Erinnerungen eines Arbeiters

Maslowski wiosna 1905

Stanisław Masłowski (1853-1926)  Frühling 1905

Im Jahre 1955 erschien in der DDR ein kleines Büchlein mit Auszügen, Gedichten und Erzählungen aus der fortschrittlichen polnischen Literatur. Darunter Gedichte des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz und kleine Geschichten über die damals noch nahezu hoffnungslose Lage der Arbeiterklasse in der vorrevolutionären Zeit. Die folgende Geschichte handelt von einem kommunistischen Arbeiter, der durch das bürgerliche Regime verhaftet worden war. Sie wurde aus dem Polnischen übersetzt von Lilli Jähn…

Olbrzymek: AUS DEN ERINNERUNGEN EINES ARBEITERS

Ich erhielt eine große Zelle, in der sich ein Bett mit sauberem Bettzeug, ein Tisch, ein Schemel und ein Krug mit Wasser befanden. Dreimal täglich bekam ich sehr anständiges Essen, wie ich es in all den Monaten der Freiheit und während der drei Jahre illegaler Arbeit nicht hatte. Die Genossen, die monate- und jahrelang illegal gearbeitet haben und oft nicht wußten. wo und wie sie übernachten sollten. verstehen bestimmt, daß das Gefängnis auf mich keinen so niederschlagenden Eindruck machte. Ich hatte dort meine Ruhe. Mit der Zeit wird sie zwar ein wenig zuviel, aber man muß versuchen, sich damit abzufinden.

Freude und Verpflichtung

Anfangs aß ich alles auf, was man brachte. Ich schlief viel, aber recht unruhig, denn ich wußte aus Erzählungen, daß die Gendarmen nachts horchen, ob der Gefangene im Schlaf spricht, um ihn dann sofort zum Verhör zu holen … Nach einiger Zeit durften mir meine Genossen das erste Päckchen schicken. Es enthielt ein wenig Wäsche und zwei Bücher: den ersten Band des „Kapital“ von Karl Marx und eine Arbeit von N.I.Sieber, beide in russischer Sprache. Diese Kost war etwas zu schwer für mich. Ich versuchte trotzdem die Aufgabe zu meistern, denn die Genossen hatten mir mit dem „Kapital“ nicht nur eine große Freude bereitet, sondern mir damit auch eine Verpflichtung auferlegt.

Marx gründlich studieren

An Verurteilung und Strafe dachte ich schon gar nicht mehr, es war mir auch gleichgültig, welches Urteil gefällt werden würde. Ich wußte, daß mir im schlimmsten Fall Verbannung nach Sibirien drohte, wo ich einige meiner Genossen treffen würde und weiterlernen könnte. Es war mein Entschluß, das „Kapital“ von Marx gründlich zu studieren. obwohl ich anfangs nur aufmerksam darin lesen konnte : denn ich hatte bisher nicht die geringste Vorstellung von der politischen Ökonomie. ich kannte,noch nicht einmal ihre Terminologie. Außerdem machte mir die russische Sprache Schwierigkeiten. Die Bedeutung vieler Wörter und Bezeichnungen mußte ich einfach erraten. weil niemand da war. den ich danach fragen konnte. Um alles besser zu verstehen und zu behalten. übersetzte ich ganze Seiten ins Polnische.

Was ist Ausbeutung?

Langsam und mit vieler Mühe arbeitete ich mich durch die ersten Kapitel hindurch. Obwohl ich nicht alles verstand. las ich trotzdem weiter. .Erst bei den Abschnitten. in denen Karl Marx den Kauf und Verkauf der Arbeitskraft darstellt. begann ich mich besser zurechtzufinden. weil ich diese Dinge aus der Praxis kannte. Ich erinnerte mich an die Berechnungen der Gewinne meines Meisters, die ich vor dem ersten Streik der Bäcker im Jahre 1897 angestellt hatte. und begriff nun. daß sein Gewinn der unbezahlte Wert unserer Arbeit war.

Über dich wird gesprochen!

Große Freude bereiteten mir auch die von Marx angeführten Berichte der Untersuchungskommission über die Arbeitsverhältnisse in den Londoner Bäckereien. Hundertmal wiederholte ich das von Marx zitierte lateinische Sprichwort: „De te fabula narratur!“ (In dieser Fabel wird über dich gesprochen!) und freute mich wie ein Kind, daß ich in dem für mich scheinbar unzugänglichen Buch. Vieles fand. was ich aus eigener Erfahrung kannte.

Das Klassenbewußtsein

Ich begriff den Satz „Das Sein bestimmt das Bewußtsein des Menschen“. weil mein Klassenbewußtsein wie das von Hunderttausenden von Arbeitern bei unmenschlich schwerer Arbeit unter den Schlägen des Rohrstockes und während schlafloser Nächte gewachsen war. Ich erkannte auch. daß die Gesellschaftsordnung nicht durch den guten oder bösen Willen eines Gottes oder der Menschen. sondern einzig und allein als Ergebnis der Produktionsverhältnisse der gegebenen Epoche entstanden ist. Ich begriff weiterhin, daß nur die Arbeiterklasse eine neue, bessere Ordnung erkämpfen und aufbauen kann. denn Karl Marx hatte mir die Ursachen der gesellschaftlichen Entwicklung bewußtgemacht … Wie sehr wünschte ich. mit jemandem meine Gedanken austauschen zu können! …

Quelle: Polen erzählt. Literatur der Volksdemokratien, Bd.6, Volk und Wissen Volkseigener Velrag Berlin, 1955, S.149f.

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