Leon Kruczkowski: Die Deutschen

kruczkowskileonDer polnische Dichter Leon Kruczkowski, der selbst mehrere Jahre in deutschen Konzentrationslagern mißhandelt wurde, erhebt in seinem Schauspiel nicht nur Anklage, zeigt nicht nur Schuld, Verhängnis, menschliches Versagen und Irrtum, sondern deckt auch die Wurzeln und Ursachen auf, die zu den Verbrechen des Hitlerfaschismus und zur tiefen Selbsterniedrigung des deutschen Volkes führten. Der Faschismus war es, das brutalste politische System, das die Menschen in Bestien verwandelte, der das deutsche Volk in Verderben und Barbarei stürzte.

Dies schrieb Dr. Karl Kögler in seinem Nachwort zu dem Theaterstück „Die Sonnenbrucks“, das im polnischen Original „Die Deutschen“ hieß und in der DDR mehrfach aufgeführt wurde. Warum werden solche Schauspiele heute nicht mehr aufgeführt? Die Antwort ist einfach: Sie würden bei den Zuschauern sofort Klarheit schaffen über jene Zustände, die 1933 in Deutschland zum Faschismus geführt hatten. Sie würden aufklären und nicht – wie es heute geschieht – die Tatsachen vernebeln und Menschen mit simplen Erklärungen abspeisen. Leon Kruczkowski ist ein Zeuge dieser Ereignisse. Das Wissen über die deutsche Geschichte gehört zur Allgemeinbildung. Und gerade dieses Wissen fehlt bei der jüngeren Generation fast völlig. Weiter schreibt der Herausgeber:

Das bedeutet aber nicht Rechtfertigung, denn das deutsche Volk hat den Faschismus geduldet und nicht vermocht, sich aus eigener Kraft von ihm zu befreien. Leon Kruczkowski erhebt auch eine Forderung und zeigt den Weg zu ihrer Erfüllung, den Weg in eine neue Zukunft, den die Deutschen gehen müssen, um das Vertraum der friedliebenden Völker wiederzugewinnen.

Der Dichter hat sein Schauspiel unter dem Titel „Die Deutschen“ geschrieben. Das sollte besagen, daß es sich bei allen Personen, Handlungen und Äußerungen nicht um einzelne und um einzelnes handelt. Hinter jeder Person steht eine Gruppe deutscher Menschen: die persönlich .Anständigen, die nie den Faschismus bejahten, aber ihn auch nicht aktiv bekämpften, Frauen, die sich durch Äußerlichkeiten und Phrasen begeistern ließen, Ahnungslose, denen ein Erlebnis die Augen öffnen mußte und sie zum Widerstand befähigte, Soldaten ohne eigenes Denken, willfährig aus Angst um ihre eigene Existenz, Menschen, denen Unglück und Haß das klare Urteil genommen haben, das Korps der SS-Offiziere, das durch seine verbrecherischen Handlungen größte Schuld auf sich geladen hat. Auch die Situationen, in denen sich die. Menschen zu entscheiden und zu bewähren haben, sind typisch für das bestialische System des Faschismus, der alle menschlichen Werte und Bildungen, Liebe, Achtung, Familie, Ehe, Freundschaft und Kameradschaft zersetzt; Je stärker die Menschen der faschistischen Ideologie erliegen, desto weiter entfernen sie sich vom Geiste echter Humanität.

Da ist Hoppe, ein Familienvater, biederer Angestellter, nun im Dienste der Feldgendarmerie im ehemaligen sogenannten Generalgouvernement. Er ist kein begeisterter Faschist, er hat den Dienst satt, aber er ist ein willfähriges Werkzeug der nationalsozialistischen Machthaber. Richtschnur für sein Handeln ist ihm nicht die Menschlichkeit oder die Stimme seines Gewissens, sondern die Furcht vor dem Spitzel und die Vorschrift. „Für den deutschen Menschen ist der andere deutsche Mensch das Gewissen“, äußert er und erschießt den zehnjährigen Judenjungen. Dies geht nicht ohne inneren Kampf vor sich. Er erinnert sich an seinen eigenen gleichaltrigen Sohn. Diese Gewissensnot Hoppes charakterisiert Jurys treffend mit den Worten: „Furchtbar, er muß den Jungen erschießen, weil er selbst Kinder hat.“ Wiederum bezeichnend aber für Hoppe ist es, daß er nach dieser furchtbaren Tal seinen Koffer mit gestohlenen Dingen vollpackt und auf Urlaub fährt.


Hier nun ein kleiner Ausschnitt aus dem ersten Akt dieses Theaterstücks:

ERSTE SZENE

Im besetzten Polen. Schreibstube eines deutschen Wachtpostens in einer Kleinstadt. Ein Tisch, Stühle, ein Schrank, Hitlerbild; Landkarte, irgendein Propagandaplakat. Im Waffenschrank nur ein Gewehr. Auf dem Tisch Teller mit Äpfeln. Auf dem Stuhl großer Koffer, Wachtmeister Hoppe hat Mühe, ihn zu schließen. Die Tür geht auf, der Müller Schultz tritt ein. Er schiebt einen zehn- bis zwölfjährigen jüdischen Knaben vor sich her. Das Kind ist zerlumpt und ausgemergelt, weniger entsetzt als gleichgültig.

SCHULTZ: Heil Hitler!
HOPPE (mit seinem übervollen Koffer beschäftigt): Heil Hitler!
SCHULTZ: Nanu, Herr Hoppe, heute allein auf’m Posten?
HOPPE (zwängt den Koffer zu): Wie Sie sehen. Alle draußen. Aber sie kommen zurück, noch vor’m Abend.
SCHULTZ (tritt näher heran): Verreisen Sie? Oder gar Urlaub?
HOPPE: Jawohl, mein Lieber, Urlaub! Ganze drei Tage, ohne Reise, versteht sich!
SCHULTZ: Gratuliere! Das ist heute keine Kleinigkeit.
HOPPE (richtet sich auf): Es handelt sich auch um etwas ganz besonderes, Herr Schultz! Kennen Sie Sonnenbruck, Professor Sonnenbruck? Berühmter Gelehrter, der Stolz der deutschen Biologie. Übermorgen begeht er sein dreißigjähriges Berufsjubiläum. Das ist ein großer Feiertag für uns in Göttingen. Und ich bin der älteste Diener in seinem Betrieb. Schon zwanzig Jahre bei Sonnenbruck! Und der Professor hat mir diesen dreitägigen Urlaub verschafft, ohne Fahrt, versteht sich! Na, ist das ein Mensch?! Er hat so seine Beziehungen, daher diese Überraschung. Er will, daß auch ich an den Feierlichkeiten teilnehme. Sie haben ja keine Ahnung, Schultz, was das für ein Mensch ist!
SCHULTZ (spöttisch): Bei dieser Gelegenheit bringt man gleich so was nach Hause mit. Der Koffer stöhnt ja richtig, so voll ist er. (Rippenstoß) Und außerdem – mal wieder bei der Frau, was?
HOPPE: Na, und paar Tage weg von dieser Scheiße. Das ist auch was wert.
SCHULTZ: Ist wohl nichts mit dem Dienst hier? Göttingen, Gelehrte, saubere Arbeit, wäre gescheiter, was? Darum sind wir ja hierhergekommen, nach dem Osten, um alles sauber und schön zu machen. Hab‘ ich recht, Herr Hoppe?
HOPPE: Ich weiß nicht. Aber hier fühlt man sich wie unter Wölfen. Wo du hintrittst, wirst du finster angesehen. (Leiser) Die Partisanen werden immer frecher …. nachts muß man sich einschließen wie in eine Festung … man darf gar nicht daran denken.
SCHULTZ: Trösten Sie sich, weiter östlich ist es noch schlimmer.
HOPPE: Klar. Hier sind wir in der Nähe vom Reich. Im Falle…
SCHULTZ: „Im Falle?“ Wie ist .das zu verstehen, Herr Hoppe?‘
HOPPE: Ganz einfach. (Verändert) Sie haben ein Anliegen, Herr Schultz?
SCHULTZ: Ja, ein Anliegen. Sie kennen mich. Sie wissen, ich komme nie, um leere Worte zu machen. Ich hab‘ ein Anliegen, aber kein großes. Da Da steht es (Zeigt auf das jüdische Kind.)
HOPPE (bemerkt es erst jetzt).
SCHULTZ: Ein jüdisches Balg. Ich hab’s in den Sträuchern gefunden, nicht weit von der Mühle. Ich hab’s hergebracht, damit Sie tun, was zu tun ist. (zum Kind) Was glotzt du herum, Lausejunge? Marsch, an die Wand, dreh dich um!
DAS KIND (führt den Befehl aus).
SCHULTZ: Hätt‘ ihn selbst erledigen können, aber ich dachte mir (mit Nachdruck), soll sich Herr Hoppe auch mal zerstreuen … in unserer Kleinstadt ist es langweilig … soll auch Herr Hoppe mal. Im übrigen, die Vorschriften…
HOPPE: Die Vorschriften, sagen Sie …
SCHULTZ: Das ist eigentlich alles. Ich laß Ihnen dieses Teufelchen hier. Wenn ich Ihnen gut raten soll, machen Sie kurzen Prozeß, damit es Ihnen womöglich nicht entwischt. (Geht an die Tür, bleibt stehen, sieht ein­ dringlich auf Hoppe) Ja, hier im Osten ist es dreckig und stinkt. Wünsche guten Urlaub in Göttingen, Herr Hoppe. Heil HitIer! (Geht)

(Ende des Zitats)

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