Prof.Dr. J.Kuczynski: Stalin als Historiker

Kuczynski

Prof. Jürgen Kuczynski (1904-1997)

In einem Aufsatz über die Sowjetwissenschaft, der fortschrittlichsten Wissenschaft der Welt jener Zeit, schrieb der bekannte Ökonom und Historiker Jürgen Kuczynski im Jahre 1951 über J.W.Stalin:

Wenn man den wissenschaftlichen Einfluß Stalins auf die Erforschung der Wirklichkeit untersuchen und einschätzen will, dann muß man folgendes bedenken:  Einmal hat Stalin auf alle Zweige der Forschung einen entscheidenden Einfluß dadurch gehabt, daß er die Grundlehren des Marxismus-Leninismus gegen alle Verfälschungsversuche verteidigt, sie für uns in immer neuer Weise konkretisiert und sie entsprechend der Weitergestaltung der Wirklichkeit vertieft und fortentwickelt hat.

Diese große wissenschaftliche Leistung Stalins ist spürbar sowohl in der Entwicklung z.B. der Literaturwissenschaft wie der Archäologie, der Naturwissenschaft wie der Politökonomie: es gibt keinen Zweig unserer wissenschaftlichen Erkenntnis, der nicht durch dieses Werk Stalins auf das tiefste beeinflußt ist. (…)

Stalin hatte beeindruckende Kenntnisse auf vielen Gebieten

Aber neben diesem allgemeinen grundlegenden Einfluß auf alle Zweige unserer Wissenschaften hat Stalin auch auf Einzelgebieten uns neue, große, wichtige Kenntnisse durch eigene Forschung vermittelt. Wir brauchen nur daran zu erinnern, was Stalins Erforschung des Problems, ja, man muß sagen, zuerst überhaupt die durch ihn vermittelte Erkenntnis der Existenz der Allgemeinen Krise und dann die Grundlegung der Theorie der Allgemeinen Krise für die Politökonomie und ihre verwandten Gebiete bedeutet hat. (…)


Die „Geschichte der KPdSU“ (Kurzer Lehrgang)

Das bekannteste historische Werk Stalins ist der Kurze Lehrgang der Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Dieses Werk ist die Geschichte der größten Arbeiterpartei, die wir kennen. Es schildert die wichtigsten Vorgänge unserer Zeit. Es ist ein Musterbeispiel pädagogischer Art, die kompliziertesten Zusammenhänge so darzustellen, daß Millionen Menschen sie verstehen können. Es ist einzig in seiner Art, die Lehren aus historischen Vorgängen so zu ziehen, daß sie nachfolgenden Generationen und anderen Völkern unmittelbar für den Aufbau ihres Lebens und ihrer Gesellschaft dienen können.

Ein hervorragendes Lehrbuch

Es ist die ideale Kombination eines Lehrbuches, einer Kampfschrift und einer objektiven Darstellung der Vorgänge – objektiv in dem Sinne, in dem jeder Marxist-Leninist objektiv sein muß, das heißt, es ist eine korrekte Wiedergabe der Wirklichkeit. Es ist die Geschichte der Entwicklung des Klassenbewußtseins in Rußland und in der Sowjetunion, die Geschichte des Untergangs einer herrschenden und des Sieges einer neu aufkommenden Klasse. Es ist die Geschichte des ersten sozialistischen Landes mit all den Schwierigkeiten, die das Werden dieses Landes gebracht hat, mit all den Erfolgen und Siegen, die diese Geschichte zieren.

Zahlreiche bisherige Fehler korrigiert

Nicht zu zählen sind die Fehler, Ungenauigkeiten und Schwächen vorangehender Darstellungen, die in diesem Geschichtsbuch Stalins korrigiert worden sind, so daß die künftigen Historiker eine feste und genaue Grundlage ihrer Forschung und Einschätzung sowohl der Geschichte der Partei der Bolschewiki wie der gesamten Klassenkampfbewegung in Rußland und in der Sowjetunion während der in dem Kurzen Lehrgang behandelten Zeit haben.

Eine gute Grundlage für die wissenschaftliche Arbeit

Noch vieles müßte man über dieses Werk sagen. Es ist so umfassend und bedeutend, daß manche nicht einverstanden sein werden, wenn Historiker es als ihrem Forschungsgebiet angehörend bezeichnen. Staatsmänner werden es ein Lehrbuch der Außen- und Innenpolitik nennen, Philosophen werden es rühmen als die Grundlage ihrer Arbeit, Politökonomen als richtunggebend für ihr Forschungsgebiet. Und sie haben alle recht. Der Kurze Lehrgang der Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion gehört allen Wissenschaftlern. wenn auch ganz besonders uns Historikern.


Die richtige Bewertung der Novemberrevolution 1918

Mit derselben Klarheit und ganz wenigen Worten hat Stalin, ebenfalls in dem Kurzen Lehrgang der Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, über die deutsche Revolution vom 9. November 1918 gesprochen. Wer wird je vergessen können, welche Diskussionen die betreffende Stelle in der deutschen Kommunistischen Partei hervorgerufen hat! Denn zum erstenmal wurde hier nüchtern und klar festgestellt, daß die deutsche Revolution von 1918 eine bürgerliche Revolution gewesen ist.

Woran erkennt man eine Revolution?

Zum erstenmal wurde uns und wurde allen ganz klar, daß nicht die Beteiligung des Proletariats – und sei sie noch so stark und noch so enthusiastisch – den Charakter einer Revolution bestimmt, sondern daß der Charakter der Revolution durch die in der Bewegung siegreiche Kraft und die erreichten Ziele bestimmt wird. Der Sieger von 1918 aber war die deutsche Bourgeoisie, der es auf der einen Seite gelang, bestimmte feudale Überreste zu beseitigen das Regierungsmonopol der Junker zu brechen, die der Bourgeoisie gegenüber privilegierte gesellschaftliche Position der Junker endgültig zu unterhöhlen und gleichzeitig die Massen der Werktätigen in Deutschland zu betrügen, zu verführen und von ihrem Ziele abzubringen, sie an der Machtergreifung zu verhindern.

Illusionäre Vorstellungen über die deutsche Revolution

Eine solche Definition war für viele von uns ein harter Schlag. Aber er war notwendig, um Illusionen endgültig zu zerstören und die Wirklichkeit korrekt darzustellen. Und der Niederschlag dieser Definition, diese Darstellung, findet sich in allen unseren politischen Schriften, insbesondere nach 1945, in denen eine viel größere Klarheit über den Charakter der Ereignisse, die sich bei uns abgespielt haben und abspielen, herrscht, als vor dem Erscheinen des Kurzen Lehrgangs der Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion.

Hier sehen wir, wie eine historische Definition Stalins von ganz unmittelbarer Wirkung auf die Betrachtungsweise einer späteren historischen Entwicklung gewesen ist. Wieviel höher ist das Niveau unserer Geschichtsbetrachtung, wieviel klarer sehen wir unsere eigene Gegenwart heute dank jener Definition Stalins über den Charakter der deutschen Revolution von 1918!


Das notwendige Bündnis mit den Bauern

Andere Bemerkungen Stalins über andere Revolutionen haben eine ähnlich große Bedeutung. Während Lenin mit vollem Recht feststellte, daß die Revolution von 1848 in Frankreich schließlich unterdrückt wurde, da sie vom Kleinbürgertum verraten wurde, ergänzte Stalin diese Bemerkung durch den außerordentlich wichtigen Hinweis darauf, daß die Revolution von 1848 ebenso wie die Kommune von 1871 als Klassenschlachten verlorengingen, weil es dem Proletariat nicht gelungen war, die Bauern als Bundesgenossen zu gewinnen.

Die Bündnispolitik wurde vernachlässigt

Dieser Hinweis auf die Rolle der Bauern bzw. auf ihre Passivität in den französischen Revolutionen von 1848 und 1871 ist von um so größerer Bedeutung gerade auch für die deutsche Arbeiterbewegung, als wir in der deutschen Sozialdemokratischen Partei eigentlich seit dem Tode von Engels eine starke Vernachlässigung der Bauernfrage finden, eine völlige Unklarheit über die gewaltige Rolle, die die Bauern im Kampf gegen die herrschende Klasse zu spielen haben. Auch in diesem Fall beobachten wir, wie die Haltung der deutschen Marxisten-Leninisten.


Der Ursprung der politischen Bewegung in Deutschland

Als der siebente Band der gesammelten Werke Stalins erschien, wurden wir darin auf einen Brief Stalins an einen Genossen Me-rt aufmerksam, der in diesem Band* abgedruckt ist. In diesem Brief stellt Stalin fest, daß in Deutschland die Gewerkschaftsbewegung der politischen Bewegung voranging, daß „die Partei aus den Gewerkschaften hervorgegangen“ ist. Diese Feststellung widerspricht der Darstellung, die wir in allen deutschen Büchern, Broschüren oder Artikeln finden, seien sie von bürgerlichen Schriftstellern und Wissenschaftlern, von sozialdemokratischen, von kommunistischen oder anderen geschrieben worden. überall gilt es gewissermaßen als Selbstverständlichkeit, daß zu Beginn der sechzig er Jahre die politische Bewegung entstand und der gewerkschaftlichen voranging. Es ist selbstverständlich, daß diese Bemerkung Stalins eine völlig neue Durchdenkung, eine neue Untersuchung der frühen deutschen Arbeiterbewegung erforderte. (* Stalin Werke, Band 7, Berlin 1952, S.39f.)

Anmerkung. Und Stalin nennt dazu zwei wichtige Schlußfolgerungen:

Erstens, man kann im Westen die Millionenmassen der Arbeiterklasse nicht gewinnen, ohne die Gewerkschaften zu erobern und zweitens, man kann die Gewerkschaften nicht erobern, ohne innerhalb dieser Gewerkschaften zu arbeiten und dort seinen Einfluß zu festigen. Darum muß man auf die Arbeit unserer Genossen in den Gewerkschaften besondere Aufmerksamkeit richten.“ (ebd. S.40)


Stalin studieren!

Doch noch ein Wort der Mahnung sei zum Schluß angefügt:
Seien wir uns dessen bewußt, daß wir in der Auswertung der Leistungen Stalins als Historiker immer noch erst am Anfang stehen. Studieren wir seine Werke, die jetzt bei uns erscheinen, immer von neuem! Es ist unser aller Erfahrung, daß, wenn wir ein Werk Stalins zum zweitenmal lesen, wir Neues und Wichtiges entdecken, und daß wir das gleiche Erlebnis haben, wenn wir es zum dritten- und viertenmal lesen. Seien wir uns klar darüber – und das gilt insbesondere auch für die Marxisten-Leninisten, die historisch arbeiten –, daß wir noch sehr, sehr viel zu denken und zu forschen haben, bevor wir würdige Schüler unseres größten lebenden Lehrers, Stalins, geworden sind.

Quelle:
Jürgen Kuczynski: Fortschrittliche Wissenschaft, Aufbau Verlag Berlin, 1951, S.15-37 (gekürzt und mit Zwischenüberschriften versehen, N.G.)


 

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3 Antworten zu Prof.Dr. J.Kuczynski: Stalin als Historiker

  1. sukhan schreibt:

    Kuczynski hat viele gute und nützliche Arbeiten verfasst – diese hier zählt nicht dazu. Die eschatologische Lobhudelei auf Stalins Einzigartigkeit und Unfehlbarkeit ist nicht nur komplett unwissenschaftlich, sondern aus heutiger Sicht eine recht peinliche und devote Jubelschrift für den damals (1951) noch amtierenden sowjetischen Führer.
    Womöglich stand Stalin selber den übertriebenen Preisungen distanziert gegenüber, wie manche seiner Äußerungen und einige Filmausschnitte nahelegen. Denn bei allen beachtlichen Leistungen Stalins: ihn gleich zum Universalgenie auszurufen, das auf allen Gebieten von Forschung und Wissenschaft Bahnbrechendes geleistet haben soll, ist leicht übertrieben. Es reicht doch, dass der Mann den ersten Arbeiterstaat der Welt zusammengehalten und verteidigt hat, und den deutschen Faschismus besiegte.

    • sascha313 schreibt:

      Du hast recht, was Kuczynski betrifft – er war ein scharfsinniger Kopf, was ihn aber nicht hinderte, auch eine Reihe von Dummheiten zu begehen. Aber – wie sagt man in Rußland: „Wenn man vorher wüßte, wo man hinfällt, würde man Stroh darunter breiten.“ – In diesem Fall hatte Kuczynski aber größtenteils recht. Stalin war nicht nur ein bedeutender Staatsmann, ein genialer Heerführer, sondern unbedingt auch ein hervorragend belesener, vielseitig gebildeter Marxist. Ohne jeden Zweifel! Man lese dazu nur seine Briefe, seine Interviews und seine Reden auf den Parteitagen!

      Und – die Sowjetunion unter der Führung Stalins brachten dem Imperialismus seine bisher größten Niederlagen bei!

      Ich habe bei Kuczynski allerdings die überaus lobhudelnden Passagen herausgelassen. Und es stimmt, daß Stalin diesen komischen Elogen nicht nur skeptisch gegenüberstand, sondern sie machten ihn manchmal auch recht wütend. (Einer dieser vormaligen Einschmeichler war besonders Chruschtschow!)

      Die ganze Erbärmlichkeit Kuczynskis liegt aber darin, daß er Stalin später dahingehend denunzierte, daß dieser „einen der Partei blind ergebenen bürokratischen Parteiapparat“ aufgebaut habe (Urenkel, S.79) – Ja, was denn, waren die ZK-Mitglieder denn alles Dummköpfe und Speichellecker??? So dumm und feige kann doch ein Kommunist nicht sein – ist er auch nicht!

  2. Didi P. schreibt:

    (gelöscht – Ihre verleumderischen Kommentare sind hier unerwünscht!)

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