die Existenz immer schwieriger. Der Krieg aller gegen alle ist in heftigster Weise entbrannt und wird unbarmherzig, oft ohne Wahl der Mittel geführt. Der Satz: Ote-toi de là, que je m’y mette (Gehe weg da, damit Ich mich hinsetze) wird mit kräftigen Ellenbogenstößen, mit Püffen und Kniffen in der Praxis des Lebens verwirklicht. Der Schwächere muß dem Stärkeren weichen. Wo die materielle Kraft, die Macht des Geldes, des Besitzes nicht reicht, werden die raffiniertesten und nichtswürdigsten Mittel in Anwendung gebracht, um ans Ziel zu kommen. Lüge, Schwindel, Betrug, falsche Wechsel, falsche Eide, die schwersten Verbrechen werden begangen, um das ersehnte Ziel zu erreichen. Wie in diesem Kampfe einer dem anderen gegenübertritt, so Klasse gegen Klasse, Geschlecht gegen Geschlecht, Alter gegen Alter. Der Nutzen ist der einzige Regulator für die menschlichen Beziehungen, jede andere Rücksicht muß weichen.

Das Schicksal der Leiharbeiter und Pendler

Tausende und aber Tausende von Arbeitern und Arbeiterinnen werden, sobald der Vorteil es gebietet, aufs Pflaster geworfen und sind, nachdem sie das letzte, was sie besaßen, zusetzten, auf die Öffentliche Wohltätigkeit und die Zwangswanderschaft angewiesen. Die Arbeiter reisen sozusagen in Herden von Ort zu Ort, die Kreuz und die Quere durch die Lande, und werden von der Gesellschaft mit um so größerer Furcht und mit um so tieferem Abscheu betrachtet, als mit der Dauer ihrer Arbeitslosigkeit ihr Äußeres reduziert und in weiterer Folge auch ihr Inneres demoralisiert wird. Die honette Gesellschaft hat keine Ahnung, was es heißt, monatelang sich die einfachsten Bedürfnisse für Ordnung und Reinlichkeit versagen zu müssen, mit hungrigem Magen von Ort zu Ort zu wandern und meist nichts als schlecht verhehlten Abscheu und Verachtung gerade von denen zu ernten, welche die Stützen dieses Systems sind. Die Familien dieser Armen leiden die gräßlichste Not und fallen der öffentlichen Armenpflege anheim. Nicht selten treibt die Verzweiflung die Eltern zu den schrecklichsten Verbrechen an sich und an den Kindern, zum Mord und Selbstmord. Namentlich mehren sich in Zeiten der Krise diese Verzweiflungsakte in erschreckendem Maße.

Viele junge Leute sind verzweifelt…

Verzweiflung

Aber die herrschenden Klassen stört dieses nicht. In derselben Zeitungsnummer, die solche Taten der Not und Verzweiflung meldet, stehen die Berichte über rauschende Festlichkeiten und glänzende offizielle Schaustellungen, als schwämme alles in Freude und Überfluß. Die allgemeine Not und der immer schwerer werdende. Kampf um die Existenz jagen Frauen und Mädchen immer zahlreicher der Prostitution und dem Verderben in die Arme. Demoralisation, Roheit und Verbrechen häufen sich, und was prosperiert, sind die Gefängnisse, die Zuchthäuser und sogenannten Besserungsanstalten, welche die Masse der Insassen kaum zu fassen vermögen.

Woher kommt die kriminelle Gewalt?

Die Verbrechen stehen in engster Beziehung zu dem sozialen Zustand der Gesellschaft, was diese allerdings nicht Wort haben will. Sie steckt, wie der Vogel Strauß, den Kopf in den Sand, um die sie anklagenden Zustände nicht eingestehen zu müssen, und lügt sich zur Selbsttäuschung vor, daran sei nur die „Faulheit“ und „Genußsucht“ der Arbeiter und ihr Mangel an „Religion“ schuld. Das ist Selbstbetrug der schlimmsten oder Heuchelei der widrigsten Art. Je ungünstiger der Zustand der Gesellschaft für die Mehrheit ist, um so zahlreicher und schwerer sind die Verbrechen. Der Kampf um das Dasein nimmt seine roheste und gewalttätigste Gestalt an, er erzeugt einen Zustand, in dem der eine in dem anderen seinen Todfeind erblickt. Die gesellschaftlichen Bande lockern sich und der Mensch steht als Feind dem Menschen gegenüber.[2]

Brauchen wir die Todesstrafe?

Die herrschenden Klassen, die den Dingen nicht auf den Grund sehen oder nicht sehen wollen, versuchen nach ihrer Art den Übeln zu begegnen. Nehmen Armut, Not und infolge davon Demoralisation und Verbrechen zu, so sucht man nicht nach der Quelle des Übels, um diese zu verstopfen, sondern man bestraft die Produkte dieser Zustände. Und je größer die Übel werden und die Zahl der Übeltäter sich vermehrt, um so härtere Verfolgungen und Strafen meint man anwenden zu müssen. Man glaubt den Teufel mit Beelzebub austreiben zu können. Auch Professor Häckel findet es in der Ordnung, daß man gegen Verbrechen mit möglichst schweren Strafen vorgeht und namentlich die Todesstrafe nachdrücklich anwendet.[3] Er ist darin mit den Rückschrittlern aller Schattierungen in schönster Übereinstimmung, die ihm sonst todfeindlich gesinnt sind.

…wie Unkraut ausgerottet

Häckel meint, unverbesserliche Verbrecher und Taugenichtse müßten wie Unkraut ausgerottet werden, das den Pflanzen Licht, Luft und Bodenraum nimmt. Hätte Häckel sich auch mit dem Studium der Sozialwissenschaft befaßt, statt sich ausschließlich mit Naturwissenschaft zu beschäftigen, er würde wissen, daß diese Verbrecher in nützliche, brauchbare Glieder der menschlichen Gesellschaft umgewandelt werden könnten, falls ihnen die Gesellschaft entsprechende Existenzbedingungen bieten würde. Er wurde finden, daß Vernichtung oder Unschädlichmachung des einzelnen Verbrechers so wenig das Entstehen neuer Verbrechen verhindert, wie wenn man auf einem Acker zwar das Unkraut beseitigt, aber übersieht, Wurzeln und Samen mit zu vernichten.

Nur eine Veränderung der Gesellschaft schafft Abhilfe

Die Bildung schädlicher Organismen absolut in der Natur zu verhüten, wird dem Menschen nie möglich sein, aber seine eigene, durch ihn selbst geschaffene Gesellschafts-organisation zu verbessern, daß sie günstige Existenzbedingungen für sie schafft, gleiche Entwicklungsfreiheit jedem einzelnen gibt, damit er nicht mehr nötig hat, seinen Hunger, oder seinen Eigentumstrieb, oder seinen Ehrgeiz auf Kosten anderer zu befriedigen, das ist möglich. Man studiere die Ursachen der Verbrechen und beseitige sie, und man wird die Verbrechen beseitigen. [4] Diejenigen, welche die Verbrechen beseitigen wollen, indem sie die Ursachen dazu beseitigen, können sich selbstverständlich mit gewaltsamen Unterdrückungsmitteln nicht befreunden. Sie können die Gesellschaft nicht hindern, sich in ihrer Art gegen die Verbrecher zu schützen, die sie in ihrem Treiben unmöglich gewähren lassen kann, aber sie verlangen um so dringender die Umgestaltung der Gesellschaft von Grund aus, das heißt die Beseitigung der Ursachen der Verbrechen.

Quelle:
August Bebel: Die Frau und der Sozialismus, Dietz Verlag Berlin, 1952, S.394-397.
(Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

Zitate:
[1] Meyers Jugendlexikon, VEB Bibliographisches Institut Leipzig (DDR), 1976, S.353f.
[2] Schon Plato kannte die Folgen eines solchen Zustandes. Er schreibt: „Ein Staat, in dem Klassen bestehen, ist nicht einer, sondern zwei: den einen bilden die Armen, den anderen die Reichen, welche beide, immer jedoch sich gegenwärtig auflauernd, zusammenwohnen.. Die herrschende Klasse ist am Ende außerstande, einen Krieg zu führen, weil sie sich dann der Menge bedienen muß, von welcher sie sich dann, wenn sie bewaffnet Ist, mehr fürchtet als vor den Feinden.“ Plato, Staat. Aristoteles sagt: „Zahlreiche Verarmung ist ein Übelstand, weil es fast gar nicht zu verhindern ist, daß solche Leute Unruhestifter werden.“ Aristoteles, Politik.
[3] Ernst Haeckel: Natürliche Schöpfungsgeschichte, Vierte Auflage, S.155/156, Berlin 1873.
[4] Ähnliches sagt Plato in seinem „Staat“: „Verbrechen haben ihren Grund in der Bildungslosigkeit und in der schlechten Erziehung und Einrichtung des Staates.“ Plato kannte also das Wesen der Gesellschaft besser als viele seiner gelehrten Nachfolger nach dreiundzwanzighundert Jahren. Das ist nicht gerade erfeulich.

Siehe auch:
Woher kommt die kriminelle Gewalt?

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