Jarosław Hałan: SPINNEN IN DER BÜCHSE

Galan

Jarosław Hałan (1902-1949)

Eine der von den ukrainischen Nazis und der katholischen Kirche am meisten gehaßten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens war der kommunistische Schriftsteller und Journalist Jarosław Hałan. Er wurde im Alter von nur 47 Jahren von faschistischen Banditen in Lwow ermordet. Hałan war ein brillanter und scharfsinniger Publizist, ein mutiger und unerschrockener Kämpfer gegen das Unrecht in seiner galizischen Heimat. Stets offen vertrat er seine Meinung und beteiligte sich aktiv am Kampf gegen die Überreste der galizischen Nazi-Kollaborateure in der Ukrainischen Sowjetrepublik. Als Sonderkorrespondent der Zeitung „Sowjetische Ukraine“ berichtete Hałan 1946 vom Nürnberger Prozeß. Hier ist sein Bericht, der in satirischer Weise sehr genau die in Nürnberg auf der Anklageband sitzende nazistische deutsche Verbrecherbande charakterisiert… 

Jarosław Hałan

SPINNEN IN DER BÜCHSE

Goebbels nannte den Jahreswechsel 1945 das Fest der Tapferen. Vier Monate nach dem Abdruck dieser Worte im „Völkischen Beobachter“ beging Goebbels Verrat an sich selber. Anstatt zu tun, was er von den deutschen Soldaten forderte, d.h. das Vaterland bis zum letzten Atemzug zu verteidigen, ergriff er die Flucht und verschwand von der Erdoberfläche.

Göring folgte nicht des Herrn Goebbels Beispiel, obwohl er ebenfalls ein „Tapferer“ war, besonders wenn er ganze Völker zum Tode verurteilte oder wie zum Beispiel in einer Juninacht 1934 seinen Kumpanen eigenhändig eine Kugel in den Leib jagen konnte. Das Beispiel von Herrn Goebbels war auch für die Nazigrößen, die heute als Angeklagte vor dem Nürnberger Völkergericht stehen, keine große Versuchung. Jedem dieser Massenmörder standen Hunderte Mittel zur Verfügung, Hand an sich zu legen. Sie bedienten sich aber keines einzigen.

Ist es schwer zu erraten, warum sie das nicht getan haben? Keinesfalls. Mag es auch noch so seltsam klingen, aber Tatsache ist und bleibt, daß diese Nazigrößen auch heute noch nicht die Hoffnung aufgegeben haben, die Welt hinters Licht zu führen.

Bis zum heutigen Tage haben sie noch nicht den Mut aufgebracht, selber vor Gericht zu sprechen. Wozu sind die Anwälte da? Mit ihrer Hilfe unternahmen die Angeklagten den ersten Angriff. Göring begann den Angriff mit seinem bekannten „Interview“, das zum größten Teil eine Lobeshymne auf das Völkergericht darstellt. Seinem Beispiel folgten andere Angeklagte. Ihre Verteidiger wurden zu lauter Amors, deren Komplimentpfeile die Herzen der Richter zu treffen trachteten. Die Erzfeinde der Demokratie verwandelten sich unversehens in Demokraten. Ribbentrop erging sich in besonders lyrischem Ton über das internationale Recht. Der eingefleischte Pogromheld Streicher äußerte durch seinen Anwalt Tom den Wunsch, das Gericht möge seinen Fall „streng nach den Grundsätzen der Demokratie behandeln…“

Zur gleichen Zeit begann ein Angriff auf die öffentliche Meinung. In den Redaktionen der deutschen und der ausländischen Presse häuften sich plötzlich „Aufzeichnungen“ der Anwälte vom Nürnberger Völkergericht, die von den Angeklagten selber inspiriert und redigiert waren. Das ist unter anderem aus den Verbesserungen und Durchstreichungen in der Charakteristik Rosenbergs ersichtlich, die er eigenhändig vorgenommen hat.

Beginnen wir nun mit eben diesem Alfred Rosenberg, dem „Reichsminister für die besetzten Ostgebiete“, Mitverfasser der Pläne zur Ausrottung fast der Hälfte unserer Landsleute, Fachmann für den Raub der Kunstschätze ganz Europas. Dieser Theoretiker und Praktiker des blutigen „Mythos des XX. Jahrhunderts“ tritt jetzt als Unschuldslamm auf, das irrtümlicherweise zu den Wölfen gezählt wird. Seht ihr das nicht ein? Dem armen Lämmlein geschieht ein Unrecht, und es leidet darunter furchtbar.

Sein Verteidiger Thoma schreibt auch tatsächlich in einer Appellation, sein Klient empfinde es als großen persönlichen Kummer, daß keiner seiner Beweisanträge zur Kenntnis genommen wird: er, Thoma, sehe sich oft gezwungen, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß es in der ganzen Welt kein objektiveres Gericht als da.s gibt, vor dem er steht. Rosenberg aber hat Ursache genug, gerade ein objektives Gericht zu fürchten. Gerade deshalb beruhigen ihn die Versicherungen seines Verteidigers nicht. Er sucht selber Rettungsmittel und findet sie nach alter Gewohnheit in der Lüge. Er weiß von nichts, ihm ist nichts aufgefallen! Er hat doch dauernd am Schreibtisch gesessen und Bücher über abstrakte Themen verfaßt.

Sein Gefühl für das Sowjetvolk war stets väterlicher Natur, und er strebte nur eins an: daß dieses Volk selber den „Anschluß an Deutschland“ wünsche. Apropos „Anschluß“ – dieses Wort erschien Rosenberg dann zu gewagt; er strich es und ersetzte es durch das seiner Meinung nach weniger gewagte „Vereinigung mit Deutschland“.

Alsdann führt der Ideologe des Nazismus ein heutzutage unter den Angeklagten populäres Manöver aus: er speit Gift und Galle gegen seinen Götzen von gestern und stellt fest, Hitler habe seine Anhänger betrogen und wie der gemeinste Jahrmarktsgaukler belogen. Zu dieser Überzeugung hätten ihn die dem Gerichtshof übergebenen Anklagedokumente gebracht. Bis zum heutigen Tage hätte er bloß geahnt, daß Hitler ein Gaukler und Schwindler gewesen sei. übrigens ist es ungewiß, ob Rosenberg Rosenberg geworden wäre, wenn der „Führer“ im Jahre 1923 sein Herz nicht durch ein königliches Geschenk, einen Wunderschreibtisch, betört hätte, der sich auf Wunsch des Eigentümers heben oder senken konnte.

Ribbentrop möchte uns gleichfalls davon überzeugen, daß er gar nicht Ribbentrop, sondern die makellose Ehrlichkeit in Person sei. Den Ausführungen dieses durchtriebenen Verbrechers zufolge hat nicht er die Verträge skrupellos gebrochen, sondern jene Staaten, die von Deutschland überfallen worden sind. Zudem aber, was wirklich auf sein Konto geht, ist er von Hitler gezwungen worden. Er hat dessen Befehle zwar blindlings ausgeführt, aber nur weil er dem „Führer“ einen Treueid geleistet hatte. Dieser Eid laste schwer auf seinem, Ribbentrops, ehrlichen Gewissen, und er habe Hitler mehrmals ersucht, ihn des Ministeramtes zu entheben. Jedoch vergeblich. Als Hitler eines Tages vor lauter Schmerz über Ribbentrops Entschluß, das Ministeramt niederzulegen, fast in Tränen ausgebrochen sei, habe Ribbentrop ihm das Ehrenwort geben müssen, daß er auch weiterhin das Kreuz eines Naziministers tragen werde. Darüber aber, daß dieses Kreuz dem armen Ribbentrop einige Millionen Mark eingebracht hat, schweigt er jetzt bescheiden …

Des weiteren erfahren wir, daß der Nazist Ribbentrop nie ein Nazi gewesen ist und in der Nazipartei „gar keine Rolle gespielt“ hat. Was aber die Bestialitäten der Deutschen betrifft, so hat Ribbentrop davon nicht die geringste Ahnung. Warum? Wieso das? Bestialitäten, das muß man doch zugeben, hatten nichts mit dem Bereich seines Ministeriums zu tun, sein Ministerium war für Bestialitäten nicht zuständig. Ja, es stellt sich sogar heraus, daß der arme Ribbentrop nichts davon geahnt hat, was jedes Kind innerhalb und außerhalb Deutschlands wußte: daß es in Hitlerdeutschland Konzentrationslager gab. Er hätte durch Abhören der ausländischen Sender davon erfahren können. Aber der argwöhnische Hitler hat das vorsorglich nur Göring und Goebbels erlaubt. Würde Ribbentrop sich dies dennoch erlaubt haben, hätte Hitler ihn augenblicklich in ein Konzentrationslager geworfen oder dem Gericht zur Hinrichtung überantwortet.

Auf diese Weise erfahren wir also, daß Ribbentrop nichts von der Existenz der faschistischen deutschen Vernichtungslager wußte, weil er keine Auslandssendungen hörte und Auslandssendungen nicht hörte, weil er fürchtete, in ein Konzentrationslager zu geraten, von dessen Existenz er nichts wußte.

Einer ähnlich stichhaltigen „Argumentation“ bedient sich Ribbentrops Kollege Sauckel, der Hauptbevollmächtigte für die Mobilisierung von Arbeitskräften. Er bemüht sich, seine Unschuld dadurch zu beweisen, daß Arbeitslosigkeit und Not Ihn gezwungen hätten, in die Nazipartei einzutreten. Dieses winzige, ausgemergelte Menschlein hatte die entsetzliche Todesmühle errichtet deren Räder im Verlauf weniger Jahre Gesundheit und Leben von Millionen Sklaven erbarmungslos zermahlten. Heute sackt dieser Sauckel zu einem Nichts zusammen und läßt sich von seinem Verteidiger als einen willen- und initiativlosen Halbidioten hinstellen, der gar keinen Einfluß auf den Lauf der Dinge hatte und durch puren Zufall von der Aufgabe seines Amtes erfuhr.

Der Doktor der Jurisprudenz Servatius charakterisiert seinen Klienten Sauckel geradezu entschuldigend als einen mittelmäßigen Menschen einen Menschen von einer ganz anderen Art; er vermöge es nicht, selbständig zu organisieren und zu leiten. Mit einem tiefen, mitfühlenden Seufzer endet der Advokat diese Charakteristik, und schiebt, dem Beispiel seines Klienten folgend, Himmler die Schuld an allem zu.

Um also diese seine Benachteiligung ganz deutlich vor Augen zu führen, klagt Sauckel darüber, daß es ihm, einem Vater von zehn Kindern, im Verlaufe seiner Dienstzeit zum Ruhm und Preis des „Führers“ mit knapper Not gelungen sei, nicht mehr als dreihunderttausend Mark für sich einzuheimsen, wovon er zweihundertfünfzigtausend von Hitler zum fünfzigsten Geburtstag erhalten habe. Jedoch wofür er sie erhalten hat, verschweigt dieser Mensch „ganz anderer Art“.

Ein weiteres „Opfer des Zufalls“ ist Herr Hans Franck. Dieser arme Mann hatte ebenfalls „gar keinen Einfluß auf den Lauf der Dinge“. An allem, was geschehen ist, waren, wie sich jetzt herausstellt, nicht er, Franck, sondern Himmler und Göring und – mag es noch so seltsam klingen – der „ganz andere“ Mensch Sauckel schuld. Franck trat ebenfalls rein zufällig in die Nazipartei ein, wurde zufällig bayerischer Minister und erhielt, ebenfalls aus purem Zufall, die Ernennung zum „Generalgouverneur Polens und Galiziens“. Dieser Mörder von sechs Millionen Polen und Ukrainern und dreieinhalb Millionen Juden legt nun vor unser aller Augen die Toga (ich zitiere wörtlich) „eines Vorkämpfers der Ideen von Gerechtigkeit und Staat“ an.

Dieser „Vorkämpfer“ verfügte, wie wir erst jetzt erfahren, über gar keine Macht. Seinen Worten zufolge geschah alles Schreckliche nur durch Verschulden der oben genannten Nazisten und der SS-Obergruppenführer, in deren Händen die ganze Macht lag. Er aber, Franck, tat die ganze Zeit über bloß eines: Er fuhr immer wieder zu Hitler nach Berlin und bat ihn um seine Entlassung. Dem hartherzigen Hitler jedoch fiel es nicht einmal im Traum ein, der Bitte des Generalgouverneurs zu willfahren, denn das würde, wie Franck nun stolz erklärt, „im Ausland einen unerwünschten Eindruck hervorrufen“. Dank diesem Umstand also geriet dieser „Liebling des Auslands“ hinter Schloß und Riegel…

Eine ganz besondere Verteidigungstaktik wenden die gestrigen nazistischen Generale und Admirale an. Sie rufen in allen Tonarten in die Welt hinaus, daß sie nichts mit Politik zu schaffen haben. Jodl hat urplötzlich seine Hymnen an die nationalsozialistischen Götter und Göttlein vergessen und tritt in der grauen Uniform eines gewöhnlichen „unpolitischen Soldaten“ vor uns hin. Er erklärte, er habe vor der Alternative gestanden: entweder den geleisteten Eid brechen und vors Militärgericht gestellt werden oder einen Umsturz anzetteln. Jedoch sowohl im ersten als auch im zweiten Falle würde er als Politiker gehandelt, das heißt getan haben, wessen man ihn heute vor Gericht beschuldige.

Das ist, wie man auf den ersten Blick feststellen kann, die typische Verbrecherlogik, die Logik des Verbrechers, der schon die Schlinge um den Hals spürt.

Nach einer Pause wird der Internationale Militärgerichtshof seine Arbeit fortsetzen. Einige Tage lang werden die Vertreter der amerikanischen Anklage noch das Wort haben. Möglich, daß sie das im Okkupationsbereich der 3. amerikanischen Armee gefundene Dokument, das sogenannte „politische Testament“ Hitlers, verlesen werden. Anschließend folgt die Anklage Frankreichs und dann die der Sowjetunion.

Quelle:
Jarosław Hałan, Nürnberg 1945. Pamphlete. Verlag Dinpro, Kiew, 1975, S.32-38.

Zum Nachlesen als pdf-Datei: Halan Spinnen in der Büchse


Am 24. Oktober 1949 kamen in Lwow in die Wohnung des Schriftstellers und Abgeordneten des Obersten Sowjets der UdSSR, Jaroslaw Hałan, zwei „Studenten“ mit der Bitte, ihnen zu helfen, in eine andere Hochschule überzuwechseln. Hałan saß hinter seinem Schreibtisch. Während des Gespräches schlug einer der Studenten den Schriftsteller unerwartet mit einer Axt auf den Kopf. Auf dem Tisch lag das unvollendete Manuskript, das Háłan dem 10. Jahrestag der Wiedervereinigung der Ukraine gewidmet hatte. Das Blut floß auf die Blätter des Manuskriptes. Hałan war tot. Das Manuskript wurde im Museum für Geschichte der Religion und des Atheismus der Akademie der Wissenschaften der UdSSR in Leningrad aufbewahrt. Es wurde in den 1990er Jahren von ukrainischen Nationalisten vernichtet.

Siehe auch:
Boris Polewoj: Die Prognosen des Jaroslaw Hałan
Die päpstliche Inquisition und die Ermordung des sowjetischen Schriftstellers Jarosław Hałan

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