Valentina Ljubimowa: «Schneeball»

SchneeballMan schrieb das Jahr 1948. Der 2.Weltkrieg war gerade zu Ende gegangen. Der deutsche Faschismus war kriegsentscheidend durch die Sowjetunion zerschlagen worden und in Nürnberg wurden einige der Hauptkriegsverbrecher zum Tode verurteilt. Doch schon nach kurzer Zeit begannen die USA mit kriminellen Machenschaften gegen den einstigen Verbündeten, die Sowjetunion, zu intrigieren. Das Volk der USA wurde aufgehetzt zu einem neuen Krieg, der wiederum gen Osten führen sollte. Die Militärs der USA hatten die ersten Atombomben schon erprobt, indem sie ohne militärische Notwendigkeit Hiroshima und Nagasaki zerstörten. Das nächste Ziel sollte die Sowjetunion sein. In dieser Zeit spielt das Theaterstück „Schneeball“ von Wera A. Ljubimowa, einer sowjetischen Autorin. Kindern und Jugendlichen sollte es die gesellschaftlichen Widersprüche zeigen, die das Leben der Menschen in den USA auch heute noch bestimmen. Viele dieser schäbigen Verhaltensweisen in den USA haben mittlerweile auch auf deutsche Verhältnisse abgefärbt.

1951 erschien der Text in einer Schulausgabe für die Kinder in der DDR. Später wurde darüber ein Film gedreht (Regie: Rudi Kurz) und viele Bühnen inszenierten das Sujet in einer Theateraufführung. Das Thema erweist sich auch heute von unverminderter Aktualität. Es zeigt sich in erschreckendem Maße, daß sich der Imperialismus in den USA mit seinem Rassenhaß, seiner verlogenen Moral und seinen inneren Widersprüchen nicht im geringsten geändert hat…

Worum geht es in dem Stück?

Das Stück spielt in einer mittleren Stadt im Norden der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Im Mittelpunkt der Handlung steht eine Schulklasse. Diese Schülergemeinschaft wird vor die Frage gestellt, für oder gegen ihren Klassenkameraden Dick Dempsey, genannt Schneeball, Stellung zu nehmen. Jeder einzelne von ihnen muß sich entscheiden: für oder gegen Dick, d.h. für oder gegen die Rassenhetze in den USA. Durch die Klassengemeinschaft zieht sich ein Riß, der sich in der Lehrerschaft und bei den Eltern fortsetzt. Es sind hier die gleichen Gegensätze, die sich im großen in Amerika, ja in der ganzen Welt herausgebildet haben: zwei Lager, die sich feindlich gegenüberstehen, dasjenige der Kämpfer für den Frieden und das der Kriegshetzer und ihrer Handlanger.

Schon damals sah man das…

Es wird in diesem Stück gezeigt, was es bedeutet, in Amerika als Neger [1] auf die Welt gekommen zu sein. Dick Dempseys Schicksal steht für das Schicksal der gesamten farbigen Bevölkerung Amerikas. Aber auch das Schicksal des Schulleiters Thompson, der seine Schüler im Geiste der Demokratie, für Wahrheit und Menschenwürde, für die Freundschaft mit der Sowjetunion als größter Friedensmacht erziehen will, der Dick Dempsey helfen möchte, zu lernen und vorwärtszukommen, und der deswegen vor den Untersuchungsausschuß für unamerikanisches Verhalten gestellt wird, ist typisch für Amerika als einem Lande, das dem Faschismus entgegengeht.

Es sind immer die gleichen reaktionären Kräfte

Weiterhin wird in dem Schauspiel gezeigt, daß die Kräfte, die gegen die Gleichberechtigung der Neger sind, die gleichen Kreise sind, die heute Atombomben bauen lassen, um mit diesen Waffen einen neuen Krieg gegen die Sowjetunion und gegen die friedliebenden Völker der Welt zu entfesseln. Der Großindustrielle Henry Biddl und seine verzogene Tochter Angela sind in diesem Stück die Vertreter dieser Kräfte. Durch Versprechungen und Geschenke versuchen sie die Menschen mit ihren Interessen zu verbinden. Hinter sozialen Phrasen verbergen sie ihre aus Gemeinheit und Haß geborene Handlungsweise. Angela lädt eine Reihe von Mitschülern ein, um sie gegen ihre farbigen Klassenkameraden aufzuhetzen.

Die weiße Herrenrasse der USA bestimmt

Biddl stiftet ein Stadion, um sich bei Lehrern und Schülern den nötigen Einfluß zu sichern, den er braucht, um die demokratischen Gebräuche der Schule zu zerschlagen. Aber nur Kinder wie der Advokatensohn Charley, der von Hause aus im Sinne des Kapitalismus erzogen wurde, und Mary, die es mit keinem verderben möchte, oder Lehrer wie Miß Feiler und Mr. Takker, die ihre Stellung nicht verlieren möchten, werden dadurch beeinflußt. Die Arbeiterkinder John, Jane und Davie folgen der Einladung Angelas nicht, weil ihre schwarzen Freunde Dick und Betty davon ausgeschlossen bleibt. Sie und die Lehrerin Miß June halten dem Schulleiter Tbompson auch dann die Treue, als dieser seines Amtes enthoben wird.

Nur Solidarität hilft gegen Unternehmerwillkür

Wie die Kinder durch gleiche Arbeit und durch die Klassengemeinschaft der Schule sich in Freundschaft mit den farbigen Mitschülern verbunden fühlen, so beweisen auch die Arbeiter Biddls ihre Solidarität, indem sie in den Streik treten. So schließt das Stück mit dem Gelingen der Aktionseinheit der amerikanischen Arbeiter gegen ihre monopolistischen Fabrikherren, die den Rassenhaß schüren und den Krieg vorbereiten…


Hier nun zwei kleine, fast belanglose Szenen aus dem Theaterstück. Und dennoch ein sehr ausfschlußreicher Dialog, wie man feststellen wird….

ZWEITES BILD. (Im Hause Biddls)

ANGELA: Pa, ich muß mit dir sprechen.
BIDDL: Einen Augenblick. Ja, was willst du, mein Kind?
ANGELA: Ich kann nicht mehr in diese Schule gehen, Pa!
BIDDL: Wieso?
ANGELA: Ich kann es einfach nicht. Ich habe es eine Woche lang
versucht, aber es geht über meine Kräfte. Wir hätten nicht aus dem Süden fortziehen sollen, warum mußten wir in diesen widerlichen Norden
kommen.
BIDDL: Angela, wir haben dieses schöne Haus geerbt.
ANGELA (unterbricht ihn): Unser Haus im Süden war viel schöner, Pa. Es war so schade, es zu verlassen.
BIDDL: Du hast da recht. Aber außer dem Haus habe ich noch ein Bergbaugelände geerbt, und da habe ich Probebohrungen machen lassen,
und dabei ist festgestellt worden…
ANGELA (gelangweilt): Daß da irgendein Erz vorhanden ist, das
uns Geld einbringen wird. Haben wir denn sowenig, Geld, Pa?
BIDDL: Das will ich nicht sagen. Aber … Du bist jetzt fünfzehn Jahre alt, Angela, und du hast sicher schon gehört, daß es Erze gibt, die jetzt sehr hoch im Kurs stehen. Der Staat braucht sie.
ANGELA (rasch): Zur Herstellung von … Atom … ?
BIDDL: Man muß nicht alles beim Namen nennen. Ich habe hier ein großes Geschäft vor. Du wirst einmal. Millionen erben, Ange. Freut dich das etwa nicht?
ANGELA: Doch, natürlich. Millionen sind sehr schön. Aber kannst
du nicht etwas tun, um mir diese Demütigungen mit den Schwarzen zu ersparen?
BIDDL: Hab ein wenig Geduld. Bald kommen Ingenieure mit ihren Familien und eine Menge Angestellte. Dann richten wir natürlich eine Privatschule ein und in die kommt kein Nigger hinein, darauf kannst du dich verlassen, Angela.
ANGELA: Pa, das dauert mir zu lange! Gleich! Kannst du denn wirklich nichts für deine einzige Tochter tun, Pa? (Schmiegt sich an ihren Vater an) Ein Nigger ist der Liebling der Klasse, und ich …
BIDDL: Die Gesetze kann ich doch nicht so ohne weiteres ändern, mein Kind. In die öffentliche Schule dürfen alle gehen – weiße Kinder und schwarze. Hier gibt es noch keine Privatschulen. Aber ich gebe dir mein Wort, daß es bis zum nächsten Semester eine geben wird.
ANGELA: Aber du bist doch Mitglied des Elternausschusses. Und der reichste Mann der Stadt!
BIDDL: Offiziell ist es nicht üblich, sich in die inneren Angelegenheiten der Schule einzumischen. Aber ich … werde es mir überlegen.
ANGELA: ??? Wenn diese Schwarzen wenigstens nicht neben einem sitzen würden! Im Süden haben sie gesondert gesessen, auf der hintersten Schulbank, und hier … Alles dieser Mister Thompson! Er behandelt sie viel zu gut.
BIDDL: Ich werde es mir überlegen, Ange. Ich glaube, ich sehe schon eine Möglichkeit.
ANGELA: Es wird dir bestimmt etwas einfallen. Pa, du brauchst nur zu wollen. Du bist doch so klug.
BIDDL: Du bist auch nicht dumm. Freunde dich mit den beliebtesten Schülern der Klasse an. Lade sie zu dir ein.
ANGELA: Ich habe sie ja schon eingeladen, Pa. Heute kommen Mary und Charley. Er ist der Sohn eines Rechtsanwalts. Er mag die Schwarzen auch nicht. Weißt du, Dick Dempsey, Schneeball – sie nennen ihn alle so – ist der Klassenchampion, und der hat Charley besiegt. Aber Charley möchte selbst gern Champion sein.
BIDDL: Na, ausgezeichnet!
ANGELA: John, das ist die Hauptperson. Der ist vom Schülerrat.
Aber du kannst dir gar nicht vorstellen, was der für eine Rolle in der Klasse spielt. Verstehst du, Pa, was John sagt – das gilt,
BIDDL: Den müßtest du zuerst auf deine Seite bringen.
ANGELA: Wie soll ich das anfangen? Mary ist mit ihm schon befreundet.
BIDDL: Vielleicht kann Mary …
ANGELA: Ich werd‘ mal mit ihr sprechen.
BIDDL: Siehst du, es wird alles gut gehen, wenn wir beide uns zusammentun.
(Ein Klingelzeichen ertönt)

ANGELA: Pa, ich mache auf! Vielleicht kommen sie s.chon. (Geht ab)
BIDDL (sitzt eine Weile schweigend da, nimmt dann den Telefonhörer ab und wählt eine Nummer): Hallo! Verbinden Sie mich mit dem Direktor der Schule, Mister Thompson. Hier spricht Biddl, Mitglied des Elternausschusses … Guten Tag, Mister Thompson … Ja, Ja … mit.Ihnen persönlich möchte ich sprechen. Ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie mich aufsuchen würden … Wie bitte? Es ist Ihnen lieber, wenn ich zu Ihnen komme? Ja, aber ich bin sehr beschäftigt. Ja, entschuldigen Sie, natürlich, natürlich. Sie sind ebenfalls beschäftigt! Also wann soll ich zu Ihnen kommen, Mister Thompson? Am Donnerstag um zwei Uhr? Ginge es nicht am MIttwoch um sechs? Unmöglich? – Schön, ich komme am Donnerstag um zwei Uhr. Auf Wiedersehen!
(Hängt den Hörer an. Der liebenswürdige Ausdruck verschwindet, er sieht plötzlich kalt und böse aus. Er geht durch die Tür rechts ab.)

DRITTES BILD. (Wenig später in der Schule…)

THOMPSON: Seitdem die neue Schülerin Angela Biddl in Ihrer Klasse ist, gibt es Erscheinungen, die weder Ihrer Klasse noch Ihrem Namen Ehre machen. Sie sind doch der Klassenlehrer, Takker?
TAKKER: Sie überschätzen das, Mister Thompson … Die üblichen Reibereien unter Schülern … Die jungen Menschen machen gern aus einer Mücke einen Elefanten …
THOMPSON: Das nennen Sie „übliche Reibereien“? Sie unterschätzen das! Das gefällt mir nicht, Takker l
TAKKER: Das wird sich bald legen, Mister Thompson. Sie haben uns Pädagogen stets empfohlen, den Kindern mehr zu vertrauen und es Ihnen selbst zu überlassen, ihre Reibereien zu schlichten … es hat keinen Zweck, sich jetzt schon einzumischen…
THOMPSON (aufbrausend): Und ich bin der Ansicht daß sofort eingegriffen werden muß!
TAKKER (senkt die Augen): Bitte. Wie Sie wollen, Mister Thompson … Ich werde mich dieser Sache annehmen.
THOMPSON (ist aufgestanden und geht mit großen energischen Schritten
auf und ab): Wie Sie wollen. Wie Sie wollen … Haben Sie keine eigene Einstellung zu diesem Problem? Das ist doch unser Schandfleck vor der ganzen Welt! Wir haben erneut Krieg geführt, um den Faschismus zu besiegen. Und hier, in unserem eigenen Lande, lassen wir solche Dinge zu! (Berührt leicht Takkers Schulter) Sie sind noch jung, Jack! Ich weiß nicht, was in Ihnen vorgeht. Was denken Sie? Sie waren nicht im Krieg, Sie haben dieses Elend nicht kennengelernt. Haben Sie denn gar kein Interesse dafür, was in der Welt vorgeht, was aus unserem Land wird, dessen Zukunft wir hier in unserer Schule mitgestalten? Wie? Jack?
TAKKER (vorsichtig tastend): Doch, doch, ich interessiere mich schon … man spricht so viel davon, daß wir bald eine Krise haben werden.
THOMPSON (sieht Takker aufmerksam an): Ach so, und Sie denken dabei nur an sich? Sie könnten bei einer Krise Ihren Nebenverdienst verlieren? Na ja, … Gleich wird dieser Biddl zu mir kommen. Empfangen Sie ihn, Takker. Ich habe noch etwas zu erledigen und komme gleich wieder.
TAKKER: Gut, Mister Thompson. – Mister Biddl wird auf seine Kosten unserer Schule einen Sportplatz bauen.
THOMPSON: Ja, er ist ein reicher Mann. Er hat die ganze Stadt aufgekauft. Und nun denkt, er, er kann die Schule auch kaufen. Aber alles ist nicht für Geld zu haben, mein lieber Takker. WIr beide müssen sehr auf der Hut sein. (Geht ab)

(Takker erhebt sich, bringt seinen Anzug in Ordnung, rückt die Krawatte zurecht, kämmt sich. Er macht eine einladende Bewegung nach dem bequemsten Sessel bin. Er probt die Bewegung mit Biddl tritt ein.)

BIDDL: Mister Thompson?
TAKKER (stellt sich vor): Jack Takker, Biologielehrer, und außerdem bin ich der Klassenlehrer Ihrer Tochter Angela, Mister Biddl.
BIDDL: Das trifft sich ja gut. (Setzt sich als erster in den Sessel des
Direktors vor den Tisch und weist Takker den Platz an, als sei er der Herr) Setzen Sie sich. Sie sind also Biologe? Sie interessieren sich natürlich in erster Linie für die heute so modernen darwinistischen Ideen und erst in zweiter Linie für die Fragen einer sittlichen Erziehung?
TAKKER: Ich halte mich an die in den Lehrbüchern aufgestellten Richtlinien, Mister Biddl.
BIDDL: Die Kinder werden in dieser Schule nicht richtig erzogen, und nachher wundert man sich, daß solche jungen Leute dem Sozialismus zuneigen. Ich hoffe, Sie haben keinerlei solche Neigungen, Mister Takker?
TAKKER: Um Gottes willen! Ich bitte Sie, Mister Biddl!
BIDDL (blickt Takker direkt an): Wir brauchen eine harte und rücksichtslose Jugend, Mister Takker! Mit Gottes und unserer Hilfe wird Sie einst die Welt regieren! Denken Sie mal darüber nach, Takker.
TAKKER: Darüber werde ich unbedingt nachdenken.
BIDDL: Ausgezeichnet. Wir haben vor, bald eine Privatschule zu eröffnen. Wir schätzen natürlich gute Pädagogen.
TAKKER: Ich wäre Ihnen sehr dankbar, Mister Biddl. Sehr dankbar.
(Takker steht auf und verneigt sich)
BIDDL: Mir fällt auf, daß hier in der Schule überall das Bild des verstorbenen Präsidenten hängt.
TAKKER: Mister Thompson ist ein Anhänger Roosevelts.
BIDDL: Scheint so. Er läßt ja lange auf sich warten?
TAKKER: Ich hole ihn.
BIDDL: Bitte, ja, Takker. Sagen Sie, wie ist so was möglich? In Ihrer Klasse und unter Ihrer Leitung beleidigt man meine Tochter?
TAKKER (ratlos): Mister Biddl, ich …
BIDDL (Jede Silbe betonend): Ich verlasse mich darauf, daß Sie das
unterbinden, Takker!
(Takker nimmt den Befehl in der Haltung eines Dieners mtgegen.)

( Ab.)

(Biddl bleibt auf dem Direktorstuhl sitzen und trommelt mit den Fingerknöcheln auf den Tisch. Er sieht ungeduldig auf die Uhr. Der Direktor tritt ein.}

BIDDL: Ich habe leider sehr wenig Zeit. Setzen Sie sich Mister Thompson. (Thompson bleibt stehen) Aber bitte! (Weist auf einen Stuhl) Entschuldigen Sie. Ich habe aus Versehen Ihren Platz eingenommen, Mister Thompson. Das war keine böse Absicht. Hahaha!
(Steht vom Sessel auf, in den sich Thompson setzt)
THOMPSON (trocken): Das habe ich auch nicht angenommen.
Bitte nehmen Sie Platz. (Biddl setzt sich)
BIDDL: Nun, wie steht unsere Sache, Mister Thompson?

THOMPSON: Welche Sache, Mister Biddl?
BIDDL: Ich meine die Schule, Mister Thompson.
THOMPSON: Vor drei Tagen war eine Besprechung mit dem
Elternausschuß. – Sie waren doch auch dort.
BIDDL: Ja. – Übrigens, in zehn Tagen ist das Schulstadion fertig.
Was sagen Sie zu dem Tempo, Mister Thompson?
THOMPSON: Das Tempo ist anerkennenswert.
BIDDL: Mir scheint, es ist Ihnen irgendwie nicht recht, Mister Thompson?
THOMPSON: Das Wohl der Schule liegt mir immer am Herzen. Die Schule ist mein ganzes Leben – .

(Thompson hat eine distanzierte Art, sich mit Biddl zu unterhalten, und das Gespräch droht jeden Augenblick ins Stocken zu kommen. Biddl fällt es schwer, sich mit dem Direktor zu unterhalten. Er fühlt dessen Überlegenheit, und dies ärgert ihn.)
BIDDL: Großartig, Thompson!
THOMPSON (nach einer Pause): Sie wollten mich doch in einer privaten Angelegenheit sprechen. Um drei Uhr muß ich leider zur Lehrerkonferenz.
BIDDL (verliert allmählich seine Liebenswürdigkeit): Ich will Sie nicht aufhalten. Ja, ich habe ein persönliches Anliegen. Meine Tochter wird in Ihrer Schule schlecht behandelt, Mister Thompson.
THOMPSON: Wir bemühen uns nach Kräften, in den Klassen die besten Beziehungen herzustellen, sowohl unter den Schülern als auch zwischen Lehrern und Schülern.
BIDDL (hartnäckig): Meine Angela beklagt sich über schlechte Behandlung!
THOMPSON: Von wem soll diese schlechte Behandlung ausgehen, Mister Biddl?
BIDDL: Von einigen Schülern, Mister Thompson.
THOMPSON: Vielleicht sollte Angela den Grund dazu in ihrem eigenen Charakter suchen?
BIDDL (spöttisch): Nun, das möchte ich meiner Tochter ersparen, ihren eigenen Charakter analysieren zu müssen. Ich bitte Sie, sich dieser Sache anzunehmen und der Klasse klarzumachen . . .
THOMPSON: Sehen Sie, Mister Biddl, ich halte es für richtig, wenn die Kinder ihre Reibereien selbst schlichten. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß das viel besser ist.
BIDDL: In diesem Fall muß ich Sie bitten, ich muß darauf dringen, daß Sie energische Maßnahmen ergreifen…
THOMPSON (ihm ins Wort fallend): Mister Biddl! Ich bin Pädagoge, und ich gedenke, diese Methode nicht zu ändern.
BIDDL: Aber ich habe doch schließlich das Recht, zu fordern, daß meine Tochter ungestört lernen kann.
THOMPSON: Natürlich.
BIDDL: Und das geht nur unter einer Bedingung…
THOMPSON: Und die wäre?
BIDDL: Meine Tochter ist im Süden groß geworden.
THOMPSON: Was wollen Sie damit sagen?
BIDDL: Ich will damit sagen, daß Sie auf die Gefühle der weißen Kinder mehr Rücksicht nehmen müssen.
THOMPSON: Und die Gefühle der schwarzen Kinder? Oder sind Sie etwa der Meinung, daß die schwarzen Kinder keine Gefühle haben?
BIDDL: Achten Sie auf Ihre Worte, Mister Thompson! Ich verlange nichts Außergewöhnliches! Ich fordere das Natürlichste vom Natürlichen. Setzen Sie diesen, wie heißt er doch … Ihr Liebling? …
THOMPSON: Schneeball?
BIDDL: Die Kinder haben entschieden Humor. Setzen Sie diesen Neger Schneeball auf die hinterste Schulbank.
THOMPSON: Entschuldigen Sie, aber ich überlasse es den Kindern, sich ihre Plätze selbst zu wählen. Sie verfahren da nach ihren eigenen Grundsätzen.
BIDDL: Sie brauchen es doch nur zu befehlen.
THOMPSON: Ja, aber den Kindern müssen meine Befehle und meine Handlungen verständlich sein.
BIDDL: Ich merke, es ist zwecklos, sich mit Ihnen herumzustreiten! Wir könnten zusammenarbeiten und dieser Stadt und dem ganzen amerikanischen Volk Nutzen bringen. Ich hoffe, ich bin überzeugt, daß Sie nach einiger Überlegung meine kleine Bitte erfüllen werden.
THOMPSON: Warum soll ich diesen in jeder Beziehung hochanständigen Jungen kränken? Nur weil er ein Neger ist? Sie haben mich eben gebeten, auf meine Worte achtzugeben. Hören Sie bitte zu: Vor einer halben Stunde habe ich meinem Schüler, dem Negerjungen Dick Dempsey, mein Wort gegeben, dafür zu sorgen, daß auch er in dieser Schule ungestört lernen kann!
BIDDL: Ist das Ihr letztes Wort?
THOMPSON: Ja. Ich bin der Direktor und trage…
BIDDL: Es fragt sich, ob Sie es noch lange bleiben werden.
THOMPSON: In einen solchen Kampf sollten Sie sich mit mir nicht einlassen. Die Kinder sind mir sehr zugetan, und die Eltern vertrauen mir. Es dürfte nicht leicht sein, mich zu stürzen. Ich bin mit meiner Schule verbunden, und ich gebe sie nicht ohne weiteres auf. Ich stehe hier als Wächter für die Sache der Demokratie. Ich fühle mich vor meiner Heimat, vor der ganzen Welt für diese jungen Seelen verantwortlich.
BIDDL: Sie sind ein gefährlicher Mensch. Mister Thompson. Ich will es Ihnen ganz aufrichtig sagen: Ich habe im Augenblick viele Dinge im Kopf, und es war ursprünglich gar nicht meine Absicht, mich jetzt mit dieser Schule zu befassen. Meine Tochter hat sich über schlechte Behandlung beklagt, und ich wollte lediglich diesem unerfreulichen Zustand ein Ende bereiten. Doch nun sind wir aneinandergeraten. Sie sind nicht der Mann, der an die Spitze einer amerikanischen Schule gehört.
THOMPSON: So?
BIDDL: Sie erziehen Ihre Schüler zu staatsfeindlichen Menschen.
THOMPSON: Ich erziehe meine Schüler zu echten, aufrichtigen Amerikanern, die für ihr Vaterland vor der ganzen Welt einstehen können.
BIDDL: Von heute an ist die Schule meine Sache! Wenn dieser Schneeball und. was immer für Neger morgen nicht nach hinten gesetzt werden – ganz nach hinten! – werden Sie Ihren Starrsinn zu bereuen haben. Überlegen Sie es sich, Mister Thompson, ehe es zu spät ist. (Geht ab)
(Thompson starrt ihm mit ernstem Ausdruck nach. Dann senkt er den Kopf und versinkt in tiefes Sinnen. …)

Anmerkungen:
[1] Neger [<frz. <sp. <lat. niger, «schwarz»]: Angehörige der negriden Rassengruppe in Afrika südlich von der Sahara (etwa 250 Mill.); im 16.-19. Jh. durch den Sklavenhandel auch nach Mittel-, Süd- und Nordamerika verschleppt. Da die Bezeichnung N. als diskriminierend gilt, ist sie durch Afrikaner, Afroamerikaner bzw. durch die Staatsangehörigkeit (z. B. Nigerianer) zu ersetzen.
[2] Roosevelt, Franklin D. (1882-1945), war  bis 1945 Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Auch wenn dieser Text sehr lang ist … Es ist nicht zu übersehen, daß solche Verhaltensweisen wie die dieses BIDDL auch hierzulande in Schulverwaltungen, auf Abgeordnetensitzen und in den Führungsetagen einiger Konzerne ihre deutsche Entsprechung haben. Und es wird nicht nur von den Lehrern abhängen, ob sie imstande sind, denen zu widerstehen.


lyubimova_4Valentina Alexandrowna Ljubimowa (1895-1965) war eine russische/sowjetische Schriftstellerin und Dramaturgin.  Sie wurde  in dem kleinen Dorf Schtschurowo in der Familie eines Geistlichen geboren. im Jahr der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution 1917 beendete sie in Moskau an der Philologischen Fakultät ihr Studium und arbeitete danach viele Jahre als Lehrerin an einem Gymnasium. Sie war bei den Kindern sehr beliebt, und sie ließ es sich nicht nehmen, jeden Brief, den die Kinder ihr schrieben, auch persönlich zu beantworten. 1926 erschien ihr erstes Buch, ein Gedichtband. Zur Eröffnung des Zentralen Kindertheaters in Moskau 1936 wurde ihr erstes größeres Werk, das Stück «Serjoscha Strelzow», ein großer Erfolg. Valentina Ljubimowa schrieb mehr als 40 Theaterstücke. Einen wahrhaft grandiosen Erfolg aber hatte sie mit dem Stück «Schneeball», welches in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Dafür erhielt sie im April 1949 den Stalinpreis zweiter Klasse.

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3 Antworten zu Valentina Ljubimowa: «Schneeball»

  1. Pingback: Valentina Ljubimowa: «Schneeball» | Russian-Soviet-Affairs – Intl Rel.

  2. socialistrising schreibt:

    Hat dies auf Russian-Soviet-Affairs – Intl Rel. rebloggt und kommentierte:
    It seems that the grand manipulation of some many people around the world works – give them carrots – lots of carrots so they won’t notice the stick buried under the carrot pile … their obsession with regards to the former Sovjet Union and now Russia knows no logic – the old aims are being forced on European Nations as – repayment – for the many carrots – poising the minds of Eastern European States against Russia !

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